Abdulrazak Gurnah – Nachleben

Seitdem der britisch-tansanische Autor Abdulrazak Gurnah im vergangenen Jahr den Literaturnobelpreis verliehen bekommen hat, sind bereits drei seiner auf Deutsch zuvor nur noch antiquarisch zu erhaltenden Roman neu im Penguin Verlag erschienen, das zuletzt erschienene Nachleben (Original 2020) in einer neuen Übertragung durch Eva Bonné. Die vorherigen Veröffentlichungen (Das verlorene Paradies und Ferne Gestade) haben genau wie der im kommenden Frühjahr erscheinende Titel Die Abtrünnigen ihre alten Übersetzungen beibehalten (lediglich durchgesehen), die von drei jeweils unterschiedlichen Übersetzer:innen stammen. Vier Bücher, vier Übersetzer:innen – das ist zwar verständlich (man will schnell liefern), aber auch bedauerlich. Der Atem der drei Verlage bei den drei zwischen 1992 und 2006 erstmals auf Deutsch veröffentlichten Titeln war anscheinend nicht lang genug, um dem Autor treu zu bleiben. Weiterlesen “Abdulrazak Gurnah – Nachleben”

Anna Burns – Amelia

2018 erhielt Anna Burns für ihren fulminanten Roman Milchmann den Booker Prize, Grund genug für ihren deutschen Verlag, Tropen, nun auch ihr Debüt Amelia zu veröffentlichen. Nicht immer ist das Ausgraben von Frühwerken von plötzlich erfolgreichen Autoren wirklich ein Gewinn. Hier handelt es sich um einen ausgesprochenen Glücksfall. Denn schon in dem 2001 erschienenen Roman, Original No bones, zeigt Anna Burnes ihren ganz eigenen und sehr eigenwilligen Ton. Weiterlesen “Anna Burns – Amelia”

Abdulrazak Gurnah – Ferne Gestade

Nachdem sich der deutsche Literaturbetrieb im vergangenen Jahr nach der Verkündung des Literaturnobelpreises ausgiebig die Augen gerieben hat – Wer war denn nun schon wieder dieser Abdulrazak Gurnah? Nie gehört! – , sämtliche Bestände an übersetzten Werken desselben aus den Antiquariaten weggekauft waren – kein einziger Titel war aktuell lieferbar – , machte sich allmählich die Überzeugung breit, dass es vielleicht doch den Richtigen getroffen hat, dass da mehr als ein Kontinentproporz oder ein  Originalitätswettrennen bei der Wahl der viel gescholtenen Schwedischen Akademie in Stockholm im Spiel war. Hin und wieder wurde noch an dem ersten neu aufgelegten Roman, Das verlorene Paradies (Original Paradiese, 1994, Shortlist Booker Prize) herumgemäkelt (von mir nicht). Jetzt dürfte aber spätestens mit Ferne Gestade (Original: By the sea, 2001, Longlist Booker Prize) klar sein, dass Abdulrazak Gurnah den Nobelpreis völlig verdient für seine literarische Qualität zugesprochen bekommen hat. Weiterlesen “Abdulrazak Gurnah – Ferne Gestade”

Lea Ypi – Frei

Als der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama 1989 in einem Artikel über den Zusammenbruch der UdSSR und der von ihr abhängigen sozialistischen Staaten das „Ende der Geschichte“ und den Sieg des Liberalismus in Form von Demokratie und Marktwirtschaft weltweit prognostizierte, blieb seine These natürlich nicht unwidersprochen. Dennoch, ein klein wenig fühlte es sich so an, als würden nun alle Diktaturen und weltpolitischen Konfrontationen nach und nach durch den Wunsch der Völker nach Freiheit verschwinden. Heute wissen wir, wie naiv auch nur dieser Gedanke war. Wie es sich aber angefühlt hat, an dieser Bruchstelle der Geschichte quasi auf der „Verliererseite“ zu stehen, erzählt uns jetzt die aus Albanien stammende und an der London School of Economy politische Theorie lehrende Philosophin Lea Ypi in ihrem Memoir Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte. Weiterlesen “Lea Ypi – Frei”

Douglas Stuart – Shuggie Bain

Im vergangenen Jahr erhielt ein Debütroman den begehrten Booker Prize, die wohl bedeutendste Auszeichnung für englischsprachige Literatur. In seinem autofiktionalen Roman Shuggie Bain erzählt Douglas Stuart vom Aufwachsen in einem Glasgower Randgebiet mit alkoholkranker Mutter in den 1980er Jahren. Das ist erschütternd, warmherzig und trotz seines traurigen, entsetzlichen Inhalts oft sogar locker und heiter erzählt. Ob es literarisch tatsächlich diesem Preis gerecht wird, verglichen beispielsweise mit den Preisträger:innen der Jahre 2017 und 2018 (George Saunders/Lincoln im Bardo, Anna Burns/Milchmann) darf zumindest angezweifelt werden. Lesenswert ist das Buch aber unbedingt. Weiterlesen “Douglas Stuart – Shuggie Bain”

Ali Smith – Sommer

„Wie tief die Dunkelheit auch sei, wir müssen das Licht selbst mitbringen“ (Stanley Kubrick) – mit unter anderen diesem Motto beginnt Ali Smith ihren Roman Sommer und beendet mit ihm zugleich ihre großartige Jahreszeiten-Tetralogie. Herbst, Winter, Frühling waren für sich schon beeindruckende Bücher, die in die Dunkelheit unserer unruhigen Tage hinabstiegen und versuchten, sie zumindest streckenweise zu beleuchten. Mit Sommer rundet sich das ganze Werk auf überraschende und geniale Weise. Weiterlesen “Ali Smith – Sommer”

Zadie Smith – Grand Union

Geschrieben hat sie Short Stories schon immer. Nun veröffentlicht Zadie Smith ihren ersten Erzählungsband, Grand Union. Handlungsorte sind Smiths Heimatstadt London, New York, wo sie an der New York University kreatives Schreiben unterrichtete und verschiedene Ort in Europa. So divers wie die Schauplätze sind auch die Themen, Perspektiven und Erzählweisen. Von ganz klassischen Short Stories über dystopische Settings zu sehr experimentell angelegten Geschichten bietet die Sammlung ein Kaleidoskop von Betrachtungen unseres gegenwärtigen Lebens, das so schnelllebig, schwer zu greifen und zu verstehen ist. Themen, die überall aufblitzen sind die aus ihren bisher fünf Romanen bekannten: Rassismus, Klassismus und Sexismus. Weiterlesen “Zadie Smith – Grand Union”

Robin Robertson – Wie man langsamer verliert

Das erstaunliche Prosagedicht des schottischen Lyrikers Robin Robertson stand 2018 auf der Shortlist des Man Booker Prize – nun ist es unter dem Titel Wie man langsamer verliert in der sehr gelungenen Übersetzung von Anne-Kristin Mittag auf Deutsch erschienen. Im Original ist dem Titel noch ein anderer vorangestellt. The Long Take or A Way To Lose More Slowly verrät die große Affinität des Romans zum Film. Eigentlich kein Wunder, denn ein Großteil des Romans spielt in Los Angeles zur Glanzzeit von Hollywood. Weiterlesen “Robin Robertson – Wie man langsamer verliert”

Ali Smith – Frühling – Der Jahreszeitenzyklus

Die britische Autorin Ali Smith hat mit ihrem Jahreszeiten-Zyklus, dem aktuell nach Herbst und Winter der Frühling zugesellt wurde, eines der interessantesten Buchprojekte der letzten Jahre geschaffen. 2016 begonnen und jährlich um einen Band erweitert, waren und sind die Romane nah dran an den aktuellen Geschehnissen und Befindlichkeiten auf der Britischen Insel und der Schieflage, die in vielen Bereichen dort aufgetreten ist. Ob Brexit, zunehmende soziale Kälte oder Ende des Wohlfahrtstaats, ihre politisch brisanten Themen kombiniert sie mit zahlreichen literarischen Anspielungen, viel Geist und Witz. Shakespeare und Dickens ihre literarischen Heiligen, in Frühling huldigt sie zusätzlich noch Rainer Maria Rilke, Katherine Mansfield, Charlie Chaplin und Beethoven – wie immer augenzwinkernd.

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Leila Aboulela – Minarett

Glaube als einziger Ausweg aus Desorientierung, Kultur- und Identitätsverlust? Religion als Zufluchtsort? Westliche Leser:innen, vor allem säkular lebende oder gar atheistische, werden mit diesem Ansatz ihre Schwierigkeiten haben. Das geht mir nicht anders. Dennoch habe ich den bereits 2005 im Original erschienenen Roman Minarett von Leila Aboulela, die dieses Modell unzweifelhaft unterstützt, mit viel Gewinn gelesen. Weiterlesen “Leila Aboulela – Minarett”