Nele Pollatschek – Kleine Probleme

Was soll man nur mit Lars machen? Es ist zum Haareraufen, zum Verzweifeln. Man möchte ihn schütteln, anschreien, ihm mal ganz vernünftig ins Gewissen reden, in den Allerwertesten treten, ihn in den Arm nehmen. Lars, der Held im neuen Roman von Nele Pollatschek, Kleine Probleme betitelt, ist, ganz salopp gesagt, ein ziemlicher Versager, ein Prokrastinierer vor dem Herrn, ein Umstandskrämer. Und ein etwas kleineres oder etwas größeres Bisschen Lars steckt wohl in jedem von uns. Deshalb widmet Nele Pollatschek ihren Roman auch „für alle, die noch etwas zu erledigen haben.“ Weiterlesen „Nele Pollatschek – Kleine Probleme“

Theres Essmann – Dünnes Eis

Über dünnes Eis bewegt sich die fast einhundert Jahre alte Marietta schon fast ihr ganzes Leben lang. Zumindest seit sie als junge Frau auf der Flucht vor der Roten Armee über dieses gehen musste, Unzählige dabei sterben sah und ihr allergrößtes Trauma dabei schon hinter ihr lag. Verdrängung und/oder Erinnerung – dünnes Eis, in das Marietta immer wieder einbricht, wenn Träume und Bilder auf sie einstürmen. Theres Essmann schafft mit ihrem Roman Dünnes Eis ein feinfühliges, empathisches Buch über eine noch sehr lebendige alte Dame. Weiterlesen „Theres Essmann – Dünnes Eis“

Karen Gershon – Das Unterkind

Schon sehr früh fühlt sich die kleine Käthe Löwenthal (der Geburtsname von Karen Gershon) als das Unterkind der wohlhabenden jüdischen Familie aus Bielefeld. Die beiden Schwestern, die sehr bewunderte Anne und die vielgeliebte Lise sind zwei bzw. ein Jahr älter. Und schon seit jüngsten Jahren

„hetzt (sie) sich ab, physisch, aber auch im übertragenen Sinn, um ihre Schwestern einzuholen. Die Tatsache, dass es ihr nie gelang, hat sie wohl zu der Überzeugung gebracht, ein Unterkind zu sein, und das schon vor ihrem zehnten Lebensjahr, in dem die Nazis an die Macht kamen.“ Weiterlesen „Karen Gershon – Das Unterkind“

Birgit Mattausch – Bis wir Wald werden

Ein Hochhaus als zentraler Handlungsort und sogar als eine Art Protagonist – das ist jetzt nicht unbedingt ganz neu. Bei der Lektüre von Bis wir Wald werden von Birgit Mattausch musste ich häufig an Karosh Tahas Beschreibung einer Krabbenwanderung denken. Und erst vor kurzem erschien der US-amerikanische Bestseller Kaninchenstall von Tess Gunty, der im gleichnamigen Wohnkomplex angesiedelt ist. Aberso unterschiedlich Häuser und darin lebende Menschen sind, so unterschiedlich sind auch die Romane. Meist sind es die eher einkommensschwachen Bevölkerungsschichten, die im Hochhaus wohnen, viele Migrant:innen und ältere Menschen mit kleinem Geldbeutel, die die Annehmlichkeiten wie Aufzug, Ebenerdigkeit etc. zu schätzen wissen. Aber meist haben Hochhäuser keinen guten Ruf, wird ihre Anonymität beklagt, ihre angebliche Kälte, gelten sie oft als soziale Brennpunkte. Dass sie auch Heimat, Gemeinschaft und Geborgenheit bedeuten können, hat Birgit Mattausch erlebt, als sie selbst als Pfarrerin in einem solchen Wohnkomplex, in dem besonders viele russlanddeutsche Migrant:innen lebten, wohnte. Weiterlesen „Birgit Mattausch – Bis wir Wald werden“

Viktor Funk – Bienenstich

„Mein Leben in Deutschland begann mit einem Stück Bienenstich“, so beginnt der Debütroman von Viktor Funk und war auch so betitelt, als er 2017 im damals noch existierenden Frankfurter Größenwahn Verlag erschien. Der fast durchgehend namenlos bleibende Ich-Erzähler (erst ziemlich am Ende wird er mit Herr Bellen angesprochen) erzählt darin von seiner Jugend, der Emigration nach Deutschland, aber vor allem von seinen Beziehungen zu Frauen und seinem Jugendfreund Mark. Weiterlesen „Viktor Funk – Bienenstich“

Bastian Kresser – Als mir die Welt gehörte

Das Erstaunliche ist, dass es diesen Victor Lustig wirklich gab. Der 1890 geborene Lustig war österreich-ungarischer Herkunft, von großer Intelligenz und umfassender Ausbildung. Er sprach fünf Sprachen. Dass er mit 22 Jahren bereits 5x im Gefängnis sitzen, sich etliche fiktive Identitäten zulegen und auf Überseedampfern Geld mit Betrügereien bei Glücksspielen machen sollte, war in keiner Weise vorgezeichnet oder vorhersehbar. In die Geschichte ging er schließlich ein als „der Mann, der den Eiffelturm verkaufte“. Und das gleich zwei Mal. Seine überraschende Geschichte erzählt der österreichische Autor Bastian Kresser auf so unterhaltsame wie spannende Weise in seinem Roman Als mir die Welt gehörte. Weiterlesen „Bastian Kresser – Als mir die Welt gehörte“

Jan Costin Wagner – Einer von den Guten

„Ben Neven und seine Kolleg:innen sind an einem Punkt angelangt, an dem der Autor sie (und die Leser:innen) nicht einfach allein lassen kann. Ihre Geschichte ist noch nicht auserzählt.“ So habe ich meine Rezension zum Vorgängerroman Am roten Strand beendet. Nun hat Jan Costin Wagner mit Einer von den Guten einen dritten Roman über den Ermittler Ben Neven geschrieben, der am Ende zwar auch fast alles in der Schwebe lässt, aber dennoch einen zufriedenstellenden Abschluss der Reihe bildet. Weiterlesen „Jan Costin Wagner – Einer von den Guten“

Eva Reisinger – Männer töten

Unter dem herrlich zweideutigen Titel Männer töten veröffentlicht die österreichische Journalistin und Sachbuchautorin Eva Reisinger ihren ersten Roman und wurde dafür gerade für den Österreichischen Debütpreis 2023 nominiert. Interessant ist, welche Bedeutung des Titels sich beim ersten Augenschein bei der Leserin oder dem Leser nach vorne drängt. Tatsache ist, das macht die „Triggerwarnung“ gleich zu Beginn deutlich: Hier werden Männer getötet. Dabei geht es aber eigentlich um die unerträgliche Tatsache, dass Männer Frauen töten. Immer noch, immer wieder. Und immer noch schaut die Gesellschaft viel zu oft weg, bagatellisiert und ist auch die Rechtsprechung noch nicht so sensibilisiert, diese Femizide als solche gesondert zu behandeln. Bislang haben nur zwei Länder in Europa, nämlich Zypern und Malta, beschlossen, diese Femizide als eigenständige Verbrechen anzuerkennen. Weiterlesen „Eva Reisinger – Männer töten“

Johanna Sebauer – Nincshof

„Nincs“ – ungar.: „Es gibt kein“. Nincshof – es gibt keinen Hof, kein Dorf, kein gar nichts. Zumindest nach der Legende gab es hier im äußersten östlichen Zipfel Österreichs, in der entlegensten Ecke des Burgenlandes, ganz nahe am Einser-Kanal, der an der Grenze von Österreich und Ungarn verläuft, offiziell jahrhundertelang nichts. Offiziell. Denn bevor der Einser-Kanal seit der Wende zum 20. Jahrhundert den ansonsten abflusslosen Neusiedlersee entwässerte und danach die südöstlich davon gelegenen Hanságsümpfe mehr und mehr trockengelegt wurden, lag dort der Legende nach (zumindest im vorliegenden Roman) eine von der Außenwelt unentdeckte Gemeinde, völlig autark, mit matriarchal verlaufenden Familienlinien, mit durch Holzstege über dem Moor verbundenen Pfahlbauten, versteckt im hohen Schilf. Augenzwinkernd, märchenhaft, verspielt erzählt Johanna Sebauer in ihrem Debütroman, wie einige Bewohner des (fiktiven) burgenländischen Dörfchens Nincshof diesen vermeintlich glücklichen, vergessenen Zustand wiederherstellen möchten. Weiterlesen „Johanna Sebauer – Nincshof“

Ingke Brodersen – Lebewohl Martha

Anfang der 1990er Jahre zog Ingke Brodersen mit ihrer Familie in eine Altbauwohnung in Berlin Schöneberg. Eine helle, geräumige Wohnung im vierten Stock in der Berchtesgadener Straße 37. Vor dem Haus im Pflaster eingelassen befindet sich einer jener Stolpersteine, die an ehemalige jüdische Bewohner:innen erinnert, die Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten wurden. 1993 wurden hier im Bayerischen Viertel in einem Projekt Tafeln aufgehängt, die Inhalte von nationalsozialistischen Gesetzen und Verordnungen zeigen, mit denen die Entrechtung der Juden in Deutschland vorangetrieben wurde. Dies war für die Historikerin und ehemalige Leiterin des Rowohlt Berlin-Verlags Ingke Brodersen der Impuls, der Geschichte der einst in ihrem Wohnhaus lebenden Menschen nachzuforschen – und daraus entstand ihr berührendes Buch Lebewohl, Martha.

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