Ein Haus in Alleinruhelage – ein Traum von Idylle oder doch nur eine Umschreibung für „irgendwo im Nirgendwo“. Gelegen an einem kleinen See, der aber immer mehr verlanded, von Schilf überwuchert wird und modrigem Grund aufweist. Gelegen ist das Ganze in der ostdeutschen Provinz – inklusive überwiegend unfreundlicher, misstrauischer und abweisender Nachbarn unklarer (mittlerweile leider allzu klarer) politischer Neigungen. Die Alleinruhelage, die vor zwanzig Jahren für die Berliner Intellektuellenfamilie mit drei Kindern ein traumhafter Rückzugsort vom Großstadtleben war, wird für die nun alleinlebende Erzählerin, die große Ähnlichkeit mit ihrer Autorin Eva Menasse besitzt, zunehmend zur Belastung. Gleich im ersten Satz beschließt sie: „ Haus, ich verkaufe dich.“ Weiterlesen „Eva Menasse – Alleinruhelage“
Schlagwort: Autorinnen
Corinna Krenzer – Eine einfache Wahrheit
Eine komplexe DDR-Geschichte, eine Familiengeschichte, die sich um Schuld und Schweigen dreht und um die Rückkehr an den Ort der Kindheit: Corinna Krenzer hat mit Eine einfache Wahrheit einen Debütroman geschrieben, den ich sehr gern gelesen habe. Und doch hat mich etwas irritiert, was ich zunächst nicht näher benennen konnte. Dann habe ich gelesen, dass der Roman eigentlich einen männlichen Protagonisten hatte und dass die Autorin dann auf Anraten ihres Verlegers daraus kurzfristig Janna machte, Schriftstellerin Mitte 40, verheiratet mit ihrem Literaturagenten Hannes und in eine heimliche Affäre mit Marie verstrickt. Seitdem überlege ich, ob diese Änderung – die nicht wirklich spürbar und professionell umgesetzt ist – diese Irritation auslöste. Weiterlesen „Corinna Krenzer – Eine einfache Wahrheit“
Miriam Carbe – Unerwünschte Töchter
Miriam Carbe wurde 1967 als Tochter einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Studenten geboren. Gewiss keine leichte Situation für ihre 22-jährige Mutter Monika, zumal sowohl der Vater des Kindes als auch ihre Mutter sie zu einer Abtreibung drängten. Unverheiratet und dem Rassismus einer deutschen Gesellschaft ausgesetzt, die die während des Nationalsozialismus „erlernten“ Einstellungen nur sehr zögerlich ablegte (wenn überhaupt), muss eine Zukunft mit diesem Kind für sie unvorstellbar gewesen sein. Obwohl sie einer Abtreibung zunächst zustimmte, entschied sich Marion schließlich aber doch für das Kind. Miriam Carbe wird damit eine weitere „unerwünschte Töchter“ ihrer Familie. In ihrem autofiktionalen Debütroman erzählt die arte-Redakteurin von gleich drei ihr vorangegangenen Frauengenerationen, die immer wieder an den gesellschaftlichen Erwartungen und Hindernissen zu scheitern drohten, sich aber tapfer dagegen stemmten. Weiterlesen „Miriam Carbe – Unerwünschte Töchter“
Shelly Kupferberg – Stunden wie Tage – Kurz vorgestellt
Berlin Schöneberg, Ende der 1990er Jahre. Ein alte Frau, leicht abgerissen, mit schlohweißem, verfilztem Haar und abgetretenen Pantoffeln läuft durch den Kiez und scheint überall bekannt und beliebt zu sein. Shelly Kupferberg, die dort selbst nach einer Wohnung sucht, fällt diese Frau auf. Obdachlos? In dem Alter? Sehr bald erfährt sie, dass die Frau Martha heißt und millionenschwere Hausbesitzerin sein soll. Gerüchte sagen ihr nach, das Vermögen im Krieg durch eine Affäre mit einem ranghohen Nazi erschlichen zu haben. Die Neugier der Journalistin Shelly Kupferberg, die Jahre später an einem Buch schreibt über ihren reichen Urgroßonkel Isidor, Kommerzialrat, Berater des österreichischen Staates, Multimillionär und Kunstsammler, der 1938 von den Nationalsozialisten enteignet, verfolgt und in den Tod getrieben wurde, ist geweckt. Mit Stunden wie Tage schreibt Shelly Kupferberg nun die berührende Geschichte von Martha auf. Es ist auch eine großartige Berlingeschichte. Weiterlesen „Shelly Kupferberg – Stunden wie Tage – Kurz vorgestellt“
Karin Zipse – Moosland – Kurz vorgestellt
1949 warb der isländische Bauernverband junge, unverheiratete Frauen aus Deutschland an, um für mindestens ein Jahr auf einem der dortigen Höfe zu arbeiten. Es gab auf Island einen Frauen- und Arbeitskräftemangel auf dem Land, da viele junge Frauen nach dem Krieg in die Stadt zogen oder mit einem der stationierten GIs in die USA gingen. Fast 200 Deutsche folgten dem Aufruf. Das vom Krieg zerstörte Land, fehlende Männer oder, wie bei der Protagonistin im Roman Moosland von Karin Zipse, ausgelöschte Familien boten wohl wenige Zukunftsperspektiven. Armut und Hunger taten das Übrige. Weiterlesen „Karin Zipse – Moosland – Kurz vorgestellt“
Helene Bukowski – Wer möchte nicht im Leben bleiben
Musik kann Zuflucht sein, Trost, Glück und Heimat, besonders wenn man sie nicht nur hören, sondern selbst zu machen in der Lage ist. Schon für ganz kleine Kinder ist es faszinierend, wenn aus einem „Ding“ plötzlich ein Ton erschallt, wenn man mit ihm interagiert. Noch betörender, wenn daraus wundervolle Melodien tönen. Musikmachen bedeutet neben Faszination aber auch Arbeit, Disziplin, Fleiß und im besten Fall auch Talent, will man nicht nur ein wenig „klimpern“. Das lernen die kleinen Musikschüler bald. Und nicht wenige schreckt das ab. Die anderen verbindet meist eine lebenslange Liebe zur Musik und „ihrem“ Instrument. Nur sehr selten reicht es zu Profiqualitäten, wird die Liebe zur Profession. Viel zu oft verbirgt sich dahinter ein System aus Disziplin, Drill und Druck. Sehr ausgeprägt war (ist) dies in Fernost und den kommunistischen Ländern. Die Autorin Helene Bukowski hat ein Leben, das daran zerbrochen ist, in den Mittelpunkt ihres neuen, für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominierten Roman Wer möchte nicht im Leben bleiben gestellt. Weiterlesen „Helene Bukowski – Wer möchte nicht im Leben bleiben“
Lena Gorelik – Alle meine Mütter
Alle meine Mütter – zunächst stutzt man über das „alle“ beim Titel des neuen Romans von Lena Gorelik. Ein Roman über Patchworkfamilien? Liest man ein wenig hinein ins Buch, wird relativ bald klar, um was es der Autorin mit ihm geht und warum er diesen Titel trägt. Lena Gorelik verwebt in vielen Geschichten – beobachtet, imaginiert oder recherchiert – ihre eigene Mutter- und Tochterschaft mit den verschiedensten Ausdrucksformen und Wirklichkeiten des Mutterseins. Sie erzählt von Frauen
„die Mutter sein müssensollendürfenkönnenwollen, und über all jene, die nicht Mutter sein müssensollendürfenkönnenwollen; über uns, die wir Kinder von Müttern sind, selbst wenn wir es vielleicht nicht sein wollen“. Weiterlesen „Lena Gorelik – Alle meine Mütter“
Peggy Mädler – Selbstregulierung des Herzens
„Ein Roman über Liebe und Kybernetik“ verspricht der Klappentext und irritiert hoffentlich im besten Sinn und macht neugierig. Kybernetik, was war das noch gleich? Kybernetik beschäftigt sich mit der Regulation von komplexen Systemen. Neben komplizierten Maschinen ist der menschliche Körper ein solches System, aber weiter gedacht auch Gesellschaften, generell Beziehungen zwischen Lebewesen. Meist geschieht diese Regulierung über einen Regelkreis, den Vergleich von Soll- und Ist-Werten und der Aktivierung von Regelmechanismen, wenn diese voneinander abweichen. Das Herz ist eines der Organe, die sich (zumindest in begrenztem Umfang) selbst regulieren können. Aber funktioniert eine solche Selbstregulation auch in Gesellschaften? Der Neoliberalismus würde sagen: Ja. Den Konterpart könnte die sozialistische Planwirtschaft einnehmen, die nicht nur wirtschaftliche Systeme zentral regeln will. Peggy Mädler schaut sich diesen Dualismus in ihrem neuen Roman Selbstregulierung des Herzens genau an. Und das auf hinreißende, gar nicht technokratisch trockene Art und Weise. Weiterlesen „Peggy Mädler – Selbstregulierung des Herzens“
Maylis de Kerangal – Brandung
Gleich zu Beginn fühlt man sich in Brandung, dem neuen Roman der französischen Autorin Maylis de Kerangal, wie in einem der immer etwas düsteren, geheimnisvollen, schwebenden Texte ihres Landsmannes Patrick Modiano. Es ist aber nicht Paris, durch das sich die namenlose und etwas unzuverlässige Ich-Erzählerin die meiste Zeit bewegt, sondern die Industrie- und Hafenstadt Le Havre in der Normandie. Von dort erhält sie einen Anruf der ortsansässigen Kriminalpolizei. Man müsse sie in einer Angelegenheit, die sie beträfe dringend sprechen. Es ginge um ein „unidentifiziertes Individuum“, und man verspräche sich Informationen von ihr. Einerseits erschüttert dieser Anruf die Erzählerin über die Maßen, andererseits fragt sie kaum nach, warum man von ihr Informationen zu dem tot aufgefundenen Mann erwartet. Weiterlesen „Maylis de Kerangal – Brandung“
Margaret Laurence – Glücklichere Tage
Ich habe die Schriftstellerin Margaret Laurence, die am 18. Juli 2026 ihren 100. Geburtstag feiern würde, wäre sie nicht bereits 1987 verstorben, anlässlich des Ehrengastauftritts Kanadas bei der Frankfurter Buchmesse 2020/21 kennengelernt. Ein größeres deutschsprachiges Publikum hat sie bisher leider (noch) nicht erreicht. Was auf jeden Fall nicht am Engagement ihres Verlags liegt. Der kleine Eisele Verlag bemüht sich seit der Veröffentlichung ihres vielleicht erfolgreichsten Roman Der steinerne Engel 2020 unverdrossen um das gesamte Romanwerk von Margaret Laurence, so ist unlängst der vierte Teil ihrer losen Manawaka-Reihe, Glücklichere Tage, (OT „The Diviners“ 1974) in der wie immer großartigen Übersetzung von Monika Baark, erschienen. Weiterlesen „Margaret Laurence – Glücklichere Tage“









