„Ein Roman über Liebe und Kybernetik“ verspricht der Klappentext und irritiert hoffentlich im besten Sinn und macht neugierig. Kybernetik, was war das noch gleich? Kybernetik beschäftigt sich mit der Regulation von komplexen Systemen. Neben komplizierten Maschinen ist der menschliche Körper ein solches System, aber weiter gedacht auch Gesellschaften, generell Beziehungen zwischen Lebewesen. Meist geschieht diese Regulierung über einen Regelkreis, den Vergleich von Soll- und Ist-Werten und der Aktivierung von Regelmechanismen, wenn diese voneinander abweichen. Das Herz ist eines der Organe, die sich (zumindest in begrenztem Umfang) selbst regulieren können. Aber funktioniert eine solche Selbstregulation auch in Gesellschaften? Der Neoliberalismus würde sagen: Ja. Den Konterpart könnte die sozialistische Planwirtschaft einnehmen, die nicht nur wirtschaftliche Systeme zentral regeln will. Peggy Mädler schaut sich diesen Dualismus in ihrem neuen Roman Selbstregulierung des Herzens genau an. Und das auf hinreißende, gar nicht technokratisch trockene Art und Weise. Weiterlesen „Peggy Mädler – Selbstregulierung des Herzens“
Schlagwort: Autorinnen
Maylis de Kerangal – Brandung
Gleich zu Beginn fühlt man sich in Brandung, dem neuen Roman der französischen Autorin Maylis de Kerangal, wie in einem der immer etwas düsteren, geheimnisvollen, schwebenden Texte ihres Landsmannes Patrick Modiano. Es ist aber nicht Paris, durch das sich die namenlose und etwas unzuverlässige Ich-Erzählerin die meiste Zeit bewegt, sondern die Industrie- und Hafenstadt Le Havre in der Normandie. Von dort erhält sie einen Anruf der ortsansässigen Kriminalpolizei. Man müsse sie in einer Angelegenheit, die sie beträfe dringend sprechen. Es ginge um ein „unidentifiziertes Individuum“, und man verspräche sich Informationen von ihr. Einerseits erschüttert dieser Anruf die Erzählerin über die Maßen, andererseits fragt sie kaum nach, warum man von ihr Informationen zu dem tot aufgefundenen Mann erwartet. Weiterlesen „Maylis de Kerangal – Brandung“
Margaret Laurence – Glücklichere Tage
Ich habe die Schriftstellerin Margaret Laurence, die am 18. Juli 2026 ihren 100. Geburtstag feiern würde, wäre sie nicht bereits 1987 verstorben, anlässlich des Ehrengastauftritts Kanadas bei der Frankfurter Buchmesse 2020/21 kennengelernt. Ein größeres deutschsprachiges Publikum hat sie bisher leider (noch) nicht erreicht. Was auf jeden Fall nicht am Engagement ihres Verlags liegt. Der kleine Eisele Verlag bemüht sich seit der Veröffentlichung ihres vielleicht erfolgreichsten Roman Der steinerne Engel 2020 unverdrossen um das gesamte Romanwerk von Margaret Laurence, so ist unlängst der vierte Teil ihrer losen Manawaka-Reihe, Glücklichere Tage, (OT „The Diviners“ 1974) in der wie immer großartigen Übersetzung von Monika Baark, erschienen. Weiterlesen „Margaret Laurence – Glücklichere Tage“
Iryna Fingerova – Zugwind
Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar 2022 sind über 1,2 Millionen Menschen nach Deutschland gekommen, um hier Schutz zu suchen. Wir sehen sie beinahe täglich, aber wie leben sie hier, welche Schicksale tragen sie, welche Ängste, Hoffnungen, Träume begleiten sie? Und wie geht es den Zurückgebliebenen? Auch wenn beinahe jeden Tag Nachrichten über den Krieg bei uns eintreffen, kann ich mir diese Fragen nicht über die üblichen Klischees hinaus beantworten. Iryna Fingerova, in Dresden lebende Ärztin und Schriftstellerin hat mit Zugwind ein außergewöhnlich gelungenes Buch darüber geschrieben. Weiterlesen „Iryna Fingerova – Zugwind“
Hannah Häffner – Die Riesinnen
Ein weiterer der in diesem Jahr so präsenten Frauen-Generationen-Romane liegt mit Die Riesinnen von Hannah Häffner vor. Und wieder ist bei allen Gemeinsamkeiten ein anderer, neuer Blickwinkel und ein anderer, spezieller Ton zu entdecken. Ein Ton, der sowohl die Literaturkritik als auch die Leser:innen und Buchhändler:innen sehr begeistert. Verortet – und der Ort, der Begriff Heimat ist hier von zentraler Bedeutung, fast schon ein weiterer Protagonist – sind Die Riesinnen im kleinen, fiktiven Dorf Wittenmoos im Schwarzwald. Der Schwarzwald wird in der Literatur oft als dunkle, raue, auch ein wenig unheimliche Landschaft dargestellt. Und ein wenig davon ist auch in der Atmosphäre der Riesinnen zu spüren. Düster oder wuchtig ist der literarische Debütroman von Hannah Häffner (zuvor hat sie bereits Kriminalromane verfasst) aber gar nicht, auch wenn gleich in der Eingangsszene ein gewaltiges Gewitter niedergeht. Weiterlesen „Hannah Häffner – Die Riesinnen“
Elli Unruh – Fische im Trüben
Elli Unruh wurde mit ihrem Debütroman Fische im Trüben für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominiert. Er reiht sich ein in eine in diesem Jahr besonders präsente Reihe von Familienromanen mit osteuropäischem Bezug, wie beispielsweise die von Katherina Braschel, Nadine Schneider, Betty Boras oder Oliwia Hälterlein, hat aber gleichzeitig einen ganz besonderen, bisher eher unbekannten Fokus auf eine russlanddeutsche Familie im südöstlichen Kasachstan, die der aus der Täuferbewegung der Reformationszeit entstandenen Religionsgemeinschaft der Mennoniten angehört. Wie so oft geht auch hier die Geschichte der Ansiedlung auf Katharina die Große zurück. Diese warb ab 1763 gezielt deutsche Siedler an, um die riesigen Weiten ihres Reichs urbar zu machen. Die Bauern und Handwerker wurden vor allem im Schwarzmeergebiet und an der Wolga heimisch. Und dort liegen auch die Wurzeln der Familie Fest. Weiterlesen „Elli Unruh – Fische im Trüben“
Judith Holofernes – Hummelhirn
Ein „Hummelhirn“ ist für Judith Holofernes, ehemalige Frontfrau der Rockband „Wir sind Helden“ und nach Die Träume anderer Leute Autorin des gleichnamigen autobiografischen Buchs, das, was Kleine und Große mit beispielsweise der Diagnose AD(H)S (Judith erhielt ihr Diagnose erst mit 45) mit sich herumtragen. Dabei will Judith Holofernes ihre Erfahrungen aber nicht allein auf eine Erkrankung festlegen, sondern sie für alle, wie sie es nennt, „komischen Kinder“ ausweiten. Also solche, die nicht so einfach in ein Raster passen, die vielleicht „anders“ sind, und damit in der Gesellschaft und besonders der Schule immer wieder anecken. So wie die Autorin das selbst als Kind erlebt hat. Weiterlesen „Judith Holofernes – Hummelhirn“
Safae El Khannoussi – Oroppa
Ich tue es eigentlich selten, aber hier muss ich damit anfangen: Über die Gestaltung eines Buches schreiben. Wie schön das Buch Oroppa von Safae El Khannoussi dem Hanser Verlag gelungen ist! Satte Farben in edlem Leinen. Wann hält man heute schon so ein sorgfältig hergestelltes Buch in der Hand? Der Debütroman der 1994 in Tanger geborenen Niederländerin hat in ihrem Heimatland schon wahre Begeisterungsstürme ausgelöst hat und wurde vielfach preisgekrönt. Weiterlesen „Safae El Khannoussi – Oroppa“
Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit
Vor einigen Wochen hat Judith Hermann mit Ich möchte zurückgehen in der Zeit ein neues Buch veröffentlicht. Ich war an einem ihrer ersten Lesungstermine in der Villa Clementine in Wiesbaden und sogleich vom „Sound“ des Buches und dem, was Judith Hermann über es zu sagen hatte, fasziniert. Dabei bin ich eigentlich nicht wirklich ein Hermann-Fan. Einige Bücher gefielen mir, oft war mir aber das Kreisen um Befindlichkeiten zu viel, der oft bejubelte Hermann-Ton in seiner elegischen Melancholie ebenso. Ich möchte zurückgehen in der Zeit nun hat nach Erscheinen einiges an herber (und meiner Meinung nach ungerechtfertigter) Kritik einstecken müssen. Die Kritiker:innen schienen sich in ihren Verrissen geradezu überbieten zu wollen. Interessanterweise stand das Buch dennoch auf der SWR-Bestenliste, die von 30 ebensolchen Kritiker:innen bestimmt wird, im März gleich auf Platz 1. Im April allerdings taucht das Buch dort nicht mehr auf. Haben die Kritiker:innen a) das Buch im März noch nicht gelesen gehabt oder b) im April schnell zurückgezogen, weil es so viele Verrisse gab? Das wird nicht das letzte Geheimnis der Literaturkritik bleiben. Weiterlesen „Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit“
Oliwia Hälterlein – Wir Töchter
Nicht alle Leserinnen sind (bereits) Mütter, aber wir alle sind Töchter. Der Debütroman von Oliwia Hälterlein Wir Töchter rückt diesen Aspekt in den Vordergrund und macht ihn (nicht nur dadurch) in der Menge der gerade erscheinenden Generationenromane mit besonderem Fokus auf die Frauenfiguren zu etwas Besonderem. Ich-Erzählerin auf der Gegenwartsebene ist Waleria, die als Säugling mit ihrer Mutter Róża in den 1980er Jahren von Polen nach Westdeutschland migriert ist. Mit ihr droht die Kette von Töchtern in ihrer Familie abzureißen, denn nach einer Not-OP, die durch das Platzen einer Eierstockzyste und dem drohenden inneren Verbluten nötig wurde, und der Diagnose PCOS (Polyzystisches Ovarialsyndrom) ist die Möglichkeit einer zukünftigen eigenen Schwangerschaft sehr gering. Waleria empfindet eine „erdrückende Traurigkeit“, dabei hatte sie nie einen Kinderwunsch verspürt. Aber nun? Wird sie die Letzte in der „Töchterkette“ sein? Weiterlesen „Oliwia Hälterlein – Wir Töchter“









