Djaïli Amadou Amal – Die ungeduldigen Frauen

Munyal, munyal – wie ein stetig wiederkehrender Refrain durchzieht dieses Wort das Buch der kamerunischen Autorin und Frauenrechtsaktivistin Djaïli Amadou Amal, das im Original auch den Titel „Munyal, les larmes de la patience“ (Munyal, die Tränen der Geduld) trägt und in der deutschen Übertragung von Ela zum Winkel als Die ungeduldigen Frauen im Orlanda Verlag erschienen ist. Geduld trifft es nur unzureichend, dieses Munyal, das von den Frauen im Buch und mit ihnen mit Millionen Frauen Westafrikas und vieler anderer Gebiete der Welt ständig eingefordert wird. Geduld mit dem ihnen aufgezwungenen Schicksal, das allzu oft aus Ohnmacht, Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalterfahrungen besteht. Weiterlesen “Djaïli Amadou Amal – Die ungeduldigen Frauen”

Sigrid Undset – Kristin Lavranstochter Die Frau

Nachdem Kristin Lavranstochter im ersten Teil der Trilogie, für die die Autorin 1928 den Literaturnobelpreis erhielt, als junge eigenwillige Frau ihre Ehe mit dem angebeteten Erlend Nikulaussohn durchgesetzt hat, führt Sigrid Undset die Geschichte in Die Frau fort. Gegen den Willen ihres geliebten Vaters Lavrans Bjørgulvssohn hat sich Kristin diese Ehe ertrotzt. Ihre voreheliche Schwangerschaft konnte dadurch gerade noch legitimiert werden. Der schlechte Ruf Erlends, der zuvor mit einer anderen Frau in unehelicher Gemeinschaft lebte, aus der zwei gemeinsame Kinder stammen, erholt sich durch Kristins sorgsames Haushalten und erfolgreiche Geschäfte ihres Mannes langsam. Weiterlesen “Sigrid Undset – Kristin Lavranstochter Die Frau”

Helga Flatland – Zuunterst immer Wolle

Für die 67-jährige Anne ist es keine leichte Entscheidung, ihren stark pflegebedürftigen, dementen Ehemann Gustav in ein Pflegeheim zu geben. Zu sehr ist sie ihm noch emotional verbunden. Aber es liegen lange Jahre der Pflege bereits hinter ihr. Gustav war erst vierzig, als er den ersten Schlaganfall erlitt. Es folgten noch etliche weitere. Zunächst büßte er sein Sprachvermögen, dann motorische Fähigkeiten und schließlich auch noch Gedächtnis und Persönlichkeit ein. Zunehmend reagierte er auch aggressiv. Was für Anne nun trotz ihrer regelmäßigen Besuche im Pflegeheim eine Art Befreiung und Unabhängigkeit hätte werden können, durchkreuzt das Schicksal erneut aufs härteste. Bei ihr wird ein Darmtumor entdeckt, der bereits Metastasen gebildet hat. Anne wird sterben. Dass ihre Geschichte in Zuunterst immer Wolle dennoch keine deprimierende oder dunkle geworden ist, verdankt sich der pragmatischen, manchmal etwas ruppigen Art, mit der Helga Flatland ihre Protagonistin ausgestattet hat. Weiterlesen “Helga Flatland – Zuunterst immer Wolle”

Margaret Laurence – Eine Laune Gottes

Als 2020 anlässlich des geplanten Gastlandauftritts von Kanada der Roman Ein steinerner Engel  in neuer Übersetzung bei Eisele erschien, war ich nicht nur sehr begeistert, sondern auch sehr erstaunt, dass dieser großartige Text trotz zweimaliger Veröffentlichungen auch auf Deutsch (1965, 1988) hierzulande doch wenig Beachtung erhalten hat. Genauso verwunderlich ist, dass das nun ebenfalls bei Eisele erscheinende Eine Laune Gottes von Margaret Laurence bisher noch nicht einmal in deutscher Übersetzung vorlag. Nun hat ebenfalls Monika Baark diesen u.a. von Margaret Atwood hochgelobten und mit dem Govenor General´s Award, Kanadas renommiertestem Literaturpreis, ausgezeichneten Roman übertragen. Weiterlesen “Margaret Laurence – Eine Laune Gottes”

Jessica Lind – Mama

Jessica Lind - MamaJessica Lind – Mama

Verlagstext:

Amira wünscht sich ein Kind. Als sie schwanger wird, gesellen sich Ängste und Sorgen zu ihrer Vorfreude. Wie wird sie die Mutterschaft verändern? Ein Ausflug zur abgelegenen Waldhütte ihres Partners Josef bringt nicht die ersehnte Entspannung: Rätselhafte Begegnungen häufen sich, Raum und Zeit scheinen außer Kraft und Amira weiß nicht, ob sie ihrer Wahrnehmung noch trauen kann. Was ist Traum, was Realität? Zwischen tiefer Verunsicherung und inniger Mutterliebe beginnt ein Ringen um Selbstbehauptung und Unabhängigkeit – denn der Wald scheint seine Gäste ungern wieder freizugeben …

Jessica Lind wandelt in ihrem Debütroman stilsicher zwischen den Genrewelten. Was als klassische Beziehungsgeschichte beginnt, entfaltet Seite für Seite einen subtilen Horror. Lind taucht tief in die Psychologie der Protagonistin ein, spielt souverän mit dem Unheimlichen und entwickelt eine erzählerische Sogwirkung, die niemanden unberührt lässt. Weiterlesen “Jessica Lind – Mama”

Annie Ernaux – Das Ereignis

Annie Ernaux ist die Grande Dame der französischen Literatur, die Meisterin der soziologisch geprägten Autofiktion und darin Lehrmeisterin ihrer jüngeren Kollegen wie Didier Eribon oder Edouard Louis. Seit der Übersetzung ihres Buchs Die Jahre 2017 erlebt sie auch in Deutschland eine begeisterte Rezeption. Der Suhrkamp Verlag veröffentlicht nach und nach ihr Werk in den wunderbaren Übersetzungen durch Sonja Finck. Nach dem Buch über einen sexuellen Übergriff in ihrer Jugend (Erinnerung eines Mädchens), ihrer Texte über die Eltern (Der Platz, Eine Frau) und über ihre eigene schambesetzte Loslösung von der Gesellschaftsschicht, aus der ihre Eltern stammen (Die Scham) erscheint nun ein im Original bereits 2000 erschienenes Memoir, das zugleich noch unerschrockener und  noch schmerzerfüllter als ihre bisher übersetzten Bücher ist. Annie Ernaux erzählt in Das Ereignis von einem Schwangerschaftsabbruch, den sie 1964 durchführen lassen hat. Weiterlesen “Annie Ernaux – Das Ereignis”

Gabrielle Roy – Gebrauchtes Glück

Die franko-kanadische Schriftstellerin Gabrielle Roy (1909-1983) gilt als eine der bedeutendsten Autorinnen ihres Landes und ihr 1945 erstmals erschienener Debütroman Bonheur d’occasion  (deutsch: Gebrauchtes Glück) als Meilenstein und Klassiker. Man zählt ihn sogar zu den Auslösern der sogenannten „Stillen Revolution“, von der ich bisher noch nie gehört hatte. Laut Wikipedia ist damit der „tiefgreifende soziale und wirtschaftliche Wandel, geprägt von der Säkularisierung der Gesellschaft und der Schaffung eines Wohlfahrtsstaates“ in Québec gemeint. „Die Provinzregierung brachte zwischen 1960 und 1966 das zuvor von der römisch-katholischen Kirche dominierte Gesundheits- und Bildungswesen unter die Kontrolle des Staates, baute die staatlichen Dienstleistungen aus und tätigte umfangreiche Investitionen in Bildung und Infrastruktur. Sie erlaubte den Staatsangestellten, sich in Gewerkschaften zu organisieren, und ermöglichte der mehrheitlich französischsprachigen Bevölkerung, die Kontrolle über die Wirtschaft ihrer eigenen Provinz zu übernehmen.“

Wie unterprivilegiert und elend Teile der franko-kanadischen Bevölkerung noch Mitte des vergangenen Jahrhunderts leben mussten, zeigt Gabrielle Roy anhand der Geschichte einer jungen Frau in Gebrauchtes Glück. Eine mich etwas verwirrende Titelwahl, geht es doch im Roman tatsächlich um das „Glück der Gelegenheit“ oder auch eine „glückliche Gelegenheit“, so wie es auch der Originaltitel vorgibt oder, wie ein 2000 veröffentlichter Auszug betitelt wurde, “zufälliges Glück”.

Saint Henri 1943
Saint Henri 1943 Rue De Couvent by Archives de la Ville de Montréal (CC BY-NC-SA 2.0) via flickr

Saint-Henri

Die 19jährige Florentine lebt 1940 in einer Arbeiterfamilie im Stadtteil Saint-Henri. Das mittlerweile längst gentrifizierte Arbeiterviertel ist zu der Zeit durch seine Lage am Lachine-Kanal von Industriebetrieben und Gerbereien geprägt und traditionell sehr katholisch und einkommensschwach. Auch Florentine Lacasses Familie befindet sich stets am Existenzminimum, Hunger und auch Angst vor Obdachlosigkeit sind stets präsent. Die Mutter, Rose-Anna ist mit ihrem elften Kind schwanger, acht der Kinder leben noch zuhause. Florentine, die Älteste, ist die einzige, die ein regelmäßiges Einkommen bezieht. Sie arbeitet im Restaurant des Quinze-cents und träumt von einer besseren Zukunft. Hier Vater ist ein gutmütiger Taugenichts, der seine Stelle als Bauarbeiter infolge der Weltwirtschaftskrise verloren hat und seitdem nicht mehr auf die Beine kommt. Der älteste Sohn Eugène verpflichtet sich bereits mit siebzehn bei der Armee, um für sich und seine Familie etwas dazuzuverdienen.

Florentine ist eine Schönheit, fleißig und verantwortungsvoll, dennoch wächst sie der Leserin nicht ans Herz. Ist sie doch gleichzeitig eitel, ehrgeizig und sehr auf ihren Vorteil und Aufstieg bedacht. Bei Männern ist sie so naiv wie berechnend. Ein Gast des Restaurants, der schneidige Schlosser Jean Lévesque sticht ihr ins Auge. Auch er ist extrem ehrgeizig, will durch ein Studium aufsteigen. Das junge, hübsche Mädchen aus der Unterschichte ist ihm da nur hinderlich. Er ist zwar von Florentine fasziniert, verführt und schwängert sie, lässt sie dann aber fallen. Florentine bleibt ihm trotzdem ergeben, trauert ihm nach.

Die Gelegenheit

Der anständige, in Florentine bislang vergeblich verliebte Emmanuel Létourneau, der in der Armee dient, ist für die junge Frau die „glückliche Gelegenheit“. Denn sie schafft es geschickt, ihn während eines zweiwöchigen Heimaturlaubs zu einer Heirat zu bewegen und sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Ihre Schwangerschaft verschweigt sie ihm.

Im Hintergrund der Geschichte spürt man die realen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und natürlich des Zweiten Weltkriegs, bei dem Kanada an der Seite der Alliierten kämpft. Viele junge Kanadier meldeten sich zur Armee, nur um der Armut zu entgehen. Diese Armut bei kaum vorhandener staatlicher Fürsorge realistisch und erschütternd zu schildern, ist das große Verdienst von Gabrielle Roy und ihrem Roman Gebrauchtes Glück. Das Elend, die Ausweglosigkeit, die große Schere, die zwischen der Einkommenssituation der franko-kanadischen Bevölkerung in Saint-Henri und dem als Gegenpol immer beschworenen, am Hügel liegenden Wohnort der wohlhabenden Anglophonen, Westmount, besteht (auch heute noch beträgt das Einkommen der englischsprachigen Bevölkerung ein Vielfaches desjenigen der Franko-Kanadier), der Fatalismus, aber auch die Resilienz und Stärke besonders der Frauen – das alles zu schildern, gelingt Gabrielle Roy wirklich grandios.

Gabrielle Roy and Boys of St. Henri
Gabrielle Roy and Boys of St. Henri – Conrad Poirier, Public domain, via Wikimedia Commons

Psychologischer Realismus

Roy erzählt auktorial, im Stil des psychologischen Realismus. Und tatsächlich ist sie darin den Naturalisten des beginnenden 20. Jahrhunderts auch rein zeitlich näher als der heutigen, eher multiperspektivisch und assoziativ erzählten Literatur. Sie bohrt sich regelrecht in ihre Figuren hinein (manchmal führt das auch dazu, ein wenig zu sehr zu psychologisieren), lässt Ambivalenzen zu, seziert sie schonungslos. Sonja Finck und Anabelle Assaf haben den Roman in ein schönes, gut lesbares Deutsch übertragen.

Ich als Leserin konnte dabei recht wenig Sympathie für die eigentliche Hauptprotagonistin Florentine aufbringen. Und das obwohl ihr von einem Mann so böse mitgespielt wurde, obwohl sie ihr Leben anpackt und ihr Streben nach Glück natürlich mehr als legitim ist.

Das Buch einen „Meilenstein der feministischen Literatur“ zu nennen, ist sicherlich vorwiegend historisch motiviert. Florentine ist in „typisch weiblichen“ Handlungsmustern gefangen, darin ist sie wenig feministisch. Von weiblicher Solidarität ist auch wenig zu spüren. Darin ist der Roman tatsächlich ein wenig angestaubt. Immerhin fügt sich Florentine nicht in ihr Schicksal, sondern nimmt es selbst in die Hand. Wenn auch mit zweifelhaften Mitteln.

Der Roman umfasst nur wenige Monate, von Februar bis November 1940. Der letzte Satz lautet, und ist darin prophetisch:

„Düstere, tief hängende Wolken kündeten von dem bevorstehenden Unwetter.“

Gebrauchtes Glück ist nicht zuletzt auch ein Roman über und gegen den Krieg.

 

 

 

Beitragsbild: Feature. St. Henri – Boat at Canal by Bibliothèque et Archives nationales du Québec CC0

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gabrielle-roy-gebrauchtes-glueck.

Gabrielle Roy – Gebrauchtes Glück
aus dem kanadischen Französisch von Sonja Finck und Anabelle Assaf
Aufbau September 2021, gebunden mit Schutzumschlag, 455 Seiten, € 24,00

Leïla Slimani – Das Land der Anderen

Seitdem Leïla Slimani 2016 für ihren Roman Dann schlaf auch du mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, gilt die 1981 in Rabat/Marokko geborene Autorin als eine der renommiertesten und einflussreichsten Autor:innen Frankreichs. Psychologisch genau, offen, nüchtern und eher knapp war auch bereits ihr erster Roman All das zu verlieren, der auf Deutsch erst 2019 veröffentlicht wurde. Nun erscheint von Leïla Slimani ein etwas anderes, auf drei Teile angelegtes Romanprojekt, das episch breiter eine Familiengeschichte zwischen Frankreich und Marokko erzählt, die sehr derjenigen der Autorin ähnelt – Das Land der Anderen ist der erste Band. Weiterlesen “Leïla Slimani – Das Land der Anderen”

Friedrich Ani – Letzte Ehre

Tabor Süden, Polonius Fischer, Jakob Franck und, im aktuellen Roman Letzte Ehre von Friedrich Ani, Fariza Nasri – sie alle sind irgendwie verlorene Seelen. Am deutlichsten ist das vielleicht bei Tabor Süden, der die ersten vierzehn Kriminalromane Anis prägte. Süden arbeitete nicht nur in einer Vermisstenstelle, sondern ging oft dem Leben und manchmal auch ganz konkret verloren. Alle Protagonisten sind Einzelgänger, Einsame, am Leben Leidende. Mit ihnen schuf Friedrich Ani mehrere Serien, die auf eine ganz bestimmte Art düster, melancholisch und zutiefst gesellschaftskritisch sind. Im letzten Buch, All die unbewohnten Zimmer, trafen sie zum ersten Mal aufeinander. Weiterlesen “Friedrich Ani – Letzte Ehre”

Emilie Pine – Botschaften an mich selbst

Was für ein Buch! Selten noch habe ich derart radikal offene, intelligente, völlig ungekünstelt geschriebene Texte gelesen wie die sechs Essays von Emilie Pine in Botschaften an mich selbst. Die 1977 geborene irische Autorin, die in Dublin modernes Drama unterrichtet und mit Notes to self ihren erste nichtakademische Veröffentlichung hatte, erzählt von schwierigen Lebensaspekten, die meist zudem noch gemeinhin tabuisiert und äußerst schambesetzt sind. Sie sollten Botschaften an sich selbst sein, waren aber in Irland so erfolgreich, dass sie umgehend zum Buch des Jahres wurden. In Deutschland sind sie seit Anfang März veröffentlicht, haben aber bisher in der Literaturkritik bedauerlicherweise kein allzu großes Echo hervorgerufen. Weiterlesen “Emilie Pine – Botschaften an mich selbst”