Tayari Jones – Das zweitbeste Leben

„Mein Vater, James Witherspoon, ist ein Bigamist.“ So lässt Tayari Jones ihren etwas ungewöhnlichen Familienroman Das zweitbeste Leben beginnen. Sie gibt Dana Yarboro die Stimme, einer der beiden Töchter, die James Witherspoon mit seinen beiden Ehefrauen hat. Denn Dana weiß seitdem sie klein ist, dass sie und ihre Mummy „ein Geheimnis“ sind. Jeden Mittwochabend isst der Vater mit seiner kleinen Zweitfamilie, oft begleitet von seinem Freund und Quasi-Bruder Raleigh. Er möchte zu seiner Tochter und deren Mutter stehen, Verantwortung übernehmen. Auch wenn dies in der Regel durch Geld geschieht, mit dem er den Lohn der Krankenschwester aufbessert, die Ausbildung Danas und kleine Extraausgaben bezahlt. Weiterlesen “Tayari Jones – Das zweitbeste Leben”

Brit Bennett – Die verschwindende Hälfte

Die 1990 in Kalifornien geborene Brit Bennett gilt nach ihrem vielbeachteten Essay „I don’t know what to do with good white people“ und ihrem erfolgreichen Debütroman „Die Mütter“ als eine der vielversprechendsten jungen Schriftstellerinnen der USA. Mit ihrem neu erschienenen Buch Die verschwindende Hälfte scheint Brit Bennett einen Roman zur Stunde, einen Beitrag zur Black Lives Matter-Bewegung geschaffen zu haben. In Amerika erschien „The vanishing half“ eine Woche nachdem George Floyd von einem Polizisten getötet wurde. Weiterlesen “Brit Bennett – Die verschwindende Hälfte”

Margaret Laurence – Der steinerne Engel

Eine 90jährige – am Ende ihres Lebens. Das könnte eine Geschichte voller Wehmut werden, ein Roman vom Abschied, ein Rückblick auf ein erfülltes Leben oder eines voller Enttäuschungen und verpasster Chancen – melancholisch, traurig oder auch versöhnlich. Wenn, ja wenn Margaret Laurence in Der steinerne Engel nicht Hagar Shipley zur Hauptfigur gemacht hätte. Denn Hagar ist, hier passt der altmodische Ausdruck perfekt, eine richtige Kratzbürste. Weiterlesen “Margaret Laurence – Der steinerne Engel”

Minka Pradelski – Es wird wieder Tag

Die Frankfurter Soziologin Minka Pradelski wurde 1947 im Lager für Displaced Persons in Zeilsheim geboren, in ihrem neuen Roman Es wird wieder Tag fügt sie der großen Geschichte der Shoah ein weiteres, persönliches Mosaiksteinchen hinzu. Sie erzählt von Überlebenden, deren Leidensweg weit über die Befreiung der Lager hinausgeht, die ihre Traumata in die Nachkriegszeit mitnehmen und an die Nachfolgegenerationen weitervererben. Gerade weil sie diese davor schützen wollen. Durch Schweigen. Weiterlesen “Minka Pradelski – Es wird wieder Tag”

Candice Carty-Williams – Queenie

„Ach, Queenie“, nicht nur einmal entfuhr der Leserin des Debütromans von Candice Carty-Williams dieser Stoßseufzer. Queenie, die 25 jährige Protagonistin des bei den British Book Award als Book of the Year ausgezeichneten Erstlings sucht ihren Platz im Leben. Und stellt sich dabei nicht nur äußerst ungeschickt, sondern auch selbstzerstörerisch an. Letzteres verbietet auch eigentlich den von der britischen Presse herangezogenen Vergleich, den einer „Schwarzen Bridget Jones“ nämlich. Weiterlesen “Candice Carty-Williams – Queenie”

Seweryna Szmaglewska – Die Frauen von Birkenau

Seweryna Szmaglewska war 26 Jahre alt, als sie am 18. Juli 1942 in ihrer Heimatstadt Piotrków Trybunalski verhaftet wurde. Grund dafür war nicht die Untergrundarbeit, die die junge Warschauer Soziologiestudentin für den polnischen Widerstand leistete, sondern die tragische Fehleinschätzung eines deutschen SS-Mannes, der das Geraderücken ihrer Brille in der Öffentlichkeit als ein geheimes Signal interpretierte. Zur Zeit der deutschen Besatzung Anlass genug für eine Internierung. Seweryna Szmaglewska wurde im Oktober nach Auschwitz-Birkenau deportiert und verbrachte dort, bis sie im Januar 1945 bei der Liquidierung des Lagers fliehen konnte, unglaubliche 30 Monate als politische Gefangene. Sie begann sogleich mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen, die sie in Polen zu einer bekannten Autorin machten und zu einer der Zeuginnen bei den Nürnberger Prozessen. Übersetzungen in zehn Sprachen folgten, Deutsch war nicht darunter. Erst jetzt, 75 Jahre später, erscheinen die Aufzeichnungen von Seweryna Szmaglewska im Schöffling Verlag unter dem Titel Die Frauen von Birkenau. Weiterlesen “Seweryna Szmaglewska – Die Frauen von Birkenau”

Lily King – Writers & Lovers

Darf man einer Autorin vorwerfen, offensichtlich alles richtig gemacht zu haben? Ist es kritikwürdig, dass im neuen Roman von Lily King alles zu gut passt, er den Leserinnen zu sehr aus der Seele spricht, zu sehr gewisse Erwartungen erfüllt? Writers & Lovers ist nach eigener Aussage der „Roman, den ich als Zwanzig- und Dreißigjährige so schmerzlich vermisst hatte“, den Lily King vor dreißig Jahren selbst gerne gelesen hätte. Und da sich die Zeiten in manchen Dingen leider so wenig geändert haben, ist es wohl auch der Roman, den heute viele (nicht nur Zwanzig- und Dreißigjährige) gerne lesen möchten. Weiterlesen “Lily King – Writers & Lovers”

Zora del Buono – Die Marschallin

Zora del Buono schreibt über Zora Del Buono. Dabei ist die Groß- bzw. Kleinschreibung in der Mitte des Namens von Bedeutung. Denn die Großmutter Zora Del Buono, deren Lebensgeschichte die Schweizer Autorin des gleichen Namens vor ihrem Lesepublikum ausbreitet, die titelgebende „Marschallin“, ist überzeugte Kommunistin und jeder Adelsdünkel ihr, zumindest offiziell, ein Gräuel.

Nach einem kurzen Prolog beginnt der Roman 1919 in einem kleinen Dorf im Nordwesten Sloweniens, Bovec. Hier am Grenzfluss Isonzo ((italienisch), Soča (slowenisch), Sontig (deutsch), Lusinç (friaulisch) – je nach aktuellem Besatzer), fand die letzte von insgesamt zwölf Isonzoschlachten im Ersten Weltkrieg statt. Dank Einsatz von Giftgas konnten die Österreicher mit Unterstützung der Deutschen die Italienischen Truppen zurückdrängen. Die Schlachten forderten Hunderttausende an Toten und formten dieses Grenzgebiet nachhaltig. Weiterlesen “Zora del Buono – Die Marschallin”

Petina Gappah – Im Herzen des Goldenen Dreiecks

Im vergangenen Jahr gehörte der neue Roman von Petina Gappah, Aus der Dunkelheit strahlendes Licht, der von Tod und Überführung des Afrikaforsches David Livingston erzählte, zu meinen Lese-Highlights, jetzt veröffentlicht der Arche Verlag den Erstling der Autorin von 2009, den Erzählungsband Im Herzen des Goldenen Dreiecks. Weiterlesen “Petina Gappah – Im Herzen des Goldenen Dreiecks”

Charlotte Wood – Ein Wochenende

Jude, Wendy und Adele – drei Frauen weit in den Siebzigern, Freundinnen seit gefühlt ewig – treffen sich, um wie seit Jahrzehnten ein sonnendurchflutetes, heißes australisches Weihnachten am Meer zu verbringen. Doch Charlotte Wood lässt die alten Damen kein gemütliches Fest feiern, sie treffen sich in Ein Wochenende, um das Strandhaus ihrer kürzlich verstorbenen Freundin Sylvie, Vierte im Bunde, auszuräumen, damit es von deren Tochter verkauft werden kann. Erinnerungen werden wach und die Beziehungen untereinander neu ausgelotet. Weiterlesen “Charlotte Wood – Ein Wochenende”