Richard Russo – Jenseits der Erwartungen

Die Drei Musketiere – gleich im ersten Satz seines Romans Jenseits der Erwartungen stellt sie uns Richard Russo vor:

„Die drei alten Freunde kamen in umgekehrter Reihenfolge auf der Insel an – der, der am weitesten weg wohnte, zuerst, der am nächsten Wohnende zuletzt: Lincoln ein Immobilienmakler, aus Las Vegas, war also praktisch einmal quer durchs ganze Land gereist; Teddy, ein Kleinverleger aus Syracuse; Mickey, ein Musiker und Toningenieur , aus dem nahe gelegenen Cape Cod.“

Damit ist das Personal schon grob umrissen, das sich für ein Wochenende im September auf Martha´s Vineyard trifft. Die Insel vor der Küste Massachusetts gilt mit seinen Ferienvillen als Urlaubsort der Betuchten. Lincoln besitzt hier ein Haus aus dem Erbe seiner Mutter. Nun denkt er über den Verkauf nach, denn die Finanz- und Immobilienkrise von 2008 ist an ihm zwar recht glimpflich, aber doch nicht spurlos vorbeigegangen. Weiterlesen „Richard Russo – Jenseits der Erwartungen“

Rebecca Makkai – Die Optimisten

Rebecca Makkai erfindet mit ihrem über 600 Seiten starken Roman „Die Optimisten“, der sowohl Finalist für den Pulitzer Prize als auch den National Book Award war, zahllose andere Preise gewann und auch in der deutschen Übersetzung von Bettina Abarbanell zumindest in der Blogger- und Bookstagram-Szene viel Begeisterung auslöst, sicher nicht das Rad neu. Sie zeigt aber wieder einmal, wie souverän amerikanische Autoren gut lesbare und gleichzeitig relevante große Romane schreiben. Und wie zögerlich die deutsche Literaturkritik im Feuilleton auf diese reagiert. Weiterlesen „Rebecca Makkai – Die Optimisten“

Elizabeth Strout – Die langen Abende

„Olive, again“ – da ist sie wieder, Olive Kitteridge, die Protagonistin des 2009 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten Romans von Elizabeth Strout, „Mit Blick aufs Meer“, der nun mit „Die langen Abende“ einen würdigen Nachfolger erhalten hat. Lange haben die vielen Fans von Olive Kitteridge auf diesen Nachfolgeband gewartet. Weiterlesen „Elizabeth Strout – Die langen Abende“

Anne Tyler – Der Sinn des Ganzen

Anne Tyler – Der Sinn des Ganzen – Rezension

In mittlerweile 23 Romanen hat die 1941 geborene Anne Tyler immer wieder leise, heitere Kammerspiele des Alltäglichen geschaffen. Vielleicht ist ihr deshalb trotz zahlreicher Nominierungen für die ganz großen Buchpreise und dem Gewinn des Pulitzer für „Atemübungen“ der ganz große Ruhm, zumindest hier bei uns in Deutschland, versagt geblieben. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich die Autorin recht konsequent dem literarischen Betrieb entzieht, kaum Interviews gibt, keine Lesereisen macht. Für ihren neu erschienenen Roman „Der Sinn des Ganzen“ wollte Anne Tyler eine Ausnahme machen und im März zur LitCologne nach Köln reisen, dann kam Corona. Weiterlesen „Anne Tyler – Der Sinn des Ganzen“

Liz Moore – Long Bright River

Ein spannender Krimi, der auch für Nicht-Krimileser einiges zu bieten hat: „Long Bright River“ von Liz Moore.

„Als ich meine Schwester das erste Mal tot auffand, war sie sechzehn“.

Und seitdem fürchtet Michaela Fitzpatrick, genannt Mickey, die als Polizistin in Philadelphia Streife fährt, bei jedem hereinkommenden weiblichen Leichenfund, dass es diesmal tatsächlich die jüngere Schwester Kacey getroffen haben könnte. Diese ist seit ihrer Jugend drogenabhängig und zuletzt als Straßenprostituierte in Mickeys Revier Kensington unterwegs gewesen. Seit einiger Zeit wurde sie aber nicht mehr gesehen, weshalb sich Mickey nun große Sorgen macht, als sie an einen Tatort gerufen wird: weibliche Leiche an den Bahngleisen, vermutlich Überdosis. Weiterlesen „Liz Moore – Long Bright River“

James Baldwin – Giovannis Zimmer

Zum ersten Mal begegnete ich James Baldwin im Radio. Auf SWR2 lief ein Feature über einen afro-amerikanischen Schriftsteller, der Anfang der 1950er Jahre in einem kleinen Dorf im Schweizer Kanton Wallis auftauchte und die dort lebenden Menschen in einiges Staunen versetzte. „Wie ein Schaf in der Wüste: Als Baldwin die Schweiz besuchte“ nannten die Autoren Rolf Hermann und Michael Stauffer ihren Beitrag von 2011. Damals begann die Wiederentdeckung eines der wichtigsten US-amerikanischen Autoren, der in seinem Heimatland zwar ein Klassiker, aber doch ein wenig vergessen war. Nicht zuletzt die Wahl von Barack Obama, der James Baldwin als eine seiner Leitfiguren nannte, aber auch das Wiedererstarken der Bürgerrechtsbewegung in Zuge von „Black lives matter“ verschaffte seinem Werk erneut Aufmerksamkeit. Auch in Deutschland war die auf dem unvollendeten Manuskript „Remember This House“ beruhende filmische Collage von Raoul Peck (2017), in der er dem weißen Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft nachspürt, ein großer Erfolg. „I´m not your negro wurde vielfach ausgezeichnet und Oscar nominiert. Seit 2018 erscheinen bei DTV hervorragende Neuübersetzungen der Werke von James Baldwin, zuletzt „Giovannis Zimmer“. Weiterlesen „James Baldwin – Giovannis Zimmer“

James Wood – Upstate

Amerikanische Autoren sind Meister im Genre des Familienromans. In immer wieder neuen Ausprägungen wird die kleinste gesellschaftliche Institution beleuchtet, analysiert und beschrieben. Mehr oder (meistens) weniger glücklich, als klassische Vater-Mutter-Kinder-Konstellationen, generationenübergreifend oder mittlerweile auch zunehmend als Patchwork oder queere Familien, aus allen sozialen und gesellschaftlichen Schichten, mit oder ohne biografischen Hintergrund begegnen der Leser*in unzählige Familiengeschichten von US-amerikanischen Schriftstellern. Der bekannte Literaturkritiker James Wood hat diesen mit „Upstate“ eine weitere hinzugefügt. Weiterlesen „James Wood – Upstate“

Stewart O’Nan – Henry persönlich

Die Familie Maxwell, eine ziemlich typische Mittelstandsfamilie. Sie stand bereits zweimal im Mittelpunkt von großartigen Romanen: 2002 erschien „Abschied von Chautauqua“, 2011 folgte „Emily allein“. Warf ersterer multiperspektivisch einen Blick auf alle Familienangehörigen, die sich anlässlich von Verkauf und Ausräumung des Ferienhauses am Lake Chautauqua/New York noch einmal dort versammelt hatten, konzentrierte sich „Emily allein“ eben auf jene, die im ersten Teil gerade ihren Ehemann Henry verloren hatte und jetzt, zehn Jahre später, als nunmehr 80jährige ihren Alltag bestritt. Im nun dritten Teil der Familiengeschichte geht Stewart O’Nan noch einmal in der Zeit zurück und lässt in „Henry persönlich“ den Verstorbenen wieder lebendig werden. Weiterlesen „Stewart O’Nan – Henry persönlich“

Tom Rachman – Die Gesichter

Pinch, der eigentlich so liebevoll klingende Kosename, den Bear Bavinsky seinem kleinen Sohn Charles verleiht, liegt auf diesem wie eine Last. Pinch, nach den leckeren kleinen Häppchen, Pinxtos, die der berühmte, genialische Maler-Vater einst im Baskenland so gern genascht hat. Ein Kosename, der unweigerlich verniedlicht, verkleinert, ein Gefühl, dem Charles so gerne entwachsen würde, und das er doch zumindest zu Lebzeiten des Vaters, nie los wird. Tom Rachman zeichnet in Die Gesichter die schwierige Vater-Sohn-Beziehung zwischen Pinch und Bear Bavinsky nach. Weiterlesen „Tom Rachman – Die Gesichter“