Hilmar Klute – Oberkampf

Auch wenn sich die westliche Welt seit den verheerenden Anschlägen des 11. September in den USA der allgegenwärtigen Gefahr von Terrorattacken bewusst geworden ist, gibt es doch bestimmte Ereignisse, Daten, Orte, die diese Fragilität der Gesellschaft noch einmal mit besonderer Wucht ins Gedächtnis holen, die die Menschen auf ganz besondere Weise erschüttern und sich deshalb ins kollektive Gedächtnis hineinbohren. Dazu zählen sicher die Zuganschläge von Madrid 2004, die Selbstmordanschläge im öffentlichen Nahverkehr von London 2005 und der LKW-Anschlag in Nizza 2016. Für Deutschland kommt noch der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz 2016 hinzu. Orte des öffentlichen Lebens, in dem man sich doch gemeinhin recht sicher wähnte. 2015 erschütterten die Anschläge in Paris – im Januar auf die Redaktion des Satire-Magazins Charlie Hebdo, im November auf die Konzerthalle Bataclan und umliegende Restaurants – die Welt. Waren dies doch Anschläge, die gegen die gesamte westliche Lebensauffassung, ihre Ideen von Meinungsfreiheit und persönlicher Freiheit gerichtet waren. Hilmar Klute siedelt in ihrem Umfeld seinen Roman Oberkampf an. Weiterlesen “Hilmar Klute – Oberkampf”

Minka Pradelski – Es wird wieder Tag

Die Frankfurter Soziologin Minka Pradelski wurde 1947 im Lager für Displaced Persons in Zeilsheim geboren, in ihrem neuen Roman Es wird wieder Tag fügt sie der großen Geschichte der Shoah ein weiteres, persönliches Mosaiksteinchen hinzu. Sie erzählt von Überlebenden, deren Leidensweg weit über die Befreiung der Lager hinausgeht, die ihre Traumata in die Nachkriegszeit mitnehmen und an die Nachfolgegenerationen weitervererben. Gerade weil sie diese davor schützen wollen. Durch Schweigen. Weiterlesen “Minka Pradelski – Es wird wieder Tag”

Alexa Hennig von Lange – Die Wahnsinnige

Johanna I. von Kastilien, 1479 in Toledo als drittes Kind der „Katholischen Könige“ Isabella und Ferdinand II. geboren, als 17jährige aus machtpolitischen Gründen mit dem einzigen Sohn des späteren römisch-deutschen Kaisers Maximilian, dem Erzherzog von Österreich und Herzog von Burgund Philipp dem Schönen verheiratet und mit 28 Jahren bereits Mutter von sechs Kindern, erhielt schon recht früh ihren Beinamen „die Wahnsinnige“. Bis zu ihrem Tod 1555 war sie nur sehr kurze Zeit gemäß ihrem Titel „Königin von Kastilien und Aragon und den angegliederten Gebieten“, der ihr nach dem Tod ihrer Mutter 1504 zustand, eine der mächtigsten Regentinnen der damaligen Zeit. Vielmehr wurde sie zunächst von ihrer Mutter, dann von Ehemann, Vater und später Sohn verdrängt, festgesetzt und der Regierungsunfähigkeit bezichtigt. Ihre berührende Geschichte erzählt Alexa Hennig von Lange in Die Wahnsinnige. Weiterlesen “Alexa Hennig von Lange – Die Wahnsinnige”

Thomas Hettche – Herzfaden

„Der Herzfaden lässt uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“ So zitiert Thomas Hettche den Gründer der Augsburger Puppenkiste, Walter Oehmichen, in seinem Roman Herzfaden, der die Geschichte des berühmten Marionettentheaters mit der Familiengeschichte der Oehmichens und einer Mentalitätsgeschichte der jungen BRD verbindet. Weiterlesen “Thomas Hettche – Herzfaden”

Valentin Moritz – Kein Held

Der Badische Landwirtschafts-Verlag veröffentlicht neben der Bauern-Zeitung und dem jährlichen Bauern-Kalender nur eine Handvoll Bücher mit regionalem Bezug, ist mir also (nicht verwunderlich) bisher völlig unbekannt geblieben. Im Frühjahr 2020 erschien ein Roman, der zwar auch im Badischen verortet ist, aber doch weit über das rein Regionale hinausweist und eine schöne, liebevolle Generationengeschichte erzählt: Kein Held von Valentin Moritz.

Der 1987 im südbadischen Niederdrossenbach geborene Autor lebt schon seit langem in Berlin. In jungen Jahren galt es, so bald wie möglich raus aus dem Dorf zu kommen, raus aus der ländlichen Enge. Er studierte in Berlin Literaturwissenschaften und lebt seitdem dort. Der Kontakt zu seiner badischen Heimat riss dadurch aber nicht ab. Regelmäßig traf sich dort die Großfamilie rund um dem Großvater Josef Mutter, dessen neun Kinder, fast vierzig Enkel und mittlerweile auch Urenkel. Großmutter Erna starb bereits 1989, mitten in ihrem Bauerngarten. Auf dem Fest zu seinem 90. Geburtstag sprach Josef seinen schreibenden Enkel an. Er hätte da einige Geschichten, die noch erzählt werden müssten, nicht vergessen werden dürften. Und Valentin kenne sich da doch aus. Weiterlesen “Valentin Moritz – Kein Held”

Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer

Romane, in deren Zentrum ein Haus steht, sind so selten nicht. Ich denke da beispielsweise an das großartige „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck. Und selbst solche, in denen die Erzählstimme selbst zumindest teilweise von einem Haus übernommen wird, gibt es bereits (u.a. „Heimflug“ von Brittany Sonnenberg). Auch der 1969 geborene Autor Andreas Schäfer wählt für seinen neuen Roman „Das Gartenzimmer“ eine 1909 erbaute Villa im Südosten Berlins, man könnte Dahlem vermuten, als Mittelpunkt. Die Straße, in der sie Schäfer platziert ist genauso fiktiv wie ihr junger Architekt Max Taubert, dessen Erstlingswerk sie ist, und die Bewohner. Aber dennoch gibt es Vorbilder aus der realen Welt. Weiterlesen “Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer”

Zora del Buono – Die Marschallin

Zora del Buono schreibt über Zora Del Buono. Dabei ist die Groß- bzw. Kleinschreibung in der Mitte des Namens von Bedeutung. Denn die Großmutter Zora Del Buono, deren Lebensgeschichte die Schweizer Autorin des gleichen Namens vor ihrem Lesepublikum ausbreitet, die titelgebende „Marschallin“, ist überzeugte Kommunistin und jeder Adelsdünkel ihr, zumindest offiziell, ein Gräuel.

Nach einem kurzen Prolog beginnt der Roman 1919 in einem kleinen Dorf im Nordwesten Sloweniens, Bovec. Hier am Grenzfluss Isonzo ((italienisch), Soča (slowenisch), Sontig (deutsch), Lusinç (friaulisch) – je nach aktuellem Besatzer), fand die letzte von insgesamt zwölf Isonzoschlachten im Ersten Weltkrieg statt. Dank Einsatz von Giftgas konnten die Österreicher mit Unterstützung der Deutschen die Italienischen Truppen zurückdrängen. Die Schlachten forderten Hunderttausende an Toten und formten dieses Grenzgebiet nachhaltig. Weiterlesen “Zora del Buono – Die Marschallin”

Theres Essmann – Federico Temperini

Das Schöne am Bloggersein ist unter anderem, dass immer wieder einmal Bücher ins Haus flattern, die man ansonsten vielleicht übersehen hätte. Meist von kleineren Verlagen, die nicht so im Fokus der Aufmerksamkeit stehen – der der Medien, aber auch der eigenen. Bücher, die anderen Blogger*innen oder Leser*innen am Herz liegen und die sie einem deswegen an dasselbe legen möchten. Unlängst erreichte mich auf diesem Weg „Federico Temperini“ von Theres Essmann. Weiterlesen “Theres Essmann – Federico Temperini”

Marina Frenk – ewig her und gar nicht wahr

Die 1986 geborene Marina Frenk hat mit „ewig her und gar nicht wahr“ einen bemerkenswerten Debütroman über Entwurzelung, Suche und Selbstvergewisserung geschrieben.

Basis ist die bildende Künstlerin Kira Libermann, Altersgenossin und sicher in einigen Bereichen Alter Ego der Autorin. Beide sind in der damaligen Sowjetrepublik Moldawien geboren und als Kind 1993 mit den Eltern nach Deutschland emigriert. Weiterlesen “Marina Frenk – ewig her und gar nicht wahr”

Lutz Seiler – Stern 111

2014 erhielt er für seinen Roman Kruso den Deutschen Buchpreis. Nun erschien von Lutz Seiler Stern 111, der den zur Zeit des Zusammenbruchs der DDR auf der kleinen Insel Hiddensee spielenden Vorgänger zwar nicht fortsetzt, aber an bestimmte Punkte anknüpft und einen Teil des Personals wiederauftauchen lässt. Weiterlesen “Lutz Seiler – Stern 111”