Elli Unruh – Fische im Trüben

Elli Unruh wurde mit ihrem Debütroman Fische im Trüben für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominiert. Er reiht sich ein in eine in diesem Jahr besonders präsente Reihe von Familienromanen mit osteuropäischem Bezug, wie beispielsweise die von Katherina Braschel, Nadine Schneider, Betty Boras oder Oliwia Hälterlein, hat aber gleichzeitig einen ganz besonderen, bisher eher unbekannten Fokus auf eine russlanddeutsche Familie im südöstlichen Kasachstan, die der aus der Täuferbewegung der Reformationszeit entstandenen Religionsgemeinschaft der Mennoniten angehört. Wie so oft geht auch hier die Geschichte der Ansiedlung auf Katharina die Große zurück. Diese warb ab 1763 gezielt deutsche Siedler an, um die riesigen Weiten ihres Reichs urbar zu machen. Die Bauern und Handwerker wurden vor allem im Schwarzmeergebiet und an der Wolga heimisch. Und dort liegen auch die Wurzeln der Familie Fest. Weiterlesen „Elli Unruh – Fische im Trüben“

Judith Holofernes – Hummelhirn

Ein „Hummelhirn“ ist für Judith Holofernes, ehemalige Frontfrau der Rockband „Wir sind Helden“ und nach Die Träume anderer Leute Autorin des gleichnamigen autobiografischen Buchs, das, was Kleine und Große mit beispielsweise der Diagnose AD(H)S (Judith erhielt ihr Diagnose erst mit 45) mit sich herumtragen. Dabei will Judith Holofernes ihre Erfahrungen aber nicht allein auf eine Erkrankung festlegen, sondern sie für alle, wie sie es nennt, „komischen Kinder“ ausweiten. Also solche, die nicht so einfach in ein Raster passen, die vielleicht „anders“ sind, und damit in der Gesellschaft und besonders der Schule immer wieder anecken. So wie die Autorin das selbst als Kind erlebt hat. Weiterlesen „Judith Holofernes – Hummelhirn“

Safae El Khannoussi – Oroppa

Ich tue es eigentlich selten, aber hier muss ich damit anfangen: Über die Gestaltung eines Buches schreiben. Wie schön das Buch Oroppa von Safae El Khannoussi dem Hanser Verlag gelungen ist! Satte Farben in edlem Leinen. Wann hält man heute schon so ein sorgfältig hergestelltes Buch in der Hand? Der Debütroman der 1994 in Tanger geborenen Niederländerin hat in ihrem Heimatland schon wahre Begeisterungsstürme ausgelöst hat und wurde vielfach preisgekrönt. Weiterlesen „Safae El Khannoussi – Oroppa“

Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit

Vor einigen Wochen hat Judith Hermann mit Ich möchte zurückgehen in der Zeit ein neues Buch veröffentlicht. Ich war an einem ihrer ersten Lesungstermine in der Villa Clementine in Wiesbaden und sogleich vom „Sound“ des Buches und dem, was Judith Hermann über es zu sagen hatte, fasziniert. Dabei bin ich eigentlich nicht wirklich ein Hermann-Fan. Einige Bücher gefielen mir, oft war mir aber das Kreisen um Befindlichkeiten zu viel, der oft bejubelte Hermann-Ton in seiner elegischen Melancholie ebenso. Ich möchte zurückgehen in der Zeit nun hat nach Erscheinen einiges an herber (und meiner Meinung nach ungerechtfertigter) Kritik einstecken müssen. Die Kritiker:innen schienen sich in ihren Verrissen geradezu überbieten zu wollen. Interessanterweise stand das Buch dennoch auf der SWR-Bestenliste, die von 30 ebensolchen Kritiker:innen bestimmt wird, im März gleich auf Platz 1. Im April allerdings taucht das Buch dort nicht mehr auf. Haben die Kritiker:innen a) das Buch im März noch nicht gelesen gehabt oder b) im April schnell zurückgezogen, weil es so viele Verrisse gab? Das wird nicht das letzte Geheimnis der Literaturkritik bleiben. Weiterlesen „Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit“

Oliwia Hälterlein – Wir Töchter

Nicht alle Leserinnen sind (bereits) Mütter, aber wir alle sind Töchter. Der Debütroman von Oliwia Hälterlein Wir Töchter rückt diesen Aspekt in den Vordergrund und macht ihn (nicht nur dadurch) in der Menge der gerade erscheinenden Generationenromane mit besonderem Fokus auf die Frauenfiguren zu etwas Besonderem. Ich-Erzählerin auf der Gegenwartsebene ist Waleria, die als Säugling mit ihrer Mutter Róża in den 1980er Jahren von Polen nach Westdeutschland migriert ist. Mit ihr droht die Kette von Töchtern in ihrer Familie abzureißen, denn nach einer Not-OP, die durch das Platzen einer Eierstockzyste und dem drohenden inneren Verbluten nötig wurde, und der Diagnose PCOS (Polyzystisches Ovarialsyndrom) ist die Möglichkeit einer zukünftigen eigenen Schwangerschaft sehr gering. Waleria empfindet eine „erdrückende Traurigkeit“, dabei hatte sie nie einen Kinderwunsch verspürt. Aber nun? Wird sie die Letzte in der „Töchterkette“ sein? Weiterlesen „Oliwia Hälterlein – Wir Töchter“

Dana von Suffrin – Toxibaby

13 Trennungen in drei Jahren Beziehung – das klingt nach einer wahrlich toxischen Geschichte. Und die Rollen und Verantwortungen scheinen gleich zu Beginn klar verteilt. Da ist zum einen „Herzchen Goldberg“ und zum anderen „Toxibaby“, die sich in dieser On/Off-Beziehung sichtlich lustvoll quälen. Doch es geht im neuen Roman von Dana von Suffrin natürlich weitaus ambivalenter zu als der erste Blick auf zwei neurotische Millennials andeutet. Weiterlesen „Dana von Suffrin – Toxibaby“

Sophie van der Linden – Im Licht der Lofoten

Ich bin ein Mensch des Mittelmeeres, des Südens, der Wärme. Trotzdem habe ich Im Licht der Lofoten der französischen Autorin Sophie van der Linden rein zufällig und unbeabsichtigt genau dort gelesen, an der ligurischen Küste, bei frühlingshaften Temperaturen und strahlendem Sonnenschein. Erst andere Leser:innen machten mich darauf aufmerksam, dass darin eine gewisse Ironie steckt. Und ja, das Kontrastprogramm konnte kaum größer sein. Weiterlesen „Sophie van der Linden – Im Licht der Lofoten“

Dana Grigorcea – Tanzende Frau, blauer Hahn

Es sind die 1990er Jahre am Rande der rumänischen Karpaten, die Ära Ceaușescu erst seit Kurzem Geschichte. Im kleinen Ort Bușteni, wo viele Bukarester ihre Ferien verbringen, treffen sich jeden Sommer Roxana und Camil. Sie stammt aus der gehobenen Gesellschaftsschicht der Hauptstadt und besucht ihre Großmutter, die dort ein Sommerhaus besitzt, er ist Eisenbahnersohn und lebt in der etwas heruntergekommenen Siedlung. Roxana liegt am liebsten mit einem Buch im Gras unter dem Baum, die Kinder erzählen sich Geschichten und beobachten die Bewohner von Bușteni ganz genau. Deren Besonderheiten und Schrullen, ihre Missgeschicke und Beziehungen werden wiederum zu neuen Geschichten. Etwas sommerlich Leichtes, Schwebendes liegt über dem neuen Roman der schweizerisch-rumänischen Schriftstellerin Dana Grigorcea Tanzende Frau, blauer Hahn.

Aber hinter der leichten Oberfläche mit viel Atmosphäre, die aber nie zu einer Idylle verkommt, lauern Abgründe, versteckt sich Tiefgründiges. Die postkommunistische Gesellschaft befindet sich in Transition. Der Umbruch kommt nicht jedem zugute, Klassenunterschiede machen sich deutlicher bemerkbar: der zwischen Roxana und Camil, aber auch der zur Kinderfreundin Ana-Maria, die mit ihrem zweibeinigen Hund aus unterprivilegierten Kreisen stammt. Man wächst gemeinsam auf, die Unterschiede bleiben lange sichtbar.

Liebe, Freiheit und Klassenunterschiede

Es geht Dana Grigorcea, der Kuratorin des Münchner Literaturfests, das vom 21.-30.4.2026 stattfindet, auch um das Motto, unter das sie dieses gestellt hat: „Freiheit!“. Wie frei sind wir wirklich? Kann man persönlich überhaupt absolut frei sein? Selbst in einer vermeintlich freien oder befreiten Gesellschaft? Diese Fragestellungen und die Klassenfrage bleiben subtil präsent, auch wenn es vordergründig um Sommerferien, Erwachsenwerden, bizarre Charaktere und wunderliche Begebenheiten dreht. Da ist beispielsweise der Kirschbaum, der eines Tages durch das Parkett der Madame Smara durchbricht. Und die nach und nach das Haus ihm weichen lässt. Oder die Begeisterung der Leute für die brasilianische Telenovela „Die Sklavin Isaura“, die fanatische Ausmaße erreicht. Und deren Titelfigur auf faszinierende Weise der ortsansässigen Frau Helman ähnelt. Vor allem geht es in den Erzählungen der jungen Leute aber um die Liebe, um Paare. Und auch Roxana und Camil werden in einem Sommer ein Paar.

Ins Rollen gebracht werden die Erinnerungen an diese Kindheits- und Jugendzeit der Ich-Erzählerin Roxana durch eine Mitteilung auf einer spanischen Nachrichtenseite, die von Camils Unfalltod berichtet. Dieser erlitt bei dem Versuch, Kupferkabel von einem Industrieschiff zu stehlen einen tödlichen Stromschlag. Das ist der Erzählanlass, der Roxana zu ihrer Geschichte führt, die so beginnt:

„Damals, nach der Wende, wollten alle weg, weit weg, in die Exotik, um Großes zu erleben, sich zu wandeln und schließlich den Lebenssinn zu finden, wahrscheinlich die Liebe. Weit genug von Bukarest entfernt und auch der einzige Ort, an den ich fuhr, Sommer für Sommer, war Bușteni“

Dana Grigorcea bettet Tanzende Frau, blauer Hahn in eine Rahmenhandlung ein, in der eine Schriftstellerin mit dem uns vorliegenden Text auf Lesereise geht, begleitet von einem Pianisten. Zwischen den Beiden kommt es nach und nach zu einer Liebesbeziehung. Und auch diese Schriftstellerin ist uns nicht unbekannt.

Federleicht und doch tiefgründig und elegant komponiert schreibt Dana Grigorcea mit Tanzende Frau, blauer Hahn einen wirklich zauberhaften Roman.

 

Beitragsbild: Bușteni Train track, Romania. On the background is Bucegi mountains by Tiia Monto, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

 

Dana Grigorcea - Tanzende Frau, blauer Hahnx

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Dana Grigorcea – Tanzende Frau, blauer Hahn
Penguin März 2026, Hardcover, mit Schutzumschlag, 160 Seiten, € 22,00

 

 

 

 

Franziska Hauser – Am Ende der Kleinigkeiten

Autofiktionale Romane sind ja im Trend. Wobei sich immer die Frage stellt, ob nicht in jedem Roman etwas von der Autorin, dem Autor enthalten ist, selbst wenn er im 13. Jahrhundert spielen mag. Wenn dann biografische Details von Protagonist:in und Autor:in übereinstimmen, gehen die Spekulationen los. Wieviel vom im Text Erzählten beruht auf eigenem Erleben? Da geht dann leicht die Trennung von Autor:in und Text bzw. Protagonist:in vergessen. Was vielen Romanen gar nicht gut tut. Und die meisten Autor:innen nervt. Franziska Hauser geht mit diesem Umstand in Bezug auf ihr neues Buch Am Ende der Kleinigkeiten recht entspannt um. Es ist klar, dass viel von ihrer Kindheit und einiges von ihrer Mutter in der Geschichte steckt. Und doch hofft man als Leserin, dass möglichst viel davon erfunden oder zumindest sehr zugespitzt ist. Denn was die Ich-Erzählerin Irma da so erlebt und wie besonders die Mutter mit ihr umgeht, ist schon harter Tobak. Weiterlesen „Franziska Hauser – Am Ende der Kleinigkeiten“

Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter

2016 erhielt sie mit einem aufsehenerregenden Roman den Prix Goncourt, seit 2020 widmet sich die französisch-marokkanische Autorin Leila Slimani mit großem Erfolg ihrer Familiengeschichte. In Das Land der Anderen erzählte sie von der Kriegsgeneration und in autofiktionaler Form von ihrer Großmutter Mathilde, die im Elsass den während des Zweiten Weltkriegs dort stationierten Amine Belhaj kennen und lieben lernt. Die junge Französin folgt – auch aus Abenteuerlust – ihrem Mann nach Marokko auf die elterliche Farm in Meknès und lebt sich, trotz Schwierigkeiten vor allem mit dem Leben als Frau in einem extrem patriarchalen System, rasch ein. Der Weg führt in die Unabhängigkeit des Landes von Frankreich 1956. Im zweiten Band Schau wie wir tanzen rückt dann die nächste Generation in den Fokus. Tochter Aïcha führt ein relativ freies Leben, studiert Medizin und wird eine der ersten Gynäkologinnen im Land. Mit ihrem Mann, dem aus einfachen Verhältnissen sich bis zum Bankdirektor hocharbeitenden Mehdi Daoud, führt sie ein wohlhabendes Leben in Rabat und bekommt zwei Töchter. Jetzt beendet Leïla Slimani ihre Trilogie mit Trag das Feuer weiter. Weiterlesen „Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter“