Éric Vuillard – Der Krieg der Armen

Éric Vuillard ist ein Meister der Verknappung von historischem Material. Seine eigentlich nie die 150 Seiten übersteigenden Bücher behandeln alle charakteristische Momente in der Historie und verdichten sie extrem. Der Autor  wählt oft einen originellen Blickwinkel und schafft dadurch trotz der Kürze eine sehr bereichernde und universelle Sicht, ein vergegenwärtigendes historisches Erzählen. Doch was in „Die Tagesordnung“ und auch „14.Juli“ mit den Vorbedingungen des Zweiten Weltkriegs und dem Beginn der Französischen Revolution fulminant funktionierte, will Éric Vuillard mit „Der Krieg der Armen“ nicht recht gelingen. Weiterlesen „Éric Vuillard – Der Krieg der Armen“

Stephan Thome – Gott der Barbaren

Bis zu 30 Millionen Opfer forderte die Taiping-Rebellion in China zwischen 1851 und 1864 und ist damit der opferreichste Bürgerkrieg der ganzen Menschheitsgeschichte. Stephan Thome erzählt davon in Gott der Barbaren.

„Taiping?“ mag sich da so mancher fragen, und tatsächlich ist es verblüffend, wie wenig man hierzulande über diese Revolte im Fernen Osten, über die Geschichte generell in diesen Regionen der Welt, weiß. Ein einigermaßen beschämendes Zeugnis der eurozentrischen Geschichtsschreibung, die immer noch vorherrscht und die in einer derart globalisierten Welt wie der unsrigen, gerade auch mit dem rasanten Erstarken Chinas auf dem Weltmarkt, eigentlich nicht mehr vertretbar ist.

Der Philosoph, Sinologe und Autor Stephan Thome hat die Taiping-Revolution zum Stoff seines neuen, umfangreichen Romans gemacht und ist damit auf der Shortlist zum diesjährigen Deutschen Literaturpreis gelandet. Für Thome ist es bereits die dritte Shortlist-Nominierung. Weiterlesen „Stephan Thome – Gott der Barbaren“

George Saunders – Lincoln im Bardo

Welch ein aberwitziges, wildes, zärtliches, berührendes Buch! Mit seinem ersten Roman Lincoln im Bardo hat der in den USA fast Kultstatus innehabende Autor von Kurzgeschichten und Essays, George Saunders, ein absolut ungewöhnliches und kühnes Werk geschaffen, für das er 2017 sogleich den renommierten Man Booker Prize erhielt.

Es ist ein Roman ohne Erzähler. Ganz gleich ob 150 oder 166 Personen (die mitzählenden Kritiker sind sich nicht ganz einig und ich habe wieder ganz anders gezählt), ihre Zahl ist schier unüberschaubar. Und ein Großteil von ihnen ist bereits zum Zeitpunkt der Handlung tot. Weiterlesen „George Saunders – Lincoln im Bardo“

Colson Whitehead – Underground Railroad

Nach Yaa Gyasis Roman „Heimkehren“ das zweite Buch der Saison, das sich mit der Thematik „Sklaverei“ beschäftigt, und ein unglaublich erfolgreiches Buch: sowohl der National Book Award 2016 als auch der Pulitzer Prize 2017 gingen an Colson Whitehead mit „Underground Railroad“. Die Jury des Man Booker Prizes gestattete ihm zumindest einen Platz auf der Longlist. Und (weniger spektakulär) auch auf meiner persönlichen Topliste des Jahres 2017 nimmt der Roman ganz sicher einen der obersten Plätze ein. Weiterlesen „Colson Whitehead – Underground Railroad“

Yaa Gyasi – Heimkehren

Als 1977 die Serie „Roots“ nach dem gleichnamigen Roman von Alex Haley ausgestrahlt wurde, war ich zwölf Jahre alt. Ich weiß noch, wie tief mich die Geschichte um Kunta Kinta, den im 18. Jahrhundert nach Amerika verschleppten und versklavten Mann aus Gambia, damals erschüttert hat. Das Wissen um das große Leid der Sklaven, die Unfassbarkeit der Sklaverei in Amerika insgesamt und die Nachwirkungen, die sie bis heute hat, die Rassentrennungen, die Emanzipationsbewegungen, der Hass und die fortbestehenden Ungerechtigkeiten, haben mich niemals wieder ganz losgelassen. Immer wieder erschienen dazu auch packende Romane, sei es das Werk der großartigen Toni Morrison, „Die Farbe Lila“ von Alice Walker, „Die bekannte Welt“ von Edward P. Jones. Yaa Gyasi hat mit Heimkehren einen wichtigen Beitrag dazu geleistet. Weiterlesen „Yaa Gyasi – Heimkehren“

Sabrina Janesch – Die goldene Stadt

Es ist relativ wenig bekannt über Augusto Rudolpho Berns, den sich Sabrina Janesch in ihrem neuen historischen Abenteuerroman Die goldene Stadt zum Helden genommen hat. Tatsächlich ist er erst durch die hartnäckigen Nachforschungen eines amerikanischen Historikers im Jahr 2008 in die Wahrnehmung einer breiteren Öffentlichkeit und damit auch in die der Autorin gelangt. Vorherige Reisen nach Südamerika und eine Liebe zu willensstarken, abenteuerlichen und kreativen Menschen weckten Janeschs Interesse an diesem Charakter. Intensive Recherchen, Kontakte zu den Forschern in Amerika und eigene Reisen ließen das Bild entstehen, das sie ihren Lesern nun in diesem klassischen Roman darbietet. Weiterlesen „Sabrina Janesch – Die goldene Stadt“

Mathias Énard – Erzähl ihnen von Schlachten Königen und Elefanten

Ebenso kunstvoll und kostbar wie die Preziosen am Hofe des Sultans Bayezid II. erscheint mir der schmale Roman von Mathias Énard, Erzähl ihnen von Schlachten Königen und Elefanten , der 2010 auf der Shortlist des Prix Goncourt stand und schließlich den Prix Goncourt des Lycéens gewann und für mich das schönste Buch ist, das ich in diesem Jahr bisher gelesen habe.

Es erzählt von jenem Sultan des Osmanischen Reichs, der 1506 den Künstler Michelangelo Buonarotti nach Istanbul einlud, damit der ihm eine Brücke über den Bosporus entwerfe. Aus dem Jahr 1502 stammt ein Modell des Landsmannes und Konkurrenten Leonardo da Vinci, die dem Herrscher aber nicht zusagte. Weiterlesen „Mathias Énard – Erzähl ihnen von Schlachten Königen und Elefanten“