Patrick Modiano – Unsichtbare Tinte

Die Sache mit mir und Modiano läuft schon eine ganze Weile. Das erste Buch, das ich von ihm las, war Unfall in der Nacht – bis heute eines meiner liebsten. Erschienen ist der Roman auf Deutsch 2006, ob ich ihn da direkt gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Wie sehr er mich aber verzauberte, das schon. Seitdem habe ich nicht nur jede Neuerscheinung sehnsüchtig erwartet, sondern mich auch tief in die Backlist hineingelesen. Es gibt kaum ein Werk, bei dem dies lohnender wäre. Denn Patrick Modiano, der für seine „Kunst des Erinnerns“ 2014 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, variiert darin stets die gleichen Motive. Das wurde und wird dem 1945 geborenen Franzosen immer wieder einmal vorgeworfen. Mehr und mehr wird aber von der Literaturkritik die Kunstfertigkeit, die darin liegt anerkannt und gewürdigt. Zumal der Autor frei bekennt, er schreibe stets „un peu le même livre“, ein bisschen das gleiche Buch. Einen neuen Roman von Patrick Modiano zu lesen, ist wie das Wiedersehen mit einem alten Freund: spannend, erwartungsvoll, ein wenig ängstlich – so auch mit dem neuesten Werk Unsichtbare Tinte. Weiterlesen “Patrick Modiano – Unsichtbare Tinte”

Maryse Condé – Mein Lachen und Weinen

Maryse Condé erzählt in ihrem im Original bereits 1999 erschienenen Memoir Mein Lachen und Weinen „wahre Geschichten aus meiner Kindheit“. Vor dem Erfolg ihrer Autobiografie Das ungeschminkte Leben, in der sie über ihr Studentenleben in Paris und den Weg als alleinerziehende Mutter nach Westafrika schreibt, zeichnete sie darin das Leben der Schwarzen Oberschicht auf den französischen Antillen in den 1940er und 1950er Jahren auf. Weiterlesen “Maryse Condé – Mein Lachen und Weinen”

Santiago Amigorena – Kein Ort ist fern genug

Kein Ort ist fern genug, um dem Grauen der Judenverfolgung während der Nazidiktatur in Europa zu entkommen – das schildert Santiago Amigorena sehr eindrucksvoll in seinem autobiografisch geprägten, gleichnamigen Roman.

Es ist der Großvater des Autors, der Vorbild war für Vicente Rosenberg, Möbelhändler in Buenos Aires. Als Wincenty in Polen geboren, hat er schon lange keinen Bezug mehr zum Judentum. 1928 verließ er sein Heimatland, um in Argentinien ein neues, freieres Leben zu beginnen. Und auch ein klein wenig, um seiner besitzergreifenden Mutter zu entkommen. Dem Einvernehmen nach ist die jüdische „Mamme“ besonders fürsorglich, wenn nicht gar einengend. So war es für Wincenty auch ein Befreiungsschlag, als er hier in Buenos Aires als Vicente mit der temperamentvollen Rosita eine eigene Familie gründen konnte. Weiterlesen “Santiago Amigorena – Kein Ort ist fern genug”

Sorj Chalandon – Wilde Freude

Der französische Autor Sorj Chalandon hat (nicht nur) mich im vergangenen Jahr mit seinem Roman Am Tag davor sehr begeistert, ein Grund für mich, mir auch sein neues Buch Wilde Freude anzuschauen. Und das, obwohl das in den Vorschauen annoncierte Cover, das vier Frauen von hinten/oben in pastellfarbener Umgebung zeigt, mich so gar nicht ansprach. Ein Cover, das so sehr nach „Frauenroman“ schreit, dass ich es ohne den Autor zu kennen, sicher nicht angeschaut hätte. Dem Verlag scheinen auch Bedenken gekommen zu sein, denn nun liegt das Buch mit einem gänzlich anderen Titelbild – reine Schriftgestaltung in starken, feurigen Farben – vor.

Eine gute Entscheidung. Denn wenn die Hauptprotagonisten auch vier Frauen sind, die sich mit typisch weiblichen Krebserkrankungen herumschlagen müssen, die Männer hier meist ein äußerst armseliges Bild abgeben und es um weibliche Selbstermächtigung und Solidarität geht, handelt es sich um alles andere als einen sentimentalen oder gar trivialen Roman. Weiterlesen “Sorj Chalandon – Wilde Freude”

Annie Ernaux – Scham

Am 1. September wurde die französische Autorin Annie Ernaux 80 Jahre alt. Ihre autobiografischen Texte sind mittlerweile zu großen Teilen auch auf Deutsch erschienen – allerdings in abweichender Reihenfolge. Zuerst erschien aufgrund seiner Popularität das relativ späte Die Jahre (Original 2008). Da Annie Ernaux mit ihren stark soziologisch geprägten, analytischen Texten auch bei uns mittlerweile eine große Leser:innenschaft besitzt, folgten auch andere Texte. Nach ihren Erinnerungen eines Mädchens (2018, Original 2016) waren das die Bücher über ihre Eltern, Der Platz (2019, Original 1983) und Eine Frau (2019, Original 1988), nun erschien Die Scham von 1997. Und auch, wenn man denkt, schon viel über das Leben und vor allem die Jugend von Annie Ernaux gelesen zu haben, packt Die Scham erneut. Weiterlesen “Annie Ernaux – Scham”

Jean-Paul Dubois – Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Jean-Paul Dubois hat 2019 den französischen Prix Goncourt mit einem sehr amerikanischen Roman gewonnen. Der 1950 in Toulouse geborene Dubois war ab 1984 zwanzig Jahre lang Amerikabeobachter für das französische Nachrichtenmagazin Le nouvel observateur und bezeichnet sich selbst als großer Verehrer von amerikanischen Autoren wie Philip Roth und John Updike. Aber nicht nur die stilistische Nähe macht „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“ zu einem „amerikanischen“ Roman, Jean-Paul Dubois wählt als einen zentralen Handlungsort den nordamerikanischen Kontinent. Dort, im Bordeaux-Gefängnis in Montréal, Québec, Kanada, sitzt sein Ich-Erzähler eine Haftstrafe ab. Weiterlesen “Jean-Paul Dubois – Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise”

Delphine de Vigan – Dankbarkeiten

Michka Seld ist alt. Über achtzig, keine Familie, zunehmend hinfällig – das ist meistens gleichbedeutend mit Einsamkeit. Michka hat ihr ganzes Leben eigenverantwortlich gelebt, war Fotoreporterin und Korrektorin bei einer Zeitung. Delphine de Vigan schenkt ihr in ihrem neuen Roman „Dankbarkeiten“ ein Lebensende in Würde und Frieden. Weiterlesen “Delphine de Vigan – Dankbarkeiten”

Éric Vuillard – Der Krieg der Armen

Éric Vuillard ist ein Meister der Verknappung von historischem Material. Seine eigentlich nie die 150 Seiten übersteigenden Bücher behandeln alle charakteristische Momente in der Historie und verdichten sie extrem. Der Autor  wählt oft einen originellen Blickwinkel und schafft dadurch trotz der Kürze eine sehr bereichernde und universelle Sicht, ein vergegenwärtigendes historisches Erzählen. Doch was in „Die Tagesordnung“ und auch „14.Juli“ mit den Vorbedingungen des Zweiten Weltkriegs und dem Beginn der Französischen Revolution fulminant funktionierte, will Éric Vuillard mit „Der Krieg der Armen“ nicht recht gelingen. Weiterlesen “Éric Vuillard – Der Krieg der Armen”

Jeanne Benameur – Das Gesicht der neuen Tage

Kriegsfotograf Étienne ist seit langem weltweit im Einsatz, ein alter Hase. Und doch wird er eines Tages in einem Moment der Unaufmerksamkeit von Banditen entführt und befindet sich monatelang in Geiselhaft. Dabei geht es der französischen Autorin Jeanne Benameur in „Das Gesicht der neuen Tage“ weniger um die Umstände der Entführung. Weder das Land wird benannt, noch die kriegerische Auseinandersetzung oder die terroristische Gruppe, die dafür verantwortlich ist oder deren Ziele. Die Situation hat heute, wo es auf der Welt so viele Krisenherde gibt, etwas allgemein Gültiges. Weiterlesen “Jeanne Benameur – Das Gesicht der neuen Tage”

Annie Ernaux – Eine Frau

Zu Annie Ernaux muss man zum Glück nicht mehr viel sagen. Die 1940 geborene Autorin zählt in ihrem Heimatland Frankreich schon lange zu den ganz großen Autor*innen, erklärtes Vorbild für mittelalte bis junge Kollegen, von Didier Eribon bis Edouard Louis. Spätestens seit ihrem autobiografischen Werk „Die Jahre“ genießt sie aber auch in Deutschland eine große Popularität, was den Suhrkamp Verlag zum Glück ermutigt hat, auch ältere Werke von ihr zu veröffentlichen. Im Frühjahr 2019 erschien ein schmales Werk über den Vater, „Der Platz“, nun ist auch das Pendant dazu erschienen, das Buch, das Annie Ernaux über ihre verstorbene Mutter geschrieben hat, „Eine Frau“. Weiterlesen “Annie Ernaux – Eine Frau”