Sarah M Broom – Das gelbe Haus

Am 28. August 2005 braut sich auf der extrem aufgeheizten Meeresoberfläche des Golfes von Mexiko ein verheerender Sturm zusammen und zieht Richtung New Orleans an der Küste Louisianas. Ray Nagin, der Bürgermeister der Stadt, ordnet eine Zwangsevakuierung an. Geschätzt eine Million Menschen machen sich auf völlig verstopften Straßen nach Norden auf, weg von der Küste. Die, die nicht fliehen wollen oder können, werden im Superdome der Stadt untergebracht. Am Morgen des 29. August 2005 erreicht Hurrikan Katrina New Orleans mit einer sechs Meter hohen Bugwelle und drängt sich durch ein Netz von Wasserstraßen und künstlichen Kanälen bis ins Herz der stellenweise unter Normalnull liegenden Stadt. Entlang dieser Kanäle brechen Deiche und Flutmauern, ganze Stadtteile stehen teilweise bis zu den Dachfirsten unter Wasser. 1836 Menschen sterben, Unzählige verlieren ihr Zuhause. Darunter die Familie der Autorin Sarah M Broom, die diese Ereignisse in ihr Memoir Das gelbe Haus einfließen lässt. Weiterlesen “Sarah M Broom – Das gelbe Haus”

Stewart O’Nan – Ocean State

Von Beginn an ist klar, wie Ocean State, der neueste Roman des amerikanischen Autors Stewart ONan enden wird:

„Als ich im achten Schuljahr war, half meine Schwester dabei, ein anderes Mädchen zu töten. Sie sei verliebt gewesen, sagte meine Mutter, als wäre das eine Entschuldigung. Sie habe nicht gewusst, was sie tat.“ Weiterlesen “Stewart O’Nan – Ocean State”

Anne Tyler – Eine gemeinsame Sache

In mittlerweile 24 Romanen hat die 1941 geborene Amerikanerin Ann Tyler immer wieder leise, heitere Kammerspiele des Alltäglichen geschaffen. Vielleicht ist ihr deshalb trotz zahlreicher Nominierungen für die bedeutenden Buchpreise und dem Gewinn des Pulitzer für Atemübungen der ganz große Ruhm, zumindest hier bei uns in Deutschland, versagt geblieben. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich die Autorin recht konsequent dem literarischen Betrieb entzieht, kaum Interviews gibt, keine Lesereisen macht. Es wäre aber auf jeden Fall ein Fehler, Ann Tyler vorschnell ins Unterhaltungsfach abzuschieben, auch wenn sie sich ihre Themen im Alltag sucht, in der Familie, in Paarbeziehungen, im Durchschnittsleben, und sie immer den heiteren, den liebevollen Blick beibehält. Denn auch wenn die großen Tragödien, die Abgründe und die Politik meist, wenn überhaupt, nur am Rande aufscheinen, beinhalten ihre Bücher doch so viel Klugheit, Lebensweisheit und vor allem einen unbeirrbar scharfen Blick auf die Welt und ihre Menschen, dass man jedes davon ein wenig klüger verlässt. Außerdem ist ihr Stil so schnörkellos wie gekonnt, dass das Lesen einfach Freude macht. Von dieser Tradition weicht Anne Tyler auch in ihrem neuesten Roman Eine Gemeinsame Sache nicht ab. Weiterlesen “Anne Tyler – Eine gemeinsame Sache”

Rumaan Alam – Inmitten der Nacht

Alles beginnt zunächst recht idyllisch: eine typische New Yorker Mittelstandsfamilie ist auf dem Weg in den Sommerurlaub, weit draußen auf Long Island. Das gemietete Ferienhaus ist eigentlich eine Nummer zu teuer, aber dieses Jahr soll alles perfekt sein: Abgeschiedenheit, Pool, Luxus. Doch schon am Abend des ersten Ferientages, Inmitten der Nacht, wird diese Idylle empfindlich gestört, und doch führt uns Autor Rumaan Alam damit zunächst gehörig in die Irre. Weiterlesen “Rumaan Alam – Inmitten der Nacht”

Bryan Washington – Dinge an die wir nicht glauben

Zwei junge Männer leben seit vier Jahren in Houston zusammen und beginnen, an ihrer Beziehung und Liebe zu zweifeln. Beide tun sich nicht leicht mit Nähe. Beide kommen aus zerbrochenen Familien. Der junge Amerikaner Bryan Washington macht aus dieser Konstellation einen sehr berührenden, lässigen Roman mit neuen, überraschenden Facetten: Dinge, an die wir nicht glauben. Weiterlesen “Bryan Washington – Dinge an die wir nicht glauben”

Nella Larsen – Seitenwechsel und Wallace Thurman – The blacker the berry

Die afroamerikanische Künstlergruppe „Harlem Renaissance“ der 1920er Jahre erlebt zurzeit ihrerseits eine kleine Renaissance. Gleich mehrere Romane aus ihrem Umfeld sind unlängst wieder/neu auf Deutsch erschienen: Die Hochzeit von „Nesthäkchen“ Dorothy West (1907-1998), erstmals veröffentlicht 1995, bei Hoffmann und Campe; The blacker the berry von Wallace Thurman (1902-1934), erstmals veröffentlicht 1929, bei Ebersbach und Simon; Seitenwechsel von Nella Larsen (1891-1964), ebenfalls aus dem Jahr 1929, bei Dörlemann. Die aktuelle Verfilmung von Letzterem durch Rebecca Hall startet gerade auf Netflix.

Alle drei Romane bestechen durch eine verblüffende Modernität, Aktualität und gesellschaftspolitische Schärfe und lohnen auf jeden Fall die Wiederentdeckung. Weiterlesen “Nella Larsen – Seitenwechsel und Wallace Thurman – The blacker the berry”

Tayari Jones – Das Jahr in dem wir verschwanden

Zwischen Juli 1979 und Mai 1981 verschwanden in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia zahlreiche, vorwiegend afroamerikanische Kinder und Jugendliche. Die überwiegende Mehrzahl waren Jungen im Alter von 8 bis 15. Die amerikanische Autorin Tayari Jones lebte zu der Zeit im gleichen Alter in Atlanta und blickt in ihrem Debütroman Das Jahr in dem wir verschwanden auf diese Ereignisse zurück. Nach dem großen Erfolg ihrer Romane In guten wie in schlechten Tagen und Das zweitbeste Leben veröffentlicht der Arche Verlag nun diesen Erstling in der Übersetzung von Britt Somann-Jung. Weiterlesen “Tayari Jones – Das Jahr in dem wir verschwanden”

Yaa Gyasi – Ein erhabenes Königreich

Die ghanaisch-amerikanische Autorin Yaa Gyasi begeisterte bereits mit ihrem Debütroman Heimkehren, einem klug konstruierten, Generationen und Jahrhunderte umspannenden Familienroman. Nun hat Yaa Gyasi ihren zweiten Roman, übersetzt von Anette Grube, unter dem Titel Ein erhabenes Königreich auch auf Deutsch veröffentlicht. Weiterlesen “Yaa Gyasi – Ein erhabenes Königreich”

Donna Leon – Flüchtiges Begehren

Seit fast dreißig Jahren ermittelt der kultivierte, gebildete und mit besten Manieren versehene Guido Brunetti für die Questura in Venedig. Anders als viele seiner literarischen Ermittlerkollegen ist Brunetti frei von persönlichen Abgründen oder Lastern, liebt gutes Essen, seine Familie und die klassischen Autoren. Seinen Plinius oder Tacitus in der Hand, ein gutes Glas Wein in der Nähe, hat er seit jeher ein entspanntes Verhältnis zu seiner Arbeit. Das kommt seinen LeserInnen zugute, können sie ihn doch so auf seinen ausgedehnten Spaziergängen durch die Gassen Venedigs und in die vielen kleinen Cafés und Trattorien begleiten. So auch im neuesten Fall von Donna Leon: Flüchtiges Begehren.

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Dorothy West – Die Hochzeit

Nur zwei Romane veröffentlichte die afroamerikanische Autorin Dorothy West neben zahlreichen Erzählungen in den 91 Jahren ihres Lebens. Der ersten, The living is easy, erschien 1948. Da war West 41 Jahre alt. Der Erfolg blieb aus, vielleicht weil das Publikum von einer Schwarzen Autorin etwas anderes erwartete. West, die aus einer der reichsten Familien Bostons stammte – der Vater wurde noch als Sklave geboren, kam dann aber mit Lebensmittelhandel zu Geld -, schrieb über das wohlhabende Schwarze Bürgertum. Chauffeure, Kricket-Turniere auf gepflegtem englischen Rasen, Ferien auf Martha´s Vineyard, das war nicht das, was man von Autor:innen der Harlem Renaissance erwartete. Dieser sozialen, kulturellen und künstlerischen Bewegung, die ein neues Selbstbewusstsein der Schwarzen Bevölkerung ausdrücken wollte, fühlte sich Dorothy West zugehörig. Allerdings war sie wenig politisch, die radikalen Black Panther und Malcolm X verachtete sie regelrecht. Erst die Überredungskünste einer Nachbarin auf Martha´s Vineyard, einer Lektorin namens Jackie Kennedy Onassis, ermutigten Dorothy West, ihren zweiten Roman Die Hochzeit zu vollenden. Er erschien 1995, drei Jahre vor Wests Tod und wurde, auch dank der Unterstützung von Oprah Winfrey, ein Erfolg und prominent verfilmt. Weiterlesen “Dorothy West – Die Hochzeit”