Cora Sandel – Café Krane

Die 1880 als Sara Cecilie Margarete Gørvell Fabricius in Christiania geborene und in Tromsø aufgewachsene Schriftstellerin Cora Sandel kennt kaum eine Leser*in hier in Deutschland. In ihrem Heimatland gehört sie allerdings zu den ganz großen Autorinnen, den Klassikern. Auf Deutsch wurde in den 1960er Jahren im Schweizer Rascher Verlag ihre als Hauptwerk geltende Alberte-Trilogie veröffentlicht. Anlässlich des Gastlandauftritts Norwegens zur Frankfurter Buchmesse 2019 erschien nun ein anderes Werk von Cora Sandel: Café Krane. Weiterlesen „Cora Sandel – Café Krane“

Almudena Grandes – Kleine Helden

Es sind kleine Helden, oder oft auch die kleinen Heldinnen, von denen die spanische Autorin Almudena Grandes erzählt. Diejenigen, die ihr Leben trotz aller Widrigkeiten jeden Tag von Neuem stemmen, manchmal maulend, manchmal laut zeternd, aber immer wieder dafür sorgen, dass es irgendwie weiter geht, die Kinder in die Schule, das Essen auf den Tisch kommen und darüber hinaus aber auch nicht die Gemeinschaft vergessen wird. Denn darum geht es Almudena Grandes in ihrem unterhaltsamen, leichten, bunten, aber nicht trivialen Roman: um Solidarität. Weiterlesen „Almudena Grandes – Kleine Helden“

Juli Zeh – Neujahr

Am frühen Neujahrsmorgen macht sich Henning auf zu einer schweren Bergtour mit dem Rad, denn in der Nacht war ES wieder da, wie es Juli Zeh in ihrem aktuellem Roman „Neujahr“ vielleicht etwas hochtrabend benennt. ES soll ausdrücken, wie ausgeliefert, wehrlos, ja auch ahnungslos Henning sich fühlt, wenn ES sich seiner bemächtigt. Eine erdrückende Übermacht, die sich in plötzlichen, furchtbaren Panikattacken äußert, in denen Hennings Herz verrückt zu spielen scheint, kein klarer Gedanke, schon gar kein Schlaf mehr möglich ist, und die Ausdruck sind von – ja, was eigentlich? Das tückische an solchen Panikattacken, deren Häufigkeit in der deutschen Bevölkerung sehr uneinheitlich mit 2,5 bis 15% angegeben wird, ist, dass meist kein benennbarer Grund für sie vorliegt. Weiterlesen „Juli Zeh – Neujahr“

Delphine de Vigan – Loyalitäten

Was Loyalitäten für sie bedeuten, hat Delphine de Vigan gleich zu Beginn ihres neuen, gleichlautenden Romans definiert.

„Das sind die unsichtbaren Verbindungen, die uns mit den anderen – den Toten wie den Lebenden – verbinden, leise gemachte Versprechungen, deren Auswirkungen wir nicht kennen, still gehaltene Treue, das sind Verträge, die wir hingenommen, aber nie gehört haben, und in den Nischen unserer Erinnerungen nistende Schulden.“

„Das sind die Sprungbretter, auf denen sich unsere Kräfte entfalten, und die Gruben, in denen wir unsere Träume begraben.“

Um verschiedene Arten von Loyalitäten dreht sich der Roman, und dass der Begriff nicht nur positiv besetzt ist, wird damit auch gleich von Anfang an klar. Weiterlesen „Delphine de Vigan – Loyalitäten“

Elena Ferrante – Lästige Liebe

Bereits 1992 erschien in Italien der Debütroman „Lästige Liebe“ von Elena Ferrante, 1994 auch in Deutschland, wo er im Gegensatz zum Ursprungsland wenig Beachtung fand. Nun, nach dem fulminanten Erfolg, den die Neapolitanische Tetralogie weltweit und auch bei uns hatte, veröffentlicht der Suhrkamp Verlag die Neuübersetzung von Karin Krieger. Zahlreiche Motive des späteren Werks sind auch schon in „Lästige Liebe“ angelegt.

Erzählanlass ist hier wie dort ein rätselhaftes Verschwinden. So wie Lila zu Beginn der „Genialen Freundin“ spurlos verschwunden ist, so taucht auch die Mutter der Ich-Erzählerin Delia im wahrsten Sinne des Wortes ab. Ihre Leiche wird allerdings gefunden, der Roman beginnt:

„Meine Mutter ertrank in der Nacht des 23. Mai, an meinem Geburtstag, im Meer vor einem Ort namens Spaccavento, wenige Kilometer von Minturno entfernt.“

Die Umstände ihres Todes sind äußerst rätselhaft. Amalia war zwei Tage zuvor von Neapel aus mit dem Zug Richtung Rom aufgebrochen, um dort ihre Tochter zu besuchen. Drei merkwürdige Anrufe von ihr erreichten Delia, sie sei mit einem Mann zusammen, es folgten Beschimpfungen und schließlich ein Hilferuf, der Mann verfolge sie und wolle auch der Tochter nichts Gutes. In Rom kam Amalia nicht mehr an. Man fand ihre Leiche, nur mit einem teuren Designer-BH bekleidet, ertrunken am Strand. Unfall? Selbstmord? Oder sogar Mord? Die letzten zwei Tage der Mutter bleiben rätselhaft. Weiterlesen „Elena Ferrante – Lästige Liebe“

Jennifer Egan – Manhattan Beach

Kaum eine Besprechung von Jennifer Egan lang ersehnten, neuen Roman „Manhattan Beach“ kommt ohne den Vergleich mit ihrem 2011 mit dem Pulitzer Prize ausgezeichneten „Der größere Teil der Welt“ aus. Dieser hatte eine tolle Geschichte, war formal sehr experimentell gestaltet und dennoch ungemein lesbar und unterhaltend – ein Geniestreich, der sogleich zu einem der bedeutendsten Romane des beginnenden 21. Jahrhunderts ernannt wurde.

Nachfolgende Werke werden wohl immer an diesem Buch gemessen werden. Dennoch gelang es Jennifer Egan 2013 mit „Black Box“ erneut zu überraschen und auch zu überzeugen. Dies war ein „Twitter-Roman“, bestehend aus Abschnitten mit maximal 140 Zeichen, der einen spannenden Thriller-Plot lieferte. Innovativ und trotzdem gut konsumierbar. Weiterlesen „Jennifer Egan – Manhattan Beach“

Natascha Wodin – Irgendwo in diesem Dunkel

Natascha Wodin – Irgendwo in diesem Dunkel

„Ich schaue sie lange an hinter der Scheibe, bis es dunkelt, bis das Friedhofstor abgeschlossen wird und ich gehen muss. Ihr Gesicht ist fern und verschlossen, es verrät nichts von den Umständen ihres Sterbens, nichts davon, warum sie uns, meine Schwester und mich, doch nicht mitgenommen hat, warum sie am Ende allein gegangen ist.“

So endete Natascha Wodins im letzten Jahr erschienener und mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneter Roman „Sie kam aus Mariupol“. Darin erzählt sie vom Leben ihrer Mutter, über das sie erst durch mühevolle Recherchen und nur bruchstückweise etwas erfahren hat. Denn die Mutter ging 1956, als Natascha Wodin gerade mal zehn Jahre alt war, ins Wasser der Regnitz, dem Fluss, an dem die fränkische Kleinstadt liegt, Wohnort der als ehemalige russische Zwangsarbeiter nach dem Krieg zu „Displaced Persons“ gewordenen Eltern. Die Suche nach Spuren dieser sehnlichst vermissten Mutter schilderte Wodin äußerst bewegend und schloss mit eben jenem Bild des kleinen Mädchens vor dem aufgebahrten Leichnam. Weiterlesen „Natascha Wodin – Irgendwo in diesem Dunkel“

Rachel Cusk – Kudos

Mit „Kudos“ wählt Rachel Cusk einen im englischsprachigen Raum und wohl auch im Internet durchaus gebräuchlichen, aus dem Griechischen stammenden Begriff für Anerkennung,  vergleichbar dem deutschen (ungleich bräsigerem) „Hut ab!“, zum Titel. Kudos ist der dritte Teil der von der Autorin so genannten „weiblichen Odyssee des 21. Jahrhunderts“ von Rachel Cusk betitelt.

„Outline“ und „Transit“ gehen ihm voraus. Und wieder haben wir es mit Faye zu tun, jener Schriftstellerin im mittleren Alter, geschieden, zwei Teenagersöhne, wiederverheiratet, die wir als schweigende, fast unsichtbare Erzählerin kennenlernten. Auch hier wird sie vor allem zur Zuhörerin, die bei den unterschiedlichsten Begegnungen bei ihrem Gegenüber eine verwunderliche Offenheit und Redeflut auslöst, vielleicht gerade durch ihre zurückgenommene, fast passive Rolle. Oft wird geschrieben, dass Cusks Romane keinerlei Plot besitzen. Aber alle diese Gespräche enthalten eine komprimierte Geschichte, manchmal tragisch, manchmal lächerlich, manchmal alltäglich. Weiterlesen „Rachel Cusk – Kudos“

Ayobami Adebayo – Bleib bei mir

Ayobami Adebayo erzählt in Bleib bei mir von Yejide und Akin, einem modernen Ehepaar in Nigeria. Sie stammen aus recht privilegierten Verhältnissen, haben studiert und aus Liebe geheiratet. Das ist vier Jahre her. Vier Jahre, in denen beide ziemlich glücklich waren.

Yejide selbst hat keine sehr schöne Kindheit hinter sich. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt und die anderen Frauen ihres Vaters – in Nigeria ist Polygamie durchaus noch verbreitet – haben sie nie richtig in die Familie integriert, sie verachtet und gepeinigt. Deshalb ist sie über die Ehe mit Akin, der die Vielehe wie sie ablehnt, so glücklich wie über die Liebe, Anerkennung und Zuwendung, die sie durch Akins Familie, insbesondere seine Mutter, erfährt. Sie leben in der südwestnigerianischen Stadt Ilesa, auch in der Ehe ist sie berufstätig, führt einen kleinen, gut gehenden Frisiersalon.

Nur eines fehlt noch. Etwas, das besonders in den alten, den Traditionen trotz vordergründiger Modernität und Aufgeschlossenheit stark verhafteten Gesellschaften für das Glück einer Frau, einer Ehefrau, unabdingbar ist: der Nachwuchs. Weiterlesen „Ayobami Adebayo – Bleib bei mir“

Meg Wolitzer – Das weibliche Prinzip

„#Metoo“, „Womans March“, „Power to the polls“, „Get her elected“ – es scheint als erlebe der Feminismus nach einer Zeit, in der sich erstaunlicherweise gerade viele junge Frauen demonstrativ davon distanzierten, meinten, seine Ziele seien doch weitgehend erreicht, wieder neuen Schwung. Gerade in Amerika, wo mittlerweile ein expliziter Frauenverächter an der Macht sitzt, regt sich Gegenwehr. Hier spürt man vielleicht besonders deutlich, dass sich in den Denk- und Verhaltensmustern der Geschlechter doch gar nicht so grundlegend etwas verändert hat wie man gemeinhin glaubte. Meg Wolitzer will mit Das weibliche Prinzip dagegen anschreiben. Weiterlesen „Meg Wolitzer – Das weibliche Prinzip“