Berlin Schöneberg, Ende der 1990er Jahre. Ein alte Frau, leicht abgerissen, mit schlohweißem, verfilztem Haar und abgetretenen Pantoffeln läuft durch den Kiez und scheint überall bekannt und beliebt zu sein. Shelly Kupferberg, die dort selbst nach einer Wohnung sucht, fällt diese Frau auf. Obdachlos? In dem Alter? Sehr bald erfährt sie, dass die Frau Martha heißt und millionenschwere Hausbesitzerin sein soll. Gerüchte sagen ihr nach, das Vermögen im Krieg durch eine Affäre mit einem ranghohen Nazi erschlichen zu haben. Die Neugier der Journalistin Shelly Kupferberg, die Jahre später an einem Buch schreibt über ihren reichen Urgroßonkel Isidor, Kommerzialrat, Berater des österreichischen Staates, Multimillionär und Kunstsammler, der 1938 von den Nationalsozialisten enteignet, verfolgt und in den Tod getrieben wurde, ist geweckt. Mit Stunden wie Tage schreibt Shelly Kupferberg nun die berührende Geschichte von Martha auf. Es ist auch eine großartige Berlingeschichte. Weiterlesen „Shelly Kupferberg – Stunden wie Tage – Kurz vorgestellt“
Schlagwort: Haus
Colm Tóibín – Die Schwestern – Kurz vorgestellt
Zu Beginn von Colm Tóibíns Erzählung Die Schwestern steckt eine von ihnen, Montse, in ihrem Haus in der argentinischen Kleinstadt Chivilcoy fest. Schon zum zweiten Mal wurde Klebstoff in ihr Türschloss gespritzt, es ist Wochenende und die Schlosser gehen nicht ans Telefon, die Nachbarn können sie nicht leiden und die Polizei nimmt ihren Anruf nicht ernst. Ein merkwürdiges Szenario. Weiterlesen „Colm Tóibín – Die Schwestern – Kurz vorgestellt“
Jacqueline Kornmüller Kat Menschik – Das Haus verlassen
Ich habe eindeutig ein neues Lieblingsbuch aus der ohnehin ganz wunderbaren, nun auf 17 Bände angewachsenen Reihe der „illustrierten Lieblingsbücher bei Galiani. Das alte Haus aus Feldsteinen inmitten eines großen blühenden, leicht verwilderten Gartens in der Oststeiermark, das die Autorin Jacqueline Kornmüller nach zehn glücklichen Jahren, in denen sie es liebevoll renoviert hat, plant zu verlassen, schaut uns auf dem Cover von Illustratorin Kat Menschik inmitten eines sattgrünen, wimmelnden Gartens direkt an. Es hat ein äußerst freundliches „Gesicht“ und die unteren vier Fenster sind hell und einladend erleuchtet. Man ahnt auf den ersten Blick, dass das nicht so leicht werden wird mit dem Verlassen. Weiterlesen „Jacqueline Kornmüller Kat Menschik – Das Haus verlassen“
Birgit Mattausch – Bis wir Wald werden
Ein Hochhaus als zentraler Handlungsort und sogar als eine Art Protagonist – das ist jetzt nicht unbedingt ganz neu. Bei der Lektüre von Bis wir Wald werden von Birgit Mattausch musste ich häufig an Karosh Tahas Beschreibung einer Krabbenwanderung denken. Und erst vor kurzem erschien der US-amerikanische Bestseller Kaninchenstall von Tess Gunty, der im gleichnamigen Wohnkomplex angesiedelt ist. Aberso unterschiedlich Häuser und darin lebende Menschen sind, so unterschiedlich sind auch die Romane. Meist sind es die eher einkommensschwachen Bevölkerungsschichten, die im Hochhaus wohnen, viele Migrant:innen und ältere Menschen mit kleinem Geldbeutel, die die Annehmlichkeiten wie Aufzug, Ebenerdigkeit etc. zu schätzen wissen. Aber meist haben Hochhäuser keinen guten Ruf, wird ihre Anonymität beklagt, ihre angebliche Kälte, gelten sie oft als soziale Brennpunkte. Dass sie auch Heimat, Gemeinschaft und Geborgenheit bedeuten können, hat Birgit Mattausch erlebt, als sie selbst als Pfarrerin in einem solchen Wohnkomplex, in dem besonders viele russlanddeutsche Migrant:innen lebten, wohnte. Weiterlesen „Birgit Mattausch – Bis wir Wald werden“
Tess Gunty – Der Kaninchenstall
Der Kaninchenstall heißt in der Umgangssprache ein etwas heruntergekommener Wohnblock in Vacca Vale, Indiana, einer ihrerseits auch recht heruntergekommenen (fiktiven) Stadt mitten im US-amerikanischen Rustbelt. Dort wo schon lange die Lichter ausgegangen sind. Seit der Deindustrialisierungswelle der 1980er und 90er Jahren, als die einstigen Industriehochburgen mit ihrer Stahlproduktion sowie der Automobil- und Waffenindustrie begannen, ihre Bedeutung für die amerikanische Wirtschaft zu verlieren, steht dieser Teil der USA für Niedergang und Hoffnungslosigkeit. „Lapinière Affordable Housing Complex“ ist der hochtrabende offizielle Name des Gebäudes, benannt nach den vielen Kaninchen, die die Gegend bevölkern. Aber die Protagonisten von Tess Gunty wissen sehr wohl, dass es eigentlich nur Der Kaninchenstall ist. Weiterlesen „Tess Gunty – Der Kaninchenstall“
Ingke Brodersen – Lebewohl Martha
Anfang der 1990er Jahre zog Ingke Brodersen mit ihrer Familie in eine Altbauwohnung in Berlin Schöneberg. Eine helle, geräumige Wohnung im vierten Stock in der Berchtesgadener Straße 37. Vor dem Haus im Pflaster eingelassen befindet sich einer jener Stolpersteine, die an ehemalige jüdische Bewohner:innen erinnert, die Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten wurden. 1993 wurden hier im Bayerischen Viertel in einem Projekt Tafeln aufgehängt, die Inhalte von nationalsozialistischen Gesetzen und Verordnungen zeigen, mit denen die Entrechtung der Juden in Deutschland vorangetrieben wurde. Dies war für die Historikerin und ehemalige Leiterin des Rowohlt Berlin-Verlags Ingke Brodersen der Impuls, der Geschichte der einst in ihrem Wohnhaus lebenden Menschen nachzuforschen – und daraus entstand ihr berührendes Buch Lebewohl, Martha.





