Nino Haratischwili – Die Katze und der General

„Wie kommt der Krieg in den Menschen“, so könnte man sich an einem anderen Titel der Buchpreislonglist, der ansonsten nichts mit dem 760 Seiten starken Roman von Nino Haratischwili gemein hat und es zu meinem Bedauern auch nicht auf die Shortlist geschafft hat, bedienen, um das Hauptthema von „Die Katze und der General“ zu beschreiben.
Was macht der Krieg mit den Menschen, die ihn erleiden? Aber auch mit denen, die ihn führen? Was geschieht in den sogenannten „rechtsfreien Räumen“ mit den in ihnen Agierenden? Was bedeutet und wie geht man um mit Schuld? Und was ist Sühne? Kann es sie überhaupt geben? Und wie könnte sie aussehen? Weiterlesen „Nino Haratischwili – Die Katze und der General“

Kamila Shamsie – Hausbrand

Kamila Shamsie – Hausbrand:

 

„Die wir lieben…sind Feinde des Staates.“

    Sophokles – Antigone

 

Schon im Motto ihres Romans „Hausbrand“ erzählt die britisch-pakistanische Autorin Kamila Shamsie eigentlich die ganze Geschichte.

„Homefire“ im Original trifft es, wie so oft genauer, denn es ist nicht das Haus, das hier brennt, sondern das Heim, die Familie, die Heimat, der Westen, Großbritannien. Und die große, klassische Geschichte, die hier neu gefasst wird, ist die der Antigone. Weiterlesen „Kamila Shamsie – Hausbrand“

Brit Bennett – Die Mütter

Brit Bennett – Die Mütter

„Aubrey fragte sich, ob sie die Einzigen waren, die das Gefühl hatten, ihre Mütter nicht zu kennen. Vielleicht waren Mütter an sich unermesslich und unmöglich zu kennen.“

Mit „Die Mütter“ schrieb die junge amerikanische Autorin Brit Bennett gleich mit ihrem Debüt einen Roman, der es auf die New York Times Bestsellerliste schaffte. Die dunkelhäutige Kalifornierin ließ ihn in ihrer Heimatstadt Oceanside im San Diego County spielen. Und auch ihr Studienort Ann Arbour in Michigan ist Schauplatz der Geschichte. Sie begann bereits mit 17 Jahren, daran zu schreiben, neun Jahre später wurde er veröffentlicht. Und die Hauptprotagonistin ist ebenfalls 17 Jahre alt. Aber auch wenn sicher viele persönliche Erfahrungen eingeflossen sind, ist es doch kein autobiografischer Roman, hat Bennett, die aus gutbürgerlichem Haus stammt – der Vater war der erste schwarze Staatsanwalt der Stadtverwaltung –  doch einen ganz anderen familiären Hintergrund als die Figur der Nadia Turner. Weiterlesen „Brit Bennett – Die Mütter“

Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Von ganz weit oben hinab in die tiefsten Niederungen geht nicht nur der Blick auf dem Cover von Alexander Schimmelbusch Roman „Hochdeutschland“. Hier ist es der Blick auf eine bewaldete Hügellandschaft nach dem Bild „Der Morgen“ des romantischen Malers Caspar David Friedrich.

Auch von der Anhöhe im hessischen Falkenstein, einem Stadtteil von Königstein im Hochtaunus, wo neben den Gemeinden rund um den Starnberger See die höchsten Einkommen zu finden sind und diejenigen wohnen, die im nahen Frankfurt viel oder sehr viel Geld verdienen, schaut man auf bewaldete Landschaften hinab. Genauso geht aber auch der Blick weiter bis auf die Skyline von Mainhattan mit ihren Bankentürmen. Hier wohnt in einer Villa Victor, der Protagonist des Romans. Weiterlesen „Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland“

Karosh Taha – Beschreibung einer Krabbenwanderung

Karosh Taha erzählt in Beschreibung einer Krabbenwanderung von Sanaa. Sanaa ist 22, wohnt noch zuhause bei ihren Eltern und studiert, etwas unmotiviert, ein wenig planlos. Das ist soweit nicht ungewöhnlich, und doch ist alles ein wenig schwieriger für Sanaa als für viele ihrer Altersgenossen.

Sanaa ist gebürtige Kurdin, mit zehn Jahren ist sie mit ihren Eltern aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Eine Migrantengeschichte, wie wir sie so oft hören. Die Eltern haben in all den Jahren nie wirklich Fuß gefasst in der neuen Umgebung, die sie schwerlich neue Heimat nennen können. Der Vater hangelt sich von einem eher prekären Job zum nächsten, die Mutter ist in tiefe Depressionen verfallen. Die pubertierende Schwester Helin ist nach Sanaas Ansicht nur auf der Welt, weil ihre Eltern durch die Schwangerschaft einer Abschiebung entgehen wollten. Sie ist rebellisch, ablehnend, mit ihrer aufkommenden Sexualität beschäftigt. Kein glückliches Elternhaus, zumal Sanaa ihren zunehmend abwesenden Vater verdächtigt, eine Geliebte zu haben. Weiterlesen „Karosh Taha – Beschreibung einer Krabbenwanderung“

Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn

Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn

„Sylvia, Angela, Gigi, August. Wir waren vier Mädchen, unglaublich schön und schrecklich allein.

Das ist Erinnerung.“

Die vielfach für ihre Kinder- und Jugendromane preisgekrönte US-amerikanische Autorin Jacqueline Woodson bleibt auch in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Buch für Erwachsene ihrem Personal treu.

Die Anthropologin August kehrt zur Beerdigung ihres Vaters zurück an den Ort ihrer Kindheit, Bushwick, Brooklyn, New York. Weiterlesen „Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn“

Gaёl Faye – Kleines Land

Es ist ein kleines Land, aus dem dieser Roman berichtet und aus dem der 1982 geborene Autor Gaёl Faye stammt. Es ist kleiner als Belgien, aber genauso dicht besiedelt. Es liegt im Landesinneren des östlichen Afrika, am Tanganjikasee, 46% seiner Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre. Neben Kirundi ist auch Französisch Amtssprache. Die Menschenrechtslage ist äußerst problematisch.

Burundi ist laut Welthunger-Index das ärmste Land der Erde.

Ich muss zugeben, dass ich bisher wenig über Burundi wusste. Weiterlesen „Gaёl Faye – Kleines Land“

Anna Kim – Fingerpflanzen

Es ist ein ganz eigenes Buch, das man mit dem neue Erzählungsband „Fingerpflanzen“ von Anna Kim in Händen hält. Zunächst fällt die besonders schöne Gestaltung auf. Englische Broschur mit einem sorgfältig, auch auf der Innenseite bedruckten Schutzumschlag. Farbiges, fein gemustertes Vorsatzpapier, hochwertiges Papier und eine durchgehende Bebilderung. Diese Bilder sind das nächste, das sofort ins Auge sticht. Sie stammen von dem norwegischen Künstler Kristian Evju, der in feinsten Graphitzeichnungen von fotographischer Präzision eine ganz eigene Stimmung zaubert. Die Illustrationen zeigen überwiegend Frauen bei ganz alltäglichen Verrichtungen und sind doch alles andere als realistisch. Durch kleine Beifügungen werden sie komplett verrückt, im wörtlichen Sinne. Durch eine leichte Verschiebung und/oder die Einarbeitung des stets gleichen grafischen Musters, rücken sie in eine höchst surreale, traumhafte Ebene. Weiterlesen „Anna Kim – Fingerpflanzen“

Stefan Ferdinand Etgeton – Das Glück meines Bruders

Es hätte so ein tolles Buch für mich werden können. Es ist zwar müßig bei einem Buch zu beklagen, wie es hätte sein können – ein anderes Ende, andere Protagonisten, anderer Handlungsverlauf – müßig, und bei Rezensionen oft geradezu ärgerlich. Bei Stefan Ferdinand Etgeton zweitem Roman „Das Glück meines Bruders“, fällt es mir aber schwer, gerade das nicht zu tun. Zu gut hat mir der Anfang gefallen, zu schwach wurde es dann für mich ab einem bestimmten Punkt. Weiterlesen „Stefan Ferdinand Etgeton – Das Glück meines Bruders“

Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

„Nachts ist es leise in Teheran“ von Shida Bazyar auf einem Buchblog zu bewerben, heißt natürlich, Eulen nach Athen tragen.

Das Buch wurde auf vielen Blogs sehr positiv aufgenommen, besprochen und vorgestellt und schließlich erhielt die junge, 1988 in Hermeskeil geborene Autorin mit iranischen Wurzeln den 2016 zum ersten Mal vergebenen Bloggerpreis „Das Debüt“. Aber auch in den Printmedien wurde der Roman sehr gut besprochen und erhielt einiges an Aufmerksamkeit, im November erhielt sie den Ulla-Hahn-Autorenpreis.

Um es kurz zu machen: Das Lob ist meiner Ansicht nach sehr begründet. Shida Bazyar legt ein Werk mit spannendem, aktuellem Thema, einer sehr gut konstruierten Geschichte und großem sprachlichen Können vor. Weiterlesen „Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran“