Eva Schmidt – Die Welt gegenüber

Es sind die leisen Töne, in denen die 1952 geborene österreichische Schriftstellerin Eva Schmidt brilliert. Ihre Romane Ein langes Jahr und Die untalentierte Lügnerin waren 2016 und 2019 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Und doch zählt sie in Deutschland zu den eher unbekannteren Autorinnen. Der Blick auf den Alltag ihrer zumeist tief einsamen Protagonist:innen ist so scharf wie zurückhaltend. Mit ihrem neuen Erzählungsband Die Welt gegenüber kehrt Eva Schmidt zu der kurzen Form ihrer Anfangsjahre zurück. Weiterlesen “Eva Schmidt – Die Welt gegenüber”

Monika Helfer – Vati

Im vergangenen Jahr veröffentlichte die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer einen schmalen, leisen Roman über ihre Großmutter und die Familie mütterlicherseits. Die Bagage erzählte knapp, sparsam, aber sehr poetisch und einfühlsam vom Leben in einem abgeschiedenen Dorf des Bregenzer Waldes zu Zeiten des Ersten Weltkrieges. Das Buch erfuhr ein großes, sehr positives Medienecho und wurde zu einem wahren Publikumserfolg und Verkaufsschlager. Bis heute kann ich nicht verstehen, warum es noch nicht einmal auf der Longlist des Deutschen Buchpreises auftauchte. Ein Versäumnis, das man hoffentlich in diesem Jahr nicht noch einmal wiederholt. Denn Monika Helfer hat nun mit Vati ein weiteres persönliches Familienbuch nachgeschoben. Es handelt, der Titel verrät es, von ihrem Vater. Weiterlesen “Monika Helfer – Vati”

Esther Becker – Wie die Gorillas

Es gibt Romane, die kommen auf eher leisen Sohlen und packen die Leser:innen dann unverhofft und hinterrücks umso intensiver. Um solch ein Buch handelt es sich beim Debütroman Wie die Gorillas der 1980 geborenen und bisher vor allem als Dramatikerin hervorgetretenen Esther Becker. Es sind nur gut 150 locker bedruckte Seiten und zunächst recht belanglos scheinende Alltagsepisoden mit denen das Buch beginnt. Weiterlesen “Esther Becker – Wie die Gorillas”

Christoph Peters – Dorfroman

Dorfroman – im neuen Buch von Christoph Peters ist drin, was draufsteht. Und noch so viel mehr. Es ist nicht nur die hinreißende Geschichte einer Kindheit auf dem Land in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, sondern auch eine melancholische Liebesgeschichte im Schatten der Anti-AKW-Bewegung der Achtziger und ein nachdenklicher Versuch über das Vergehen der Zeit, die Veränderung der Welt und über Verantwortung.

„Roman“ ist das Buch überschrieben, und tatsächlich gibt es leichte Verfremdungseffekte, so etwa bei den Ortsnamen, wo etwa das niederrheinische Kalkar mit altertümlichem C geschrieben wird. Auch den Heimatort des Protagonisten, Hülkendonck, findet man auf keiner Karte. Und doch ist es sehr einfach ihn als den Heimatort des Autors, Hönnepel, zu identifizieren. Die Kirche im Roman nennt sich Verafredis, in Hönnepel heißt sie Regenfledis. Es ist also ganz eindeutig, dass Christoph Peters im Dorfroman seine eigene Kindheit und Jugend erzählt, sich dabei aber erzählerische Freiheiten erlaubt. Weiterlesen “Christoph Peters – Dorfroman”

Stephan Lohse – Johanns Bruder

Johanns Bruder ist der zweite Roman des Autors und Schauspielers Stephan Lohse. Gemeinhin gilt der zweite Roman immer als der schwierigste, besonders wenn das Debüt so viel Aufmerksamkeit erhielt und so gelungen war wie Ein fauler Gott von 2017. Stephan Lohse stellt sich der Herausforderung und wagt einiges. Zwar ist auch Johanns Bruder – der Name verrät es – eine Brüdergeschichte, diesmal packt der Autor aber noch eine schwere zeitgeschichtliche Last in seinen Text. Weiterlesen “Stephan Lohse – Johanns Bruder”

“Das Debüt” – Bloggerpreis für Literatur 2020 – Meine Entscheidung

2020Bereits zum vierten Mal war ich dieses Jahr Mitglied der Bloggerjury für “Das Debüt” – Bloggerpreis für Literatur 2020, der, der Name verrät es, ein besonders gelungenes Debütwerk deutscher Sprache auszeichnen möchte.

Ich sage bewusst “ein besonders gelungenes” Debüt, weil es meiner Meinung nach weder den besten Debütroman noch den besten Roman welcher Kategorie auch immer geben kann. Die Leseerwartungen und -vorlieben sind doch bei allen Leser*innen sehr unterschiedlich und selbst die herangezogenen “objektiven” Kriterien unterscheiden sich stark. Selbst der Zeitpunkt und die Umstände des Lesens haben meist einen Einfluss darauf, wie sehr uns der eine oder andere Titel anspricht. Weiterlesen ““Das Debüt” – Bloggerpreis für Literatur 2020 – Meine Entscheidung”

Cihan Acar – Hawaii

Hawaii – das klingt nach Südseeparadies, nach Blumenketten, nach gutem Leben. (Wenn auch nur in der Fantasie). Das Hawaii, in das der Protagonist und Ich-Erzähler im Debütroman von Cihan Acar zurückkehrt, hat von dieser Fantasie so gar nichts. Hier, im einstigen Problemviertel Heilbronns, wohnen die sozial schwächsten Einwohner der schwäbischen Stadt. Und auch wenn die Zeiten, als Hawaii angesichts der dort herrschenden Drogenproblematik und der Kriminalität gerne „die Bronx“ von Heilbronn genannt wurde, vorbei zu sein scheint, gilt das Viertel immer noch als unterprivilegiert. Weiterlesen “Cihan Acar – Hawaii”

Deniz Ohde – Streulicht

Streulicht entsteht, wenn das Licht an sehr kleinen, in der Luft schwebenden Teilchen, fest oder flüssig, gebrochen wird, diffus wird. Die Luft nahe des Industrieparks, wo die Ich-Erzählerin von Deniz Ohde in ihrem Debütroman Streulicht zuhause ist, ist oft voll mit diesen kleinen Partikeln, Rauch, angereichert mit Säure. Bei Kälte sinkt der ausgestoßene Wasserdampf als Industrieschnee zu Boden. Im Arbeitervorort, der zwar nie direkt benannt wird, leicht aber als Sindlingen bei Frankfurt am Main identifiziert werden kann, wird aber nicht nur das Licht gebrochen. Auch so manche Kindheit und Bildungsgeschichte kommt hier nicht ohne Brüche aus. Weiterlesen “Deniz Ohde – Streulicht”

Justin Steinfeld – Ein Mann liest Zeitung

Immer wieder einmal erscheinen Romane und andere Schriften in Neuauflage, die Zeugnis ablegen über die dunkelste Zeit der deutschen und europäischen Geschichte. Bücher, die kaum jemand kennt, die, wenn überhaupt, vor vielen Jahren in Deutschland erschienen sind und denen wenig Beachtung geschenkt wurde. Bücher, deren Autoren schon längst verstorben sind. Und bei denen man sich verblüfft fragt: Warum erst jetzt? Wie konnte dieser Text in Vergessenheit geraten? Oder gar nicht erst Beachtung finden? Um solch ein Buch handelt es sich bei „Ein Mann liest Zeitung“ von Justin Steinfeld. Weiterlesen “Justin Steinfeld – Ein Mann liest Zeitung”

Daniel Mellem – Die Erfindung des Countdown

Wer kennt Hermann Oberth? Ich muss zugeben, dass mir der 1894 in Hermannstadt/Siebenbürgen geborene und 1989 in Nürnberg gestorbene Physiker und „Raketenpionier“ bislang völlig unbekannt war. Daniel Mellem, seines Zeichens ebenfalls promovierter Physiker und Absolvent des Leipziger Literaturinstituts, widmet ihm seinen Debüt-Roman Die Erfindung des Countdown. Weiterlesen “Daniel Mellem – Die Erfindung des Countdown”