Viktor Funk – Wir verstehen nicht was geschieht

Wir verstehen nicht, was geschieht. Wie sollte man auch verstehen, was den geschätzt über fünf Millionen Sowjetbürgern nach ihrer Befreiung aus nazideutschen Konzentrations- und Arbeiterlagern, in die sie als Kriegsgefangene oder verschleppte Zwangsarbeiter:innen gerieten, in ihrer Heimat geschah. Hier erfuhren sie Stigmatisierung, Inhaftierung und häufig Verbannung und Tod, standen sie doch unter dem Generalverdacht, Vaterlandsverräter, Deserteure oder Spione zu sein. Laut Befehl 270 des Volkskommissars für Verteidigung der UdSSR vom 16. August 1941 durften sich sowjetische Soldaten, namentlich Offiziere nicht in Kriegsgefangenschaft begeben, sondern sollten sich im Zweifel selbst töten. Diese Direktive galt als Anlass, aus der Gefangenschaft zurückkehrende Soldaten in Filtrationslagern zu sammeln, zu verhören und häufig zu inhaftieren. So geschah es auch dem Physiker Lew Mischtschenko, dessen Schicksal Viktor Funk als Quelle für seinen Roman Wir verstehen nicht, was geschieht diente. Weiterlesen “Viktor Funk – Wir verstehen nicht was geschieht”

Julia Wolf – Alte Mädchen

Dreimal drei Frauen bevölkern die drei Abschnitte im neuen Roman von Julia Wolf, Alte Mädchen, der zwar völlig unabhängig, von der Autorin aber als abschließender Teil einer Trilogie (Alles ist jetzt -2015, Walter Nowak bleibt liegen – 2017) gedacht ist. Weiterlesen “Julia Wolf – Alte Mädchen”

Wolfgang Schiffer – Dass die Erde einen Buckel werfe

Wolfgang Schiffer wurde 1946 in Nettetal geboren und wuchs am Niederrhein auf. Es war eine einfache, wohl auch entbehrungsreiche Kindheit, der sich der Heranwachsende, der Gymnasiast, umgeben von Kindern aus „besseren Häusern“ auch manches Mal geschämt, hat, wie Wolfgang Schiffer in seinem schmalen, nachdenklichen Poesieband Dass die Erde einen Buckel werfe, bekennt. Weiterlesen “Wolfgang Schiffer – Dass die Erde einen Buckel werfe”

Sarah Jäger – Schnabeltier deluxe

Auf der Suche nach anspruchsvollen Texten für junge Leser:innen, die man auch als Erwachsener noch mit großem Vergnügen und Gewinn lesen kann, kommt man nicht um Sarah Jäger herum. Für ihren Debütroman, Nach vorn, nach Süden, der eine turbulente Roadnovel mit einer tiefgründigen Geschichte über Identitätsfindung verbindet und für den sie Preisträgerin des Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendiums 2021 wurde und den Luchs-Preis von DIE ZEIT und Radio Bremen erhielt, gilt das ebenso wie für den zweiten Roman Die Nacht so groß wie wir. Für diese Geschichte einer Abitursfeier-Nacht, die zugleich eine einfühlsame Freundschaftsgeschichte ist, wurde Sarah Jäger für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2022 in der Kategorie Jugendbuch nominiert. Es gilt die Daumen zu drücken. Und nun ein drittes Buch von Sarah Jäger, das den etwas merkwürdigen Titel Schnabeltier deluxe trägt. Was es damit auf sich hat, klärt sich erst ganz am Ende dieses wunderbaren Romans und soll hier nicht verraten werden. Weiterlesen “Sarah Jäger – Schnabeltier deluxe”

Ralf Rothmann – Die Nacht unterm Schnee

Als 2015 Im Frühling sterben erschien, war wahrscheinlich noch gar nicht an eine Fortsetzung gedacht worden, sondern einfach nur dem Bedürfnis genüge getan, die schon mehrfach fiktionalisierte Geschichte des Vaters um dessen traumatische Erlebnisse in den letzten Kriegstagen zu erweitern. Noch im Februar 1945 wurden der 17jährige Melker Walter Urban und der gleichaltrige Fiete von der Waffen-SS zwangsrekrutiert und an die ungarische Front geschickt. Dass Walter dort an der Hinrichtung seines der versuchten Desertion beschuldigten Freundes mitwirken musste, hat ihn nachhaltig zerbrochen. 2018 ergänzte Rothmann seine Erzählung des Kriegsendes um die Geschichte der in der norddeutschen Heimat Zurückgebliebenen. Die Frauen auf dem Hofgut bei Schleswig, die aus dem Osten Geflüchteten, die es dorthin verschlagen hat, stehen in Der Gott jenes Sommers im Mittelpunkt. Nun folgt mit Die Nacht unterm Schnee ein Buch, das die Vorgänger zur Trilogie weitet und seinem Autor Ralf Rothmann vermutlich am schwersten gefallen ist. Weiterlesen “Ralf Rothmann – Die Nacht unterm Schnee”

Sabine Huttel – Das russische Rätsel

Liane ist kein abenteuerlustiger Mensch. Die ein paar Jahre vor ihrem Ruhestand stehende Bilbliothekarin lebt eher ein Leben auf Sparflamme. Deshalb gleicht es einem Wunder, dass sie die Einladung ihres jungen Freundes G., ihn in Russland zu besuchen, um endlich einmal Licht in ein Familienereignis zu bringen, das Liane seit ihrer Kindheit belastet. Und so macht sie sich im neuen Roman von Sabine Huttel auf, Das russische Rätsel zu lösen. Weiterlesen “Sabine Huttel – Das russische Rätsel”

Jan Costin Wagner – Am roten Strand

Jan Costin Wagner zählt wie sein Kollege Friedrich Ani zu den stillen, melancholischen deutschen Krimiautoren, die weder viel Blut noch Action benötigen, um ihre Leser:innen zu fesseln. Oft überschreiten sie die Genregrenze und liefern empathische Psychogramme und dunkel-schwermütige Gesellschaftsbetrachtungen. Mit Am roten Strand bleibt Jan Costin Wagner diesem Stil treu.

Zwischen 2003 und 2017 schuf Wagner insgesamt sechs Bände der Kimmo-Joentaa Reihe. Sein finnischer Kommissar ist der große mitfühlende Trauernde in der Krimilandschaft und ich war sehr gespannt, wie es mit Jan Costin Wagners Schreiben weitergeht, nachdem der Autor von seinem Protagonisten zumindest vorerst Abschied nahm. 2020 erschien dann ein erster Roman mit den Ermittlern Ben Neven und Christian Sandner, Sommer bei Nacht.

An diesen Roman, in dem es um einen entführten kleinen Jungen und einen Pädophilenring ging, knüpft Jan Costin Wagner mit Am roten Strand direkt an. (Der neue Roman lässt sich allerdings auch ohne dieses Vorwissen lesen).

Ein Pädophilenring

Der Gründer und Moderator einer Plattform für Kinderpornografie, die auch entsprechende Filme produzierte und ins Netz stellte, Anton Holdner, sitzt in Untersuchungshaft. Sein Fall erinnert sehr an die realen Vorfälle in Lüdge, wo über zehn Jahre Kinder schwer sexuell missbraucht und Filmaufnahmen davon im Internet verbreitet wurden. Auch die Taten von Am roten Strand sind auf einem Campingplatz am See geschehen. Ben Neven, Christian Sandner, Mark Lederer und Polizeipsychologin Christina Gerst ermitteln. Ein Tatverdächtiger, Jens Göbel wird zur Vernehmung einbestellt. Kurz nach dem Verhör, direkt nach einem Squashtunier, bei dem Göbel noch quicklebendig war, bricht dieser tot zusammen. Vergiftung.

Als kurz darauf ein weiterer Mann mit einer Schere tödlich attackiert wird, liegt der Verdacht nahe, dass hier jemand aus Rache handelt. Videoaufzeichnungen zeigen die schemenhaften Bilder einer jungen Frau und eines Jugendlichen.

In kurzen, die Perspektive wechselnden Abschnitten begleitet der Text die Ermittlungen. Der Kriminalfall ist zwar brisant und leider auch ziemlich aktuell, er steht aber nur vordergründig im Mittelpunkt des Romans. Erfahrenere Krimileser:innen raufen sich schon hin und wieder die Haare, wenn ganz offensichtliche Fehler bei der Ermittlung, die auch nur so semi-spannend ist, gemacht werden.

Charakterstudien

Viel wichtiger ist es Jan Costin Wagner offenbar, die Auswirkungen der Verbrechen auf Opfer und Ermittler:innen zu zeigen. Diesen nähert er sich sehr empathisch. Die Figuren sind sehr differenziert. Auf den ersten Blick ganz „normale“ Menschen wie du und ich, haben sie fast alle eine nicht auf den ersten Blick ersichtliche, dunkle Seite. Der Ex-Kommissar und Freund Bens, Ludwig Landmann, trauert um seine Tochter Barbara, die sich vor kurzem das Leben genommen hat. Christian Sandner lebt mit einem der traumatisierten ehemaligen Missbrauchsopfer zusammen. Und Ben Neven spürt selbst ein quälendes Verlangen nach kleinen Jungen.

Diese letzte Konstellation ist eindeutig die problematischste. Da man als Leser:in dieser Figur oft sehr nah ist und sie zudem noch die Seite der „Guten“ vertritt, fühlt man sich manchmal in einem Dilemma, das, anders als in den meisten Kriminalromanen, vieles grundsätzlich in Frage stellt. Jan Costin Wagner enthält sich dabei einer klaren moralischen Bewertung. Andererseits bedient er zum Glück keinerlei Voyeurismus. Die Taten werden nur diskret behandelt. Eine wirkliche Auflösung und eine heile Welt bietet er am Ende allerdings nicht. Nichts ist wieder gut. Manches mag in Am roten Strand ein wenig überkonstruiert sein und an die Romane der Kimmo-Joentaa Reihe reicht es für mich nicht unbedingt heran. Dennoch bin ich auf das nächste Buch gespannt. Denn Ben Neven und seine Kollegen sind an einem Punkt angelangt, an dem der Autor sie (und die Leser:innen) nicht einfach allein lassen kann. Ihre Geschichte ist noch nicht auserzählt.

 

Beitragsbild via Pixabay

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JAN COSTIN WAGNER - Am roten Strand.

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Jan Costin Wagner – Am roten Strand
Galiani-Berlin März 2022, Gebunden, 304 Seiten, € 22,00

Kristine Bilkau – Nebenan

Es sind leise, poetische, nachdenklich-melancholische Romane, die Kristine Bilkau verfasst, Die Glücklichen (2015), Eine Liebe in Gedanken (2018) und nun Nebenan. Romane, die Beziehungen ausloten, sowohl im ganz persönlichen Bereich zwischen Liebenden, in der Familie, in Freundschaften, der Nachbarschaft, aber auch im Gesellschaftlichen Bereich, in der Nachbarschaft, im Dorf, der Stadt. Weiterlesen “Kristine Bilkau – Nebenan”

Wolf Haas – Müll

Jetzt ist schon wieder was passiert – auch wenn Wolf Haas seinen neuesten Brenner-Roman Müll erneut (wie schon den vorherigen, Brennerova) nicht mit diesem fast schon legendären Anfangssatz beginnt, merkt man sehr schnell, dass es sich wieder um einen dieser sprachspielerischen, ja sprachverliebten, leicht schrägen Romane mit dem „Ermittler“ Simon Brenner handelt, mit denen der Autor Haas seine Leserschaft zunächst so regelmäßig versorgte. Nach Band 6 kam ein Bruch. Es schien, als hätte Haas genug von seinem so erfolgreichen Protagonisten. Anders als in vielen Kriminalserien ließ er am Ende nicht den Brenner, sondern den Erzähler erschießen.

Mit diesem Erzähler hat es eine ganz besondere Bewandtnis. Wer er genau ist, bleibt offen. Sehr jovial, ein wenig tratschsüchtig und immer sehr darum bemüht, uns Leser:innen über die Welt und den Brenner aufzuklären, macht er die Besonderheit der Reihe aus. Ein ganz eigener Ton, ein sehr artifizielles und doch wie gesprochen wirkendes Österreichisch, ganz typische, stets wiederkehrende Redewendungen und die kumpelhafte Ansprache der Leser:innen zeichnen ihn aus. Mit dem vermeintlichen Tod dieses Erzählers schien auch die Brenner-Serie zu enden. Aber interessant! Der sechste Band hieß nicht zufällig Das ewige Leben. Nach langen sechs Jahren und einigen Protesten seitens der Brenner-Fans kehrte dieser 2009 tatsächlich wieder, in Brenner und der liebe Gott. Weiterlesen “Wolf Haas – Müll”

Bettina Wilpert – Herumtreiberinnen

Herumtreiber:innen – was ist damit eigentlich gemeint? Menschen, die sich treiben lassen? Die sich keinem strikten Regelwerk unterwerfen? Die ihren Weg vielleicht noch nicht gefunden haben? Oder die sich vom Leben einfach überraschen lassen wollen? Heute hier, morgen dort. Auf jeden Fall ist der Begriff negativ konnotiert. Zumindest in einer Gesellschaft, die möglichst alles regulieren und unter Kontrolle halten möchte. Und das ist eher die Norm und steht in einer historischen Kontinuität. Und dass diese Kontrolle die weibliche Hälfte der Gesellschaft mehr betrifft als die männliche, auch das ist leider üblich. Wie unterschiedliche Gesellschaften mit denen, die ausscheren, umgehen, zeigt uns Bettina Wilpert in ihrem Roman Herumtreiberinnen. Weiterlesen “Bettina Wilpert – Herumtreiberinnen”