Leïla Slimani – Schaut wie wir tanzen

Schaut wie wir tanzen ist der zweite Teil einer autobiografischen Trilogie, in der die französische Bestsellerautorin Leïla Slimani angelehnt an ihre eigene marokkanisch-französische Familie einen großen Bogen von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart schlägt. Anders als in ihren frühen, eher knappen, lakonischen Romanen, erzählt sie hier eher konventionell, auktorial und episch. Das ist aber auf seine Weise ebenso mitreißend und spannend. Weiterlesen “Leïla Slimani – Schaut wie wir tanzen”

Abdulrazak Gurnah – Nachleben

Seitdem der britisch-tansanische Autor Abdulrazak Gurnah im vergangenen Jahr den Literaturnobelpreis verliehen bekommen hat, sind bereits drei seiner auf Deutsch zuvor nur noch antiquarisch zu erhaltenden Roman neu im Penguin Verlag erschienen, das zuletzt erschienene Nachleben (Original 2020) in einer neuen Übertragung durch Eva Bonné. Die vorherigen Veröffentlichungen (Das verlorene Paradies und Ferne Gestade) haben genau wie der im kommenden Frühjahr erscheinende Titel Die Abtrünnigen ihre alten Übersetzungen beibehalten (lediglich durchgesehen), die von drei jeweils unterschiedlichen Übersetzer:innen stammen. Vier Bücher, vier Übersetzer:innen – das ist zwar verständlich (man will schnell liefern), aber auch bedauerlich. Der Atem der drei Verlage bei den drei zwischen 1992 und 2006 erstmals auf Deutsch veröffentlichten Titeln war anscheinend nicht lang genug, um dem Autor treu zu bleiben. Weiterlesen “Abdulrazak Gurnah – Nachleben”

Abdulrazak Gurnah – Ferne Gestade

Nachdem sich der deutsche Literaturbetrieb im vergangenen Jahr nach der Verkündung des Literaturnobelpreises ausgiebig die Augen gerieben hat – Wer war denn nun schon wieder dieser Abdulrazak Gurnah? Nie gehört! – , sämtliche Bestände an übersetzten Werken desselben aus den Antiquariaten weggekauft waren – kein einziger Titel war aktuell lieferbar – , machte sich allmählich die Überzeugung breit, dass es vielleicht doch den Richtigen getroffen hat, dass da mehr als ein Kontinentproporz oder ein  Originalitätswettrennen bei der Wahl der viel gescholtenen Schwedischen Akademie in Stockholm im Spiel war. Hin und wieder wurde noch an dem ersten neu aufgelegten Roman, Das verlorene Paradies (Original Paradiese, 1994, Shortlist Booker Prize) herumgemäkelt (von mir nicht). Jetzt dürfte aber spätestens mit Ferne Gestade (Original: By the sea, 2001, Longlist Booker Prize) klar sein, dass Abdulrazak Gurnah den Nobelpreis völlig verdient für seine literarische Qualität zugesprochen bekommen hat. Weiterlesen “Abdulrazak Gurnah – Ferne Gestade”

Djaïli Amadou Amal – Die ungeduldigen Frauen

Munyal, munyal – wie ein stetig wiederkehrender Refrain durchzieht dieses Wort das Buch der kamerunischen Autorin und Frauenrechtsaktivistin Djaïli Amadou Amal, das im Original auch den Titel „Munyal, les larmes de la patience“ (Munyal, die Tränen der Geduld) trägt und in der deutschen Übertragung von Ela zum Winkel als Die ungeduldigen Frauen im Orlanda Verlag erschienen ist. Geduld trifft es nur unzureichend, dieses Munyal, das von den Frauen im Buch und mit ihnen mit Millionen Frauen Westafrikas und vieler anderer Gebiete der Welt ständig eingefordert wird. Geduld mit dem ihnen aufgezwungenen Schicksal, das allzu oft aus Ohnmacht, Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalterfahrungen besteht. Weiterlesen “Djaïli Amadou Amal – Die ungeduldigen Frauen”

Yaa Gyasi – Ein erhabenes Königreich

Die ghanaisch-amerikanische Autorin Yaa Gyasi begeisterte bereits mit ihrem Debütroman Heimkehren, einem klug konstruierten, Generationen und Jahrhunderte umspannenden Familienroman. Nun hat Yaa Gyasi ihren zweiten Roman, übersetzt von Anette Grube, unter dem Titel Ein erhabenes Königreich auch auf Deutsch veröffentlicht. Weiterlesen “Yaa Gyasi – Ein erhabenes Königreich”

Ibrahima Balde Amets Arzallus – Kleiner Bruder

Spätestens nach den massiven Migrationsbewegungen der Jahre 2015 und 2016 sind die weltweiten Fluchtrouten, auf denen sich heute mehr Menschen als je bewegen – man schätzt die Zahl der sich Ende 2019 auf der Flucht befundenen Menschen laut UNO Flüchtlingshilfe weltweit auf ca. 79,5 Millionen, davon ein Drittel, die ihr Land verlassen haben -, auch dem Laien bekannt. Von der Balkanroute, die bald durch zahlreiche Grenzschließungen erschwert und verlagert wurde, drangen unzählige Fernsehbilder in die heimischen Wohnzimmer. Und immer wieder erreichen uns auch dramatische Bilder von havarierten Booten auf dem Mittelmeer. Nachdem 2015/16 die östliche Mittelmeer-Route die meist frequentierte war, rückt die zentrale und westliche Mittelmeer-Route von Nordafrika nach Lampedusa und Sizilien oder nach Spanien wieder in den Vordergrund. Auch Ibrahima Balde hat diesen Weg genommen und dem baskischen Journalisten Amets Arzallus von seiner Flucht erzählt, der daraus das berührende Buch Kleiner Bruder machte. Weiterlesen “Ibrahima Balde Amets Arzallus – Kleiner Bruder”

Louis-Philippe Dalembert – Die blaue Mauer

Drei Frauen auf der Flucht in ein neues, besseres Leben. Ihre Herkunft und ihre Leben sind so unterschiedlich, aber sie eint die Hoffnung auf einen neuen Start in Europa. Auf einem illegalen Flüchtlingsboot treffen ihre Schicksale aufeinander. Louis-Philippe Dalembert, französischsprachiger Haitianer, nimmt die wahre Geschichte über die im Juli 2014 vom dänischen Öltanker Torm Lotte vor Lampedusa fast 400 geretteten Migranten zum Ausgangspunkt seiner Geschichte in Mur mediterranée, dt. etwas missverständlich Die blaue Mauer betitelt. Weiterlesen “Louis-Philippe Dalembert – Die blaue Mauer”

Nora Bossong – Schutzzone

Mira ist Anfang Dreißig, beruflich erfolgreich, ungebunden, ein wenig einsam, in eine außereheliche Affäre verstrickt. Charakterlich ist sie nicht ganz unangreifbar, öfters zynisch, manchmal verletzlich, aber kämpferisch und sehr reflektiert. Was sie über diese Charakterisierung hinaus, die auf unzählige andere Frauen ihres Alters ebenso zutreffen könnte, für einen Roman interessant macht, ist ihr Arbeitsplatz. Mira Weidner arbeitet an vorderer Front für die Vereinten Nationen. Nora Bossong schreibt in ihrem Roman „Schutzzone“ über sie. Weiterlesen “Nora Bossong – Schutzzone”

Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

Jean-Luc Seigle - Ich schreibe Ihnen im Dunkel

„Auch wenn es um die grässlichsten Verbrechen geht, hat man das Bedürfnis, etwas zu verstehen, sich irgendwie ein wenig zum Verteidiger zu machen, hier und da ein bisschen Mitleid aufzubringen. Mit Pauline, diesem harten Biest, funktioniert das nicht. Sosehr ich es befrage, mein Herz bleibt kalt.“

Wer ist diese Pauline Dubuisson, die der französische Journalist und Autor einer Serie über berühmte Kriminalfälle Frankreichs in „Paris Match“, Jean Cau, fast vierzig Jahre nach ihrer Tat, im Jahr 1991, noch so harsch verdammt? Vielleicht trägt zu Caus rigorosen Urteil die Tatsache bei, dass Cau einst Mitglied der Résistance war.

Denn eines der großen Verbrechen dieser Pauline Dubuisson, 1927 nahe Dunkerque geboren, war, auch wenn das bei ihrem spektakulären Prozess 1953 allenfalls als Vorgeschichte taugte, die Tatsache, dass sie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als gerade mal Sechzehnjährige ein Jahr lang ein Verhältnis mit einem deutschen Militärarzt und damit Besatzer hatte. Nach der Befreiung, die für sie keine war, entging sie nur knapp dem Lynchmord durch Mitglieder der Résistance, wurde, wie damals üblich, als Kollaborateurin kahl geschoren, verfemt und gequält. Wie nah Gut und Böse liegen, wie schnell die heroischen Résistancekämpfer sich ihrerseits in rachedurstige, unmenschliche Bestien verwandeln konnten, erschüttert zutiefst. Weiterlesen “Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln”