Aude – Das Wanderkind

Das wunderbare an Gastlandauftritten bei der Frankfurter Buchmesse, ob sie nun stattfinden oder nicht, ist, dass Literatur aus diesen Ländern Beachtung findet, die es ansonsten vielleicht schwer hätte, übersetzt zu werden. In den vergangenen Jahren habe ich dadurch schon zahlreiche literarische Entdeckungen gemacht. 2020 und 2021 stand und steht Kanada im Fokus der Aufmerksamkeit und ich habe mich schon durch einige sehr schöne Romane hindurchgelesen. Ganz neu erschienen ist bei Alfred Kröner ein schmales Buch aus dem Jahr 1998 von der frankokanadischen Schriftstellerin Aude, Das Wanderkind. Weiterlesen “Aude – Das Wanderkind”

Dmitrij Kapitelman – Eine Formalie in Kiew

„Joa, üm den Ümgang mid den ukrainisch’n Behörd’n beneide ich Sie ooch nisch“ verabschiedet sich die Sachbearbeiterin Kunze von der Ausländerbehörde Leipzig von Dima, dem augenscheinlichen Alter-Ego von Dmitrij Kapitelman in Eine Formalie in Kiew. Dima hat sich nach fünfundzwanzig Jahren entschieden, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen und braucht dafür „lediglich“ noch eine mit einer amtlichen Bestätigung, einer Apostille, versehene Geburtsurkunde. Die bekommt er aber nur vor Ort, in seiner Geburtsstadt Kiew. Weiterlesen “Dmitrij Kapitelman – Eine Formalie in Kiew”

Alem Grabovac – Das achte Kind

Autofiktion steht hoch im Kurs. Autor:innen erzählen von ihren eigenen Leben, ihrem Er-Leben, in mehr oder weniger stark fiktionalisierter Form. Und Leser:innen fragen diese Art von Literatur stark nach. Waren es zunächst fremdsprachige Texte, beispielsweise von Annie Ernaux und Edouard Louis, beide aus Frankreich, oder Karl Knausgård, die große Beachtung fanden, nehmen auch die autofiktionalen Texte deutschsprachiger Autor:innen immer mehr zu. Dabei erlangt eine lange Zeit eher vernachlässigte Perspektive – die von Schriftsteller:innen mit Migrationserfahrung, eigener oder der der Eltern- oder Großelterngeneration – immer mehr Bedeutung. Deniz Ohde hat im letzten Jahr mit ihrem Streulicht sehr beeindrucken können und ist bis auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis vorgerückt. Auch Cihan Acar hat mit seinem Hawaii viel Beachtung erlangt. Beides sind ganz hervorragende Debütromane. Trotz dieser Vielzahl an bereits veröffentlichten Texten gibt es immer wieder Neuerscheinungen, die einen nochmals anderen, überraschenden Blickwinkel einnehmen und literarisch überzeugen können. Um einen solchen Roman handelt es sich beim Debüt von Alem Grabovac, Das achte Kind. Weiterlesen “Alem Grabovac – Das achte Kind”

Matthias Jügler – Die Verlassenen

„Zärtlich, traurig, schmerzhaft, schön.“ So wird auf dem Cover des neuen Romans von Matthias Jügler, Die Verlassenen, geworben. Und so skeptisch man solchen Blurbs in der Regel gegenüber stehen mag, hier treffen alle vier Adjektive zu einhundert Prozent zu.

Der 1984 geborene Matthias Jügler erzählt in Die Verlassenen eine Geschichte aus der DDR und der Nachwendezeit, die so spannend wie berührend ist. Es geht darin, wie so oft in Erzählungen aus dem sozialistischen Deutschland, um stille Ungeheuerlichkeiten, um Verrat, um zerstörte Familien und Freundschaften. Es ist ein schmales Buch von gerade einmal 170 Seiten, äußerst dicht, komprimiert, intensiv. Weiterlesen “Matthias Jügler – Die Verlassenen”

Monika Helfer – Vati

Im vergangenen Jahr veröffentlichte die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer einen schmalen, leisen Roman über ihre Großmutter und die Familie mütterlicherseits. Die Bagage erzählte knapp, sparsam, aber sehr poetisch und einfühlsam vom Leben in einem abgeschiedenen Dorf des Bregenzer Waldes zu Zeiten des Ersten Weltkrieges. Das Buch erfuhr ein großes, sehr positives Medienecho und wurde zu einem wahren Publikumserfolg und Verkaufsschlager. Bis heute kann ich nicht verstehen, warum es noch nicht einmal auf der Longlist des Deutschen Buchpreises auftauchte. Ein Versäumnis, das man hoffentlich in diesem Jahr nicht noch einmal wiederholt. Denn Monika Helfer hat nun mit Vati ein weiteres persönliches Familienbuch nachgeschoben. Es handelt, der Titel verrät es, von ihrem Vater. Weiterlesen “Monika Helfer – Vati”

Jonas Hassen Khemiri – Die Vaterklausel

Bereits mit seinem letzten, 2017 auf Deutsch erschienenen Roman Alles was ich nicht erinnerte konnte mich der schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri durch seine multiperspektivische Erzählart überzeugen, die er auch in Die Vaterklausel wieder wählt. Ein Familienkonflikt steht hier im Zentrum, besonders das Verhältnis Vater-Sohn. Und wieder ist es eine schon lange in Schweden lebende Familie mit Wurzeln im arabischen Raum. Diesmal ist das Herkunftsland aber nicht ganz so eindeutig als Tunesien, aus dem auch Khemiris Vater stammt, zu identifizieren wie im Vorgängerroman. Weiterlesen “Jonas Hassen Khemiri – Die Vaterklausel”

Christoph Peters – Dorfroman

Dorfroman – im neuen Buch von Christoph Peters ist drin, was draufsteht. Und noch so viel mehr. Es ist nicht nur die hinreißende Geschichte einer Kindheit auf dem Land in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, sondern auch eine melancholische Liebesgeschichte im Schatten der Anti-AKW-Bewegung der Achtziger und ein nachdenklicher Versuch über das Vergehen der Zeit, die Veränderung der Welt und über Verantwortung.

„Roman“ ist das Buch überschrieben, und tatsächlich gibt es leichte Verfremdungseffekte, so etwa bei den Ortsnamen, wo etwa das niederrheinische Kalkar mit altertümlichem C geschrieben wird. Auch den Heimatort des Protagonisten, Hülkendonck, findet man auf keiner Karte. Und doch ist es sehr einfach ihn als den Heimatort des Autors, Hönnepel, zu identifizieren. Die Kirche im Roman nennt sich Verafredis, in Hönnepel heißt sie Regenfledis. Es ist also ganz eindeutig, dass Christoph Peters im Dorfroman seine eigene Kindheit und Jugend erzählt, sich dabei aber erzählerische Freiheiten erlaubt. Weiterlesen “Christoph Peters – Dorfroman”

Deniz Ohde – Streulicht

Streulicht entsteht, wenn das Licht an sehr kleinen, in der Luft schwebenden Teilchen, fest oder flüssig, gebrochen wird, diffus wird. Die Luft nahe des Industrieparks, wo die Ich-Erzählerin von Deniz Ohde in ihrem Debütroman Streulicht zuhause ist, ist oft voll mit diesen kleinen Partikeln, Rauch, angereichert mit Säure. Bei Kälte sinkt der ausgestoßene Wasserdampf als Industrieschnee zu Boden. Im Arbeitervorort, der zwar nie direkt benannt wird, leicht aber als Sindlingen bei Frankfurt am Main identifiziert werden kann, wird aber nicht nur das Licht gebrochen. Auch so manche Kindheit und Bildungsgeschichte kommt hier nicht ohne Brüche aus. Weiterlesen “Deniz Ohde – Streulicht”

Isabella Hammad – Der Fremde aus Paris

Ein 730 Seiten starker Debütroman von einer jungen britisch-amerikanischen Autorin mit palästinensischen Wurzeln, der sich mit eben jenen Wurzeln beschäftigt, hat im vergangenen Jahr für einige Furore in der englischsprachigen Welt gesorgt. Die New York Times bezeichnet den Roman Der Fremde aus Paris von Isabella Hammad gar als einen der wichtigsten Romane des Jahres 2019. Was ist dran an diesen Lobeshymnen? Weiterlesen “Isabella Hammad – Der Fremde aus Paris”

David Grossman – Was Nina wusste

Was für eine Geschichte erzählt uns der israelische Schriftsteller David Grossman da in seinem neuen Roman „Was Nina wusste“! Welch einen weiten Bogen spannt er da vom Kibbuz im gegenwärtigen Israel über die nordkroatische Kleinstadt Čakovec vor und während des Zweiten Weltkriegs zur kargen Felseninsel Goli Otok im adriatischen Meer. Dabei macht er noch Stippvisiten an den Polarkreis ins norwegische Tromsø und den Big Apple New York und spannt dazwischen die dramatische, leidenschaftliche Geschichte dreier Frauen – Großmutter, Mutter und Tochter. Weiterlesen “David Grossman – Was Nina wusste”