Elli Unruh wurde mit ihrem Debütroman Fische im Trüben für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominiert. Er reiht sich ein in eine in diesem Jahr besonders präsente Reihe von Familienromanen mit osteuropäischem Bezug, wie beispielsweise die von Katherina Braschel, Nadine Schneider, Betty Boras oder Oliwia Hälterlein, hat aber gleichzeitig einen ganz besonderen, bisher eher unbekannten Fokus auf eine russlanddeutsche Familie im südöstlichen Kasachstan, die der aus der Täuferbewegung der Reformationszeit entstandenen Religionsgemeinschaft der Mennoniten angehört. Wie so oft geht auch hier die Geschichte der Ansiedlung auf Katharina die Große zurück. Diese warb ab 1763 gezielt deutsche Siedler an, um die riesigen Weiten ihres Reichs urbar zu machen. Die Bauern und Handwerker wurden vor allem im Schwarzmeergebiet und an der Wolga heimisch. Und dort liegen auch die Wurzeln der Familie Fest. Weiterlesen „Elli Unruh – Fische im Trüben“
Schlagwort: Familie
Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit
Vor einigen Wochen hat Judith Hermann mit Ich möchte zurückgehen in der Zeit ein neues Buch veröffentlicht. Ich war an einem ihrer ersten Lesungstermine in der Villa Clementine in Wiesbaden und sogleich vom „Sound“ des Buches und dem, was Judith Hermann über es zu sagen hatte, fasziniert. Dabei bin ich eigentlich nicht wirklich ein Hermann-Fan. Einige Bücher gefielen mir, oft war mir aber das Kreisen um Befindlichkeiten zu viel, der oft bejubelte Hermann-Ton in seiner elegischen Melancholie ebenso. Ich möchte zurückgehen in der Zeit nun hat nach Erscheinen einiges an herber (und meiner Meinung nach ungerechtfertigter) Kritik einstecken müssen. Die Kritiker:innen schienen sich in ihren Verrissen geradezu überbieten zu wollen. Interessanterweise stand das Buch dennoch auf der SWR-Bestenliste, die von 30 ebensolchen Kritiker:innen bestimmt wird, im März gleich auf Platz 1. Im April allerdings taucht das Buch dort nicht mehr auf. Haben die Kritiker:innen a) das Buch im März noch nicht gelesen gehabt oder b) im April schnell zurückgezogen, weil es so viele Verrisse gab? Das wird nicht das letzte Geheimnis der Literaturkritik bleiben. Weiterlesen „Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit“
Franziska Hauser – Am Ende der Kleinigkeiten
Autofiktionale Romane sind ja im Trend. Wobei sich immer die Frage stellt, ob nicht in jedem Roman etwas von der Autorin, dem Autor enthalten ist, selbst wenn er im 13. Jahrhundert spielen mag. Wenn dann biografische Details von Protagonist:in und Autor:in übereinstimmen, gehen die Spekulationen los. Wieviel vom im Text Erzählten beruht auf eigenem Erleben? Da geht dann leicht die Trennung von Autor:in und Text bzw. Protagonist:in vergessen. Was vielen Romanen gar nicht gut tut. Und die meisten Autor:innen nervt. Franziska Hauser geht mit diesem Umstand in Bezug auf ihr neues Buch Am Ende der Kleinigkeiten recht entspannt um. Es ist klar, dass viel von ihrer Kindheit und einiges von ihrer Mutter in der Geschichte steckt. Und doch hofft man als Leserin, dass möglichst viel davon erfunden oder zumindest sehr zugespitzt ist. Denn was die Ich-Erzählerin Irma da so erlebt und wie besonders die Mutter mit ihr umgeht, ist schon harter Tobak. Weiterlesen „Franziska Hauser – Am Ende der Kleinigkeiten“
Nadine Schneider – Das gute Leben
Was ist ein „gutes Leben“? Für viele Menschen in den ehemaligen Ostblockstaaten lag es auf jeden Fall im „Westen“. So auch für die junge Anni, die im neuen Roman von Nadine Schneider im Mittelpunkt steht. Für sie steht fest, dass sie raus muss aus Rumänien, das ihr keine Zukunft zu bieten scheint, raus aus dem „Dreck“. Besonders jetzt, da sie schwanger ist und genau wie ihre Mutter ohne den Kindsvater zurechtkommen muss. Der „Rudi-Onkel“ in Deutschland, der das Banat schon schon vor einiger Zeit verlassen hat, hilft ihr, macht sich mit einem gefälschten Attest sterbenskrank. Und Anni beantragt eine Reiseerlaubnis, durch den „Eisernen Vorhang“ hindurch, um ihren „geliebten Onkel noch ein letztes Mal zu sehen“. Weiterlesen „Nadine Schneider – Das gute Leben“
Katherina Braschel – Heim holen
„Donauschwaben“, dieser von der Ich-Erzählerin zufällig in einem Bus aufgeschnappte Begriff, triggert sie, sich an ihre eigene Kindheit und ihr Verwurzeltsein und Aufwachsen in eben dieser Gemeinschaft zu erinnern. Davon erzählt die Österreicherin Katherina Braschel in ihrem Debütroman Heim holen. Weiterlesen „Katherina Braschel – Heim holen“
Anna Maschik – Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
Autofiktionale Familiengeschichten, die ihren Schwerpunkt auf Frauenfiguren legen, gibt es zurzeit zuhauf. Dafür, sich auch in diesem überrepräsentierten Genre umzuschauen, sprechen immer wieder die tollen Entdeckungen, die man als Leserin hier machen kann. Anna Maschik beispielsweise hat mit ihrem Debütroman Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten einen ganz großartigen Text zum Thema verfasst. Weiterlesen „Anna Maschik – Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“
Abdulrazak Gurnah – Diebstahl
Seit dem Nobelpreis im Jahre 2021, der die deutsche Buchwelt eiskalt erwischte, da zu dem Zeitpunkt kein einziges der Bücher von Abdulrazak Gurnah auf Deutsch lieferbar war, sind nun auch schon wieder vier Jahre vergangen. Der Penguin Verlag hat sich des Werkes des seit 1968 in Großbritannien lebenden, auf Sansibar geborenen Autors angenommen und mittlerweile sind die meisten Romane übersetzt und lieferbar. Diebstahl nun ist das erste nach dem Nobelpreis verfasste Buch von Abdulrazak Gurnah. Und es besitzt die bekannten Qualitäten seiner Vorgänger. Weiterlesen „Abdulrazak Gurnah – Diebstahl“
Dagmar Leupold – Muttermale
Während es in den 1970er und 80er Jahren eine wahre Flut an autobiografischen oder autofiktionalen Vater-Büchern gab, die sich vor allem mit den Kriegsvätern, ihrer Schuld, ihren Traumata und dem daraus resultierenden Umgang mit ihren Kindern (oft Söhnen) beschäftigten, ist in den letzten Jahren das Mutter-Buch in den Vordergrund getreten. Es gibt sie natürlich immer noch, die Bücher über die Väter (oder Großväter), aber ihr Ton ist anders geworden, wenn nicht verzeihender, so doch mehr ums Verstehen bemüht. Die „Schuld“ dieser Väter ist sicher auch nicht so groß wie die vieler in den Nationalsozialismus verstrickter der vorherigen Generation. Nun rückt vermehrt die Auseinandersetzung mit der Mutter ins Zentrum verschiedener Romane. Meine Mutter von Bettina Flitner und Zwischen uns liegt August von Fikri Anil Altintas, Onigiri von Yuko Kuhn und Wiederholung von Vigdis Hjorth gehörten zu meinen aktuellen Lektüren. Muttermale von Dagmar Leupold, nominiert für den Bayerischen Buchpreis 2025, schließt sich da an. Weiterlesen „Dagmar Leupold – Muttermale“
Fikri Anıl Altıntaş – Zwischen uns liegt August
Der 1992 geborene Fikri Anıl Altıntaş engagiert sich in Workshops und als Redner gegen toxische Männlichkeit und festgefügte Männlichkeitsbilder. 2023 hatte er mit seinem Debütroman Im Morgen wächst ein Birnbaum, in dem er über seinen Vater schreibt, auch literarisch Erfolg. Nun setzt Fikri Anıl Altıntaş sich mit seinem neuen autofiktionalen Buch Zwischen uns liegt August mit seiner verstorbenen Mutter auseinander. Weiterlesen „Fikri Anıl Altıntaş – Zwischen uns liegt August“
Lina Schwenk – Blinde Geister
Dass es transgenerationale Traumata gibt und dass auch Epigenetik dabei eine Rolle spielt, wird seit einiger Zeit intensiv erforscht und auch zunehmend in der Literatur zum Thema. Im Debütroman von Lina Schwenk, Blinde Geister, spielen solche Traumata und wie sie auf nachfolgende Generationen übergreifen, eine entscheidende Rolle. Dabei steht eine westdeutsche Familie im Mittelpunkt. Weiterlesen „Lina Schwenk – Blinde Geister“









