Stumme Zeit – Mit Silke von Bremen durch Keitum

Die Heimatforscherin und Sylt-Gästeführerin Silke von Bremen hat mit Stumme Zeit einen Deütroman geschrieben, der zurück in die 1970er Jahre führt, als der Massentourismus begann, die Insel zu erobern. In langen Rückblicken führt er aber auch in eine sehr dunkle, in die stumme Zeit des Nationalsozialismus. Hauptprotagonistin ist Helma, die seit ihrer Geburt 1936 in einem Dorf auf Sylt lebt. Die Lage nahe dem Wattenmeer und die Präsenz von vielen alten Kapitänshäusern lässt auf das Dorf Keitum schließen, einst Hauptstadt von Sylt und ein Stück lebendige Inselgeschichte aus der Zeit des 18. Jahrhundert, als der Walfang noch die Haupterwerbsquelle von Sylt war. Weiterlesen „Stumme Zeit – Mit Silke von Bremen durch Keitum“

Tomer Dotan-Dreyfus – Birobidschan

Birobidschan ist ein realer und ein utopischer Platz. Die weit in Fernost, fast an der Grenze zu China gelegene autonome russische Oblast ist tatsächlich weltweit der einzige Ort, der Jiddisch als (zweite) Amtssprache hat. In den 1930er Jahren wurden dort Juden aus der ganzen Sowjetunion angesiedelt. Was aber als ein großzügiger Akt Stalins verkauft wurde, diente vor allem zur Urbanmachung dieses höchst unwirtlichen, hauptsächlich aus Taiga und Sumpf bestehenden Gebietes. Und der Vertreibung von Juden aus den urbanen Zentren. Und nach 1948 zeigte sich das deutlich antisemitische Gesicht der damaligen Sowjetunion in den stalinistischen Judenverfolgungen. Da hatten bereits viele Juden Birobidschan bereits wieder verlassen. Und auch heute leben – trotz der Amtssprache – kaum noch welche dort. Der 1987 in Tel Aviv geborene und schon mehr als 10 Jahre in Berlin lebende Tomer Dotan-Dreyfus präsentiert in seinem für den Deutschen Buchpreis 2023 nominierten Roman aber noch ein anderes, ein utopisches, ein jüdisch-sozialistisches Birobidschan, weit entfernt von der Realität. Weiterlesen „Tomer Dotan-Dreyfus – Birobidschan“

Friedrich Ani – Der Narr und seine Maschine

Friedrich Ani – Der Narr und seine Maschine

„Ein Mann in einer Bahnhofshalle, irgendein Mann in irgendeiner Bahnhofshalle. Ein Mann mit einem weißen Baumwollhemd und einer schwarzen Jeans, eine grüne Reisetasche in der rechten und eine schwarze Lederjacke in der linken Hand“ Er stand da und schaute hinauf zur elektronischen Anzeigetafel mit den zweispaltig von links oben nach rechts unten chronologisch angeordneten Abfahrtszeiten. Er las die Zielorte und vergaß sie gleich wieder. immer wieder fing er von vorn an, den Kopf im Nacken, reglos am Rand des Gewühls.“

Es ist natürlich nicht „irgendein Mann“, der da in „irgendeiner Bahnhofshalle“ steht. Friedrich Ani hat einen neuen „Fall für Tabor Süden“ vorgelegt, und die Leserin den ehemaligen Kriminalbeamten der Vermisstenstelle gleich identifiziert. Der Bahnhof ist derjenige von Südens und Anis Heimatstadt München und Tabor Süden befindet sich in einer, falls so etwas überhaupt möglich ist, noch melancholischeren, gedrückteren Stimmung als sonst. Weiterlesen „Friedrich Ani – Der Narr und seine Maschine“

Juli Zeh – Neujahr

Am frühen Neujahrsmorgen macht sich Henning auf zu einer schweren Bergtour mit dem Rad, denn in der Nacht war ES wieder da, wie es Juli Zeh in ihrem aktuellem Roman „Neujahr“ vielleicht etwas hochtrabend benennt. ES soll ausdrücken, wie ausgeliefert, wehrlos, ja auch ahnungslos Henning sich fühlt, wenn ES sich seiner bemächtigt. Eine erdrückende Übermacht, die sich in plötzlichen, furchtbaren Panikattacken äußert, in denen Hennings Herz verrückt zu spielen scheint, kein klarer Gedanke, schon gar kein Schlaf mehr möglich ist, und die Ausdruck sind von – ja, was eigentlich? Das tückische an solchen Panikattacken, deren Häufigkeit in der deutschen Bevölkerung sehr uneinheitlich mit 2,5 bis 15% angegeben wird, ist, dass meist kein benennbarer Grund für sie vorliegt. Weiterlesen „Juli Zeh – Neujahr“

Nino Haratischwili – Die Katze und der General

„Wie kommt der Krieg in den Menschen“, so könnte man sich an einem anderen Titel der Buchpreislonglist, der ansonsten nichts mit dem 760 Seiten starken Roman von Nino Haratischwili gemein hat und es zu meinem Bedauern auch nicht auf die Shortlist geschafft hat, bedienen, um das Hauptthema von „Die Katze und der General“ zu beschreiben.
Was macht der Krieg mit den Menschen, die ihn erleiden? Aber auch mit denen, die ihn führen? Was geschieht in den sogenannten „rechtsfreien Räumen“ mit den in ihnen Agierenden? Was bedeutet und wie geht man um mit Schuld? Und was ist Sühne? Kann es sie überhaupt geben? Und wie könnte sie aussehen? Weiterlesen „Nino Haratischwili – Die Katze und der General“

Inger-Maria Mahlke – Archipel

Das Archipel der Kanaren ist ein Ort im Abseits. Die sieben Hauptinseln liegen zwischen 100 und 500 Kilometer vor der Küste Nordwestafrikas, zu dem sie geologisch gehören, sind aber als eine von 17 Autonomen Gemeinschaften Teil des fast 1500 Kilometer entfernten Mutterlandes Spanien. So ein Blick vom Rand ermöglicht manchmal einen genaueren, präziseren Blick. Inger-Maria Mahlke legt ihn mit Archipel vor.

Diesen Blick hat die 1977 in Hamburg geborene Inger-Maria Mahlke auch als deutsche Schriftstellerin, wenn sie auf die Geschichte Teneriffas, der größten und bevölkerungsreichsten der Inseln, blickt. Dennoch ist es nicht der Blick der Zugereisten, gar der Touristin, denn Mahlke hat kanarische Wurzeln. Ihre Mutter stammt aus der geschichtsträchtigen ehemaligen Inselhauptstadt San Cristóbal de La Laguna, wo auch die Geschichte um mehrere Familien in „Archipel“ angesiedelt ist. Sie führt uns durch fast einhundert Jahre Inselhistorie, die immer auch spanische und letztlich europäische Historie ist. Ein im deutschsprachigen Roman eher abseitiges Thema, das aber so spannend dargebracht wird, dass es die Autorin damit auf die Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreis geschafft hat, der am Montag verliehen wird. Weiterlesen „Inger-Maria Mahlke – Archipel“

Maxim Biller – Sechs Koffer

Kann man einen Text völlig losgelöst von seinem Autor lesen, sobald man diesen kennt, sei es durch eigene Begegnungen beispielsweise auf Lesungen, sei es durch Medienpräsenz, durch Interviews, Kolumnen? Vielleicht sollte man das können, mir gelingt es meist nicht. Und so sitzt bei der Lektüre des schmalen Romans „Sechs Koffer“ sein Verfasser, der spätestens durch seine pointierte Beteiligung am „Literarischen Quartett“, aber auch durch etliche Beiträge im Feuilleton bekannte Maxim Biller, neben mir auf dem Sofa, sein charakteristisches Lächeln auf dem Gesicht und schaut mir über die Schulter. „Nun“, scheint er mich zu fragen, „was sagt ihr jetzt?“ Denn nach den fast überall negativen Besprechungen, die sein 900 Seiten starker Roman „Biografie“ vor zwei Jahren erhielt, legt der brillante Maxim Biller mit „Sechs Koffer“ einen diametralen Text vor. Vielleicht gar ein wenig trotzig, denn die Kritik an seinem „Opus magnum“ hat sicher geschmerzt. Und siehe da: die Herzen von Kritik und Lesern fliegen diesem schmalen Buch zu, es erreicht sogleich die Shortlist des Deutschen Buchpreis und hat gar nicht so schlechte Chancen auf den Gewinn. Weiterlesen „Maxim Biller – Sechs Koffer“

Stephan Thome – Gott der Barbaren

Bis zu 30 Millionen Opfer forderte die Taiping-Rebellion in China zwischen 1851 und 1864 und ist damit der opferreichste Bürgerkrieg der ganzen Menschheitsgeschichte. Stephan Thome erzählt davon in Gott der Barbaren.

„Taiping?“ mag sich da so mancher fragen, und tatsächlich ist es verblüffend, wie wenig man hierzulande über diese Revolte im Fernen Osten, über die Geschichte generell in diesen Regionen der Welt, weiß. Ein einigermaßen beschämendes Zeugnis der eurozentrischen Geschichtsschreibung, die immer noch vorherrscht und die in einer derart globalisierten Welt wie der unsrigen, gerade auch mit dem rasanten Erstarken Chinas auf dem Weltmarkt, eigentlich nicht mehr vertretbar ist.

Der Philosoph, Sinologe und Autor Stephan Thome hat die Taiping-Revolution zum Stoff seines neuen, umfangreichen Romans gemacht und ist damit auf der Shortlist zum diesjährigen Deutschen Literaturpreis gelandet. Für Thome ist es bereits die dritte Shortlist-Nominierung. Weiterlesen „Stephan Thome – Gott der Barbaren“

Sylvie Schenk – Eine gewöhnliche Familie

Beerdigungen sind ein immer wieder gewählter Ausgangspunkt für Erzählungen. Durch den Tod eines mehr oder weniger nahestehenden, eines mehr oder weniger geliebten Menschen werden Reisen in die eigene Vergangenheit angetreten, räumlich und emotional. Protagonisten kehren an die Orte der Kindheit und Jugend zurück, treffen alte Freunde, Bekannte, Verwandte und nicht selten kommen lange verdrängte Erinnerungen ins Bewusstsein, brechen alte Verletzungen oder Konflikte auf oder entstehen neue. Wenn es beispielsweise um Erbschaften geht. Wie bei Sylvie Schenk – Eine gewöhnliche Familie. Weiterlesen „Sylvie Schenk – Eine gewöhnliche Familie“

Natascha Wodin – Irgendwo in diesem Dunkel

Natascha Wodin – Irgendwo in diesem Dunkel

„Ich schaue sie lange an hinter der Scheibe, bis es dunkelt, bis das Friedhofstor abgeschlossen wird und ich gehen muss. Ihr Gesicht ist fern und verschlossen, es verrät nichts von den Umständen ihres Sterbens, nichts davon, warum sie uns, meine Schwester und mich, doch nicht mitgenommen hat, warum sie am Ende allein gegangen ist.“

So endete Natascha Wodins im letzten Jahr erschienener und mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneter Roman „Sie kam aus Mariupol“. Darin erzählt sie vom Leben ihrer Mutter, über das sie erst durch mühevolle Recherchen und nur bruchstückweise etwas erfahren hat. Denn die Mutter ging 1956, als Natascha Wodin gerade mal zehn Jahre alt war, ins Wasser der Regnitz, dem Fluss, an dem die fränkische Kleinstadt liegt, Wohnort der als ehemalige russische Zwangsarbeiter nach dem Krieg zu „Displaced Persons“ gewordenen Eltern. Die Suche nach Spuren dieser sehnlichst vermissten Mutter schilderte Wodin äußerst bewegend und schloss mit eben jenem Bild des kleinen Mädchens vor dem aufgebahrten Leichnam. Weiterlesen „Natascha Wodin – Irgendwo in diesem Dunkel“