Carla Bessa – tage leben

tage leben von Carla Bessa trägt keine Genre-Bezeichnung. Es ist ein Text, der formal changiert, auch in der Typografie. Rechtsbündiger und linksbündiger Flattersatz, Mittelachsensatz – der Text gleicht optisch (und manchmal ganz) einem lyrischen Werk. Die Erzählerin Carla Bessa sucht augenscheinlich nach einer Form für das, was sie erzählen will, erzählen muss. Es sind zwei tragische Ereignisse, die in den Juni 2000 zurückführen. Eines davon berührt sie ganz persönlich. Sie verknüpft es mit einem anderen Vorfall, der nur einen Tag früher ebenfalls in Rio de Janeiro stattgefunden hat und setzt beide in Beziehung zueinander.

„zwei tage waren es

zwei leben in zwei tagen
zwei tage
leben waren es“

Man spürt das Ringen um den Text, das sich auch in ungewöhnlicher Zeichensetzung und Textstruktur äußert. Und im anfangs sehr häufigen Wechsel von der Ich-Perspektive in die dritte Person „sie“. Der Text ist zudem konsequent in Kleinschreibung verfasst.

Zwei Gewalttaten im Juni 2000

Es ist der 14. Juni 2000, als die Erzählerin einen Anruf ihres Bruders aus Brasilien erhält. Sie selbst lebt mit ihrem Lebenspartner in Deutschland. Der Anrufer teilt ihr mit, dass der ältere Bruder am Vortag ermordet wurde. Er wurde Opfer eines Raubüberfalls kurz vor der Tür seines Hauses in Niteroi, unweit einer der berüchtigten Favelas. Da er zur Zeit des Überfalls mit seiner Ex-Frau telefonierte, bekam diese Teile der Ermordung quasi live mit. Der Bruder bittet die Erzählerin, nach Brasilien zu kommen und sich um die Mutter zu kümmern.

Noch einen Tag früher „entführte der 21-jährige Sandro do Nascimento einen voll besetzten Bus der Linie 174 in Rio de Janeiro. Gleichzeitig mit der Polizei waren die Medien zur Stelle und übertrugen die tragisch endende Entführung viereinhalb Stunden lang live. Wie sich später herausstellte, war der Entführer ein Überlebender des Candelária Massakers, ein Massenmord, der sich sieben Jahre zuvor an der Candelária Kirche in der Innenstadt von Rio de Janeiro ereignet und ein großes Medienecho hervorgerufen hatte. In einer Nacht waren acht obdachlose Kinder von einem Todesschwadron-Kommando im Schlaf ermordet worden.“ Noch davor wurde Sandros Mutter ermordet. Er war da noch ein Kind. Er war es, der seine tote Mutter fand.

Eine Spirale der Gewalt

Es ist eine Spirale der Gewalt, die wiederum Gewalt hervorruft. Armut, Elend, Hoffnungslosigkeit sind die Ingredienzien. Brasilien hatte um das Jahr 2000 eine der höchsten Mordraten weltweit. Großstädte wie Rio de Janeiro waren davon besonders betroffen. Bandenkriminalität, Entführungen, Aufstände und Polizeigewalt waren omnipräsent. Das Land stand sicherheitspolitisch am Abgrund. Auch wenn die Mordrate bis heute stark gesunken ist, bestehen viele Probleme fort, vor allem eine Gewaltursache: die starke soziale Ungleichheit.

Carla Bessa geht den beiden Gewalttaten nach, versucht sie zu rekonstruieren, sich in die Beteiligten hineinzuversetzen. Zugleich begleitet sie ihre Erzählerin von Deutschland nach Brasilien, zur Familie, ins Zentrum der Trauer. Der Text ist nicht leicht zu lesen. Es dauert eine Weile, bis man sich in die formalen Besonderheiten eingefunden hat. Dann aber entwickelt er einen ganz eigenen Sog und lässt die Leserin tief berührt zurück.

Carla Bessa wurde in Niteroi bei Rio de Janeiro geboren und lebt seit 1991 in Deutschland. tage leben ist ihr erster auf Deutsch verfasster Roman.

 

Beitragsbild: Favelas in Niteroi by HVL, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

 

Carla Bessa - tage leben.

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Carla Bessa – tage leben
rohstoff Verlag Dezember 2025, 220 Seiten, Broschur, 12,00 €

 

 

 

 

Heike Geißler – Verzweiflungen

Verzweiflungen – wer kennt sie nicht? Im ganz Privaten, Persönlichen oder zunehmend aufgrund der Weltlage, der sich stetig zuspitzenden politischen Entwicklungen und Krisen. Heike Geißler hat über diese Verzweiflungen (bewusst im Plural gehalten) ein so kluges wie wütendes wie tröstendes Essay verfasst. Im Oktober 2024 erhielt Heike Geißler dafür den Bayerischen Buchpreis. Und ich muss zugeben, dass ich das feuerrote Büchlein aus der edition suhrkamp sonst vielleicht übersehen hätte. Weiterlesen „Heike Geißler – Verzweiflungen“

Amira Ben Saoud – Schweben

Zukunftsromane, gar Dystopien stehen normalerweise eher selten auf meinen Leselisten. Und heute, wo dystopische Szenarien, die vor einigen Jahren noch völlig fremd erschienen, plötzlich erschreckend nah rücken, mag ich solche Geschichten fast noch weniger lesen. Wie gut, dass die Einladung zur Verleihung des Franz Tumler Preises im letzten Jahr mir Schweben von Amira Ben Saoud in den Lesesessel gespült hat. Weiterlesen „Amira Ben Saoud – Schweben“

Lena Schätte – Das Schwarz an den Händen meines Vaters – Kurz vorgestellt

Einige Kritiker:innen haben Lena Schättes für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 nominierten Roman als einen Suchtroman bezeichnet. Und tatsächlich gibt es hier eine ganze Ahnenreihe von Abhängigkeiten, in erster Linie vom Alkohol. Der Großvater erfror einst im Schnee, in den er volltrunken gefallen war, der Vater ist schwer alkoholabhängig und wird relativ früh an den Folgen dieser Sucht sterben, der Pfarrer säuft und auch der Freund und die Ich-Erzählerin selbst trinken viel zu viel. Sie alle trinken, um „das Leben auszuhalten“ – eine Forderungen, seine Demütigungen, seine unerfüllten Hoffnungen. Keiner der Betroffenen wird als gewalttätig oder verachtenswert beschrieben. Es ist kein Buch der Abrechnung, der Vorwürfe, der Rache, sondern eher ein Buch der Liebe. Besonders zum Vater. Aber es ist eben auch ein Buch über das Fatale der Sucht und über Co-Abhängigkeit. Weiterlesen „Lena Schätte – Das Schwarz an den Händen meines Vaters – Kurz vorgestellt“

Anna Maschik – Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten

Autofiktionale Familiengeschichten, die ihren Schwerpunkt auf Frauenfiguren legen, gibt es zurzeit zuhauf. Dafür, sich auch in diesem überrepräsentierten Genre umzuschauen, sprechen immer wieder die tollen Entdeckungen, die man als Leserin hier machen kann. Anna Maschik beispielsweise hat mit ihrem Debütroman Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten einen ganz großartigen Text zum Thema verfasst. Weiterlesen „Anna Maschik – Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“

Sarah Jäger – Das Feuer vergessen wir nicht – Kurz vorgestellt

Frisch mit dem Jugendliteraturpreis für ihren vorigen Roman „Und die Welt, sie fliegt hoch“ (zusammen mit Illustratorin Sarah Maus) ausgezeichnet, legt Sarah Jäger mit Das Feuer vergessen wir nicht bereits ein neues Buch vor. Auf LiteraturReich ist die sogenannte Jugendliteratur eher die Ausnahme. Eine Ausnahme, die ich immer wieder gerne mache, denn Sarah Jäger besitz eine ganz großartige, authentische Sprache, schreibt wunderbare Dialoge schreibt und erzählt in jedem Buch eine sehr besondere Geschichte. Es sind Bücher, die vor Problemen und Konflikten nicht die Augen verschließen, und die dennoch auf eine stille Art glücklich machen. Weiterlesen „Sarah Jäger – Das Feuer vergessen wir nicht – Kurz vorgestellt“

Joana Osman – Frieden. Eine reale Utopie

Wir leben in einer verstörenden Gegenwart. Spaltung, Dehumanisierung, Konfrontation – noch vor wenigen Jahren hätte man nicht gedacht, dass sich die Gesellschaft weltweit von diesen Vokabeln beherrschen lassen würde. Selbst in den tiefsten Phasen des Kalten Kriegs galten Werte wie Frieden, Toleranz, Solidarität zumindest in der Theorie als etwas, das es anzustreben galt. Mittlerweile spricht man schon wieder von Kriegstüchtigkeit, die man erreichen müsse, wird wieder die Wehrpflicht gefordert und scheint es neben der Abschreckung keinerlei Alternative für die Friedenserhaltung zu geben. Ja, die Weltlage hat sich erschreckend schnell geändert. Und mit ihr auch die Narrative. Sie sind unglaublich negativ geworden, beängstigend, fatalistisch. Wir befinden uns in einer „Polykrise“. Weiterlesen „Joana Osman – Frieden. Eine reale Utopie“

Susanne Röckel – Vera. Eine Erinnerung

-ProzessVon den Nürnberger Prozessen hat fast jeder schon mal gehört. Bei den insgesamt 13 Prozessen, die von November 1945 bis April 1949 in Nürnberg stattfanden und bei denen die noch lebenden und nicht geflohenen Hauptverantwortlichen für die NS-Verbrechen angeklagt waren, kam es beim Prozess gegen die 24 Hauptkriegsverbrecher zu zwölf Todesurteilen, sieben Freiheitsstrafen und drei Freisprüchen. Zwei Verfahren wurden eingestellt. Wer jemals die Filmaufnahmen des Prozesses gesehen hat, wird die beispiellose Arroganz und Empathielosigkeit der Angeklagten, insbesondere die des ehemaligen Reichsluftfahrtsministers Hermann Göring nie mehr vergessen. Unlängst gab es eine hochinteressante Film Dokumentation darüber (Nürnberg 45 – Im Angesicht des Bösen, noch bis 9.11.2026 in der ARD-Mediathek). Darin stützte man sich u.a. auf die Erlebnisberichte der Birkenau-Überlebenden Seweryna Szmaglewska, die beim Prozess aussagte und mit „Die Unschuldigen von Nürnberg“ (Schöffling, 2022) ein beeindruckendes Buch über den ersten Nürnberger Prozess verfasste. Es folgten beispielsweise noch der Eichmann-Prozess in Jerusalem (1961) und die Auschwitzprozesse in Krakau und Frankfurt (1947 bzw. 1963-65). Weiterlesen „Susanne Röckel – Vera. Eine Erinnerung“

Dorothee Elmiger – Die Holländerinnen

Ich müsste eigentlich gar nicht so viel zu Buch und Autorin schreiben. Ihr habt Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger in den letzten Wochen und Monaten sicher sehr oft gesehen, davon gehört, darüber gelesen. Eine geradezu enthusiastische Aufnahme durch die Literaturkritik und die Auszeichnung mit gleich drei der bedeutendsten und bestdotierten Preise für deutschsprachige Literatur ließ den Gedanken aufkommen, dass es im Moment kein auch nur annähernd an die Qualität dieses gewiss außergewöhnlichen und interessanten Romans heranreichendes Werk geben würde. Das führt natürlich zu einer enormen Medienaufmerksamkeit. Die Rezeption in der Leser:innenschaft war eher gemischt. Von Begeisterung bis „kann ich nichts mit anfangen“ war so ziemlich alles dabei. Weiterlesen „Dorothee Elmiger – Die Holländerinnen“

Lea Ypi – Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme

Die 1979 in Tirana geborene albanisch-britische Philiosophin Lea Ypi hatte mit ihrem Memoir „Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“, in dem sie aus (ihrer) kindlichen Perspektive vom Übergang ihres Heimatlandes von einer streng abgeschotteten sozialistischen Diktatur zu einem ungezügelten Kapitalismus erzählte, 2021 großen Erfolg. Das Buch wurde in mehr als 35 Sprachen übersetzt. Auch ihr neues Werk spielt augenzwinkernd auf ein bedeutendes historisches Sachbuch an. War es bei Frei das berühmte „Das Ende der Geschichte“ von Francis Fukuyama, in dem dieser nach Zusammenbruch des „Ostblocks“ über einen vermeintlich finalen Sieg des Liberalismus und ein Ende der weltpolitischen Dualität jubilierte (leider deutlich zu früh), fügt Lea Ypi ihrem neuen Buch Aufrecht, das das Leben ihrer Großmutter in den Fokus rückt, den Untertitel Überleben im Zeitalter der Extreme hinzu, was sich auf das gleichnamige Buch des britischen Historikers Eric Hobsbawm bezieht, der darin die Zeit von 1914 bis 1991 behandelt. Weiterlesen „Lea Ypi – Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme“