Gerhard J. Rekel – Lina Morgenstern. Geschichte einer Rebellin

Wer war Lina Morgenstern? Noch nie gehört? Da geht es euch so wie mir, bevor ich von Autor Gerhard J. Rekel auf sein Buch Lina Morgenstern. Die Geschichte einer Rebellin aufmerksam gemacht wurde. Nach dessen Lektüre ist es völlig unverständlich (aber nicht unerklärbar), warum diese vielseitige, ungemein tatkräftige Frauenrechtlerin, Sozialaktivistin und Schriftstellerin nicht mehr so wirklich bekannt ist. Das war zu ihren Lebzeiten ganz anders. Weiterlesen „Gerhard J. Rekel – Lina Morgenstern. Geschichte einer Rebellin“

Henning Sußebach – Anna oder Was von einem Leben bleibt

Immer wieder musste ich bei der Lektüre von Anna: oder Was von einem Leben bleibt – Die Geschichte meiner Urgroßmutter von Henning Sußebach an den Roman Schwebende Lasten von Annett Gröschner denken. Vieles ist unterschiedlich – das eine autobiografische Recherche, eher ein Sachbuch, das andere ein Roman; Anna wurde 1867 in einem nordrhein-westfälischen Dorf bei Soest geboren, Gröschners Hanna Krause in Ostdeutschland kurz nach der Jahrhundertwende; die wurde Dorfschullehrerin im Sauerland, die andere Kranführerin in Magdeburg. Und doch ist etwas ganz Entscheidendes gleich: Es sind Geschichten von Frauen, die sowohl in ihrer Einzigartigkeit als auch in ihrer Normalität viel zu wenig Beachtung finden und oft übersehen werden. „Was bleibt von einem Leben?“ fragt daher auch der 1972 geborene Journalist Sußebach in seinem so aufschlussreichen wie berührendem Buch.

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Martin Mittelmeier – Heimweh im Paradies – Kurz vorgestellt

Einen ähnlichen Ansatz für eine erzählende Biografie wie Volker Weidermann mit Mann vom Meer und von diversen anderen Autoren wie beispielsweise Florian Illies oder Uwe Wittstock verfolgt auch der Literturwissenschaftler Martin Mittelmeier mit seinem Buch zum Thomas Mann-Jubiläumsjahr Heimweh im Paradies: anhand von locker zusammengefügten Episoden aus derem Leben, literarisch erzählt, umfassend recherchiert und in kleinen intimen Einblicken leicht fiktionalisiert wird ein thematisch und/oder zeitlich begrenztes Bild einer Person (oder einer Zeit) präsentiert.

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Sylvie Schenk – Maman

Bereits in Schnell, dein Leben und Eine gewöhnliche Familie hat uns Sylvie Schenk, 1944 in Chambéry, Frankreich, geboren, seit 1966 in Deutschland lebend und auf Deutsch schreibend, Einblicke in ihre Familie gegeben, jetzt hat sie sich mit Maman auf ihre Mutter konzentriert, mit der sie eine nicht leichte Beziehung verband.

„Unsere Mutter, die sprach nur mit der Wäsche und mit Babys.“

Unnahbar war diese Mutter, verschlossen und distanziert bis gleichgültig ihren Kindern gegenüber. Zärtlichkeiten und Vertrautheit gab es wenig und die Kinder, zumindest die kleine Sylvie, spürten schon bald, dass die Mutter nicht glücklich war, nicht in ihrer Ehe, nicht in ihrer Mutterrolle, nicht als doch recht gut situierte Zahnarztgattin in Lyon. Da gab es etwas, dass sie von ihrem Glück abhielt, über das sie aber beharrlich schwieg. Erst nach ihrem Tod erfahren Sylvie und ihre vier Geschwister, wer diese Frau eigentlich wirklich war, welche Gespenster aus der Vergangenheit ihr zeitlebens nachhingen. Weiterlesen „Sylvie Schenk – Maman“

Rachel Cusk – Lebenswerk

Als Rachel Cusk 2001 ihren literarischen autobiografischen Essay „A life´s work“ (deutsch jetzt bei Suhrkamp „Lebenswerk – Über das Mutterwerden“) veröffentlichte, war ihr Projekt noch relativ einzigartig. Es stellt quasi den Urtext eines Genres dar, das in den letzten Jahren zum Beispiel mit Sheila Hetis „Motherhood“ oder der Studie von Orna Donath „Regretting motherhood“ diskutiert wurde. Vieles, das Cusk in Ihrem Text zum ersten Mal zu Papier brachte und für das sie aufs heftigste gerade auch von anderen Frauen kritisiert und angefeindet wurde, ruft mittlerweile keine Empörung mehr hervor. Und doch ist das Buch hochaktuell, gerade durch seine gewisse Zeitlosigkeit. Weiterlesen „Rachel Cusk – Lebenswerk“

Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin bei der Preisverleihung zum Leipziger Buchpreis 2017 für Sie kam aus Mariupol
By Amrei-Marie (Own work) CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Der diesjährige Preis der Leipziger Buchmesse ging an Natascha Wodin, in meinen Augen völlig zurecht, hat mich doch seit langem kein Buch mehr so durchgerüttelt und aufgewühlt wie „Sie kam aus Mariupol“.

Das Buch kreist um eine große Leerstelle in Wodins Leben – ihre Mutter. 1956, die Autorin war gerade zehn Jahre alt, die kleine Schwester vier, nahm sich diese das Leben, indem sie sich bei Forchheim in den Fluss Regnitz stürzte. Der Vater, ein dem Alkohol und der Gewalt zugeneigter Mann, kam mit den Kindern wohl allein nicht zu Rande. Man weiß es nicht nach Lektüre des Buches, denn das Buch ist keine Autobiografie, die Autorin nimmt sich sehr zurück, erzählt nur sehr am Rande über sich und dann völlig ohne Sentimentalität. Fakt ist (und das kann man in ihrer Biografie nachlesen), dass Natascha Wodin in einem katholischen Mädchenheim groß wurde. Über die Schwester, der das Buch gewidmet ist, erfährt man nichts weiter. Das Buch ist alles andere als eitel, selbstreferentiell oder voyeuristisch. Auch nur durch ihre Biografie erfährt man, dass auch Obdachlosigkeit und eine äußerst schwierige Ehe mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig zu Wodins Lebensweg gehörten. Weiterlesen „Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol“

Hisham Matar – Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater

Hisham Matar ist ein aus Libyen stammender, in London lebender Autor. Sein 2006 erschienener Roman „Im Land der Männer“ wurde für die Shortlist des Man Booker Preises nominiert. Nun liegt von Hisham Matar sein Roman Die Rückkehr auf Deutsch vor.

Sein Vater Jaballa Matar stammte aus einer einflussreichen Familie. Zunächst Gaddafis Putsch und der damit verbundenen Hoffnung auf einen modernen freiheitlich-sozialistischen Staat durchaus positiv gegenüber stehend, arbeitete dieser für die libysche Delegation bei den Vereinten Nationen in New York, wo Hisham 1970 zur Welt kam. 1973 zurückkehrend, entwickelte sich der Vater zunehmend zu einem der erbittertsten Oppositionellen. Zeitweise unterhielt er im benachbarten Tschad eine bewaffnete „Rebelleneinheit“. 1979 musste die Familie daraufhin zunächst nach Kenia und dann ins ägyptische Exil fliehen. Durch seine weitreichenden Beziehungen und das Vermögen, das er sich mit Importgeschäften verdient hatte, war er nicht nur einflussreich, sondern konnte seiner Familie auch ein finanziell recht sorgloses Leben bieten. Bereits 1975 ging Hisham wie sein Bruder Zaid zur Ausbildung nach London. 1990 wurde der Vater Jaballa vom libyschen Geheimdienst aus Ägypten entführt, wobei der ägyptische Staat unrühmlich Beihilfe leistete. Weiterlesen „Hisham Matar – Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“