Mohamed Mbougar Sarr – Die geheimste Erinnerung der Menschen

Diese Besprechung von Die geheimste Erinnerung der Menschen von Mohamed Mbougar Sarr ist vielleicht die subjektivste Rezension, die ich je geschrieben habe. Ich meide sonst zu viele „für mich“, „ich finde/denke“, „meiner Meinung nach“. Aber was schreiben über einen von seinen Leser:innen fast durchweg geliebten und bewunderten Roman, in dessen Besprechungen am häufigsten die Worte „groß“, „überwältigend“ und „funkelnd“ zu finden sind und der von Anlage und Themen (Kolonialismus, Migration, Literatur(betrieb), eine Kontinente umspannende Suche) her eigentlich genau passen müsste – und der mich dennoch als Ganzes kaum erreicht hat. Weiterlesen “Mohamed Mbougar Sarr – Die geheimste Erinnerung der Menschen”

Leïla Slimani – Schaut wie wir tanzen

Schaut wie wir tanzen ist der zweite Teil einer autobiografischen Trilogie, in der die französische Bestsellerautorin Leïla Slimani angelehnt an ihre eigene marokkanisch-französische Familie einen großen Bogen von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart schlägt. Anders als in ihren frühen, eher knappen, lakonischen Romanen, erzählt sie hier eher konventionell, auktorial und episch. Das ist aber auf seine Weise ebenso mitreißend und spannend. Weiterlesen “Leïla Slimani – Schaut wie wir tanzen”

Patrick Modiano – Unterwegs nach Chevreuse

Nachdem 2014 der Franzose Patrick Modiano den Literaturnobelpreis erhalten hatte, wurden der eher medienscheue Autor und seine stets schmalen, leisen, immer ein wenig flirrenden Romane endlich auf breiterer Ebene wahrgenommen. Fast dreißig sind es mittlerweile, Reden, Theaterstücke, Illustriertes mal beiseitegelassen. Die Literaturkritik interessiert sich immer noch (meist sehr angetan) für jedes neue Werk, das seit den späten 1960er Jahren fast immer pünktlich jedes zweite Jahr erscheint. Das Lesepublikum hingegen scheint sehr gespalten. Ein (etwas kleinerer) Teil, und dazu zähle ich seit langem mich, fiebert auf jede neue Veröffentlichung hin und verfolgt diese mit anhaltender Faszination. Der andere Teil spricht von Langeweile, Oberflächlichkeit, Redundanzen. Weiterlesen “Patrick Modiano – Unterwegs nach Chevreuse”

Jean-Marie Gustave Le Clézio – Bretonisches Lied

Der Franzose Jean-Marie Gustave Le Clézio veröffentlichte bisher mehr als 40 Bücher und erhielt 2008 den Nobelpreis für Literatur. Viele davon liegen auch in deutscher Übersetzung vor und doch habe ich das Gefühl, dass der Autor hierzulande nicht zu den ganz bekannten gehört. Auch ich habe ihn nach der Lektüre von Der Goldsucher, die schon viele Jahre zurückliegt (das muss eigentlich ziemlich bald nach der Veröffentlichung 1985 gewesen sein), aus den Augen verloren. Nun legt der Verlag Kiepenheuer und Witsch zwei neue Erzählungen von Jean-Marie Gustave Le Clézio in der Übersetzung von Uli Wittmann vor – Bretonisches Lied. Weiterlesen “Jean-Marie Gustave Le Clézio – Bretonisches Lied”

Fabrice Humbert – Der Ursprung der Gewalt

Als Fabrice Humbert seinen dritten Roman L´origine de la violence (dt Der Ursprung der Gewalt) 2009 veröffentlichte, wurde er nahezu sofort ein großer Erfolg. Das Buch wurde 2009 mit dem Orange Book Prize, 2010 mit dem Renaudot Pocket Book Prize und dem Grandes Écoles Literaturpreis ausgezeichnet, 2016 wurde es von Élie Chouraqui verfilmt. Es folgten Übersetzungen in zahlreiche Sprachen. Nur eine fehlte bisher: Deutsch. Dabei ist die autobiografisch inspirierte Spurensuche des an einem Deutsch-Französischen Gymnasium nahe Paris unterrichtenden Französischlehrers Humbert ein dezidiert der gemeinsamen Geschichte gewidmetes Buch. Das mangelnde Interesse ist vermutlich weniger durch das Thema des Romans begründet; vielleicht liegt es daran, dass es ein gefühlt sehr französisches Buch ist und man hierzulande dem unterkühlt-intellektuellen Herangehen an die eigene Familiengeschichte und ihre tragische Verstrickung mit Judenverfolgung und Nationalsozialismus eher skeptisch gegenübersteht. Weiterlesen “Fabrice Humbert – Der Ursprung der Gewalt”

Annie Ernaux – Das Ereignis

Annie Ernaux ist die Grande Dame der französischen Literatur, die Meisterin der soziologisch geprägten Autofiktion und darin Lehrmeisterin ihrer jüngeren Kollegen wie Didier Eribon oder Edouard Louis. Seit der Übersetzung ihres Buchs Die Jahre 2017 erlebt sie auch in Deutschland eine begeisterte Rezeption. Der Suhrkamp Verlag veröffentlicht nach und nach ihr Werk in den wunderbaren Übersetzungen durch Sonja Finck. Nach dem Buch über einen sexuellen Übergriff in ihrer Jugend (Erinnerung eines Mädchens), ihrer Texte über die Eltern (Der Platz, Eine Frau) und über ihre eigene schambesetzte Loslösung von der Gesellschaftsschicht, aus der ihre Eltern stammen (Die Scham) erscheint nun ein im Original bereits 2000 erschienenes Memoir, das zugleich noch unerschrockener und  noch schmerzerfüllter als ihre bisher übersetzten Bücher ist. Annie Ernaux erzählt in Das Ereignis von einem Schwangerschaftsabbruch, den sie 1964 durchführen lassen hat. Weiterlesen “Annie Ernaux – Das Ereignis”

Hervé Le Tellier – Die Anomalie

Der Franzose Hervé Le Tellier hat mit seinem 2020 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten und seitdem enorm gut verkauften Roman Die Anomalie wahre Begeisterungsstürme in der Literaturkritik ausgelöst, stellt diese aber auch vor eine schwere Aufgabe: Wie einen Roman besprechen, der von seiner äußerst ungewöhnlichen Idee lebt, ohne zu spoilern, gleichzeitig aber auch die Leserschaft ausreichend neugierig zu machen, damit diese auch zum Buch greift? Ich persönlich fand es recht schade, dass ich schon im Voraus ziemlich genau wusste, um was es sich bei Die Anomalie handelt. Ich kann sagen, dass die Lektüre sich auch mit dem Vorwissen absolut lohnt. Wer aber das komplette Lesevergnügen möchte und sich auf dieses philosophisch-intellektuelle Experiment, das zudem sehr unterhaltsam und auch witzig ist, unvoreingenommen einlassen möchte, sollte möglichst weder Klappentext noch irgendwelche Rezensionen lesen. Leider auch nicht meine. Deshalb möchte ich mich hier zunächst von allen wagemutigen Leser:innen verabschieden. Weiterlesen “Hervé Le Tellier – Die Anomalie”

Yanick Lahens – Sanfte Debakel

Vor ein paar Wochen wurde bekannt, dass der Haitianische Präsident Jovenes Moïse in seinem Haus erschossen wurde. Leser:innen des packenden Romans Sanfte Debakel von Yanick Lahens dürften davon nicht allzu überrascht sein und tatsächlich auch die Meldung von „spanisch sprechenden Angreifern“ zumindest in Zweifel ziehen. Welches Gewaltpotential, welches rücksichtslose Machtstreben und welche Menschenverachtung inmitten von Teilen der haitianischen Gesellschaft herrscht, wie hilflos ihnen die Bevölkerung ausgesetzt ist und wie wenig greifbare Hoffnung zur Zeit herrscht, das macht die 1953 geborene Autorin, die zu den wichtigsten intellektuellen Stimmen des Landes gehört, eindrücklich deutlich. Weiterlesen “Yanick Lahens – Sanfte Debakel”

Leïla Slimani – Das Land der Anderen

Seitdem Leïla Slimani 2016 für ihren Roman Dann schlaf auch du mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, gilt die 1981 in Rabat/Marokko geborene Autorin als eine der renommiertesten und einflussreichsten Autor:innen Frankreichs. Psychologisch genau, offen, nüchtern und eher knapp war auch bereits ihr erster Roman All das zu verlieren, der auf Deutsch erst 2019 veröffentlicht wurde. Nun erscheint von Leïla Slimani ein etwas anderes, auf drei Teile angelegtes Romanprojekt, das episch breiter eine Familiengeschichte zwischen Frankreich und Marokko erzählt, die sehr derjenigen der Autorin ähnelt – Das Land der Anderen ist der erste Band. Weiterlesen “Leïla Slimani – Das Land der Anderen”

Louis-Philippe Dalembert – Die blaue Mauer

Drei Frauen auf der Flucht in ein neues, besseres Leben. Ihre Herkunft und ihre Leben sind so unterschiedlich, aber sie eint die Hoffnung auf einen neuen Start in Europa. Auf einem illegalen Flüchtlingsboot treffen ihre Schicksale aufeinander. Louis-Philippe Dalembert, französischsprachiger Haitianer, nimmt die wahre Geschichte über die im Juli 2014 vom dänischen Öltanker Torm Lotte vor Lampedusa fast 400 geretteten Migranten zum Ausgangspunkt seiner Geschichte in Mur mediterranée, dt. etwas missverständlich Die blaue Mauer betitelt. Weiterlesen “Louis-Philippe Dalembert – Die blaue Mauer”