Annie Ernaux – Das Ereignis

Annie Ernaux ist die Grande Dame der französischen Literatur, die Meisterin der soziologisch geprägten Autofiktion und darin Lehrmeisterin ihrer jüngeren Kollegen wie Didier Eribon oder Edouard Louis. Seit der Übersetzung ihres Buchs Die Jahre 2017 erlebt sie auch in Deutschland eine begeisterte Rezeption. Der Suhrkamp Verlag veröffentlicht nach und nach ihr Werk in den wunderbaren Übersetzungen durch Sonja Finck. Nach dem Buch über einen sexuellen Übergriff in ihrer Jugend (Erinnerung eines Mädchens), ihrer Texte über die Eltern (Der Platz, Eine Frau) und über ihre eigene schambesetzte Loslösung von der Gesellschaftsschicht, aus der ihre Eltern stammen (Die Scham) erscheint nun ein im Original bereits 2000 erschienenes Memoir, das zugleich noch unerschrockener und  noch schmerzerfüllter als ihre bisher übersetzten Bücher ist. Annie Ernaux erzählt in Das Ereignis von einem Schwangerschaftsabbruch, den sie 1964 durchführen lassen hat. Weiterlesen “Annie Ernaux – Das Ereignis”

Gabrielle Roy – Gebrauchtes Glück

Die franko-kanadische Schriftstellerin Gabrielle Roy (1909-1983) gilt als eine der bedeutendsten Autorinnen ihres Landes und ihr 1945 erstmals erschienener Debütroman Bonheur d’occasion  (deutsch: Gebrauchtes Glück) als Meilenstein und Klassiker. Man zählt ihn sogar zu den Auslösern der sogenannten „Stillen Revolution“, von der ich bisher noch nie gehört hatte. Laut Wikipedia ist damit der „tiefgreifende soziale und wirtschaftliche Wandel, geprägt von der Säkularisierung der Gesellschaft und der Schaffung eines Wohlfahrtsstaates“ in Québec gemeint. „Die Provinzregierung brachte zwischen 1960 und 1966 das zuvor von der römisch-katholischen Kirche dominierte Gesundheits- und Bildungswesen unter die Kontrolle des Staates, baute die staatlichen Dienstleistungen aus und tätigte umfangreiche Investitionen in Bildung und Infrastruktur. Sie erlaubte den Staatsangestellten, sich in Gewerkschaften zu organisieren, und ermöglichte der mehrheitlich französischsprachigen Bevölkerung, die Kontrolle über die Wirtschaft ihrer eigenen Provinz zu übernehmen.“

Wie unterprivilegiert und elend Teile der franko-kanadischen Bevölkerung noch Mitte des vergangenen Jahrhunderts leben mussten, zeigt Gabrielle Roy anhand der Geschichte einer jungen Frau in Gebrauchtes Glück. Eine mich etwas verwirrende Titelwahl, geht es doch im Roman tatsächlich um das „Glück der Gelegenheit“ oder auch eine „glückliche Gelegenheit“, so wie es auch der Originaltitel vorgibt oder, wie ein 2000 veröffentlichter Auszug betitelt wurde, “zufälliges Glück”.

Saint Henri 1943
Saint Henri 1943 Rue De Couvent by Archives de la Ville de Montréal (CC BY-NC-SA 2.0) via flickr

Saint-Henri

Die 19jährige Florentine lebt 1940 in einer Arbeiterfamilie im Stadtteil Saint-Henri. Das mittlerweile längst gentrifizierte Arbeiterviertel ist zu der Zeit durch seine Lage am Lachine-Kanal von Industriebetrieben und Gerbereien geprägt und traditionell sehr katholisch und einkommensschwach. Auch Florentine Lacasses Familie befindet sich stets am Existenzminimum, Hunger und auch Angst vor Obdachlosigkeit sind stets präsent. Die Mutter, Rose-Anna ist mit ihrem elften Kind schwanger, acht der Kinder leben noch zuhause. Florentine, die Älteste, ist die einzige, die ein regelmäßiges Einkommen bezieht. Sie arbeitet im Restaurant des Quinze-cents und träumt von einer besseren Zukunft. Hier Vater ist ein gutmütiger Taugenichts, der seine Stelle als Bauarbeiter infolge der Weltwirtschaftskrise verloren hat und seitdem nicht mehr auf die Beine kommt. Der älteste Sohn Eugène verpflichtet sich bereits mit siebzehn bei der Armee, um für sich und seine Familie etwas dazuzuverdienen.

Florentine ist eine Schönheit, fleißig und verantwortungsvoll, dennoch wächst sie der Leserin nicht ans Herz. Ist sie doch gleichzeitig eitel, ehrgeizig und sehr auf ihren Vorteil und Aufstieg bedacht. Bei Männern ist sie so naiv wie berechnend. Ein Gast des Restaurants, der schneidige Schlosser Jean Lévesque sticht ihr ins Auge. Auch er ist extrem ehrgeizig, will durch ein Studium aufsteigen. Das junge, hübsche Mädchen aus der Unterschichte ist ihm da nur hinderlich. Er ist zwar von Florentine fasziniert, verführt und schwängert sie, lässt sie dann aber fallen. Florentine bleibt ihm trotzdem ergeben, trauert ihm nach.

Die Gelegenheit

Der anständige, in Florentine bislang vergeblich verliebte Emmanuel Létourneau, der in der Armee dient, ist für die junge Frau die „glückliche Gelegenheit“. Denn sie schafft es geschickt, ihn während eines zweiwöchigen Heimaturlaubs zu einer Heirat zu bewegen und sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Ihre Schwangerschaft verschweigt sie ihm.

Im Hintergrund der Geschichte spürt man die realen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und natürlich des Zweiten Weltkriegs, bei dem Kanada an der Seite der Alliierten kämpft. Viele junge Kanadier meldeten sich zur Armee, nur um der Armut zu entgehen. Diese Armut bei kaum vorhandener staatlicher Fürsorge realistisch und erschütternd zu schildern, ist das große Verdienst von Gabrielle Roy und ihrem Roman Gebrauchtes Glück. Das Elend, die Ausweglosigkeit, die große Schere, die zwischen der Einkommenssituation der franko-kanadischen Bevölkerung in Saint-Henri und dem als Gegenpol immer beschworenen, am Hügel liegenden Wohnort der wohlhabenden Anglophonen, Westmount, besteht (auch heute noch beträgt das Einkommen der englischsprachigen Bevölkerung ein Vielfaches desjenigen der Franko-Kanadier), der Fatalismus, aber auch die Resilienz und Stärke besonders der Frauen – das alles zu schildern, gelingt Gabrielle Roy wirklich grandios.

Gabrielle Roy and Boys of St. Henri
Gabrielle Roy and Boys of St. Henri – Conrad Poirier, Public domain, via Wikimedia Commons

Psychologischer Realismus

Roy erzählt auktorial, im Stil des psychologischen Realismus. Und tatsächlich ist sie darin den Naturalisten des beginnenden 20. Jahrhunderts auch rein zeitlich näher als der heutigen, eher multiperspektivisch und assoziativ erzählten Literatur. Sie bohrt sich regelrecht in ihre Figuren hinein (manchmal führt das auch dazu, ein wenig zu sehr zu psychologisieren), lässt Ambivalenzen zu, seziert sie schonungslos. Sonja Finck und Anabelle Assaf haben den Roman in ein schönes, gut lesbares Deutsch übertragen.

Ich als Leserin konnte dabei recht wenig Sympathie für die eigentliche Hauptprotagonistin Florentine aufbringen. Und das obwohl ihr von einem Mann so böse mitgespielt wurde, obwohl sie ihr Leben anpackt und ihr Streben nach Glück natürlich mehr als legitim ist.

Das Buch einen „Meilenstein der feministischen Literatur“ zu nennen, ist sicherlich vorwiegend historisch motiviert. Florentine ist in „typisch weiblichen“ Handlungsmustern gefangen, darin ist sie wenig feministisch. Von weiblicher Solidarität ist auch wenig zu spüren. Darin ist der Roman tatsächlich ein wenig angestaubt. Immerhin fügt sich Florentine nicht in ihr Schicksal, sondern nimmt es selbst in die Hand. Wenn auch mit zweifelhaften Mitteln.

Der Roman umfasst nur wenige Monate, von Februar bis November 1940. Der letzte Satz lautet, und ist darin prophetisch:

„Düstere, tief hängende Wolken kündeten von dem bevorstehenden Unwetter.“

Gebrauchtes Glück ist nicht zuletzt auch ein Roman über und gegen den Krieg.

 

 

 

Beitragsbild: Feature. St. Henri – Boat at Canal by Bibliothèque et Archives nationales du Québec CC0

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Gabrielle Roy – Gebrauchtes Glück
aus dem kanadischen Französisch von Sonja Finck und Anabelle Assaf
Aufbau September 2021, gebunden mit Schutzumschlag, 455 Seiten, € 24,00

Leïla Slimani – Das Land der Anderen

Seitdem Leïla Slimani 2016 für ihren Roman Dann schlaf auch du mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, gilt die 1981 in Rabat/Marokko geborene Autorin als eine der renommiertesten und einflussreichsten Autor:innen Frankreichs. Psychologisch genau, offen, nüchtern und eher knapp war auch bereits ihr erster Roman All das zu verlieren, der auf Deutsch erst 2019 veröffentlicht wurde. Nun erscheint von Leïla Slimani ein etwas anderes, auf drei Teile angelegtes Romanprojekt, das episch breiter eine Familiengeschichte zwischen Frankreich und Marokko erzählt, die sehr derjenigen der Autorin ähnelt – Das Land der Anderen ist der erste Band. Weiterlesen “Leïla Slimani – Das Land der Anderen”

Friedrich Ani – Letzte Ehre

Tabor Süden, Polonius Fischer, Jakob Franck und, im aktuellen Roman Letzte Ehre von Friedrich Ani, Fariza Nasri – sie alle sind irgendwie verlorene Seelen. Am deutlichsten ist das vielleicht bei Tabor Süden, der die ersten vierzehn Kriminalromane Anis prägte. Süden arbeitete nicht nur in einer Vermisstenstelle, sondern ging oft dem Leben und manchmal auch ganz konkret verloren. Alle Protagonisten sind Einzelgänger, Einsame, am Leben Leidende. Mit ihnen schuf Friedrich Ani mehrere Serien, die auf eine ganz bestimmte Art düster, melancholisch und zutiefst gesellschaftskritisch sind. Im letzten Buch, All die unbewohnten Zimmer, trafen sie zum ersten Mal aufeinander. Weiterlesen “Friedrich Ani – Letzte Ehre”

Emilie Pine – Botschaften an mich selbst

Was für ein Buch! Selten noch habe ich derart radikal offene, intelligente, völlig ungekünstelt geschriebene Texte gelesen wie die sechs Essays von Emilie Pine in Botschaften an mich selbst. Die 1977 geborene irische Autorin, die in Dublin modernes Drama unterrichtet und mit Notes to self ihren erste nichtakademische Veröffentlichung hatte, erzählt von schwierigen Lebensaspekten, die meist zudem noch gemeinhin tabuisiert und äußerst schambesetzt sind. Sie sollten Botschaften an sich selbst sein, waren aber in Irland so erfolgreich, dass sie umgehend zum Buch des Jahres wurden. In Deutschland sind sie seit Anfang März veröffentlicht, haben aber bisher in der Literaturkritik bedauerlicherweise kein allzu großes Echo hervorgerufen. Weiterlesen “Emilie Pine – Botschaften an mich selbst”

Sorj Chalandon – Wilde Freude

Der französische Autor Sorj Chalandon hat (nicht nur) mich im vergangenen Jahr mit seinem Roman Am Tag davor sehr begeistert, ein Grund für mich, mir auch sein neues Buch Wilde Freude anzuschauen. Und das, obwohl das in den Vorschauen annoncierte Cover, das vier Frauen von hinten/oben in pastellfarbener Umgebung zeigt, mich so gar nicht ansprach. Ein Cover, das so sehr nach „Frauenroman“ schreit, dass ich es ohne den Autor zu kennen, sicher nicht angeschaut hätte. Dem Verlag scheinen auch Bedenken gekommen zu sein, denn nun liegt das Buch mit einem gänzlich anderen Titelbild – reine Schriftgestaltung in starken, feurigen Farben – vor.

Eine gute Entscheidung. Denn wenn die Hauptprotagonisten auch vier Frauen sind, die sich mit typisch weiblichen Krebserkrankungen herumschlagen müssen, die Männer hier meist ein äußerst armseliges Bild abgeben und es um weibliche Selbstermächtigung und Solidarität geht, handelt es sich um alles andere als einen sentimentalen oder gar trivialen Roman. Weiterlesen “Sorj Chalandon – Wilde Freude”

Annie Ernaux – Scham

Am 1. September wurde die französische Autorin Annie Ernaux 80 Jahre alt. Ihre autobiografischen Texte sind mittlerweile zu großen Teilen auch auf Deutsch erschienen – allerdings in abweichender Reihenfolge. Zuerst erschien aufgrund seiner Popularität das relativ späte Die Jahre (Original 2008). Da Annie Ernaux mit ihren stark soziologisch geprägten, analytischen Texten auch bei uns mittlerweile eine große Leser:innenschaft besitzt, folgten auch andere Texte. Nach ihren Erinnerungen eines Mädchens (2018, Original 2016) waren das die Bücher über ihre Eltern, Der Platz (2019, Original 1983) und Eine Frau (2019, Original 1988), nun erschien Die Scham von 1997. Und auch, wenn man denkt, schon viel über das Leben und vor allem die Jugend von Annie Ernaux gelesen zu haben, packt Die Scham erneut. Weiterlesen “Annie Ernaux – Scham”

Candice Carty-Williams – Queenie

„Ach, Queenie“, nicht nur einmal entfuhr der Leserin des Debütromans von Candice Carty-Williams dieser Stoßseufzer. Queenie, die 25 jährige Protagonistin des bei den British Book Award als Book of the Year ausgezeichneten Erstlings sucht ihren Platz im Leben. Und stellt sich dabei nicht nur äußerst ungeschickt, sondern auch selbstzerstörerisch an. Letzteres verbietet auch eigentlich den von der britischen Presse herangezogenen Vergleich, den einer „Schwarzen Bridget Jones“ nämlich. Weiterlesen “Candice Carty-Williams – Queenie”

Annie Ernaux – Eine Frau

Zu Annie Ernaux muss man zum Glück nicht mehr viel sagen. Die 1940 geborene Autorin zählt in ihrem Heimatland Frankreich schon lange zu den ganz großen Autor*innen, erklärtes Vorbild für mittelalte bis junge Kollegen, von Didier Eribon bis Edouard Louis. Spätestens seit ihrem autobiografischen Werk „Die Jahre“ genießt sie aber auch in Deutschland eine große Popularität, was den Suhrkamp Verlag zum Glück ermutigt hat, auch ältere Werke von ihr zu veröffentlichen. Im Frühjahr 2019 erschien ein schmales Werk über den Vater, „Der Platz“, nun ist auch das Pendant dazu erschienen, das Buch, das Annie Ernaux über ihre verstorbene Mutter geschrieben hat, „Eine Frau“. Weiterlesen “Annie Ernaux – Eine Frau”

Rachel Cusk – Lebenswerk

Als Rachel Cusk 2001 ihren literarischen autobiografischen Essay „A life´s work“ (deutsch jetzt bei Suhrkamp „Lebenswerk – Über das Mutterwerden“) veröffentlichte, war ihr Projekt noch relativ einzigartig. Es stellt quasi den Urtext eines Genres dar, das in den letzten Jahren zum Beispiel mit Sheila Hetis „Motherhood“ oder der Studie von Orna Donath „Regretting motherhood“ diskutiert wurde. Vieles, das Cusk in Ihrem Text zum ersten Mal zu Papier brachte und für das sie aufs heftigste gerade auch von anderen Frauen kritisiert und angefeindet wurde, ruft mittlerweile keine Empörung mehr hervor. Und doch ist das Buch hochaktuell, gerade durch seine gewisse Zeitlosigkeit. Weiterlesen “Rachel Cusk – Lebenswerk”