Paul Murray – Der Stich der Biene

War es bereits dieser verfluchte Stich der Biene, die sich ausgerechnet auf der Fahrt zum Traualtar unter Imeldas Schleier verfangen hat und unglücklich das Auge traf, so dass sich die Braut nur noch verschleiert zeigen konnte? Oder war es überhaupt diese weithin verurteilte Heirat von Imelda mit dem Bruder ihrer erst kürzlich tödlich verunglückten großen Liebe Frank, den sie eigentlich ehelichen wollte? Oder begann das ganze Unglück von Imelda und Dickie und ihrer beiden Töchtern schon viel früher, in Kindheit und Jugend?  Paul Murray untersucht in seinem für die Shortlist des Booker Prize 2023 nominierten Roman Der Stich der Biene die Tragik und Komik, die im Leben der Familie Barnes stecken. Weiterlesen „Paul Murray – Der Stich der Biene“

Dana von Suffrin – Nochmal von vorne

Vor fünf Jahren wirbelte ein Debütroman durch die deutschen Feuilletons und in die Herzen der Lesenden, der voll Witz und Tragik war, turbulent und feinfühlig von einer deutsch-jüdischen Familie und besonders vom tyrannischen Vater Otto erzählte. Für Nochmal von vorn wählt die Autorin Dana von Suffrin ein sehr ähnliches Personal und Setting. Und arrangiert alles neu und erzählt eine Familiengeschichte, die deutlich autobiografische Züge trägt, auch wenn sie Fiktion ist, quasi „nochmal von vorn“. Weiterlesen „Dana von Suffrin – Nochmal von vorne“

Joana Osman – Wo die Geister tanzen

Bereits im Sommer 2023 erschien Wo die Geister tanzen von Joana Osman. Die 1982 in München geborene Tochter eines palästinensischen Vaters und einer deutschen Mutter verarbeitet darin die Geschichte ihrer Großeltern zu einem dichten, packenden Text. Die furchtbaren Entwicklungen, die den Nahen Osten seit den Massakern am 7. Oktober überrollt haben, waren da noch nicht absehbar. Das Buch war eine der relativ wenigen Stimmen, die uns Geschichten aus Palästina erzählen, von den Menschen, die dort lebten und die von dort flohen und nun verstreut in aller Welt leben – zum Beispiel von Joana Osmans Familie. Es ist eine der heute so wichtigen Stimmen, die nicht polarisieren, die Verständnis und Empathie sowohl für das palästinensische als auch das israelische Volk vermitteln. Osman ist Mitgründerin der Peace Factory, die sich dafür engagiert, dass sich Menschen im Nahen und Mittleren Osten auf Augenhöhe und freundschaftlich begegnen. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Weiterlesen „Joana Osman – Wo die Geister tanzen“

Elizabeth Strout – Am Meer

Es gibt Autor:innen, die mich mit ihren Büchern schon lange Zeit begleiten und die dadurch nicht nur zu Lieblingschriftsteller:innen, sondern auch zu einer Art literarischem Zuhause geworden sind. Richard Ford zählt gewiss dazu mit seinen Frank Bascombe-Romanen und auch Stewart O´Nan mit seiner Familie Maxwell. Und natürlich Elizabeth Strout, die nach meinem Dafürhalten immer noch ein wenig unterschätzt wird, zumindest hier in Deutschland. Sie ist weiblich, und dazu noch eine Weiße von der Ostküste fortgeschrittenen Alters (Jahrgang 1956). Außerdem pflegt sie einen lockeren, leicht zu lesenden Plauderton und erzählt überwiegend von Alltagsdingen. Aber Elizabeth Strout nimmt sich in all ihren Werken, und das ist in ihrem neuesten, Am Meer, nicht anders, die ganz großen Dinge zum Thema. Denn sie schreibt, um mal bei einem ihrer deutschen Titel zu bleiben, vom Leben natürlich. Weiterlesen „Elizabeth Strout – Am Meer“

Meri Valkama – Deine Margot

Eine 1980 geborene Finnin schreibt einen Roman über den Untergang der DDR – das mag zunächst verwundern. Meri Valkama lebte allerdings, wie die Protagonistin in ihrem Debütroman Deine Margot, als Kind einige Jahre in Ost-Berlin, wo ihr Vater – auch das eine Übereinstimmung – als Korrespondent einer linken finnischen Zeitung tätig war. Weiterlesen „Meri Valkama – Deine Margot“

Mirrianne Mahn – Issa

Mirrianne Mahn ist Theaterfrau, Aktivistin und Stadtverordnete in Frankfurt am Main, nun hat sie mit Issa ihren Debütroman vorgelegt. Die in Kamerun geborene, im Hunsrück aufgewachsene und nun in Frankfurt lebende Mahn engagiert sich für Diversität und gegen Rassismus, ist meinungsstark und laut. Ihr Roman über fünf Frauen einer Familie, die ihre Wurzeln in Westafrika haben, deren jüngere Vertreterinnen aber Deutsche sind, auch wenn sie immer wieder das Gefühl vermittelt bekommen, nicht so richtig dazuzugehören, ist eher leise, zutiefst berührend, lustig, erkenntnisreich.

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Alem Grabovac – Die Gemeinheit der Diebe

Mit Die Gemeinheit der Diebe erzählt der Berliner Autor Alem Grabovac die Geschichte seines Debütromans Das achte Kind erneut, verlagert den Fokus ein wenig und schreitet zeitlich weiter voran, bis an die Entstehungszeit eben dieses Vorläuferromans. Es ist seine eigene Geschichte und die seiner Familie, die uns hier nur leicht fiktionalisiert begegnet. Und wieder vermag der Autor mit seiner sachlich-nüchternen Erzählweise tief zu berühren. Weiterlesen „Alem Grabovac – Die Gemeinheit der Diebe“

Vigdis Hjorth – Ein falsches Wort

Über 100 norwegische Autoren waren bei der Frankfurter Buchmesse 2019 im Rahmen des Gastlandauftritts anwesend und haben mit viel Leidenschaft ihre Bücher und die Literatur ihres Landes einem sehr interessierten Publikum vorgestellt. Das Medienecho war groß. Und doch haben einige Bücher nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen oder die man erwarten konnte. Vigdis Hjorth ist mit ihrem Roman Bergljots Familie ein solches Beispiel. Wie wunderbar, dass der S.Fischer Verlag mit der Veröffentlichung des neuesten Hjorth-Romans Vigdis Hjorth – Die Wahrheiten meiner Mutter auch die Veröffentlichung älterer Werke der Autorin in Angriff genommen hat. Unter dem Titel Ein falsches Wort erscheint nun auch der Roman über Bergljots Familie von Vigdis Hjorth, die sich über Erbstreitigkeiten völlig verliert. Weiterlesen „Vigdis Hjorth – Ein falsches Wort“

Gabriel Heim – Wer sind Sie denn wirklich Herr Gasbarra?

„Wer sind Sie denn wirklich, Herr Gasbarra?“ fragt Gabriel Heim, nie anerkannter Sohn des 1895 in Rom geborenen Autors, Dramaturgs und Übersetzers Felix Gasbarra, der in den 1920er Jahren mit Theatergrößen wie Erwin Piscator und Bertolt Brecht zusammenarbeitete, in seiner „Vatersuche auf zwei Kontinenten“. Er wird sich seinem unbekannten Erzeuger bei seinen intensiven Recherchen etwas annähern können, die Frage bleibt allerdings bis zum Ende unbeantwortet. Und nicht nur für ihn und uns Lesenden.

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