Franziska Hauser – Am Ende der Kleinigkeiten

Autofiktionale Romane sind ja im Trend. Wobei sich immer die Frage stellt, ob nicht in jedem Roman etwas von der Autorin, dem Autor enthalten ist, selbst wenn er im 13. Jahrhundert spielen mag. Wenn dann biografische Details von Protagonist:in und Autor:in übereinstimmen, gehen die Spekulationen los. Wieviel vom im Text Erzählten beruht auf eigenem Erleben? Da geht dann leicht die Trennung von Autor:in und Text bzw. Protagonist:in vergessen. Was vielen Romanen gar nicht gut tut. Und die meisten Autor:innen nervt. Franziska Hauser geht mit diesem Umstand in Bezug auf ihr neues Buch Am Ende der Kleinigkeiten recht entspannt um. Es ist klar, dass viel von ihrer Kindheit und einiges von ihrer Mutter in der Geschichte steckt. Und doch hofft man als Leserin, dass möglichst viel davon erfunden oder zumindest sehr zugespitzt ist. Denn was die Ich-Erzählerin Irma da so erlebt und wie besonders die Mutter mit ihr umgeht, ist schon harter Tobak. Weiterlesen „Franziska Hauser – Am Ende der Kleinigkeiten“

Nadine Schneider – Das gute Leben

Was ist ein „gutes Leben“? Für viele Menschen in den ehemaligen Ostblockstaaten lag es auf jeden Fall im „Westen“. So auch für die junge Anni, die im neuen Roman von Nadine Schneider im Mittelpunkt steht. Für sie steht fest, dass sie raus muss aus Rumänien, das ihr keine Zukunft zu bieten scheint, raus aus dem „Dreck“. Besonders jetzt, da sie schwanger ist und genau wie ihre Mutter ohne den Kindsvater zurechtkommen muss. Der „Rudi-Onkel“ in Deutschland, der das Banat schon schon vor einiger Zeit verlassen hat, hilft ihr, macht sich mit einem gefälschten Attest sterbenskrank. Und Anni beantragt eine Reiseerlaubnis, durch den „Eisernen Vorhang“ hindurch, um ihren „geliebten Onkel noch ein letztes Mal zu sehen“. Weiterlesen „Nadine Schneider – Das gute Leben“

Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen

Schon vor seinem Erscheinen wurde der Debütroman der 1989 geborenen Anja Gmeinwieser Wir Königinnen mit dem Fuldaer Literaturpreis ausgezeichnet. Sie nehme ihre Leserschaft mit „auf diese spannende, absurde, oft anrührende und manchmal auch todtraurige Reise quer durch Europa“ heißt es in der Jurybegründung. Weiterlesen „Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen“

Abbas Khider – Der letzte Sommer der Tauben

Noah ist 14 und hat ein großes Hobby: seine Tauben. Er lebt in einer nicht näher gekennzeichneten Stadt im (vermutlich) Irak, wo die Taubenzucht eine lange Tradition hat und eigentlich zum kulturellen Erbe gehört. Für Noah und seinen Onkel Ali, der in der Nähe wohnt, verkörpern die Tauben viele Dinge, und Abbas Khider nutzt sie in seinem Roman Der letzte Sommer der Tauben als Symbol für sie: Freiheit, Schönheit, Harmonie und Treue. Wenn die Tauben von den Dächern der Häuser aufsteigen und im Himmel ihre Kreise ziehen, immer wieder zu ihren Taubenschlägen und dem „Lockvogel“ zurückkehren, ist das für den Jungen Trost und Ruhe. Weiterlesen „Abbas Khider – Der letzte Sommer der Tauben“

Svenja Leiber – Nelka

„Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen“ schrieb einst William Faulkner. Und wie zutreffend dieser Satz ist, zeigt sich immer wieder gerade auch in der Literatur. Viele Neuerscheinungen, auch von jüngeren Autor:innen kommen (glücklicherweise) immer wieder auf Ereignisse der Geschichte zu sprechen, die noch nicht auserzählt sind, auch wenn es stapelweise Texte dazu gibt. Die Grausamkeiten der nationalsozialistischen Herrschaft und der Weltkriege sind Beispiele, Verfolgung, Verschleppung, Ermordung, Flucht, Vertreibung. So viele Menschen davon betroffen waren, so viele Geschichten lassen sich darüber erzählen. Svenja Leiber hat mit Nelka eine weitere hinzugefügt. Weiterlesen „Svenja Leiber – Nelka“

Katharina Köller – wild wuchern

Es geht hochdramatisch los im neuen Roman von Katharina Köller, Wild wuchern – man fühlt sich wie in einem Thriller. Eine junge Frau, Marie, Schuhdesignerin aus Wien, ein Luxusgeschöpf im Carolina Herrera Pullover, hastet in der Nacht einen Berg in Tirol hoch. Sie fühlt sich verfolgt – bald erfährt man: von ihrem Ehemann Peter, der sie auf Händen trägt, verbal erniedrigt und auch vor physischer Gewalt nicht zurückschreckt, mal das eine, mal das andere, für Marie schwer vorhersehbar. Vor ihm ist sie auf der Flucht. Und vor etwas, das sie wohlmöglich in Wien getan hat. Sie ist auf dem Weg zur Berghütte ihres Großvaters, in der seit dessen Tod die Cousine Johanna ein einsames, eigenbrödlerisches Leben in der Natur führt. Hier hofft sie, nicht gefunden zu werden. Weiterlesen „Katharina Köller – wild wuchern“

Heike Geißler – Verzweiflungen

Verzweiflungen – wer kennt sie nicht? Im ganz Privaten, Persönlichen oder zunehmend aufgrund der Weltlage, der sich stetig zuspitzenden politischen Entwicklungen und Krisen. Heike Geißler hat über diese Verzweiflungen (bewusst im Plural gehalten) ein so kluges wie wütendes wie tröstendes Essay verfasst. Im Oktober 2024 erhielt Heike Geißler dafür den Bayerischen Buchpreis. Und ich muss zugeben, dass ich das feuerrote Büchlein aus der edition suhrkamp sonst vielleicht übersehen hätte. Weiterlesen „Heike Geißler – Verzweiflungen“

Amira Ben Saoud – Schweben

Zukunftsromane, gar Dystopien stehen normalerweise eher selten auf meinen Leselisten. Und heute, wo dystopische Szenarien, die vor einigen Jahren noch völlig fremd erschienen, plötzlich erschreckend nah rücken, mag ich solche Geschichten fast noch weniger lesen. Wie gut, dass die Einladung zur Verleihung des Franz Tumler Preises im letzten Jahr mir Schweben von Amira Ben Saoud in den Lesesessel gespült hat. Weiterlesen „Amira Ben Saoud – Schweben“

Lena Schätte – Das Schwarz an den Händen meines Vaters – Kurz vorgestellt

Einige Kritiker:innen haben Lena Schättes für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 nominierten Roman als einen Suchtroman bezeichnet. Und tatsächlich gibt es hier eine ganze Ahnenreihe von Abhängigkeiten, in erster Linie vom Alkohol. Der Großvater erfror einst im Schnee, in den er volltrunken gefallen war, der Vater ist schwer alkoholabhängig und wird relativ früh an den Folgen dieser Sucht sterben, der Pfarrer säuft und auch der Freund und die Ich-Erzählerin selbst trinken viel zu viel. Sie alle trinken, um „das Leben auszuhalten“ – eine Forderungen, seine Demütigungen, seine unerfüllten Hoffnungen. Keiner der Betroffenen wird als gewalttätig oder verachtenswert beschrieben. Es ist kein Buch der Abrechnung, der Vorwürfe, der Rache, sondern eher ein Buch der Liebe. Besonders zum Vater. Aber es ist eben auch ein Buch über das Fatale der Sucht und über Co-Abhängigkeit. Weiterlesen „Lena Schätte – Das Schwarz an den Händen meines Vaters – Kurz vorgestellt“

Thomas Knüwer – Das Haus in dem Gudelia stirbt – Kurz vorgestellt

2024 gewann Thomas Knüwer mit seinem Debüt-Kriminalroman Das Haus, in dem Gudelia stirbt den Deutschen Krimipreis national. Ein ganz außergewöhnlicher, überraschender Text – das hat auch die Jury überzeugt.

Es beginnt mit einem Prolog, der schon offenbart, wohin der Roman führt:

„Die alte Frau liegt im Dreck und lächelt. Es ist gerecht, denkt sie. Schuld schwimmt oben. Die Bine kann sie nicht bewegen. Erst hat er das linke, dann das rechte mit dem Spaten zertrümmert. Jesus Maria, hat sie geschrien.“

Die alte Frau, Gudelia Krol, übernimmt fortan die Rolle der Ich-Erzählerin. Und das auf drei Zeitebenen. Weiterlesen „Thomas Knüwer – Das Haus in dem Gudelia stirbt – Kurz vorgestellt“