Sorj Chalandon – Wilde Freude

Der französische Autor Sorj Chalandon hat (nicht nur) mich im vergangenen Jahr mit seinem Roman Am Tag davor sehr begeistert, ein Grund für mich, mir auch sein neues Buch Wilde Freude anzuschauen. Und das, obwohl das in den Vorschauen annoncierte Cover, das vier Frauen von hinten/oben in pastellfarbener Umgebung zeigt, mich so gar nicht ansprach. Ein Cover, das so sehr nach „Frauenroman“ schreit, dass ich es ohne den Autor zu kennen, sicher nicht angeschaut hätte. Dem Verlag scheinen auch Bedenken gekommen zu sein, denn nun liegt das Buch mit einem gänzlich anderen Titelbild – reine Schriftgestaltung in starken, feurigen Farben – vor.

Eine gute Entscheidung. Denn wenn die Hauptprotagonisten auch vier Frauen sind, die sich mit typisch weiblichen Krebserkrankungen herumschlagen müssen, die Männer hier meist ein äußerst armseliges Bild abgeben und es um weibliche Selbstermächtigung und Solidarität geht, handelt es sich um alles andere als einen sentimentalen oder gar trivialen Roman. Weiterlesen “Sorj Chalandon – Wilde Freude”

Jean-Paul Dubois – Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Jean-Paul Dubois hat 2019 den französischen Prix Goncourt mit einem sehr amerikanischen Roman gewonnen. Der 1950 in Toulouse geborene Dubois war ab 1984 zwanzig Jahre lang Amerikabeobachter für das französische Nachrichtenmagazin Le nouvel observateur und bezeichnet sich selbst als großer Verehrer von amerikanischen Autoren wie Philip Roth und John Updike. Aber nicht nur die stilistische Nähe macht „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“ zu einem „amerikanischen“ Roman, Jean-Paul Dubois wählt als einen zentralen Handlungsort den nordamerikanischen Kontinent. Dort, im Bordeaux-Gefängnis in Montréal, Québec, Kanada, sitzt sein Ich-Erzähler eine Haftstrafe ab. Weiterlesen “Jean-Paul Dubois – Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise”

Delphine de Vigan – Dankbarkeiten

Michka Seld ist alt. Über achtzig, keine Familie, zunehmend hinfällig – das ist meistens gleichbedeutend mit Einsamkeit. Michka hat ihr ganzes Leben eigenverantwortlich gelebt, war Fotoreporterin und Korrektorin bei einer Zeitung. Delphine de Vigan schenkt ihr in ihrem neuen Roman „Dankbarkeiten“ ein Lebensende in Würde und Frieden. Weiterlesen “Delphine de Vigan – Dankbarkeiten”

Éric Vuillard – Der Krieg der Armen

Éric Vuillard ist ein Meister der Verknappung von historischem Material. Seine eigentlich nie die 150 Seiten übersteigenden Bücher behandeln alle charakteristische Momente in der Historie und verdichten sie extrem. Der Autor  wählt oft einen originellen Blickwinkel und schafft dadurch trotz der Kürze eine sehr bereichernde und universelle Sicht, ein vergegenwärtigendes historisches Erzählen. Doch was in „Die Tagesordnung“ und auch „14.Juli“ mit den Vorbedingungen des Zweiten Weltkriegs und dem Beginn der Französischen Revolution fulminant funktionierte, will Éric Vuillard mit „Der Krieg der Armen“ nicht recht gelingen. Weiterlesen “Éric Vuillard – Der Krieg der Armen”

Jeanne Benameur – Das Gesicht der neuen Tage

Kriegsfotograf Étienne ist seit langem weltweit im Einsatz, ein alter Hase. Und doch wird er eines Tages in einem Moment der Unaufmerksamkeit von Banditen entführt und befindet sich monatelang in Geiselhaft. Dabei geht es der französischen Autorin Jeanne Benameur in „Das Gesicht der neuen Tage“ weniger um die Umstände der Entführung. Weder das Land wird benannt, noch die kriegerische Auseinandersetzung oder die terroristische Gruppe, die dafür verantwortlich ist oder deren Ziele. Die Situation hat heute, wo es auf der Welt so viele Krisenherde gibt, etwas allgemein Gültiges. Weiterlesen “Jeanne Benameur – Das Gesicht der neuen Tage”

Delphine de Vigan – Loyalitäten

Was Loyalitäten für sie bedeuten, hat Delphine de Vigan gleich zu Beginn ihres neuen, gleichlautenden Romans definiert.

„Das sind die unsichtbaren Verbindungen, die uns mit den anderen – den Toten wie den Lebenden – verbinden, leise gemachte Versprechungen, deren Auswirkungen wir nicht kennen, still gehaltene Treue, das sind Verträge, die wir hingenommen, aber nie gehört haben, und in den Nischen unserer Erinnerungen nistende Schulden.“

„Das sind die Sprungbretter, auf denen sich unsere Kräfte entfalten, und die Gruben, in denen wir unsere Träume begraben.“

Um verschiedene Arten von Loyalitäten dreht sich der Roman, und dass der Begriff nicht nur positiv besetzt ist, wird damit auch gleich von Anfang an klar. Weiterlesen “Delphine de Vigan – Loyalitäten”

Jean-Philippe Blondel – Ein Winter in Paris

Der französische Autor Jean-Philippe Blondel, Jahrgang 1964, schreibt seit 2003 sehr schmale, ruhige und sehr persönliche Romane, von denen mittlerweile sechs auf Deutsch erschienen sind. Es sind Texte, die man gemeinhin als „typisch französisch“ bezeichnet. Dies und vielleicht auch die Tatsache, dass sie hier bei uns in verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurden, sind möglicherweise der Grund dafür, dass sie eher wenig beachtet geblieben sind. Neuere Französische Literatur wird in Deutschland in jüngerer Zeit gerne als innovativ, frisch, provokant, politisch wahrgenommen. All das sind die Romane von Jean-Philippe Blondel eher nicht, auch nicht Ein Winter in Paris. Weiterlesen “Jean-Philippe Blondel – Ein Winter in Paris”

Dominique Manotti – Kesseltreiben

Die 75 jährige Dominique Manotti ist die „Grande Dame“ unter den französischen KriminalautorInnen und neben Fred Vargas auch hierzulande die bekannteste. Seit 1995 veröffentlicht die promovierte Historikerin Marie-Noëlle Thibault unter ihrem Pseudonym politisch engagierte und sozialkritische Romane, die auch vielfach ausgezeichnet wurden. Mit französischem Flair und Charme à la “Bruno, Chef de police” oder ähnlichem haben sie rein gar nichts gemeinsam. Manotti schreibt gnadenlos realistisch, ihr Thema sind die dunklen Seiten der Gesellschaft, das Machtgeflecht aus Politik, Geheimdiensten und den Eliten der französischen Industrie und Wirtschaft. Dominique Manotti steht den französischen Linken nahe, war Gewerkschafterin – und ist wütend. Wütend darüber, wie sich die Eliten immer wieder die eigenen Taschen füllen, Politiker zum eigenen Machterhalt jede unheilige Allianz eingehen, die Geheimdienste ihr eigenes Spiel spielen, und niemals zum Wohle des Volkes. Oft sind reale Geschehnisse, sei es aus der Welt der illegalen Migranten, der „Sans Papiers“, sei es aus der Welt der Hochfinanz oder einträglicher Wirtschaftszweige, wie zuletzt dem Erdölgeschäft, Inspiration für Manottis Texte.  Auch für den neuen Roman von Dominique Manotti „Kesseltreiben“ stand ein solcher Vorgang Pate. Weiterlesen “Dominique Manotti – Kesseltreiben”

Éric Vuillard – Die Tagesordnung

2017 erhielt Éric Vuillard für sein schmales „L´ordre du jour“ – Die Tagesordnung – den begehrten Prix Goncourt. Im Original trägt es die Gattungsbezeichnung „récit“, was nur etwas unzureichend mit „kurze Erzählung“ übersetzt werden kann, denn bei einer „Erzählung“ geht man in der Regel von einer fiktiven Geschichte aus. Aber: „On appelle récit tout texte racontant une histoire (un enchaînement d’événements) qu’elle soit fictive ou réelle.“ Also ein etwas weiter ausgelegter Begriff für „Erzählung“. Dennoch eher eine überraschende Entscheidung, werden doch für den „Goncourt“ meist episch breitere fiktionale Werke ausgewählt. Und hier nun das knapp über 100 Seiten starke doku-fiktionale Werk, das sich zudem noch mit deutscher Geschichte beschäftigt. Weiterlesen “Éric Vuillard – Die Tagesordnung”

Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex 1 und 2

Er nennt sich Vernon Subutex – nach jenem starken Schmerzmittel, das auch zur Behandlung von Drogenentzugserscheinungen oder – missbräuchlich – als Ersatzdroge verwendet wird, und das in Frankreich, wo es deutlich leichter zu beziehen ist, jeder kennt. Drogen spielen auch im Roman von Virginie Despentes um „Das Leben des Vernon Subutex“ eine große Rolle. Und kaum eine Besprechung des Romans kommt ohne eine ausgiebige Beschreibung des außergewöhnlichen Vorlebens seiner Autorin daher.

Mit 17 wurde Despentes als Tramperin brutal vergewaltigt, war Mitglied einer Punkband, arbeitete als Schallplattenverkäuferin und zeitweise als Prostituierte und war einst unterwegs in jener Subkultur, aus der auch zahlreiche ihrer Romanfiguren stammen. Bereits mit ihrem Debütroman „Baise-moi“, der 1993 erschien, war sie sehr erfolgreich, aber auch skandalumwittert: Die Gewalt- und Sexorgie, die als Rachefantasie an Männern und Gesellschaft gelesen werden kann, löste viele Diskussionen aus, ihre Verfilmung 2000 durch die Autorin selbst, durfte in Frankreich nur in expliziten Pornokinos gezeigt werden. Weiterlesen “Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex 1 und 2”