Shida Bazyar – Drei Kameradinnen

Es beginnt mit einer Zeitungsmeldung. „Jahrhundertbrand in der Bornemannstraße“. Tote, Verletzte und eine Verdächtige in Polizeigewahrsam. Saya M. aus R., von Radikalisierung ist die Rede, von „Wut als Teil ihrer DNA“, von islamistischem Terror, aber auch von linker Gesinnung. Eindeutig ein populistischer Beitrag. Und: brennen nicht eigentlich immer eher die Häuser, in denen Menschen wie Saya wohnen, als dass diese als Brandstifter auftreten? Andererseits… Die Leserin beginnt, sich Gedanken zu machen. Zum Glück schaltet sich bald, bevor sie sich zu schnell in voreiligen Schlüssen einrichten kann, eine Erzählerin ein. Kasih, Freundin von Saya und eine der Drei Kameradinnen bei Shida Bazyar, will nach eigenem Bekunden „fair bleiben, alle Missverständnisse aus dem Weg räumen.“ Gut. Recht bald kommen jedoch Zweifel in die Zuverlässigkeit dieser Erzählerin auf. Weiterlesen “Shida Bazyar – Drei Kameradinnen”

Helga Schubert – Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten

Das Buch beginnt und endet mit einem Moment des Glücks. Und damit umarmen quasi die beiden Texte Mein idealer Ort und Vom Aufstehen insgesamt 29 kurze Prosastücke, die vom Leben der Autorin Helga Schubert erzählen. Einem Leben, das mittlerweile 81 Jahre währt und das außer den Momenten des Glücks natürlich auch etliche des Schmerzes kannte. Weiterlesen “Helga Schubert – Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten”

Dmitrij Kapitelman – Eine Formalie in Kiew

„Joa, üm den Ümgang mid den ukrainisch’n Behörd’n beneide ich Sie ooch nisch“ verabschiedet sich die Sachbearbeiterin Kunze von der Ausländerbehörde Leipzig von Dima, dem augenscheinlichen Alter-Ego von Dmitrij Kapitelman in Eine Formalie in Kiew. Dima hat sich nach fünfundzwanzig Jahren entschieden, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen und braucht dafür „lediglich“ noch eine mit einer amtlichen Bestätigung, einer Apostille, versehene Geburtsurkunde. Die bekommt er aber nur vor Ort, in seiner Geburtsstadt Kiew. Weiterlesen “Dmitrij Kapitelman – Eine Formalie in Kiew”

Alem Grabovac – Das achte Kind

Autofiktion steht hoch im Kurs. Autor:innen erzählen von ihren eigenen Leben, ihrem Er-Leben, in mehr oder weniger stark fiktionalisierter Form. Und Leser:innen fragen diese Art von Literatur stark nach. Waren es zunächst fremdsprachige Texte, beispielsweise von Annie Ernaux und Edouard Louis, beide aus Frankreich, oder Karl Knausgård, die große Beachtung fanden, nehmen auch die autofiktionalen Texte deutschsprachiger Autor:innen immer mehr zu. Dabei erlangt eine lange Zeit eher vernachlässigte Perspektive – die von Schriftsteller:innen mit Migrationserfahrung, eigener oder der der Eltern- oder Großelterngeneration – immer mehr Bedeutung. Deniz Ohde hat im letzten Jahr mit ihrem Streulicht sehr beeindrucken können und ist bis auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis vorgerückt. Auch Cihan Acar hat mit seinem Hawaii viel Beachtung erlangt. Beides sind ganz hervorragende Debütromane. Trotz dieser Vielzahl an bereits veröffentlichten Texten gibt es immer wieder Neuerscheinungen, die einen nochmals anderen, überraschenden Blickwinkel einnehmen und literarisch überzeugen können. Um einen solchen Roman handelt es sich beim Debüt von Alem Grabovac, Das achte Kind. Weiterlesen “Alem Grabovac – Das achte Kind”

Matthias Jügler – Die Verlassenen

„Zärtlich, traurig, schmerzhaft, schön.“ So wird auf dem Cover des neuen Romans von Matthias Jügler, Die Verlassenen, geworben. Und so skeptisch man solchen Blurbs in der Regel gegenüber stehen mag, hier treffen alle vier Adjektive zu einhundert Prozent zu.

Der 1984 geborene Matthias Jügler erzählt in Die Verlassenen eine Geschichte aus der DDR und der Nachwendezeit, die so spannend wie berührend ist. Es geht darin, wie so oft in Erzählungen aus dem sozialistischen Deutschland, um stille Ungeheuerlichkeiten, um Verrat, um zerstörte Familien und Freundschaften. Es ist ein schmales Buch von gerade einmal 170 Seiten, äußerst dicht, komprimiert, intensiv. Weiterlesen “Matthias Jügler – Die Verlassenen”

Eva Schmidt – Die Welt gegenüber

Es sind die leisen Töne, in denen die 1952 geborene österreichische Schriftstellerin Eva Schmidt brilliert. Ihre Romane Ein langes Jahr und Die untalentierte Lügnerin waren 2016 und 2019 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Und doch zählt sie in Deutschland zu den eher unbekannteren Autorinnen. Der Blick auf den Alltag ihrer zumeist tief einsamen Protagonist:innen ist so scharf wie zurückhaltend. Mit ihrem neuen Erzählungsband Die Welt gegenüber kehrt Eva Schmidt zu der kurzen Form ihrer Anfangsjahre zurück. Weiterlesen “Eva Schmidt – Die Welt gegenüber”

Monika Helfer – Vati

Im vergangenen Jahr veröffentlichte die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer einen schmalen, leisen Roman über ihre Großmutter und die Familie mütterlicherseits. Die Bagage erzählte knapp, sparsam, aber sehr poetisch und einfühlsam vom Leben in einem abgeschiedenen Dorf des Bregenzer Waldes zu Zeiten des Ersten Weltkrieges. Das Buch erfuhr ein großes, sehr positives Medienecho und wurde zu einem wahren Publikumserfolg und Verkaufsschlager. Bis heute kann ich nicht verstehen, warum es noch nicht einmal auf der Longlist des Deutschen Buchpreises auftauchte. Ein Versäumnis, das man hoffentlich in diesem Jahr nicht noch einmal wiederholt. Denn Monika Helfer hat nun mit Vati ein weiteres persönliches Familienbuch nachgeschoben. Es handelt, der Titel verrät es, von ihrem Vater. Weiterlesen “Monika Helfer – Vati”

Esther Becker – Wie die Gorillas

Es gibt Romane, die kommen auf eher leisen Sohlen und packen die Leser:innen dann unverhofft und hinterrücks umso intensiver. Um solch ein Buch handelt es sich beim Debütroman Wie die Gorillas der 1980 geborenen und bisher vor allem als Dramatikerin hervorgetretenen Esther Becker. Es sind nur gut 150 locker bedruckte Seiten und zunächst recht belanglos scheinende Alltagsepisoden mit denen das Buch beginnt. Weiterlesen “Esther Becker – Wie die Gorillas”

Christoph Peters – Dorfroman

Dorfroman – im neuen Buch von Christoph Peters ist drin, was draufsteht. Und noch so viel mehr. Es ist nicht nur die hinreißende Geschichte einer Kindheit auf dem Land in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, sondern auch eine melancholische Liebesgeschichte im Schatten der Anti-AKW-Bewegung der Achtziger und ein nachdenklicher Versuch über das Vergehen der Zeit, die Veränderung der Welt und über Verantwortung.

„Roman“ ist das Buch überschrieben, und tatsächlich gibt es leichte Verfremdungseffekte, so etwa bei den Ortsnamen, wo etwa das niederrheinische Kalkar mit altertümlichem C geschrieben wird. Auch den Heimatort des Protagonisten, Hülkendonck, findet man auf keiner Karte. Und doch ist es sehr einfach ihn als den Heimatort des Autors, Hönnepel, zu identifizieren. Die Kirche im Roman nennt sich Verafredis, in Hönnepel heißt sie Regenfledis. Es ist also ganz eindeutig, dass Christoph Peters im Dorfroman seine eigene Kindheit und Jugend erzählt, sich dabei aber erzählerische Freiheiten erlaubt. Weiterlesen “Christoph Peters – Dorfroman”

Stephan Lohse – Johanns Bruder

Johanns Bruder ist der zweite Roman des Autors und Schauspielers Stephan Lohse. Gemeinhin gilt der zweite Roman immer als der schwierigste, besonders wenn das Debüt so viel Aufmerksamkeit erhielt und so gelungen war wie Ein fauler Gott von 2017. Stephan Lohse stellt sich der Herausforderung und wagt einiges. Zwar ist auch Johanns Bruder – der Name verrät es – eine Brüdergeschichte, diesmal packt der Autor aber noch eine schwere zeitgeschichtliche Last in seinen Text. Weiterlesen “Stephan Lohse – Johanns Bruder”