Dana von Suffrin – Toxibaby

13 Trennungen in drei Jahren Beziehung – das klingt nach einer wahrlich toxischen Geschichte. Und die Rollen und Verantwortungen scheinen gleich zu Beginn klar verteilt. Da ist zum einen „Herzchen Goldberg“ und zum anderen „Toxibaby“, die sich in dieser On/Off-Beziehung sichtlich lustvoll quälen. Doch es geht im neuen Roman von Dana von Suffrin natürlich weitaus ambivalenter zu als der erste Blick auf zwei neurotische Millennials andeutet. Weiterlesen „Dana von Suffrin – Toxibaby“

Dana Grigorcea – Tanzende Frau, blauer Hahn

Es sind die 1990er Jahre am Rande der rumänischen Karpaten, die Ära Ceaușescu erst seit Kurzem Geschichte. Im kleinen Ort Bușteni, wo viele Bukarester ihre Ferien verbringen, treffen sich jeden Sommer Roxana und Camil. Sie stammt aus der gehobenen Gesellschaftsschicht der Hauptstadt und besucht ihre Großmutter, die dort ein Sommerhaus besitzt, er ist Eisenbahnersohn und lebt in der etwas heruntergekommenen Siedlung. Roxana liegt am liebsten mit einem Buch im Gras unter dem Baum, die Kinder erzählen sich Geschichten und beobachten die Bewohner von Bușteni ganz genau. Deren Besonderheiten und Schrullen, ihre Missgeschicke und Beziehungen werden wiederum zu neuen Geschichten. Etwas sommerlich Leichtes, Schwebendes liegt über dem neuen Roman der schweizerisch-rumänischen Schriftstellerin Dana Grigorcea Tanzende Frau, blauer Hahn.

Aber hinter der leichten Oberfläche mit viel Atmosphäre, die aber nie zu einer Idylle verkommt, lauern Abgründe, versteckt sich Tiefgründiges. Die postkommunistische Gesellschaft befindet sich in Transition. Der Umbruch kommt nicht jedem zugute, Klassenunterschiede machen sich deutlicher bemerkbar: der zwischen Roxana und Camil, aber auch der zur Kinderfreundin Ana-Maria, die mit ihrem zweibeinigen Hund aus unterprivilegierten Kreisen stammt. Man wächst gemeinsam auf, die Unterschiede bleiben lange sichtbar.

Liebe, Freiheit und Klassenunterschiede

Es geht Dana Grigorcea, der Kuratorin des Münchner Literaturfests, das vom 21.-30.4.2026 stattfindet, auch um das Motto, unter das sie dieses gestellt hat: „Freiheit!“. Wie frei sind wir wirklich? Kann man persönlich überhaupt absolut frei sein? Selbst in einer vermeintlich freien oder befreiten Gesellschaft? Diese Fragestellungen und die Klassenfrage bleiben subtil präsent, auch wenn es vordergründig um Sommerferien, Erwachsenwerden, bizarre Charaktere und wunderliche Begebenheiten dreht. Da ist beispielsweise der Kirschbaum, der eines Tages durch das Parkett der Madame Smara durchbricht. Und die nach und nach das Haus ihm weichen lässt. Oder die Begeisterung der Leute für die brasilianische Telenovela „Die Sklavin Isaura“, die fanatische Ausmaße erreicht. Und deren Titelfigur auf faszinierende Weise der ortsansässigen Frau Helman ähnelt. Vor allem geht es in den Erzählungen der jungen Leute aber um die Liebe, um Paare. Und auch Roxana und Camil werden in einem Sommer ein Paar.

Ins Rollen gebracht werden die Erinnerungen an diese Kindheits- und Jugendzeit der Ich-Erzählerin Roxana durch eine Mitteilung auf einer spanischen Nachrichtenseite, die von Camils Unfalltod berichtet. Dieser erlitt bei dem Versuch, Kupferkabel von einem Industrieschiff zu stehlen einen tödlichen Stromschlag. Das ist der Erzählanlass, der Roxana zu ihrer Geschichte führt, die so beginnt:

„Damals, nach der Wende, wollten alle weg, weit weg, in die Exotik, um Großes zu erleben, sich zu wandeln und schließlich den Lebenssinn zu finden, wahrscheinlich die Liebe. Weit genug von Bukarest entfernt und auch der einzige Ort, an den ich fuhr, Sommer für Sommer, war Bușteni“

Dana Grigorcea bettet Tanzende Frau, blauer Hahn in eine Rahmenhandlung ein, in der eine Schriftstellerin mit dem uns vorliegenden Text auf Lesereise geht, begleitet von einem Pianisten. Zwischen den Beiden kommt es nach und nach zu einer Liebesbeziehung. Und auch diese Schriftstellerin ist uns nicht unbekannt.

Federleicht und doch tiefgründig und elegant komponiert schreibt Dana Grigorcea mit Tanzende Frau, blauer Hahn einen wirklich zauberhaften Roman.

 

Beitragsbild: Bușteni Train track, Romania. On the background is Bucegi mountains by Tiia Monto, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

 

Dana Grigorcea - Tanzende Frau, blauer Hahnx

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Dana Grigorcea – Tanzende Frau, blauer Hahn
Penguin März 2026, Hardcover, mit Schutzumschlag, 160 Seiten, € 22,00

 

 

 

 

Franziska Hauser – Am Ende der Kleinigkeiten

Autofiktionale Romane sind ja im Trend. Wobei sich immer die Frage stellt, ob nicht in jedem Roman etwas von der Autorin, dem Autor enthalten ist, selbst wenn er im 13. Jahrhundert spielen mag. Wenn dann biografische Details von Protagonist:in und Autor:in übereinstimmen, gehen die Spekulationen los. Wieviel vom im Text Erzählten beruht auf eigenem Erleben? Da geht dann leicht die Trennung von Autor:in und Text bzw. Protagonist:in vergessen. Was vielen Romanen gar nicht gut tut. Und die meisten Autor:innen nervt. Franziska Hauser geht mit diesem Umstand in Bezug auf ihr neues Buch Am Ende der Kleinigkeiten recht entspannt um. Es ist klar, dass viel von ihrer Kindheit und einiges von ihrer Mutter in der Geschichte steckt. Und doch hofft man als Leserin, dass möglichst viel davon erfunden oder zumindest sehr zugespitzt ist. Denn was die Ich-Erzählerin Irma da so erlebt und wie besonders die Mutter mit ihr umgeht, ist schon harter Tobak. Weiterlesen „Franziska Hauser – Am Ende der Kleinigkeiten“

Nadine Schneider – Das gute Leben

Was ist ein „gutes Leben“? Für viele Menschen in den ehemaligen Ostblockstaaten lag es auf jeden Fall im „Westen“. So auch für die junge Anni, die im neuen Roman von Nadine Schneider im Mittelpunkt steht. Für sie steht fest, dass sie raus muss aus Rumänien, das ihr keine Zukunft zu bieten scheint, raus aus dem „Dreck“. Besonders jetzt, da sie schwanger ist und genau wie ihre Mutter ohne den Kindsvater zurechtkommen muss. Der „Rudi-Onkel“ in Deutschland, der das Banat schon schon vor einiger Zeit verlassen hat, hilft ihr, macht sich mit einem gefälschten Attest sterbenskrank. Und Anni beantragt eine Reiseerlaubnis, durch den „Eisernen Vorhang“ hindurch, um ihren „geliebten Onkel noch ein letztes Mal zu sehen“. Weiterlesen „Nadine Schneider – Das gute Leben“

Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen

Schon vor seinem Erscheinen wurde der Debütroman der 1989 geborenen Anja Gmeinwieser Wir Königinnen mit dem Fuldaer Literaturpreis ausgezeichnet. Sie nehme ihre Leserschaft mit „auf diese spannende, absurde, oft anrührende und manchmal auch todtraurige Reise quer durch Europa“ heißt es in der Jurybegründung. Weiterlesen „Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen“

Abbas Khider – Der letzte Sommer der Tauben

Noah ist 14 und hat ein großes Hobby: seine Tauben. Er lebt in einer nicht näher gekennzeichneten Stadt im (vermutlich) Irak, wo die Taubenzucht eine lange Tradition hat und eigentlich zum kulturellen Erbe gehört. Für Noah und seinen Onkel Ali, der in der Nähe wohnt, verkörpern die Tauben viele Dinge, und Abbas Khider nutzt sie in seinem Roman Der letzte Sommer der Tauben als Symbol für sie: Freiheit, Schönheit, Harmonie und Treue. Wenn die Tauben von den Dächern der Häuser aufsteigen und im Himmel ihre Kreise ziehen, immer wieder zu ihren Taubenschlägen und dem „Lockvogel“ zurückkehren, ist das für den Jungen Trost und Ruhe. Weiterlesen „Abbas Khider – Der letzte Sommer der Tauben“

Svenja Leiber – Nelka

„Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen“ schrieb einst William Faulkner. Und wie zutreffend dieser Satz ist, zeigt sich immer wieder gerade auch in der Literatur. Viele Neuerscheinungen, auch von jüngeren Autor:innen kommen (glücklicherweise) immer wieder auf Ereignisse der Geschichte zu sprechen, die noch nicht auserzählt sind, auch wenn es stapelweise Texte dazu gibt. Die Grausamkeiten der nationalsozialistischen Herrschaft und der Weltkriege sind Beispiele, Verfolgung, Verschleppung, Ermordung, Flucht, Vertreibung. So viele Menschen davon betroffen waren, so viele Geschichten lassen sich darüber erzählen. Svenja Leiber hat mit Nelka eine weitere hinzugefügt. Weiterlesen „Svenja Leiber – Nelka“

Katharina Köller – wild wuchern

Es geht hochdramatisch los im neuen Roman von Katharina Köller, Wild wuchern – man fühlt sich wie in einem Thriller. Eine junge Frau, Marie, Schuhdesignerin aus Wien, ein Luxusgeschöpf im Carolina Herrera Pullover, hastet in der Nacht einen Berg in Tirol hoch. Sie fühlt sich verfolgt – bald erfährt man: von ihrem Ehemann Peter, der sie auf Händen trägt, verbal erniedrigt und auch vor physischer Gewalt nicht zurückschreckt, mal das eine, mal das andere, für Marie schwer vorhersehbar. Vor ihm ist sie auf der Flucht. Und vor etwas, das sie wohlmöglich in Wien getan hat. Sie ist auf dem Weg zur Berghütte ihres Großvaters, in der seit dessen Tod die Cousine Johanna ein einsames, eigenbrödlerisches Leben in der Natur führt. Hier hofft sie, nicht gefunden zu werden. Weiterlesen „Katharina Köller – wild wuchern“

Heike Geißler – Verzweiflungen

Verzweiflungen – wer kennt sie nicht? Im ganz Privaten, Persönlichen oder zunehmend aufgrund der Weltlage, der sich stetig zuspitzenden politischen Entwicklungen und Krisen. Heike Geißler hat über diese Verzweiflungen (bewusst im Plural gehalten) ein so kluges wie wütendes wie tröstendes Essay verfasst. Im Oktober 2024 erhielt Heike Geißler dafür den Bayerischen Buchpreis. Und ich muss zugeben, dass ich das feuerrote Büchlein aus der edition suhrkamp sonst vielleicht übersehen hätte. Weiterlesen „Heike Geißler – Verzweiflungen“

Amira Ben Saoud – Schweben

Zukunftsromane, gar Dystopien stehen normalerweise eher selten auf meinen Leselisten. Und heute, wo dystopische Szenarien, die vor einigen Jahren noch völlig fremd erschienen, plötzlich erschreckend nah rücken, mag ich solche Geschichten fast noch weniger lesen. Wie gut, dass die Einladung zur Verleihung des Franz Tumler Preises im letzten Jahr mir Schweben von Amira Ben Saoud in den Lesesessel gespült hat. Weiterlesen „Amira Ben Saoud – Schweben“