Alice Horáčková – Geteiltes Haus

Ein kleiner Ort im Riesengebirge. Seitdem die böhmischen Könige im 13. und 14 Jahrhundert deutsche Siedler ins Land gerufen haben, um die dichten Waldgebiete urbar zu machen, lebten hier Tschechen und Deutsche zusammen. Anders als in rein deutschsprachigen Gemeinden im später so genannten Sudetenland. Nach dem Ersten Weltkrieg endete der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn, zu dem das Gebiet fast 400 Jahre gehörte. In der neugegründeten Tschechoslowakei spitzte sich das Verhältnis zwischen den Bevölkerungsgruppen im Zuge des wachsenden Nationalismus zu. In dieses Setting setzt die tschechische Autorin Alice Horáčková in ihrem Roman Geteiltes Haus ihr Personal. Im Mittelpunkt stehen zwei Freundinnen, zwei Familien. Der Roman beruht auf der eigenen Familiengeschichte.

Das Münchner Abkommen 1938 zwang die Tschechoslowakei die sudetendeutschen Gebiete an das Deutsche Reich abzutreten. Großbritannien, Frankreich und Italien versuchten damit, einen Krieg zu verhindern, da Hitler drohte den „Reichsdeutschen“ im Sudetenland durch einen militärischen Einmarsch Autonomie zu verschaffen. Nur ein halbes Jahr später besetzten deutsche Truppen den Rest des Landes und erklärten es zum Protektorat Böhmen und Mähren.

Trennlinien in den Familien

Wie im Land verläuft auch in Benetzko nun eine Trennlinie zwischen Deutschstämmigen, die die neuen Herren im Reichsgau meist begrüßen, den Tschechen, die sie als Besatzer erleben und den dort lebenden Juden und politisch Missliebigen, wie Sozialdemokraten und Kommunisten, die das Land Hals über Kopf verlassen müssen oder verfolgt werden. Im rauen Gebirgsklima von Benetzko, im Nordosten des heutigen Tschechiens, wachsen Zdenka Honců und Anežka Braun auf, die eine Tschechin, die andere deutschstämmig. Sie werden Freundinnen und heiraten je einen der deutschen Hollmann-Brüder, die sich im Gegensatz zu ihrem sanftmütigen Bruder Emil zu radikalen Nationalisten entwickeln.

Zdenka, ihr erster Sohn Arnošt, der von Vinzenz nie richtig anerkannt wird (tatsächlich ist er der Sohn seines Bruders Hans) und ihr Vater Mensche Honců sehen sich als Tschechen, Zdenkas zweiter Sohn Hanskarl, sein Vater Vinzenz und dessen Bruder Hans Hollmann werden stramme Anhänger der neuen Machthaber, ersterer aus ideologischen, Hans eher aus geschäftstüchtigen Gründen.

Wir begleiten das Leben der Familien, mit Fokus auf Zdenka und Anežka von deren Geburt bis in die Nachkriegszeit und lernen viele der Einwohner Benetzkos kennen. Familienbande und Freundschaft, Liebe und Hass, Solidarität und Verrat, Mut und Feigheit – Alice Horáčková erzählt basierend auf der eigenen Familiengeschichte multiperspektivisch und entwickelt großartige Figuren. Dabei durchqueren wir ein halbes Jahrhundert tschechische (und sudetendeutsche) Geschichte. Das sind über 800 Seiten, die niemals gelangweilt haben und für mich zu den Jahreshighlights dieses Lesejahrs gehören.

 

Beitragsfoto by Roman Boed via pxhere

Alica Horackova - Geteiltes Haus.

Alice Horáčková – Geteiltes Haus
Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff
Diogenes August 2026, Hardcover Leinen, 880 Seiten, € 28.00

 

 

 

 

Roman Rozina – Hundert Jahre Blindheit

Der Slowene Roman Rozina entrollt mit seinem fast 600 Seiten starken Roman Hundert Jahre Blindheit ein großes Familientableau. Und ja, die Referenz zum großen Kolumbianer Gabriel García Márquez ist durchaus beabsichtigt, auch wenn bei Rozina kein magischer Realismus zu finden ist, sondern die Geschichte realistisch und chronologisch erzählt wird. Weiterlesen „Roman Rozina – Hundert Jahre Blindheit“ →

Zora del Buono – Die Marschallin

Zora del Buono schreibt über Zora Del Buono. Dabei ist die Groß- bzw. Kleinschreibung in der Mitte des Namens von Bedeutung. Denn die Großmutter Zora Del Buono, deren Lebensgeschichte die Schweizer Autorin des gleichen Namens vor ihrem Lesepublikum ausbreitet, die titelgebende „Marschallin“, ist überzeugte Kommunistin und jeder Adelsdünkel ihr, zumindest offiziell, ein Gräuel.

Nach einem kurzen Prolog beginnt der Roman 1919 in einem kleinen Dorf im Nordwesten Sloweniens, Bovec. Hier am Grenzfluss Isonzo ((italienisch), Soča (slowenisch), Sontig (deutsch), Lusinç (friaulisch) – je nach aktuellem Besatzer), fand die letzte von insgesamt zwölf Isonzoschlachten im Ersten Weltkrieg statt. Dank Einsatz von Giftgas konnten die Österreicher mit Unterstützung der Deutschen die Italienischen Truppen zurückdrängen. Die Schlachten forderten Hunderttausende an Toten und formten dieses Grenzgebiet nachhaltig. Weiterlesen „Zora del Buono – Die Marschallin“ →

Monika Helfer- Die Bagage

Es beginnt fast wie ein Märchen: am Ende eines finsteren Tals im tiefen Bregenzerwald lebte einmal eine wunderschöne Frau. Diese Frau lebte mit ihrem feschen Mann in großer Armut auf kargem Grund. Die beiden hatten vier Kinder und waren trotz einiger Not eigentlich ganz zufrieden und glücklich. Sie lebten abseits vom Dorf und die Dorfbewohner, besonders die Frauen neideten ihnen ihr Glück und der Frau ihre Schönheit. Da der Mann aber stattlich, stark und fleißig war, ließen sie sie in Ruhe. Dann kam der Große Krieg und der Mann musste fort. Davon erzählt Monika Helfer in ihrem schmalen, aber nachhaltigen Roman „Die Bagage“. Weiterlesen „Monika Helfer- Die Bagage“ →