Seweryna Szmaglewska – Die Frauen von Birkenau

Seweryna Szmaglewska war 26 Jahre alt, als sie am 18. Juli 1942 in ihrer Heimatstadt Piotrków Trybunalski verhaftet wurde. Grund dafür war nicht die Untergrundarbeit, die die junge Warschauer Soziologiestudentin für den polnischen Widerstand leistete, sondern die tragische Fehleinschätzung eines deutschen SS-Mannes, der das Geraderücken ihrer Brille in der Öffentlichkeit als ein geheimes Signal interpretierte. Zur Zeit der deutschen Besatzung Anlass genug für eine Internierung. Seweryna Szmaglewska wurde im Oktober nach Auschwitz-Birkenau deportiert und verbrachte dort, bis sie im Januar 1945 bei der Liquidierung des Lagers fliehen konnte, unglaubliche 30 Monate als politische Gefangene. Sie begann sogleich mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen, die sie in Polen zu einer bekannten Autorin machten und zu einer der Zeuginnen bei den Nürnberger Prozessen. Übersetzungen in zehn Sprachen folgten, Deutsch war nicht darunter. Erst jetzt, 75 Jahre später, erscheinen die Aufzeichnungen von Seweryna Szmaglewska im Schöffling Verlag unter dem Titel Die Frauen von Birkenau.

Jüdische Frauen in Auschwitz-Birkenau
Jüdische Frauen in Auschwitz-Birkenau 1944, via Wikimedia Commons CC0
Lagerhäftling Nummer 22090

Nichts vom Leben der Autorin vor Auschwitz erfahren wir durch ihren Bericht, nicht vom frühen Tod der Eltern, nichts von der Lehrerin, die zu ihrer geliebten Pflegemutter wird, nichts von ihren schriftstellerischen Ambitionen, der Arbeit für den Polnischen Rundfunk. Als Lagerhäftling Nummer 22090 taucht sie völlig unter in der Menge der Internierten. Lediglich im Vorwort gebraucht sie hin und wieder „ich“, „mein“, „wir“. Der Rest des Buches ist in einem merkwürdig allgemeingültigen, distanzierten Ton verfasst. Nur andeutungsweise ist zu erfahren, dass Seweryna Szmaglewska nicht nur zu den besonders gesunden, widerstandsfähigen Frauen gehört haben muss, die mehrmals Typhus und andere Krankheiten überstand, sondern dass sie sowohl im Lagerteil „Kanada“, der die den Häftlingen bei Einlieferung abgenommenen Besitztümer verwaltete, als auch auf den Feldern gearbeitet haben muss. Auch ihre Bekanntschaft mit dem beim Bautrupp arbeitenden Häftling Witold Wiśnewski, mit dem sie nach dem Krieg eine Familie gründen wird, bleibt unerwähnt. Mehr über die Autorin erfahren wir erst im informativen Nachwort der Übersetzerin Marta Kijowska.

Dieser distanzierte, sachliche Stil, in dem Seweryna Szmaglewska wie in einer Art Selbsttherapie und als Verpflichtung den Opfern gegenüber ihre Zeit in Auschwitz-Birkenau aufgeschrieben hat, und die große zeitliche Nähe zum Erlebten – bereits im Juli 1945 war das Buch abgeschlossen und im Dezember in den Buchhandlungen erhältlich – führten wahrscheinlich dazu, dass es als Beweismittel im Prozess gegen die Hauptverbrecher der Nationalsozialistischen Diktatur vor dem Internationalen Militärgericht in Nürnberg diente. Seweryna Szmaglewska benannte die Täter mit Klarnamen und sagte auch persönlich vor dem Gericht aus.

Seweryna Szmaglewska
Seweryna Szmaglewska via Wikimedia Commons
Allgemeingültigkeit

Der lakonische, kühle Stil der Aufzeichnungen ist aber vielleicht auch mit ein Grund, weshalb es das Buch in Deutschland bisher so schwer hatte. Ein solch nüchterner Stil, gerade auch von einer weiblichen Zeitzeugin! Dabei ist das Buch von großer stilistischer Brillanz und einem stringenten Aufbau, also auch literarisch herausragend. Und trotz oder gerade wegen seiner betont um Allgemeingültigkeit bemühten, distanzierten Erzählweise absolut eindringlich, beispielsweise bei den kleinen Porträts einzelner Frauen. Besonders intensiv wird es durch die vielen Details, mit denen der Lageralltag und die Verrohung unter den Bewachern, aber auch unter den Internierten, geschildert werden. Die ständigen Zählappelle, die sinnlosen Entlausungen, zermürbende Alltäglichkeiten, dazu ersonnen, den Internierten ihre Menschlichkeit zu stehlen. Die strengen Hierarchien, die gebildet wurden. SS-Männer, Kapos, Funktionsgefangene, Lager-, Blog- und Stubenälteste – es gab eine genaue Rangordnung, der sich auch die Gefangenen mehr oder weniger skrupellos bedienten.

Seweryna Szmaglewska schreckt dabei auch nicht zurück, diese Gruppenbildung in Die Frauen von Birkenau genau zu beleuchten. Netzwerke waren dabei manchmal die einzige Möglichkeit, zu überleben. Eine besonders unrühmliche Rolle spielten dabei oft die „Kriminellen“. Auf sie wirft die Autorin einen strengen Blick, ebenso auf die meisten der im Lageralltag bevorzugten deutschen (nichtjüdischen) Insassen, wobei es noch die Unterscheidung Reichdeutsche, Volksdeutsche und die Unterzeichner einer Erklärung zum Deutschtum gab. Am untersten Rand der Rangordnung standen die jüdischen Gefangenen.

Weibliche Gefangene in Birkenau
Weibliche Gefangene in Birkenau Mai 1944, CC0 via Wikimedia Commons
Überfällige deutsche Üersetzung

Bei aller Objektivität, um die Seweryna Szmaglewska bemüht ist, fällt sie aber auch oft harte Urteile gegenüber ihren Mitgefangenen. Ein gewisser Hochmut, etwa gegenüber den inhaftierten „Zigeunern“, schimmert auch durch. Dies ist gewiss der Zeit verhaftet, genau wie manche sachliche Fehlerhaftigkeit, etwa bei der Angabe im Vorwort, dass in Auschwitz ca. 5 Millionen Menschen verbrannt worden seien (in Wirklichkeit um die 1,3 Millionen).

Die Frauen von Birkenau von Seweryna Szmaglewska ist eines der unmittelbarsten Zeugnisse der grauenvollen Zustände im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und eines der eindringlichsten zum Lageralltag mit besonderem Blick auf die dort gefangenen Frauen. Im Original Dymy nad Birkenau (Rauch über Birkenau) betitelt, musste es nicht nur 75 Jahre auf die deutsche Übersetzung warten, sondern auch noch seinen Titel an die 1997 im Kunstmann Verlag erschienene Erzählungssammlung von Liana Millu abtreten. Dass der Schöffling Verlag diese Versäumnisse nun behebt ist der Anerkennung mehr als wert. Im November erscheint dort dann auch das Buch „Bei uns in Auschwitz“ des polnischen Landmannes Tadeusz Borowski neu.

Zu einem ebenfalls sehr früh 1945 entstandenen Werk, Ich blieb in Auschwitz von Eddy de Wind (Piper), das auch in diesem Jahr zum ersten Mal auf Deutsch erschienen ist, hat Birgit auf Sätze und Schätze eine Besprechung geschrieben.

 

Beitragsbild via Pixabay

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Seweryna Szmaglewska Die Frauen von Birkenau.

Seweryna Szmaglewska – Die Frauen von Birkenau
Aus dem Polnischen und mit einem Nachwort von Marta Kijowska

Schöffling Verlag Juli 2020, 456 Seiten. Mit 16-seitigem Bildteil. Gebunden. € 28,00

Lily King – Writers & Lovers

Darf man einer Autorin vorwerfen, offensichtlich alles richtig gemacht zu haben? Ist es kritikwürdig, dass im neuen Roman von Lily King alles zu gut passt, er den Leserinnen zu sehr aus der Seele spricht, zu sehr gewisse Erwartungen erfüllt? Writers & Lovers ist nach eigener Aussage der „Roman, den ich als Zwanzig- und Dreißigjährige so schmerzlich vermisst hatte“, den Lily King vor dreißig Jahren selbst gerne gelesen hätte. Und da sich die Zeiten in manchen Dingen leider so wenig geändert haben, ist es wohl auch der Roman, den heute viele (nicht nur Zwanzig- und Dreißigjährige) gerne lesen möchten. Weiterlesen „Lily King – Writers & Lovers“

Zora del Buono – Die Marschallin

Zora del Buono schreibt über Zora Del Buono. Dabei ist die Groß- bzw. Kleinschreibung in der Mitte des Namens von Bedeutung. Denn die Großmutter Zora Del Buono, deren Lebensgeschichte die Schweizer Autorin des gleichen Namens vor ihrem Lesepublikum ausbreitet, die titelgebende „Marschallin“, ist überzeugte Kommunistin und jeder Adelsdünkel ihr, zumindest offiziell, ein Gräuel.

Nach einem kurzen Prolog beginnt der Roman 1919 in einem kleinen Dorf im Nordwesten Sloweniens, Bovec. Hier am Grenzfluss Isonzo ((italienisch), Soča (slowenisch), Sontig (deutsch), Lusinç (friaulisch) – je nach aktuellem Besatzer), fand die letzte von insgesamt zwölf Isonzoschlachten im Ersten Weltkrieg statt. Dank Einsatz von Giftgas konnten die Österreicher mit Unterstützung der Deutschen die Italienischen Truppen zurückdrängen. Die Schlachten forderten Hunderttausende an Toten und formten dieses Grenzgebiet nachhaltig. Weiterlesen „Zora del Buono – Die Marschallin“

Petina Gappah – Im Herzen des Goldenen Dreiecks

Im vergangenen Jahr gehörte der neue Roman von Petina Gappah, Aus der Dunkelheit strahlendes Licht, der von Tod und Überführung des Afrikaforsches David Livingston erzählte, zu meinen Lese-Highlights, jetzt veröffentlicht der Arche Verlag den Erstling der Autorin von 2009, den Erzählungsband Im Herzen des Goldenen Dreiecks. Weiterlesen „Petina Gappah – Im Herzen des Goldenen Dreiecks“

Charlotte Wood – Ein Wochenende

Jude, Wendy und Adele – drei Frauen weit in den Siebzigern, Freundinnen seit gefühlt ewig – treffen sich, um wie seit Jahrzehnten ein sonnendurchflutetes, heißes australisches Weihnachten am Meer zu verbringen. Doch Charlotte Wood lässt die alten Damen kein gemütliches Fest feiern, sie treffen sich in Ein Wochenende, um das Strandhaus ihrer kürzlich verstorbenen Freundin Sylvie, Vierte im Bunde, auszuräumen, damit es von deren Tochter verkauft werden kann. Erinnerungen werden wach und die Beziehungen untereinander neu ausgelotet. Weiterlesen „Charlotte Wood – Ein Wochenende“

Anuradha Roy – Der Garten meiner Mutter

„All the lieves we never lived“ – der Originaltitel des neuen Romans der Autorin Anuradha Roy Der Garten meiner Mutter – trifft es mal wieder viel genauer. Es geht in dem poetischen, bildstarken Text um die vielen ungelebten Leben, die Möglichkeiten und Abzweigungen, die zu Beginn offenstehen, das Gelingen und das Scheitern, um Einsamkeit und Sehnsucht. Weiterlesen „Anuradha Roy – Der Garten meiner Mutter“

Jessie Greengrass – Was wir voneinander wissen

Eine junge Frau ist zum zweiten Mal schwanger. Und während sie die zunehmende Entfernung von ihrer kleinen Erstgeborenen durch deren Größerwerden zugleich bestaunt und betrauert, erinnert sie sich an Zeiten der Erschütterung. Damals, als sie sich die Frage stellen musste: Will ich überhaupt ein Kind? Kann ich die Verantwortung für es übernehmen, kann ich es so lieben, wie eine Mutter ihr Kind lieben muss? Oder damals, als ihre Mutter starb, sie gerade mal Anfang Zwanzig war. Zeiten, in denen die Ich-Erzählerin in Was wir voneinander wissen von Jessie Greengrass nach Antworten suchte, nach Erkenntnis, nach Zusammenhängen. Weiterlesen „Jessie Greengrass – Was wir voneinander wissen“

Cora Sandel – Café Krane

Die 1880 als Sara Cecilie Margarete Gørvell Fabricius in Christiania geborene und in Tromsø aufgewachsene Schriftstellerin Cora Sandel kennt kaum eine Leser*in hier in Deutschland. In ihrem Heimatland gehört sie allerdings zu den ganz großen Autorinnen, den Klassikern. Auf Deutsch wurde in den 1960er Jahren im Schweizer Rascher Verlag ihre als Hauptwerk geltende Alberte-Trilogie veröffentlicht. Anlässlich des Gastlandauftritts Norwegens zur Frankfurter Buchmesse 2019 erschien nun ein anderes Werk von Cora Sandel: Café Krane. Weiterlesen „Cora Sandel – Café Krane“

Almudena Grandes – Kleine Helden

Es sind kleine Helden, oder oft auch die kleinen Heldinnen, von denen die spanische Autorin Almudena Grandes erzählt. Diejenigen, die ihr Leben trotz aller Widrigkeiten jeden Tag von Neuem stemmen, manchmal maulend, manchmal laut zeternd, aber immer wieder dafür sorgen, dass es irgendwie weiter geht, die Kinder in die Schule, das Essen auf den Tisch kommen und darüber hinaus aber auch nicht die Gemeinschaft vergessen wird. Denn darum geht es Almudena Grandes in ihrem unterhaltsamen, leichten, bunten, aber nicht trivialen Roman: um Solidarität. Weiterlesen „Almudena Grandes – Kleine Helden“

Juli Zeh – Neujahr

Am frühen Neujahrsmorgen macht sich Henning auf zu einer schweren Bergtour mit dem Rad, denn in der Nacht war ES wieder da, wie es Juli Zeh in ihrem aktuellem Roman „Neujahr“ vielleicht etwas hochtrabend benennt. ES soll ausdrücken, wie ausgeliefert, wehrlos, ja auch ahnungslos Henning sich fühlt, wenn ES sich seiner bemächtigt. Eine erdrückende Übermacht, die sich in plötzlichen, furchtbaren Panikattacken äußert, in denen Hennings Herz verrückt zu spielen scheint, kein klarer Gedanke, schon gar kein Schlaf mehr möglich ist, und die Ausdruck sind von – ja, was eigentlich? Das tückische an solchen Panikattacken, deren Häufigkeit in der deutschen Bevölkerung sehr uneinheitlich mit 2,5 bis 15% angegeben wird, ist, dass meist kein benennbarer Grund für sie vorliegt. Weiterlesen „Juli Zeh – Neujahr“