Svenja Leiber – Nelka

„Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen“ schrieb einst William Faulkner. Und wie zutreffend dieser Satz ist, zeigt sich immer wieder gerade auch in der Literatur. Viele Neuerscheinungen, auch von jüngeren Autor:innen kommen (glücklicherweise) immer wieder auf Ereignisse der Geschichte zu sprechen, die noch nicht auserzählt sind, auch wenn es stapelweise Texte dazu gibt. Die Grausamkeiten der nationalsozialistischen Herrschaft und der Weltkriege sind Beispiele, Verfolgung, Verschleppung, Ermordung, Flucht, Vertreibung. So viele Menschen davon betroffen waren, so viele Geschichten lassen sich darüber erzählen. Svenja Leiber hat mit Nelka eine weitere hinzugefügt. Weiterlesen „Svenja Leiber – Nelka“

Katherina Braschel – Heim holen

„Donauschwaben“, dieser von der Ich-Erzählerin zufällig in einem Bus aufgeschnappte Begriff, triggert sie, sich an ihre eigene Kindheit und ihr Verwurzeltsein und Aufwachsen in eben dieser Gemeinschaft zu erinnern. Davon erzählt die Österreicherin Katherina Braschel in ihrem Debütroman Heim holen. Weiterlesen „Katherina Braschel – Heim holen“

Katharina Köller – wild wuchern

Es geht hochdramatisch los im neuen Roman von Katharina Köller, Wild wuchern – man fühlt sich wie in einem Thriller. Eine junge Frau, Marie, Schuhdesignerin aus Wien, ein Luxusgeschöpf im Carolina Herrera Pullover, hastet in der Nacht einen Berg in Tirol hoch. Sie fühlt sich verfolgt – bald erfährt man: von ihrem Ehemann Peter, der sie auf Händen trägt, verbal erniedrigt und auch vor physischer Gewalt nicht zurückschreckt, mal das eine, mal das andere, für Marie schwer vorhersehbar. Vor ihm ist sie auf der Flucht. Und vor etwas, das sie wohlmöglich in Wien getan hat. Sie ist auf dem Weg zur Berghütte ihres Großvaters, in der seit dessen Tod die Cousine Johanna ein einsames, eigenbrödlerisches Leben in der Natur führt. Hier hofft sie, nicht gefunden zu werden. Weiterlesen „Katharina Köller – wild wuchern“

Carla Bessa – tage leben

tage leben von Carla Bessa trägt keine Genre-Bezeichnung. Es ist ein Text, der formal changiert, auch in der Typografie. Rechtsbündiger und linksbündiger Flattersatz, Mittelachsensatz – der Text gleicht optisch (und manchmal ganz) einem lyrischen Werk. Die Erzählerin Carla Bessa sucht augenscheinlich nach einer Form für das, was sie erzählen will, erzählen muss. Es sind zwei tragische Ereignisse, die in den Juni 2000 zurückführen. Eines davon berührt sie ganz persönlich. Sie verknüpft es mit einem anderen Vorfall, der nur einen Tag früher ebenfalls in Rio de Janeiro stattgefunden hat und setzt beide in Beziehung zueinander.

„zwei tage waren es

zwei leben in zwei tagen
zwei tage
leben waren es“

Man spürt das Ringen um den Text, das sich auch in ungewöhnlicher Zeichensetzung und Textstruktur äußert. Und im anfangs sehr häufigen Wechsel von der Ich-Perspektive in die dritte Person „sie“. Der Text ist zudem konsequent in Kleinschreibung verfasst.

Zwei Gewalttaten im Juni 2000

Es ist der 14. Juni 2000, als die Erzählerin einen Anruf ihres Bruders aus Brasilien erhält. Sie selbst lebt mit ihrem Lebenspartner in Deutschland. Der Anrufer teilt ihr mit, dass der ältere Bruder am Vortag ermordet wurde. Er wurde Opfer eines Raubüberfalls kurz vor der Tür seines Hauses in Niteroi, unweit einer der berüchtigten Favelas. Da er zur Zeit des Überfalls mit seiner Ex-Frau telefonierte, bekam diese Teile der Ermordung quasi live mit. Der Bruder bittet die Erzählerin, nach Brasilien zu kommen und sich um die Mutter zu kümmern.

Noch einen Tag früher „entführte der 21-jährige Sandro do Nascimento einen voll besetzten Bus der Linie 174 in Rio de Janeiro. Gleichzeitig mit der Polizei waren die Medien zur Stelle und übertrugen die tragisch endende Entführung viereinhalb Stunden lang live. Wie sich später herausstellte, war der Entführer ein Überlebender des Candelária Massakers, ein Massenmord, der sich sieben Jahre zuvor an der Candelária Kirche in der Innenstadt von Rio de Janeiro ereignet und ein großes Medienecho hervorgerufen hatte. In einer Nacht waren acht obdachlose Kinder von einem Todesschwadron-Kommando im Schlaf ermordet worden.“ Noch davor wurde Sandros Mutter ermordet. Er war da noch ein Kind. Er war es, der seine tote Mutter fand.

Eine Spirale der Gewalt

Es ist eine Spirale der Gewalt, die wiederum Gewalt hervorruft. Armut, Elend, Hoffnungslosigkeit sind die Ingredienzien. Brasilien hatte um das Jahr 2000 eine der höchsten Mordraten weltweit. Großstädte wie Rio de Janeiro waren davon besonders betroffen. Bandenkriminalität, Entführungen, Aufstände und Polizeigewalt waren omnipräsent. Das Land stand sicherheitspolitisch am Abgrund. Auch wenn die Mordrate bis heute stark gesunken ist, bestehen viele Probleme fort, vor allem eine Gewaltursache: die starke soziale Ungleichheit.

Carla Bessa geht den beiden Gewalttaten nach, versucht sie zu rekonstruieren, sich in die Beteiligten hineinzuversetzen. Zugleich begleitet sie ihre Erzählerin von Deutschland nach Brasilien, zur Familie, ins Zentrum der Trauer. Der Text ist nicht leicht zu lesen. Es dauert eine Weile, bis man sich in die formalen Besonderheiten eingefunden hat. Dann aber entwickelt er einen ganz eigenen Sog und lässt die Leserin tief berührt zurück.

Carla Bessa wurde in Niteroi bei Rio de Janeiro geboren und lebt seit 1991 in Deutschland. tage leben ist ihr erster auf Deutsch verfasster Roman.

 

Beitragsbild: Favelas in Niteroi by HVL, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

 

Carla Bessa - tage leben.

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Carla Bessa – tage leben
rohstoff Verlag Dezember 2025, 220 Seiten, Broschur, 12,00 €

 

 

 

 

Heike Geißler – Verzweiflungen

Verzweiflungen – wer kennt sie nicht? Im ganz Privaten, Persönlichen oder zunehmend aufgrund der Weltlage, der sich stetig zuspitzenden politischen Entwicklungen und Krisen. Heike Geißler hat über diese Verzweiflungen (bewusst im Plural gehalten) ein so kluges wie wütendes wie tröstendes Essay verfasst. Im Oktober 2024 erhielt Heike Geißler dafür den Bayerischen Buchpreis. Und ich muss zugeben, dass ich das feuerrote Büchlein aus der edition suhrkamp sonst vielleicht übersehen hätte. Weiterlesen „Heike Geißler – Verzweiflungen“

Amira Ben Saoud – Schweben

Zukunftsromane, gar Dystopien stehen normalerweise eher selten auf meinen Leselisten. Und heute, wo dystopische Szenarien, die vor einigen Jahren noch völlig fremd erschienen, plötzlich erschreckend nah rücken, mag ich solche Geschichten fast noch weniger lesen. Wie gut, dass die Einladung zur Verleihung des Franz Tumler Preises im letzten Jahr mir Schweben von Amira Ben Saoud in den Lesesessel gespült hat. Weiterlesen „Amira Ben Saoud – Schweben“

Lena Schätte – Das Schwarz an den Händen meines Vaters – Kurz vorgestellt

Einige Kritiker:innen haben Lena Schättes für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 nominierten Roman als einen Suchtroman bezeichnet. Und tatsächlich gibt es hier eine ganze Ahnenreihe von Abhängigkeiten, in erster Linie vom Alkohol. Der Großvater erfror einst im Schnee, in den er volltrunken gefallen war, der Vater ist schwer alkoholabhängig und wird relativ früh an den Folgen dieser Sucht sterben, der Pfarrer säuft und auch der Freund und die Ich-Erzählerin selbst trinken viel zu viel. Sie alle trinken, um „das Leben auszuhalten“ – eine Forderungen, seine Demütigungen, seine unerfüllten Hoffnungen. Keiner der Betroffenen wird als gewalttätig oder verachtenswert beschrieben. Es ist kein Buch der Abrechnung, der Vorwürfe, der Rache, sondern eher ein Buch der Liebe. Besonders zum Vater. Aber es ist eben auch ein Buch über das Fatale der Sucht und über Co-Abhängigkeit. Weiterlesen „Lena Schätte – Das Schwarz an den Händen meines Vaters – Kurz vorgestellt“

Anna Maschik – Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten

Autofiktionale Familiengeschichten, die ihren Schwerpunkt auf Frauenfiguren legen, gibt es zurzeit zuhauf. Dafür, sich auch in diesem überrepräsentierten Genre umzuschauen, sprechen immer wieder die tollen Entdeckungen, die man als Leserin hier machen kann. Anna Maschik beispielsweise hat mit ihrem Debütroman Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten einen ganz großartigen Text zum Thema verfasst. Weiterlesen „Anna Maschik – Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“

Sarah Jäger – Das Feuer vergessen wir nicht – Kurz vorgestellt

Frisch mit dem Jugendliteraturpreis für ihren vorigen Roman „Und die Welt, sie fliegt hoch“ (zusammen mit Illustratorin Sarah Maus) ausgezeichnet, legt Sarah Jäger mit Das Feuer vergessen wir nicht bereits ein neues Buch vor. Auf LiteraturReich ist die sogenannte Jugendliteratur eher die Ausnahme. Eine Ausnahme, die ich immer wieder gerne mache, denn Sarah Jäger besitz eine ganz großartige, authentische Sprache, schreibt wunderbare Dialoge schreibt und erzählt in jedem Buch eine sehr besondere Geschichte. Es sind Bücher, die vor Problemen und Konflikten nicht die Augen verschließen, und die dennoch auf eine stille Art glücklich machen. Weiterlesen „Sarah Jäger – Das Feuer vergessen wir nicht – Kurz vorgestellt“

Joana Osman – Frieden. Eine reale Utopie

Wir leben in einer verstörenden Gegenwart. Spaltung, Dehumanisierung, Konfrontation – noch vor wenigen Jahren hätte man nicht gedacht, dass sich die Gesellschaft weltweit von diesen Vokabeln beherrschen lassen würde. Selbst in den tiefsten Phasen des Kalten Kriegs galten Werte wie Frieden, Toleranz, Solidarität zumindest in der Theorie als etwas, das es anzustreben galt. Mittlerweile spricht man schon wieder von Kriegstüchtigkeit, die man erreichen müsse, wird wieder die Wehrpflicht gefordert und scheint es neben der Abschreckung keinerlei Alternative für die Friedenserhaltung zu geben. Ja, die Weltlage hat sich erschreckend schnell geändert. Und mit ihr auch die Narrative. Sie sind unglaublich negativ geworden, beängstigend, fatalistisch. Wir befinden uns in einer „Polykrise“. Weiterlesen „Joana Osman – Frieden. Eine reale Utopie“