Annie Ernaux – Das Ereignis

Annie Ernaux ist die Grande Dame der französischen Literatur, die Meisterin der soziologisch geprägten Autofiktion und darin Lehrmeisterin ihrer jüngeren Kollegen wie Didier Eribon oder Edouard Louis. Seit der Übersetzung ihres Buchs Die Jahre 2017 erlebt sie auch in Deutschland eine begeisterte Rezeption. Der Suhrkamp Verlag veröffentlicht nach und nach ihr Werk in den wunderbaren Übersetzungen durch Sonja Finck. Nach dem Buch über einen sexuellen Übergriff in ihrer Jugend (Erinnerung eines Mädchens), ihrer Texte über die Eltern (Der Platz, Eine Frau) und über ihre eigene schambesetzte Loslösung von der Gesellschaftsschicht, aus der ihre Eltern stammen (Die Scham) erscheint nun ein im Original bereits 2000 erschienenes Memoir, das zugleich noch unerschrockener und  noch schmerzerfüllter als ihre bisher übersetzten Bücher ist. Annie Ernaux erzählt in Das Ereignis von einem Schwangerschaftsabbruch, den sie 1964 durchführen lassen hat. Weiterlesen “Annie Ernaux – Das Ereignis”

Hervé Le Tellier – Die Anomalie

Der Franzose Hervé Le Tellier hat mit seinem 2020 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten und seitdem enorm gut verkauften Roman Die Anomalie wahre Begeisterungsstürme in der Literaturkritik ausgelöst, stellt diese aber auch vor eine schwere Aufgabe: Wie einen Roman besprechen, der von seiner äußerst ungewöhnlichen Idee lebt, ohne zu spoilern, gleichzeitig aber auch die Leserschaft ausreichend neugierig zu machen, damit diese auch zum Buch greift? Ich persönlich fand es recht schade, dass ich schon im Voraus ziemlich genau wusste, um was es sich bei Die Anomalie handelt. Ich kann sagen, dass die Lektüre sich auch mit dem Vorwissen absolut lohnt. Wer aber das komplette Lesevergnügen möchte und sich auf dieses philosophisch-intellektuelle Experiment, das zudem sehr unterhaltsam und auch witzig ist, unvoreingenommen einlassen möchte, sollte möglichst weder Klappentext noch irgendwelche Rezensionen lesen. Leider auch nicht meine. Deshalb möchte ich mich hier zunächst von allen wagemutigen Leser:innen verabschieden. Weiterlesen “Hervé Le Tellier – Die Anomalie”

Yanick Lahens – Sanfte Debakel

Vor ein paar Wochen wurde bekannt, dass der Haitianische Präsident Jovenes Moïse in seinem Haus erschossen wurde. Leser:innen des packenden Romans Sanfte Debakel von Yanick Lahens dürften davon nicht allzu überrascht sein und tatsächlich auch die Meldung von „spanisch sprechenden Angreifern“ zumindest in Zweifel ziehen. Welches Gewaltpotential, welches rücksichtslose Machtstreben und welche Menschenverachtung inmitten von Teilen der haitianischen Gesellschaft herrscht, wie hilflos ihnen die Bevölkerung ausgesetzt ist und wie wenig greifbare Hoffnung zur Zeit herrscht, das macht die 1953 geborene Autorin, die zu den wichtigsten intellektuellen Stimmen des Landes gehört, eindrücklich deutlich. Weiterlesen “Yanick Lahens – Sanfte Debakel”

Leïla Slimani – Das Land der Anderen

Seitdem Leïla Slimani 2016 für ihren Roman Dann schlaf auch du mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, gilt die 1981 in Rabat/Marokko geborene Autorin als eine der renommiertesten und einflussreichsten Autor:innen Frankreichs. Psychologisch genau, offen, nüchtern und eher knapp war auch bereits ihr erster Roman All das zu verlieren, der auf Deutsch erst 2019 veröffentlicht wurde. Nun erscheint von Leïla Slimani ein etwas anderes, auf drei Teile angelegtes Romanprojekt, das episch breiter eine Familiengeschichte zwischen Frankreich und Marokko erzählt, die sehr derjenigen der Autorin ähnelt – Das Land der Anderen ist der erste Band. Weiterlesen “Leïla Slimani – Das Land der Anderen”

Louis-Philippe Dalembert – Die blaue Mauer

Drei Frauen auf der Flucht in ein neues, besseres Leben. Ihre Herkunft und ihre Leben sind so unterschiedlich, aber sie eint die Hoffnung auf einen neuen Start in Europa. Auf einem illegalen Flüchtlingsboot treffen ihre Schicksale aufeinander. Louis-Philippe Dalembert, französischsprachiger Haitianer, nimmt die wahre Geschichte über die im Juli 2014 vom dänischen Öltanker Torm Lotte vor Lampedusa fast 400 geretteten Migranten zum Ausgangspunkt seiner Geschichte in Mur mediterranée, dt. etwas missverständlich Die blaue Mauer betitelt. Weiterlesen “Louis-Philippe Dalembert – Die blaue Mauer”

Patrick Modiano – Unsichtbare Tinte

Die Sache mit mir und Modiano läuft schon eine ganze Weile. Das erste Buch, das ich von ihm las, war Unfall in der Nacht – bis heute eines meiner liebsten. Erschienen ist der Roman auf Deutsch 2006, ob ich ihn da direkt gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Wie sehr er mich aber verzauberte, das schon. Seitdem habe ich nicht nur jede Neuerscheinung sehnsüchtig erwartet, sondern mich auch tief in die Backlist hineingelesen. Es gibt kaum ein Werk, bei dem dies lohnender wäre. Denn Patrick Modiano, der für seine „Kunst des Erinnerns“ 2014 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, variiert darin stets die gleichen Motive. Das wurde und wird dem 1945 geborenen Franzosen immer wieder einmal vorgeworfen. Mehr und mehr wird aber von der Literaturkritik die Kunstfertigkeit, die darin liegt anerkannt und gewürdigt. Zumal der Autor frei bekennt, er schreibe stets „un peu le même livre“, ein bisschen das gleiche Buch. Einen neuen Roman von Patrick Modiano zu lesen, ist wie das Wiedersehen mit einem alten Freund: spannend, erwartungsvoll, ein wenig ängstlich – so auch mit dem neuesten Werk Unsichtbare Tinte. Weiterlesen “Patrick Modiano – Unsichtbare Tinte”

Maryse Condé – Mein Lachen und Weinen

Maryse Condé erzählt in ihrem im Original bereits 1999 erschienenen Memoir Mein Lachen und Weinen „wahre Geschichten aus meiner Kindheit“. Vor dem Erfolg ihrer Autobiografie Das ungeschminkte Leben, in der sie über ihr Studentenleben in Paris und den Weg als alleinerziehende Mutter nach Westafrika schreibt, zeichnete sie darin das Leben der Schwarzen Oberschicht auf den französischen Antillen in den 1940er und 1950er Jahren auf. Weiterlesen “Maryse Condé – Mein Lachen und Weinen”

Santiago Amigorena – Kein Ort ist fern genug

Kein Ort ist fern genug, um dem Grauen der Judenverfolgung während der Nazidiktatur in Europa zu entkommen – das schildert Santiago Amigorena sehr eindrucksvoll in seinem autobiografisch geprägten, gleichnamigen Roman.

Es ist der Großvater des Autors, der Vorbild war für Vicente Rosenberg, Möbelhändler in Buenos Aires. Als Wincenty in Polen geboren, hat er schon lange keinen Bezug mehr zum Judentum. 1928 verließ er sein Heimatland, um in Argentinien ein neues, freieres Leben zu beginnen. Und auch ein klein wenig, um seiner besitzergreifenden Mutter zu entkommen. Dem Einvernehmen nach ist die jüdische „Mamme“ besonders fürsorglich, wenn nicht gar einengend. So war es für Wincenty auch ein Befreiungsschlag, als er hier in Buenos Aires als Vicente mit der temperamentvollen Rosita eine eigene Familie gründen konnte. Weiterlesen “Santiago Amigorena – Kein Ort ist fern genug”

Sorj Chalandon – Wilde Freude

Der französische Autor Sorj Chalandon hat (nicht nur) mich im vergangenen Jahr mit seinem Roman Am Tag davor sehr begeistert, ein Grund für mich, mir auch sein neues Buch Wilde Freude anzuschauen. Und das, obwohl das in den Vorschauen annoncierte Cover, das vier Frauen von hinten/oben in pastellfarbener Umgebung zeigt, mich so gar nicht ansprach. Ein Cover, das so sehr nach „Frauenroman“ schreit, dass ich es ohne den Autor zu kennen, sicher nicht angeschaut hätte. Dem Verlag scheinen auch Bedenken gekommen zu sein, denn nun liegt das Buch mit einem gänzlich anderen Titelbild – reine Schriftgestaltung in starken, feurigen Farben – vor.

Eine gute Entscheidung. Denn wenn die Hauptprotagonisten auch vier Frauen sind, die sich mit typisch weiblichen Krebserkrankungen herumschlagen müssen, die Männer hier meist ein äußerst armseliges Bild abgeben und es um weibliche Selbstermächtigung und Solidarität geht, handelt es sich um alles andere als einen sentimentalen oder gar trivialen Roman. Weiterlesen “Sorj Chalandon – Wilde Freude”

Annie Ernaux – Scham

Am 1. September wurde die französische Autorin Annie Ernaux 80 Jahre alt. Ihre autobiografischen Texte sind mittlerweile zu großen Teilen auch auf Deutsch erschienen – allerdings in abweichender Reihenfolge. Zuerst erschien aufgrund seiner Popularität das relativ späte Die Jahre (Original 2008). Da Annie Ernaux mit ihren stark soziologisch geprägten, analytischen Texten auch bei uns mittlerweile eine große Leser:innenschaft besitzt, folgten auch andere Texte. Nach ihren Erinnerungen eines Mädchens (2018, Original 2016) waren das die Bücher über ihre Eltern, Der Platz (2019, Original 1983) und Eine Frau (2019, Original 1988), nun erschien Die Scham von 1997. Und auch, wenn man denkt, schon viel über das Leben und vor allem die Jugend von Annie Ernaux gelesen zu haben, packt Die Scham erneut. Weiterlesen “Annie Ernaux – Scham”