Bryan Washington – Dinge an die wir nicht glauben

Zwei junge Männer leben seit vier Jahren in Houston zusammen und beginnen, an ihrer Beziehung und Liebe zu zweifeln. Beide tun sich nicht leicht mit Nähe. Beide kommen aus zerbrochenen Familien. Der junge Amerikaner Bryan Washington macht aus dieser Konstellation einen sehr berührenden, lässigen Roman mit neuen, überraschenden Facetten: Dinge, an die wir nicht glauben. Weiterlesen “Bryan Washington – Dinge an die wir nicht glauben”

Marion Poschmann – Die Kieferninseln

Marion Poschmann – Die Kieferninseln

„Er hatte geträumt, dass seine Frau ihn betrog. Gilbert Sylvester erwachte und war außer sich.“

So wenig außergewöhnlich ein solcher Traum ist, so aberwitzig und skurril ist Gilberts Reaktion darauf. Er stellt seine Frau Mathilde nicht nur aufs Schärfste zur Rede, sondern verlässt, als diese hartnäckig leugnet, äußerst erbost die Wohnung und nimmt den ersten verfügbaren Interkontinentalflug, um möglichst viel Raum zwischen sich und seine vermeintlich untreue Gattin zu schaffen. Dass es außerhalb seines Traumes keinerlei Hinweise auf eine eventuelle Untreue gibt, stört ihn dabei überhaupt nicht. Weiterlesen “Marion Poschmann – Die Kieferninseln”

Michiko Flasar – Ich nannte ihn Krawatte

Michiko Flasar – Ich nannte ihn Krawatte

Michiko Flasar - Ich nannte ihn KrawatteJeden Morgen kommt der zwanzigjährige Taguchi Hiro in den Park, sitzt den ganzen Tag auf einer der Bänke, allein und verschlossen. Was nach außen als Rückzug, als Einsamkeit erscheint, ist für den jungen Mann ein großer Schritt vorwärts, hinaus aus einer zweijährigen selbstauferlegten Isolation. Zwei Jahre hat er sich in sein Zimmer bei den Eltern verkrochen. Versteckt vor den Zumutungen des Lebens, dem Druck der Gesellschaft. Die Nähe von Menschen bereitet ihm Übelkeit, er kann das alltägliche Treiben kaum mehr ertragen.

„Nichts soll mich ablenken von dem Versuch, mich vor mir selbst zu bewahren.“

Seine Eltern leiden unter der Schmach ihres versagenden Sohns, verstecken ihn, unterstützen ihn aber auch. Hikikomori nennt man in Japan diese Menschen und sie sind kein sehr seltenes Phänomen.

Eines Tages setzt sich ein älterer Mann auf die Parkbank gegenüber. Er ist ein „Salaryman“, also einer jener unzähligen uniformen Büroangestellten Japans. Wegen seiner korrekten Kleidung nennt Taguchi ihn insgeheim „Krawatte“.
Krawatte erscheint nun ebenfalls Tag für Tag, um Stunden im Park zu verbringen. Zwischen ihm und dem jungen Mann entsteht allmählich eine vorsichtige Annäherung. Sie machen sich vertraut, bis sich der Salaryman schließlich als Ohara Tetsu vorstellt. Er hat seine Arbeit verloren und sich bisher nicht getraut, es seiner Frau zu sagen. Eine alte Geschichte. Aber es steckt mehr dahinter, als die Angst, als Versager dazustehen. Ihn treiben Fragen wie

„Wer hätte ich werden können.
Wer war ich geworden.
Wer werde ich sein, wenn sie (seine Frau Kyoko) herausfindet, wer ich bin.“

„Wie ist es dazu gekommen, dass wir uns so sehr verfehlten?“

Der Salaryman und der Hikikomori kommen ins Gespräch, erzählen sich von lange zurückliegenden Begebenheiten, in denen sie falsch gehandelt haben, die sie bis heute mit Schuld und Scham verfolgen. Auch deshalb sind sie den immer wieder neuen Anforderungen, die das Leben an sie stellt nicht gewachsen. Und weil sie in einem Umfeld des Schweigens leben.

„Wir haben einen Pakt geschlossen: Lieber nichts wissen voneinander. Und dieser Pakt ist das, was Familien über Jahre zusammenhält. Wir waren Maskenträger.“


Taguchi Hiro und Ohara Tetsu erzählen sich aus ihrem Leben, langsam, sie lassen sich Zeit, bedrängen sich nicht. Dieses Zögernde, Tastende kommt auch in der Sprache zum Ausdruck, die vorsichtig, auch irgendwie tastend ist. Sie erzählt behutsam aus zwei erschütterten Leben.

„Irgendwann glücklich sein. Es bedurfte dazu nur eines kleinen Sprungs. Hinüber auf die sichere Seite, hinüber zu denen, die nicht zu viel nachdenken, nicht darüber, wie weh es tut, nicht nur den anderen, sondern mit ihm sich selbst verraten zu haben Ich wollte dorthin, nahm Anlauf, war noch im Anlaufen.“


Aber: „Nein, nicht wahr, das wäre zu einfach. Um zu vergeben, um wirklich frei zu sein, muss man sich erinnern, Tag für Tag.“


Das ist beklemmend und zart zugleich, tieftraurig und doch auch – ja – heiter, dem Leben zugewandt.

Michiko Flasar – Ich nannte ihn Krawatte – ein leises, wunderbares Buch.

gebundene Ausgabe mittlerweile vergriffen, Taschenbuchausgabe bei btb