Thomas Hettche – Herzfaden

„Der Herzfaden lässt uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“ So zitiert Thomas Hettche den Gründer der Augsburger Puppenkiste, Walter Oehmichen, in seinem Roman Herzfaden, der die Geschichte des berühmten Marionettentheaters mit der Familiengeschichte der Oehmichens und einer Mentalitätsgeschichte der jungen BRD verbindet. Weiterlesen „Thomas Hettche – Herzfaden“

Valentin Moritz – Kein Held

Der Badische Landwirtschafts-Verlag veröffentlicht neben der Bauern-Zeitung und dem jährlichen Bauern-Kalender nur eine Handvoll Bücher mit regionalem Bezug, ist mir also (nicht verwunderlich) bisher völlig unbekannt geblieben. Im Frühjahr 2020 erschien ein Roman, der zwar auch im Badischen verortet ist, aber doch weit über das rein Regionale hinausweist und eine schöne, liebevolle Generationengeschichte erzählt: Kein Held von Valentin Moritz.

Der 1987 im südbadischen Niederdrossenbach geborene Autor lebt schon seit langem in Berlin. In jungen Jahren galt es, so bald wie möglich raus aus dem Dorf zu kommen, raus aus der ländlichen Enge. Er studierte in Berlin Literaturwissenschaften und lebt seitdem dort. Der Kontakt zu seiner badischen Heimat riss dadurch aber nicht ab. Regelmäßig traf sich dort die Großfamilie rund um dem Großvater Josef Mutter, dessen neun Kinder, fast vierzig Enkel und mittlerweile auch Urenkel. Großmutter Erna starb bereits 1989, mitten in ihrem Bauerngarten. Auf dem Fest zu seinem 90. Geburtstag sprach Josef seinen schreibenden Enkel an. Er hätte da einige Geschichten, die noch erzählt werden müssten, nicht vergessen werden dürften. Und Valentin kenne sich da doch aus.

Gespräche mit dem Großvater

Das war der Ursprung des vorliegenden Buchs. In vielen Gesprächen mit dem 1922 geborenen Großvater erzählt dieser von seiner dörflichen Kindheit, von den Veränderungen auf dem elterlichen Hof, von der Zeit unter nationalsozialistischer Herrschaft, wie der Vater ihm verbot, sich dem Jungvolk anzuschließen. 1941 wird er zur Wehrmacht eingezogen, übersteht den Krieg vergleichsweise unbeschadet in Frankreich und Tunesien. Bis zu seiner Gefangennahme hat er laut eigener Aussage das große Glück, nie auf jemanden direkt geschossen zu haben. Er sei „Kein Held“ gewesen, erzählt er Valentin Moritz. Die Gefangenschaft verbringt er bis 1946 in den USA. Auch dort hat er das Glück, anständig behandelt zu werden. Dennoch prägt der „gottverreckte Krieg“ seine Haltung.

Nach seiner Rückkehr gründet er mit Erna eine Familie, führt den Hof und einen Holzhandel. Trotz vieler Arbeit, wenig Geld und später einer Krebserkrankung lebt man recht gut und zufrieden, bis Erna stirbt. Der Hof wird von Tochter Johanna zum Reiterhof umgestaltet, Josef bleibt noch länger im Holzhandel aktiv. Und engagiert sich auch zivilgesellschaftlich, kämpft gegen die Abschiebung seines aus dem Kosovo stammenden Mitarbeiters Miftar und für die Umbenennung der Hindenburgschule in Bad Säckingen, denn der „hat die Demokratie von Anfang an zur Sau gemacht.“ Bewundert hat er den französischen Diplomat und Essayist Stéphane Frédéric Hessel und dessen 2010 veröffentlichtes „Empört euch.“ Valentin Moritz wählt deswegen auch ein Zitat von Hessel als Motto für Kein Held:

„Die schlimmste aller Haltungen ist die Gleichgültigkeit.“

Die Aufzeichnungen der Gespräche mit seinem Großvater gibt Moritz in wörtlicher Rede wieder, ganz unmittelbar. Über der Niederschrift kommt er aber ins Nachsinnen über seine eigene Kindheit und Jugend in Niederdrossenbach, eine Feld- und Wiesenkindheit in den irgendwie sorgenfreien 1990er Jahren, wie sie heute im städtischen Raum kaum mehr möglich wäre. Es folgen die rebellischen Jahre, das Schopfheimer Jugendzentrum „Irrlicht“, seine Band. Den Anfang im Buch macht aber die berührende letzte Begegnung mit seinem Großvater 2016, der da bereits im Sterben liegt, zunehmend austrocknet, weil er nichts mehr trinkt. Der aber phasenweise durchaus noch einmal zu alter energischer Entschlossenheit zurückfinden kann.

So ist Kein Held nicht nur zu einem liebevollen Porträt eines widerständigen, eigenwilligen, geliebten Menschen geworden, sondern auch ein Erinnerungsbuch des Autors, ein Nachdenken über Herkunft, Heimat, familiäre Bindungen. Autofiktion, die weit über die südbadische Region hinausweist.

 

Bild von Manfred Antranias Zimmer auf Pixabay

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Valentin Moritz - Kein held.

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Valentin Moritz – Kein Held

Badischer Landwirtschafts-Verlag Mai 2020, 224 Seiten, Hardcover, 18,00 € 

Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer

Romane, in deren Zentrum ein Haus steht, sind so selten nicht. Ich denke da beispielsweise an das großartige „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck. Und selbst solche, in denen die Erzählstimme selbst zumindest teilweise von einem Haus übernommen wird, gibt es bereits (u.a. „Heimflug“ von Brittany Sonnenberg). Auch der 1969 geborene Autor Andreas Schäfer wählt für seinen neuen Roman „Das Gartenzimmer“ eine 1909 erbaute Villa im Südosten Berlins, man könnte Dahlem vermuten, als Mittelpunkt. Die Straße, in der sie Schäfer platziert ist genauso fiktiv wie ihr junger Architekt Max Taubert, dessen Erstlingswerk sie ist, und die Bewohner. Aber dennoch gibt es Vorbilder aus der realen Welt. Weiterlesen „Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer“

Zora del Buono – Die Marschallin

Zora del Buono schreibt über Zora Del Buono. Dabei ist die Groß- bzw. Kleinschreibung in der Mitte des Namens von Bedeutung. Denn die Großmutter Zora Del Buono, deren Lebensgeschichte die Schweizer Autorin des gleichen Namens vor ihrem Lesepublikum ausbreitet, die titelgebende „Marschallin“, ist überzeugte Kommunistin und jeder Adelsdünkel ihr, zumindest offiziell, ein Gräuel.

Nach einem kurzen Prolog beginnt der Roman 1919 in einem kleinen Dorf im Nordwesten Sloweniens, Bovec. Hier am Grenzfluss Isonzo ((italienisch), Soča (slowenisch), Sontig (deutsch), Lusinç (friaulisch) – je nach aktuellem Besatzer), fand die letzte von insgesamt zwölf Isonzoschlachten im Ersten Weltkrieg statt. Dank Einsatz von Giftgas konnten die Österreicher mit Unterstützung der Deutschen die Italienischen Truppen zurückdrängen. Die Schlachten forderten Hunderttausende an Toten und formten dieses Grenzgebiet nachhaltig. Weiterlesen „Zora del Buono – Die Marschallin“

Theres Essmann – Federico Temperini

Das Schöne am Bloggersein ist unter anderem, dass immer wieder einmal Bücher ins Haus flattern, die man ansonsten vielleicht übersehen hätte. Meist von kleineren Verlagen, die nicht so im Fokus der Aufmerksamkeit stehen – der der Medien, aber auch der eigenen. Bücher, die anderen Blogger*innen oder Leser*innen am Herz liegen und die sie einem deswegen an dasselbe legen möchten. Unlängst erreichte mich auf diesem Weg „Federico Temperini“ von Theres Essmann. Weiterlesen „Theres Essmann – Federico Temperini“

Marina Frenk – ewig her und gar nicht wahr

Die 1986 geborene Marina Frenk hat mit „ewig her und gar nicht wahr“ einen bemerkenswerten Debütroman über Entwurzelung, Suche und Selbstvergewisserung geschrieben.

Basis ist die bildende Künstlerin Kira Libermann, Altersgenossin und sicher in einigen Bereichen Alter Ego der Autorin. Beide sind in der damaligen Sowjetrepublik Moldawien geboren und als Kind 1993 mit den Eltern nach Deutschland emigriert. Weiterlesen „Marina Frenk – ewig her und gar nicht wahr“

Lutz Seiler – Stern 111

2014 erhielt er für seinen Roman Kruso den Deutschen Buchpreis. Nun erschien von Lutz Seiler Stern 111, der den zur Zeit des Zusammenbruchs der DDR auf der kleinen Insel Hiddensee spielenden Vorgänger zwar nicht fortsetzt, aber an bestimmte Punkte anknüpft und einen Teil des Personals wiederauftauchen lässt. Weiterlesen „Lutz Seiler – Stern 111“

Felicitas Korn – Drei Leben lang

Felicitas Korn wählt als Schauplatz ihres Debütromans „Drei Leben lang“ Frankfurt und den Taunus. Das bedeutet für mich schon einmal ein wenig Heimatgefühl. Zudem ist die Autorin wie ich in Offenbach am Main geboren. Dennoch hätte ich dieses Buch beinahe verpasst. Was äußerst bedauerlich gewesen wäre, denn dieser Roman hat es in sich und viel mehr Aufmerksamkeit verdient.

Drei Hauptfiguren stehen im Mittelpunkt und erhalten ihren jeweils ganz eigenen Ton. Weiterlesen „Felicitas Korn – Drei Leben lang“

Arno Geiger – Unter der Drachenwand

„Unter der Drachenwand“ – so betitelt Arno Geiger seinen neuen Roman – das klingt ein wenig bedrohlich, ein wenig mystisch und irreal, aber auch ein wenig nach Schutz und Sicherheit. Viel eindeutiger freundlich ist der harmlos klingende „Schafberg“ gleich nebenan. Oder aber auch der verträumt-beschaulich klingende „Mondsee“.

Ohne allzu viel Bedeutung in diese Ortsnamen, die eine bedeutende Rolle in Arno Geigers neuem Roman spielen, zu legen, passen sie ganz wunderbar zu der erzählten Geschichte. Ist es doch auch eine irgendwie irreale, nahezu fantastische Ruhepause, die dem jungen Veit Kolbe da inmitten des gnadenlos entfesselten Kriegsgeschehens des Jahres 1944 gegönnt wird. Und lauert doch dahinter immer das Bedrohliche, das Beängstigende, das Grauen. Weiterlesen „Arno Geiger – Unter der Drachenwand“

Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie

Wer kennt William James Sidis? Seit der Veröffentlichung des Debütromans „Das Genie“ von Klaus Cäsar Zehrer dürften das in Deutschland einige Menschen mehr sein. Ansonsten hinterlässt der Name hierzulande, anders als in Sidis Heimatland USA, meist ratloses Schulterzucken. Dabei zählt der 1898 in New York geborene Sidis mit einem Intelligentsquotienten von geschätzt unglaublichen 250 bis 300 zu den intelligentesten Menschen aller Zeiten. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit hat er sich damit aber nicht in die Wissenschaftsgeschichte und das kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Sein Leben und Schicksal, auf das der Autor Zehrer hier aufmerksam macht, ist ein ganz unglaubliches. Weiterlesen „Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie“