Margaret Laurence – Der steinerne Engel

Eine 90jährige – am Ende ihres Lebens. Das könnte eine Geschichte voller Wehmut werden, ein Roman vom Abschied, ein Rückblick auf ein erfülltes Leben oder eines voller Enttäuschungen und verpasster Chancen – melancholisch, traurig oder auch versöhnlich. Wenn, ja wenn Margaret Laurence in Der steinerne Engel nicht Hagar Shipley zur Hauptfigur gemacht hätte. Denn Hagar ist, hier passt der altmodische Ausdruck perfekt, eine richtige Kratzbürste. Weiterlesen “Margaret Laurence – Der steinerne Engel”

Madeleine Thien – Sag nicht wir hätten gar nichts

„Die Internationale“, jenes „Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung“, das die Einheit der Arbeiter über alle Ländergrenzen hinweg beschwört, existiert selbst in unzähligen nationalen Textfassungen, die voneinander jeweils nicht unerheblich abweichen können. Ursprünglich stammt der Text von Eugène Pottier, der ihn 1871 nach dem Fall der Pariser Kommune verfasste. In der bekanntesten deutschen Version von 1910 heißt es, neben der allseits bekannten Zeile „Völker hört die Signale, Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht“, am Ende der ersten Strophe: „Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger/Alles zu werden, strömt zuhauf!“ (im Original: „Nous ne sommes rien, soyons tous“). In ihrer chinesischen Version wird daraus, in der englischen Übertragung, „Do not say we have nothing, we shall be the masters of the world“. Von hier stammt der Titel des große Romans von Madeleine Thien über mehr als sechzig Jahre chinesische Geschichte – Sag nicht wir hätten gar nichts – dankenswerter Weise in der deutschen Ausgabe beibehalten. Weiterlesen “Madeleine Thien – Sag nicht wir hätten gar nichts”

Madeleine Thien – Flüchtige Seelen – #Backlist

Im September erscheint im Luchterhand Verlag der neue Roman der Kanadierin Madeleine Thien auf Deutsch. “Sag nicht, wir hätten gar nichts” stand im letzten Jahr auf der Shortlist des Man Booker Preises und erzählt die Geschichte einer chinesischen Familie von 1940 bis in die Gegenwart. 2014 begeisterte mich “Flüchtige Seelen” von Madeleine Thien.

Es gibt über den Vietnamkrieg eine ganze Menge zu lesen, zu schauen, zu erfahren, wenn auch meist aus amerikanischer Sicht. Die Grausamkeiten, die als indirekte Folge davon im Nachbarland Kambodscha geschahen, sind viel weniger bekannt. Weiterlesen “Madeleine Thien – Flüchtige Seelen – #Backlist”

Margaret Atwood – Hexensaat

„Die Arbeit an diesem Buch hat mir ein großes Vergnügen bereitet (…)“ verrät Margaret Atwood in ihrem Dank am Ende von „Hexensaat“. Man glaubt es gerne, sprüht dieser Roman doch vor Einfällen, schrägen Ideen und genialen Transformationen von Motiven aus der Welt Shakespeares.

Zur Erinnerung: Die englische Hogarth Press bat anlässlich des 400. Geburtstags William Shakespeares namhafte Autoren um eine Umsetzung eines von ihnen zu wählenden Stücks des großen Dramatikers. Daraus entstand „The Hogarth Shakespeare Project“, das auf Deutsch im Knaus Verlag veröffentlicht wird und in dem bereits Adaptionen von Jeanette Winterson („Der weite Raum der Zeit“), Howard Jacobson („Shylock“) und Ann Tyler („Die störrische Braut“) erschienen sind.

Die kanadische Autorin Margaret Atwood wählte für sich „The Tempest“, den „Sturm“ aus. Weiterlesen “Margaret Atwood – Hexensaat”

Kim Thúy – Die vielen Namen der Liebe

Kim Thúy schreibt mit  Die vielen Namen der Liebe erneut einen bezaubernden autofiktionalen Roman.

Schon früh wurde der kleinen Vi beigebracht, unsichtbar zu sein. Nicht nur, weil es in den Siebziger Jahren in Vietnam gefährlich sein konnte, aufzufallen. Nach Beendigung des Vietnamkrieges und dem Sieg des kommunistischen Nordteils des Landes, wurden unzählige Menschen, vor allem Intellektuelle, aber auch solche, die mit der vorherigen Regierung oder Amerikanern zusammengearbeitet hatten, verhaftet, verschleppt, hingerichtet. Ganzen Familien drohten Gefängnis oder oder die Inhaftierung in Umerziehungslagern. Weiterlesen “Kim Thúy – Die vielen Namen der Liebe”

Kim Thúy – Der Geschmack der Sehnsucht

Kim Thúy – Der Geschmack der Sehnsucht

Kim Thúy - Der Geschmack der Sehnsucht

Kennt man das erste Buch der vietnamesischstämmigen Kanadierin Kim Thúy, dann hält man den neuen Roman wie einen alten Freund in der Hand.

Es ist genauso zart, fein und wunderschön aufgemacht. Der Ton ist der selbe: poetisch, aber glasklar, sehr kurze, locker gruppierte Kapitel, diesmal mit farbig abgesetzten vietnamesischen Begriffen versehen. Auch der Inhalt ähnelt. Wieder sind es kurze Erinnerungssplitter, die zusammengefügt einen Einblick in die Kindheit, Jugend, Gedanken- und Gefühlswelt einer früh nach Kanada emigrierten Vietnamesin geben. Doch ist der Schwerpunkt hier anders gesetzt.

Mãn wurde als uneheliches Kind schon früh von der Mutter abgegeben, kurzfristig von einer Art Nonne versorgt, bis sie schließlich bei einer Lehrerin ihren Platz zum Leben und ihre dritte “Mama” fand. Diese gerät eher unfreiwillig in die Wirren des Vietnamkrieges, der sehr beiläufig, aber eindrücklich thematisiert wird. Um Mãn eine bessere Zukunft zu verschaffen, verheiratet sie sie an einen älteren Vietnamesen, der in Kanada lebt, eine durchaus gängige Praxis, gegen die sich Mãn auch nicht auflehnt. Auflehnung ist ihr sowieso völlig fremd. Sie nimmt die Dinge so, wie sie kommen. Unauffällig leben, größere Gefühle nicht zulassen, so hat sie es gelernt. Und so fügt sie sich auch in ihr neues Leben in einer Suppenküche in Montreal. So stört sie sich auch nicht an der völligen Gefühlsarmut in ihrer Ehe, bekommt zwei Kinder und verschafft dem kleinen Restaurant einen guten Ruf. Ihre ganze Energie und Liebe steckt sie in die Zubereitung köstlicher, authentischer Gerichte, die sie nicht nur mit ihrer Mutter und Heimat verbinden, sondern für sie den “Geschmack der Sehnsucht” tragen. Ihre Kochkünste haben nicht nur ungeheuren Erfolg bei ihren Landsleuten, sondern sie lernt auch eine Kanadierin kennen, die mit ihr  ein Restaurant im größeren Stil aufzieht. Diese Julie wird zu einer wahren Freundin, die mit ihrer Herzlichkeit und Offenheit auch Mãns Gefühlspanzer etwas aufzubrechen vermag. Auf einem Kochseminar in Paris lernt sie dann Luc kennen und lieben. Auch wenn dieser Liebe keine Zukunft beschert ist, verändert sie Mãn doch nachhaltig.

Das Ganze ist so atmosphärisch dicht und sinnlich beschrieben, gleichzeitig aber auch so zart, knapp und präzise, das das ganze trotz der berührenden Thematik nicht in den Kitsch abgleitet. Es erzählt leise, fast behutsam von der Sehnsucht nach Heimat, der Zerrissenheit, aber auch dem Glück in der Fremde und ist auch aufgrund seiner wunderschönen Gestaltung eine kleine Perle.

Kim Thúy – Der Geschmack der Sehnsucht

Übersetzt von Andrea Alvermann und Brigitte Große

Kunstmann Februar 2014, gebunden, 143 Seiten, 16.95 € 

 

Kim Thúy – Der Klang der Fremde

Kim Thúy – Der Klang der Fremde

Kim Thúy - Der Klang der FremdeEin kleines, ein zartes Buch, das doch so viel Leid und Schicksalsschläge enthält. Es erzählt von einem vietnamesischen Mädchen, eng angelehnt an die Autorin selbst, das als Tochter einer reichen und auch politisch einflussreichen Familie in allem Luxus aufwächst. Nach dem Abzug der Amerikaner wird die Familie von den siegreichen Nordvietnamesen verfolgt und drangsaliert bis ihnen schließlich die Flucht nach Malaysia gelingt. Sie sind jene Boat People, die Ende der Siebziger Jahre in Massen die gefährliche Fahrt über das Meer wagten und sie oft nicht überlebten. Die Familie der Erzählerin schafft es, lebt unter unsäglichen Bedingungen in einem Flüchtlingslager bis ihnen die Weiterfahrt nach Kanada gelingt, nicht zuletzt durch geschmuggelte Reichtümer. Hier gelingt es besonders den Jüngeren, ein neues Leben aufzubauen.

Die Erzählerin erzählt ihre Geschichte nicht linear und chronologisch, sondern montiert kleine Erinnerungssplitter, oft nur wenige Sätze lang, zu Prosaskizzen zusammen, die hin und her springen von der Kindheit in Vietnam, der Flucht, dem Einleben in Kanada und ihrem Leben als Mutter, u.a. eines autistischen Kindes. Sie schildert die kulturellen Differenzen nicht nur zu den Mitbürgern im Zufluchtsland, sondern auch zu den bäuerlich geprägten Landsleuten aus dem Norden, Angst und Not der Flucht und zahlreiche auch recht dramatische Schicksale dicht, bildstark und intensiv. Dabei zeichnet sie auch Schicksalsschläge und schreckliche Zeiten mit leichter Hand und zartem Humor. Besonders auffallend ist der warmherzige, dankbare Blick auf die neue Heimat Kanada. Ein Land, von dem man in Sachen Integration anscheinend so manches lernen könnte. Kim Thúy ist mit ihrem Debüt ein ebenso präzises wie poetisches kleines Kunststück gelungen, das trotz seiner Knappheit sehr berührt.

Weitere Bücher von Kim Thuy sind Die vielen Namen der Liebe und Die vielen Namen der Liebe

Kim Thúy – Der Klang der Fremde

Übersetzt von Andrea Alvermann, Brigitte Große

Kunstmann September 2010, gebunden, 160 Seiten, 14.90 €