Sigrid Undset – Kristin Lavranstochter Die Frau

Nachdem Kristin Lavranstochter im ersten Teil der Trilogie, für die die Autorin 1928 den Literaturnobelpreis erhielt, als junge eigenwillige Frau ihre Ehe mit dem angebeteten Erlend Nikulaussohn durchgesetzt hat, führt Sigrid Undset die Geschichte in Die Frau fort. Gegen den Willen ihres geliebten Vaters Lavrans Bjørgulvssohn hat sich Kristin diese Ehe ertrotzt. Ihre voreheliche Schwangerschaft konnte dadurch gerade noch legitimiert werden. Der schlechte Ruf Erlends, der zuvor mit einer anderen Frau in unehelicher Gemeinschaft lebte, aus der zwei gemeinsame Kinder stammen, erholt sich durch Kristins sorgsames Haushalten und erfolgreiche Geschäfte ihres Mannes langsam. Weiterlesen “Sigrid Undset – Kristin Lavranstochter Die Frau”

Helga Flatland – Zuunterst immer Wolle

Für die 67-jährige Anne ist es keine leichte Entscheidung, ihren stark pflegebedürftigen, dementen Ehemann Gustav in ein Pflegeheim zu geben. Zu sehr ist sie ihm noch emotional verbunden. Aber es liegen lange Jahre der Pflege bereits hinter ihr. Gustav war erst vierzig, als er den ersten Schlaganfall erlitt. Es folgten noch etliche weitere. Zunächst büßte er sein Sprachvermögen, dann motorische Fähigkeiten und schließlich auch noch Gedächtnis und Persönlichkeit ein. Zunehmend reagierte er auch aggressiv. Was für Anne nun trotz ihrer regelmäßigen Besuche im Pflegeheim eine Art Befreiung und Unabhängigkeit hätte werden können, durchkreuzt das Schicksal erneut aufs härteste. Bei ihr wird ein Darmtumor entdeckt, der bereits Metastasen gebildet hat. Anne wird sterben. Dass ihre Geschichte in Zuunterst immer Wolle dennoch keine deprimierende oder dunkle geworden ist, verdankt sich der pragmatischen, manchmal etwas ruppigen Art, mit der Helga Flatland ihre Protagonistin ausgestattet hat. Weiterlesen “Helga Flatland – Zuunterst immer Wolle”

Margaret Laurence – Eine Laune Gottes

Als 2020 anlässlich des geplanten Gastlandauftritts von Kanada der Roman Ein steinerner Engel  in neuer Übersetzung bei Eisele erschien, war ich nicht nur sehr begeistert, sondern auch sehr erstaunt, dass dieser großartige Text trotz zweimaliger Veröffentlichungen auch auf Deutsch (1965, 1988) hierzulande doch wenig Beachtung erhalten hat. Genauso verwunderlich ist, dass das nun ebenfalls bei Eisele erscheinende Eine Laune Gottes von Margaret Laurence bisher noch nicht einmal in deutscher Übersetzung vorlag. Nun hat ebenfalls Monika Baark diesen u.a. von Margaret Atwood hochgelobten und mit dem Govenor General´s Award, Kanadas renommiertestem Literaturpreis, ausgezeichneten Roman übertragen. Weiterlesen “Margaret Laurence – Eine Laune Gottes”

Claire Keegan – Kleine Dinge wie diese

Die irische Autorin Claire Keegan hat mit Kleine Dinge wie diese ein schmales, erstaunliches Buch geschrieben und der Steidl Verlag daraus ein kleines bibliophiles Schmuckstück gemacht. Mit wenigen Worten thematisiert die Autorin ein dunkles Kapitel irischer Geschichte und lässt einen Mann einen Gewissenskonflikt austragen. Ein wenig erinnert die Atmosphäre an Charles Dickens und seine Weihnachtsgeschichte. Und tatsächlich spielt Claire Keegan darauf auch verschiedentlich direkt an. Weiterlesen “Claire Keegan – Kleine Dinge wie diese”

Sarah Orne Jewett – Deephaven

Was für ein schöner, bezaubernder, sommerleichter Roman! Und immer wieder bin ich erstaunt, welch wunderbare Texte wieder- oder neuentdeckt werden. Vorzugsweise solche aus weiblicher Feder, denn die hat man ja gerne mal übersehen und nicht des Übersetzens für würdig gehalten, stammten sie nicht gerade von einer Jane Austen oder einer der Brontё-Schwestern. In den letzten Jahren tauchen so immer wieder kleine Perlen aus den Tiefen des Klassiker-Meeres auf. Haben sie dann das Glück, einen Bezug zur wirklichen See zu besitzen, kann es sein, dass sie als wunderbar gestaltete Ausgabe der Reihe Mare Klassiker erscheinen. Wie vor kurzem Deephaven, das Romandebüt der 1849 geborenen Sarah Orne Jewett. Weiterlesen “Sarah Orne Jewett – Deephaven”

Anne Tyler – Eine gemeinsame Sache

In mittlerweile 24 Romanen hat die 1941 geborene Amerikanerin Ann Tyler immer wieder leise, heitere Kammerspiele des Alltäglichen geschaffen. Vielleicht ist ihr deshalb trotz zahlreicher Nominierungen für die bedeutenden Buchpreise und dem Gewinn des Pulitzer für Atemübungen der ganz große Ruhm, zumindest hier bei uns in Deutschland, versagt geblieben. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich die Autorin recht konsequent dem literarischen Betrieb entzieht, kaum Interviews gibt, keine Lesereisen macht. Es wäre aber auf jeden Fall ein Fehler, Ann Tyler vorschnell ins Unterhaltungsfach abzuschieben, auch wenn sie sich ihre Themen im Alltag sucht, in der Familie, in Paarbeziehungen, im Durchschnittsleben, und sie immer den heiteren, den liebevollen Blick beibehält. Denn auch wenn die großen Tragödien, die Abgründe und die Politik meist, wenn überhaupt, nur am Rande aufscheinen, beinhalten ihre Bücher doch so viel Klugheit, Lebensweisheit und vor allem einen unbeirrbar scharfen Blick auf die Welt und ihre Menschen, dass man jedes davon ein wenig klüger verlässt. Außerdem ist ihr Stil so schnörkellos wie gekonnt, dass das Lesen einfach Freude macht. Von dieser Tradition weicht Anne Tyler auch in ihrem neuesten Roman Eine Gemeinsame Sache nicht ab. Weiterlesen “Anne Tyler – Eine gemeinsame Sache”

Kristine Bilkau – Nebenan

Es sind leise, poetische, nachdenklich-melancholische Romane, die Kristine Bilkau verfasst, Die Glücklichen (2015), Eine Liebe in Gedanken (2018) und nun Nebenan. Romane, die Beziehungen ausloten, sowohl im ganz persönlichen Bereich zwischen Liebenden, in der Familie, in Freundschaften, der Nachbarschaft, aber auch im Gesellschaftlichen Bereich, in der Nachbarschaft, im Dorf, der Stadt. Weiterlesen “Kristine Bilkau – Nebenan”

Adania Shibli – Eine Nebensache

Eine Nebensache betitelt Adania Shibli ihren schmalen Roman, mit dem sie 2020 und 2021 für den National Book Award for Translated Literature und den International Booker Prize nominiert war, genauer gesagt Tafsil Thanawi (Eine Kleinigkeit). Alles andere als eine Kleinigkeit ist aber die Geschichte, die sie im ersten Teil des Romans sparsam, präzise, unerbittlich erzählt.

Es ist der August 1949. Die sengende Sonne prallt unerbittlich auf die Wüste Negev im Süden Israels. Eine kleine Militäreinheit baut in ihrer von Disteln, dürrem Gestrüpp und Steinen geprägten Ödnis ihr Lager auf. Hier, dicht an der ägyptischen Grenze, sollen sie die Gegend durchforsten und von feindlich gesinnten Arabern befreien. Der Staat Israel ist noch jung und hat bereits seinen ersten Unabhängigkeitskrieg hinter sich. Weiterlesen “Adania Shibli – Eine Nebensache”

Bettina Wilpert – Herumtreiberinnen

Herumtreiber:innen – was ist damit eigentlich gemeint? Menschen, die sich treiben lassen? Die sich keinem strikten Regelwerk unterwerfen? Die ihren Weg vielleicht noch nicht gefunden haben? Oder die sich vom Leben einfach überraschen lassen wollen? Heute hier, morgen dort. Auf jeden Fall ist der Begriff negativ konnotiert. Zumindest in einer Gesellschaft, die möglichst alles regulieren und unter Kontrolle halten möchte. Und das ist eher die Norm und steht in einer historischen Kontinuität. Und dass diese Kontrolle die weibliche Hälfte der Gesellschaft mehr betrifft als die männliche, auch das ist leider üblich. Wie unterschiedliche Gesellschaften mit denen, die ausscheren, umgehen, zeigt uns Bettina Wilpert in ihrem Roman Herumtreiberinnen. Weiterlesen “Bettina Wilpert – Herumtreiberinnen”

Laura Cwiertnia – Auf der Straße heißen wir anders

Aghet – der Völkermord an den Armeniern begann im April 1915, als hunderte namhafte armenische Schriftsteller und Intellektuelle aus Istanbul verschleppt wurden. Darauf folgend wurden die armenischen Soldaten aus dem Heer entlassen, später fast alle wehrfähigen Männer exekutiert und die gesamte restliche Bevölkerung, vor allem Alte, Frauen und Kinder, aus den armenischen Dörfern deportiert. Die Vertreibung der Armenier endete in Todesmärschen quer durch Anatolien oder in die syrischen Wüste: bis zu 1,5 Millionen Menschen liefen so in den Tod. Während die Türkei den Genozid immer noch leugnet, findet man mittlerweile immer häufiger Romane, die von der Enkel- und Urenkelgeneration verfasst wurden und die sich mit den Spuren, die die vor mehr als einhundert Jahren verübten Taten bei den Familien und Nachkommen hinterlassen haben, beschäftigen. 2019 etwa stand Katerina Poladjans Hier sind Löwen auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Laura Cwiertnia schreibt in ihrem Debüt Auf der Straße heißen wir anders über eine Familie mit armenischen Wurzeln. Weiterlesen “Laura Cwiertnia – Auf der Straße heißen wir anders”