Helene Bukowski – Wer möchte nicht im Leben bleiben

Musik kann Zuflucht sein, Trost, Glück und Heimat, besonders wenn man sie nicht nur hören, sondern selbst zu machen in der Lage ist. Schon für ganz kleine Kinder ist es faszinierend, wenn aus einem „Ding“ plötzlich ein Ton erschallt, wenn man mit ihm interagiert. Noch betörender, wenn daraus wundervolle Melodien tönen. Musikmachen bedeutet neben Faszination aber auch Arbeit, Disziplin, Fleiß und im besten Fall auch Talent, will man nicht nur ein wenig „klimpern“. Das lernen die kleinen Musikschüler bald. Und nicht wenige schreckt das ab. Die anderen verbindet meist eine lebenslange Liebe zur Musik und „ihrem“ Instrument. Nur sehr selten reicht es zu Profiqualitäten, wird die Liebe zur Profession. Viel zu oft verbirgt sich dahinter ein System aus Disziplin, Drill und Druck. Sehr ausgeprägt war (ist) dies in Fernost und den kommunistischen Ländern. Die Autorin Helene Bukowski hat ein Leben, das daran zerbrochen ist, in den Mittelpunkt ihres neuen, für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominierten Roman Wer möchte nicht im Leben bleiben gestellt. Weiterlesen „Helene Bukowski – Wer möchte nicht im Leben bleiben“

Navid Kermani – Sommer 24

Navid Kermanis schmales Buch Sommer 24 ist als Roman etikettiert, was für mich nur sehr entfernt zutrifft. Es ist zudem in meinen Augen ein höchst kontroverser Text und für mich teilweise auch etwas problematisch. Ich habe es dennoch mit Gewinn gelesen, könnte mir aber vorstellen, dass viele Leser:innen es wütend zur Seite legen (falls sie es überhaupt erst zur Hand nehmen, wozu ich unbedingt rate). Weiterlesen „Navid Kermani – Sommer 24“

Lena Gorelik – Alle meine Mütter

Alle meine Mütter – zunächst stutzt man über das „alle“ beim Titel des neuen Romans von Lena Gorelik. Ein Roman über Patchworkfamilien? Liest man ein wenig hinein ins Buch, wird relativ bald klar, um was es der Autorin mit ihm geht und warum er diesen Titel trägt. Lena Gorelik verwebt in vielen Geschichten – beobachtet, imaginiert oder recherchiert – ihre eigene Mutter- und Tochterschaft mit den verschiedensten Ausdrucksformen und Wirklichkeiten des Mutterseins. Sie erzählt von Frauen

„die Mutter sein müssensollendürfenkönnenwollen, und über all jene, die nicht Mutter sein müssensollendürfenkönnenwollen; über uns, die wir Kinder von Müttern sind, selbst wenn wir es vielleicht nicht sein wollen“. Weiterlesen „Lena Gorelik – Alle meine Mütter“

Peggy Mädler – Selbstregulierung des Herzens

„Ein Roman über Liebe und Kybernetik“ verspricht der Klappentext und irritiert hoffentlich im besten Sinn und macht neugierig. Kybernetik, was war das noch gleich? Kybernetik beschäftigt sich mit der Regulation von komplexen Systemen. Neben komplizierten Maschinen ist der menschliche Körper ein solches System, aber weiter gedacht auch Gesellschaften, generell Beziehungen zwischen Lebewesen. Meist geschieht diese Regulierung über einen Regelkreis, den Vergleich von Soll- und Ist-Werten und der Aktivierung von Regelmechanismen, wenn diese voneinander abweichen. Das Herz ist eines der Organe, die sich (zumindest in begrenztem Umfang) selbst regulieren können. Aber funktioniert eine solche Selbstregulation auch in Gesellschaften? Der Neoliberalismus würde sagen: Ja. Den Konterpart könnte die sozialistische Planwirtschaft einnehmen, die nicht nur wirtschaftliche Systeme zentral regeln will. Peggy Mädler schaut sich diesen Dualismus in ihrem neuen Roman Selbstregulierung des Herzens genau an. Und das auf hinreißende, gar nicht technokratisch trockene Art und Weise. Weiterlesen „Peggy Mädler – Selbstregulierung des Herzens“

Iryna Fingerova – Zugwind

Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar 2022 sind über 1,2 Millionen Menschen nach Deutschland gekommen, um hier Schutz zu suchen. Wir sehen sie beinahe täglich, aber wie leben sie hier, welche Schicksale tragen sie, welche Ängste, Hoffnungen, Träume begleiten sie? Und wie geht es den Zurückgebliebenen? Auch wenn beinahe jeden Tag Nachrichten über den Krieg bei uns eintreffen, kann ich mir diese Fragen nicht über die üblichen Klischees hinaus beantworten. Iryna Fingerova, in Dresden lebende Ärztin und Schriftstellerin hat mit Zugwind ein außergewöhnlich gelungenes Buch darüber geschrieben. Weiterlesen „Iryna Fingerova – Zugwind“

Daniel Mellem – Einstein im Bade

Ein klein wenig führt uns Daniel Mellem mit dem Titel seines neuen Romans Einstein im Bade in die Irre. Weder erleben wir den großen Physiker bei der intimen Körperpflege (lediglich seinen Kollegen Max Planck überraschen wir einmal nackt wie der Herr ihn schuf), noch begleiten wir ihn auf einen gesundheitsfördernden Kuraufenthalt, auch wenn das Buch 1920 im prominenten Kurort Bad Nauheim spielt. Doch die über 2500 Besucher, die sich vom 19. bis 25. September dort versammelten, kamen nicht wegen der Heilquellen in den Ort im hessischen Taunus, sondern waren Teilnehmer der 86. Versammlung der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte. Am 23. September 1920 kam es dort im Badehaus 8 zu einer denkwürdigen, kontroversen Diskussion über Albert Einsteins Relativitätstheorie, die als „Bad Nauheimer Debatte“ bekannt wurde. Weiterlesen „Daniel Mellem – Einstein im Bade“

Hannah Häffner – Die Riesinnen

Ein weiterer der in diesem Jahr so präsenten Frauen-Generationen-Romane liegt mit Die Riesinnen von Hannah Häffner vor. Und wieder ist bei allen Gemeinsamkeiten ein anderer, neuer Blickwinkel und ein anderer, spezieller Ton zu entdecken. Ein Ton, der sowohl die Literaturkritik als auch die Leser:innen und Buchhändler:innen sehr begeistert. Verortet – und der Ort, der Begriff Heimat ist hier von zentraler Bedeutung, fast schon ein weiterer Protagonist – sind Die Riesinnen im kleinen, fiktiven Dorf Wittenmoos im Schwarzwald. Der Schwarzwald wird in der Literatur oft als dunkle, raue, auch ein wenig unheimliche Landschaft dargestellt. Und ein wenig davon ist auch in der Atmosphäre der Riesinnen zu spüren. Düster oder wuchtig ist der literarische Debütroman von Hannah Häffner (zuvor hat sie bereits Kriminalromane verfasst) aber gar nicht, auch wenn gleich in der Eingangsszene ein gewaltiges Gewitter niedergeht. Weiterlesen „Hannah Häffner – Die Riesinnen“

Elli Unruh – Fische im Trüben

Elli Unruh wurde mit ihrem Debütroman Fische im Trüben für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominiert. Er reiht sich ein in eine in diesem Jahr besonders präsente Reihe von Familienromanen mit osteuropäischem Bezug, wie beispielsweise die von Katherina Braschel, Nadine Schneider, Betty Boras oder Oliwia Hälterlein, hat aber gleichzeitig einen ganz besonderen, bisher eher unbekannten Fokus auf eine russlanddeutsche Familie im südöstlichen Kasachstan, die der aus der Täuferbewegung der Reformationszeit entstandenen Religionsgemeinschaft der Mennoniten angehört. Wie so oft geht auch hier die Geschichte der Ansiedlung auf Katharina die Große zurück. Diese warb ab 1763 gezielt deutsche Siedler an, um die riesigen Weiten ihres Reichs urbar zu machen. Die Bauern und Handwerker wurden vor allem im Schwarzmeergebiet und an der Wolga heimisch. Und dort liegen auch die Wurzeln der Familie Fest. Weiterlesen „Elli Unruh – Fische im Trüben“

Judith Holofernes – Hummelhirn

Ein „Hummelhirn“ ist für Judith Holofernes, ehemalige Frontfrau der Rockband „Wir sind Helden“ und nach Die Träume anderer Leute Autorin des gleichnamigen autobiografischen Buchs, das, was Kleine und Große mit beispielsweise der Diagnose AD(H)S (Judith erhielt ihr Diagnose erst mit 45) mit sich herumtragen. Dabei will Judith Holofernes ihre Erfahrungen aber nicht allein auf eine Erkrankung festlegen, sondern sie für alle, wie sie es nennt, „komischen Kinder“ ausweiten. Also solche, die nicht so einfach in ein Raster passen, die vielleicht „anders“ sind, und damit in der Gesellschaft und besonders der Schule immer wieder anecken. So wie die Autorin das selbst als Kind erlebt hat. Weiterlesen „Judith Holofernes – Hummelhirn“

Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit

Vor einigen Wochen hat Judith Hermann mit Ich möchte zurückgehen in der Zeit ein neues Buch veröffentlicht. Ich war an einem ihrer ersten Lesungstermine in der Villa Clementine in Wiesbaden und sogleich vom „Sound“ des Buches und dem, was Judith Hermann über es zu sagen hatte, fasziniert. Dabei bin ich eigentlich nicht wirklich ein Hermann-Fan. Einige Bücher gefielen mir, oft war mir aber das Kreisen um Befindlichkeiten zu viel, der oft bejubelte Hermann-Ton in seiner elegischen Melancholie ebenso. Ich möchte zurückgehen in der Zeit nun hat nach Erscheinen einiges an herber (und meiner Meinung nach ungerechtfertigter) Kritik einstecken müssen. Die Kritiker:innen schienen sich in ihren Verrissen geradezu überbieten zu wollen. Interessanterweise stand das Buch dennoch auf der SWR-Bestenliste, die von 30 ebensolchen Kritiker:innen bestimmt wird, im März gleich auf Platz 1. Im April allerdings taucht das Buch dort nicht mehr auf. Haben die Kritiker:innen a) das Buch im März noch nicht gelesen gehabt oder b) im April schnell zurückgezogen, weil es so viele Verrisse gab? Das wird nicht das letzte Geheimnis der Literaturkritik bleiben. Weiterlesen „Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit“