Moussa Abadi – Die Königin und der Kalligraph

Es war einmal… Es war einmal eine Stadt, in der Muslime, Juden und Christen friedlich zusammenlebten. Nicht konfliktfrei, jeder in seinem eigenen Dunstkreis, aber doch mit einem gewissen Respekt und vor allem Toleranz vor dem anderen. Es war einmal das Damaskus der Kindheit von Moussa Abadi, 1910 dort geborener Autor des autobiografischen Werks Die Königin und der Kalligraph, und auch ein Stück weit das des 1946 geborenen Schriftstellers Rafik Schami, der zu eben jenem Werk, das gerade in der Übersetzung von Gerhard Meier bei Manesse erschienen ist, ein ausführliches Nachwort beigesteuert hat. Im Jahr 1900 lebten ca. 11.000 Juden in Damaskus. Viele wanderten 1948 oder nach dem Sechstagekrieg 1967 aus. 1992 zählte man noch 4000 Juden in der Judengasse, 2019 waren es laut Rafik Schami nur noch 12. Heute erscheint ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen Religionen utopischer als je. Aber es war einmal…

Moussa Abadi verließ, auch hier eine Parallele zu Rafik Schami, bereits als junger Mann seine Heimat. 1929 erhielt er ein Stipendium für die Sorbonne in Paris. In Frankreich (üb)erlebte er auch den Zweiten Weltkrieg. 1939 lernte er die Ärztin Odette Rosenstock kennen, mit der er sich ab 1942 dem Widerstand anschloss und jüdischen Familien half, ihre Kinder zu verstecken. 527 Kinder entkamen so der Deportation. Abadi arbeitete nach dem Krieg als Theaterkritiker und Radiojournalist. In bereits hohem Alter schrieb er seine Erinnerungen an die Damaszener Judengasse seiner Kindheit auf. Das Buch erschien zuerst 1994.

„Wozu noch in der Glut der Erinnerung stochern, wo doch mein Damaskus nicht mehr in Damaskus ist und mein Ghetto auf immer verschwunden?“

Geschichten eines Viertels

In locker verwebten Geschichten schreibt Moussa Abadi in Die Königin und der Kalligraph über die Menschen, die in den 1920er Jahren sein Viertel bewohnten. Das öffentliche Leben fand auf den Gassen statt. Armut, religiöses Leben. Bettler, Kaufleute und Beamte bevölkern es, fleißige Handwerker und Tagediebe, Schlitzohren und Familienväter, Mütter und tratschende Nachbarinnen. Tragödien und Komödien, manchmal dicht beieinander. Wie etwa in der Geschichte der heimkehrenden Salha Stétiés, jüngstes von siebzehn Kindern, die als junges Mädchen verschwand, um Jahre später als Königin eines imaginären Reichs zurückzukehren. Oder die vom Kalligraphen, dem es nicht mehr vergönnt war, einen großen Auftrag anzunehmen. Oder von Ali und seinen drei depressiven Küken.

Eine besonders berührende Geschichte ist die der tiefen Freundschaft zwischen Abadis Urgroßvater und einem Beduinen, der einst dem fast verdursteten Reiter in der Wüste Wasser reichte und von ihm so reich belohnt wurde, dass es wiederum die von einer Heuschreckenplage gebeutelte Beduinenfamilie rettete. Die Freundschaft überstand die Generationen und noch in Moussas Kindheit brachten die Beduinensöhne jedes Jahr eine Gabe in die Judengasse.

Wie meist bei solchen Rückblicken wird wohl so manches durch den nostalgischen Schleier und das vorgerückte Alter des Erinnernden ein wenig verklärt sein. Aber dennoch wird deutlich, dass ein Miteinander damals möglich war. Dadurch gibt das Buch auch gerade in der heutigen Situation Hoffnung und erscheint ein wenig wie eine Utopie.

Auch wenn ich diese Buchbesprechung mit „Es war einmal“ begonnen habe und die Gasse von Abadis Kindheit im vermeintlichen „Morgenland“ liegt, erzählt der Autor nicht ausufernd und „orientalisch“, sondern klar, knapp, aber dennoch poetisch. Die Originalausgabe erschien auf Französisch. Rafik Schami entdeckte die arabische Übersetzung und empfahl sie dem Manesse Verlag, dem wir nun die deutsche Übertragung dieses unterhaltsamen, bereichernden und oft augenzwinkernd humorvollen Erinnerungsbuchs verdanken.

 

Beitragsbild: Damaskus 1950  by Willem van de Poll via Picryl

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moussa abadi-der Kalligraph.

Moussa Abadi – Die Königin und der Kalligraph
Aus dem Französischen von Gerhard Meier
Mit einem Nachwort von Rafik Schami
Manesse April 2024, Hardcover mit Schutzumschlag, 224 Seiten, € 26,00

 

 

 

 

Franziska Gänsler – Wie Inseln im Licht

Wie Inseln im Licht ist der zweite, auf zarte und leichte Art tief berührende Roman der 1987 geborenen Autorin Franziska Gänsler. Sie variiert darin auf überraschende Art ein bekanntes Erzählszenario.

Die Mutter der 27jährigen Ich-Erzählerin Zoey ist nach langer, quälender Erkrankung, während der sie aufopferungsvoll von ihrer Tochter gepflegt wurde, gestorben. Die junge Frau flieht regelrecht an den einzigen Ort, den sie sich für die Bestattung vorstellen kann: die französische Atlantikküste. Dort hat sie mit der Mutter und ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Oda eine Weile gelebt, in der Erinnerung wunderschöne Kindheitssommer verbracht. Weiterlesen „Franziska Gänsler – Wie Inseln im Licht“

Jean-Marie Gustave Le Clézio – Bretonisches Lied

Der Franzose Jean-Marie Gustave Le Clézio veröffentlichte bisher mehr als 40 Bücher und erhielt 2008 den Nobelpreis für Literatur. Viele davon liegen auch in deutscher Übersetzung vor und doch habe ich das Gefühl, dass der Autor hierzulande nicht zu den ganz bekannten gehört. Auch ich habe ihn nach der Lektüre von Der Goldsucher, die schon viele Jahre zurückliegt (das muss eigentlich ziemlich bald nach der Veröffentlichung 1985 gewesen sein), aus den Augen verloren. Nun legt der Verlag Kiepenheuer und Witsch zwei neue Erzählungen von Jean-Marie Gustave Le Clézio in der Übersetzung von Uli Wittmann vor – Bretonisches Lied. Weiterlesen „Jean-Marie Gustave Le Clézio – Bretonisches Lied“

Roberto Camurri – Der Name seiner Mutter

Bücher über verlassene Kinder gibt es viele. Sind die Geschichten von abwesenden Vätern vielleicht etwas zahlreicher, so sind diejenigen, in denen die Mutter fehlt, oft verzweifelter. Besonders tragisch ist es meist, wenn nicht geklärt ist, warum die Eltern, der Vater oder eben die Mutter fort sind, was mit ihnen geschah, was vielleicht die Beweggründe für ihr Weggehen waren. Wenn in den Familien Schweigen herrscht. Ein solches Schweigen begleitet auch die Kindheit und Jugend des Protagonisten im neuen Roman von Roberto Camurri, Der Name seiner Mutter. Weiterlesen „Roberto Camurri – Der Name seiner Mutter“

Anuradha Roy – Der Garten meiner Mutter

„All the lieves we never lived“ – der Originaltitel des neuen Romans der Autorin Anuradha Roy Der Garten meiner Mutter – trifft es mal wieder viel genauer. Es geht in dem poetischen, bildstarken Text um die vielen ungelebten Leben, die Möglichkeiten und Abzweigungen, die zu Beginn offenstehen, das Gelingen und das Scheitern, um Einsamkeit und Sehnsucht. Weiterlesen „Anuradha Roy – Der Garten meiner Mutter“

Abbas Khider – Palast der Miserablen

Den Palast der Miserablen lässt Abbas Khider in seinem neuen Roman für den jungen Shams Hussein zu einem Ort der Zuflucht, der Freiheit und der intellektuellen Auseinandersetzung werden.

Die Geschichte seiner Kindheit und Jugend im Irak ist die Geschichte eines Lebens im Krieg, unter Sanktionen und einer harschen Diktatur. Weiterlesen „Abbas Khider – Palast der Miserablen“

Gaёl Faye – Kleines Land

Es ist ein kleines Land, aus dem dieser Roman berichtet und aus dem der 1982 geborene Autor Gaёl Faye stammt. Es ist kleiner als Belgien, aber genauso dicht besiedelt. Es liegt im Landesinneren des östlichen Afrika, am Tanganjikasee, 46% seiner Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre. Neben Kirundi ist auch Französisch Amtssprache. Die Menschenrechtslage ist äußerst problematisch.

Burundi ist laut Welthunger-Index das ärmste Land der Erde.

Ich muss zugeben, dass ich bisher wenig über Burundi wusste. Weiterlesen „Gaёl Faye – Kleines Land“

Jean-Luc Seigle – Der Gedanke an das Glück und an das Ende – #Backlist

Jean-Luc Seigle – Der Gedanke an das Glück und an das Ende

 Jean-Luc Seigle - Der Gedanke an das Glück und an das Ende

Es liegt eine ungeheure Traurigkeit auf diesem Buch. „En vieillissant les hommes pleurent“ lautet der Originaltitel.

Derjenige, der da älter wird, ist Albert Chassaing, 53 Jahre, Arbeiter bei Michelin, irgendwo in der französischen Provinz nahe Clermont. Man schreibt das Jahr 1961, Frankreich befindet sich im Algerien-Krieg und auch Alberts ältester Sohn ist in diesen Krieg gezogen, schmerzlich vermisst von seiner ihn über alles liebenden Mutter Suzanne. Die Ehe von Albert und Suzanne ist schon lange nicht mehr glücklich, Albert liebt seine Frau noch, kann mit ihr aber nicht reden, versteht sie nicht, verschließt sich. Er fühlt sich vor allem hingezogen zu seinem eigenwilligen jüngeren Sohn Gilles, dem im Schatten seines großen Bruders nur wenig mütterliche Liebe zukommt, der nichts lieber tut als Bücher zu lesen, der in der Schule erfolgreich ist, aber in sich gekehrt, verschlossen. Weiterlesen „Jean-Luc Seigle – Der Gedanke an das Glück und an das Ende – #Backlist“