Thomas Knüwer – Das Haus in dem Gudelia stirbt – Kurz vorgestellt

2024 gewann Thomas Knüwer mit seinem Debüt-Kriminalroman Das Haus, in dem Gudelia stirbt den Deutschen Krimipreis national. Ein ganz außergewöhnlicher, überraschender Text – das hat auch die Jury überzeugt.

Es beginnt mit einem Prolog, der schon offenbart, wohin der Roman führt:

„Die alte Frau liegt im Dreck und lächelt. Es ist gerecht, denkt sie. Schuld schwimmt oben. Die Bine kann sie nicht bewegen. Erst hat er das linke, dann das rechte mit dem Spaten zertrümmert. Jesus Maria, hat sie geschrien.“

Die alte Frau, Gudelia Krol, übernimmt fortan die Rolle der Ich-Erzählerin. Und das auf drei Zeitebenen. Weiterlesen „Thomas Knüwer – Das Haus in dem Gudelia stirbt – Kurz vorgestellt“

Volker Kutscher Kat Menschik – Westend

Volker Kutschers grandiose Krimiserie um den Berliner Kommissar Gereon Rath, angesiedelt im Berlin der Jahre 1929 bis 1938, ist im vergangenen Jahr zu Ende gegangen. Zum Abschied „schenkt“ uns der Autor ein ganz besonderes kleines Büchlein. Schon zweimal hat er mit der Illustratorin Kat Menschik ein schmales, wunderbar bebildertes Ergänzungsbändchen zur Serie geschaffen. Moabit war eine Art Prequel, das die Geschichte von Charlotte Ritter, spätere Frau Rath erzählte. In Mitte wurden ergänzende Begebenheiten rund um die Olympiade 1936 geschildert, besonders die Liebesgeschichte von Adoptivsohn Fritze zur Jüdin Hannah stand dort im Mittelpunkt. Und in Westend nun erzählt uns Volker Kutscher, was mit den Hauptprotagonist:innen der Rath-Romane nach 1938 geschehen ist und Kat Menschik illustriert gewohnt stimmungsvoll. Weiterlesen „Volker Kutscher Kat Menschik – Westend“

Mathijs Deen – Die Lotsin

2022 erschien Mathijs Deens erster Krimi „Der Holländer“ und war gleich ein großer Erfolg. Dabei wollte Deen eigentlich gar keine Krimis schreiben. Ein wenig ist das den Nachfolgebänden „Der Taucher“ und „Der Retter“ anzumerken. Denn auch wenn sie jeweils spannende Kriminalfälle schildern, ist ihnen die Charakterzeichnung und der Schauplatz – das Wattenmeer der Nordsee – wichtiger. Auch in Die Lotsin nähert sich Mathjis Deen ganz langsam seinen Figuren und lässt dem Meer viel Raum. Diesmal ist neben Schauplätzen in Kiel, Helgoland, Cuxhaven, Grönland und Texel das Schiff Anthropocene Schauplatz des Geschehens. Weiterlesen „Mathijs Deen – Die Lotsin“

Liz Moore – Der Gott des Waldes – Kurz vorgestellt

In einem wilden Waldgebiet in den Adirondeck Mountains nördlich von New York besitzt die wohlhabende Familie Van Laar nicht nur eine prächtige Sommerresidenz, sondern betreibt im dortigen Naturpark seit Jahrzehnten auch ein Sommerlager für junge Menschen. In der Natur sollen die Kinder und Jugendlichen ihre Überlebensfähigkeiten trainieren, Gemeinschaft erleben und die langen Sommerferien überbrücken. Diese Lageraufenthalte gehören für Generationen von amerikanischen Kindern zum Sommer dazu – mal geliebt, mal gefürchtet und gehasst. Doch was Liz Moore in ihrem neuen spannenden Roman Der Gott des Waldes aus einem solchen Ferienaufenthalt macht, ist wahrlich nervenzerreibend, auch für die Lesenden.

1975 – Barbara, die 13-jährige Tochter der Van Laars, nimmt auf eigenen Wunsch und gegen den Willen der Eltern erstmals auch am Lagersommer teil. Barbara ist ein schwieriger Teenager, kleidet sich entgegen der Mode der 70er punkig, eckt an, verträgt sich besonders mit ihrer Mutter nicht. In der Campleiterin T.J. Hewitt, von den Kindern respektiert und angehimmelt, hat sie schon lange eine schwesterliche Freundin, kennen die beiden sich doch schon lange, da T.J.s Vater zuvor schon in Diensten der Van Laars. In letzter Zeit wurde er ein wenig wunderlich und hat die Leitung des Camps an seine Tochter übertragen. Auch Barbaras Bettnachbarin Tracy wird sehr bald zu einer guten Freundin. Doch eines Morgens ist Barbaras Bett leer und das Mädchen spurlos verschwunden. Eine fieberhafte Suche beginnt.

Wechselnde Perspektiven und Zeitebenen

Die Betreuerin Louise und ihre Assistentin Annabel verlassen hin und wieder nachts ihre Betten, um sich auch ein wenig Vergnügen zu gönnen. In dieser Nacht waren beide unterwegs und sagen nicht die ganze Wahrheit. Aber auch Tracy und T.J. scheinen etwas zu verschweigen. Und die ganze Familie Van Laar benimmt sich merkwürdig. Vor vierzehn Jahren verschwand bereits der fünfjährige Sohn Bear aus dem Sommercamp und tauchte nie wieder auf. Auch damals gab es viele Fragen und Unstimmigkeiten. Ein Dorfbewohner starb an einem Herzanfall. Danach wurde er verdächtigt. Und was hat der unlängst aus der Haft geflohene „Schlitzer“, der sich Gerüchten nach in der Nähe aufhält, mit der Sache zu tun? Mit der jungen Ermittlerin Judyta, schaltet sich auch die Polizei ein.

In ständig wechselnden Perspektiven und auf verschiedenen Zeitebenen von 1950 bis 1975 beobachten wir das Geschehen, alle Protagonist:innen haben ein etwas anderes Wissen, das erst langsam enthüllt wird. Mit vielen gelungenen Cliffhangern hält Liz Moore die Leser:innen von Der Gott des Waldes über die nicht unbedeutende Lesestrecke bei der Stange. Es geht ihr dabei nicht nur um die Vermisstenfälle, sondern auch um ungute Familiendynamiken, Lieblosigkeit, Misogynie, soziale Ungleichheiten und Coming of age. Das ist sehr gut konstruiert und geschrieben. Und auch wenn das Ende mich nicht völlig überrascht hat und gern noch etwas offener hätte sein dürfen, schließt es die fast 600 Seiten zufriedenstellend ab. Ein Krimi, der weit mehr als nur das ist, oder aber genau das ist, was einen guten Krimi ausmacht: ein scharfes, genaues Gesellschaftsbild.

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Liz Moore - Der Gott des Waldesx

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Liz Moore – Der Gott des Waldes
Aus dem Englischen von Cornelius Hartz.
C.H.Beck Februar 2025, 590 Seiten, Hardcover, € 26,00

Jurica Pavičić – Mater dolorosa

Der kroatische Autor Jurica Pavičić überzeugte mich bereits mit seinem Roman Blut und Wasser, der ebenso wie der jüngst erschienene Mater dolorosa an der Grenze von Gesellschaftsroman und Krimi angesiedelt ist und einen genauen, kritischen Blick auf die moderne kroatische Gesellschaft wirft. Im neuen Werk steht wieder nicht das Verbrechen und der Täter im Mittelpunkt, auch geht es nicht in erster Linie um Ermittlungsarbeit und Aufklärung. Die Auswirkungen der Tat auf die Menschen, die direkt oder indirekt in das Geschehen involviert sind, und ihre soziokulturelle Umgebung, in der sie passierte, sind das, was den Autor interessiert. Weiterlesen „Jurica Pavičić – Mater dolorosa“

Mathijs Deen – Der Retter

Der Retter ist das dritte Buch des Holländers Mathjis Deen mit Kommissar Liewe Cupido nach Der Holländer und Der Taucher. Die Bücher eine Krimireihe zu nennen, scheue ich mich ein wenig. Es gibt viel polizeiliche Ermittlungsarbeit, Verbrechen und einen Leichenfund. Und doch drehen sie sich alle in erster Linie um ganz andere Dinge als Mord und Totschlag. Und bescheren trotz aller vorhandenen Spannung weder Gänsehaut noch Nervenkitzel, sondern verbreiten im Gegenteil eine große Ruhe und Entschleunigung. Weiterlesen „Mathijs Deen – Der Retter“

Shehan Karunatilaka – Die sieben Monde des Maali Almeida

Malinda Albert Kabalana ist unzweifelhaft tot. Wie das passiert sein kann, ist ihm schleierhaft. War er zuvor wie so oft im Casino in Colombo und hat dort sein Geld verspielt? Oder hat er sich mit seinem Geliebten DD in einer Hotelbar getroffen? Oder hatte er ein „Geschäftstreffen“ mit einem Pressevertreter oder einem Mitglied einer Regierungs- oder aber einer Rebellenorganisation, zwischen denen der Fotograf als „Fixer“ Kontakte vermittelte und denen er Fotos aus dem Bürgerkrieg Sri Lankas verkaufte? Maali Almeida, wie er auch genannt wird, dreht sich alles im Kopf, während er in einer ungemütlichen Wartehalle Schlange steht. Der Protagonist im 2022 mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman Die sieben Monde des Maali Almeida von Shehan Karunatilaka ist tot, aber damit ist für ihn noch nichts zu Ende. Auf über 500 wilden, mitreißenden Seiten erzählt er vom „Dazwischen“ in dem er gelandet ist. Weiterlesen „Shehan Karunatilaka – Die sieben Monde des Maali Almeida“

Javier Cercas – Blaubarts Burg

Als der Spanier Javier Cercas 2019 mit Terra Alta den ersten Teil einer geplanten Krimireihe veröffentlichte, hat das manchen überrascht. Vielleicht war es für den Autor meist zeithistorischer und politischer Texte nach einem wahren Shitstorm, der den erklärten Gegner des katalanischen Separatismus 2017 in seiner Heimat traf, an der Zeit, sich literarisch neu zu verorten. Mit Blaubarts Burg ist nun bereits der dritte Teil der nach der abgelegenen Terra Alta-Region benannten Reihe, in der Javier Cercas seine Protagonisten beheimatet, erschienen. Weiterlesen „Javier Cercas – Blaubarts Burg“

Donna Leon – Wie die Saat so die Ernte

Nach einigen recht melancholischen Bänden ihrer Commissario Brunetti-Reihe überrascht es beinehe, dass der neue Roman von Donna Leon fast ein wenig heiter daherkommt, obwohl sich die mittlerweile achtzigjährige Autorin in ihrem 32. Fall einem dunklen Kapitel der jüngeren italienischen Geschichte widmet, Wie die Saat, so die Ernte. Weiterlesen „Donna Leon – Wie die Saat so die Ernte“

Mathijs Deen – Der Taucher

Kommissar Liewe Cupido ist kein normaler Krimi-Ermittler, eben weil er so normal ist. Keine dunkle Vergangenheit, kein Alkohol, keine Drogen oder psychischen Probleme, wie sie so oft für Fahnder in diesem Genre bemüht werden. Ein einsamer Wolf zwar, verschlossen, wortkarg und irgendwie ziemlich melancholisch, aber auch bodenständig, pragmatisch und freundlich. Mathijs Deen lässt seinen Holländer (Cupido ist Beamter der Bundespolizei See in Cuxhaven, stammt aber ursprünglich von der Insel Texel) nun in Der Taucher ein zweites Mal einen ungewöhnlichen Mordfall untersuchen. Weiterlesen „Mathijs Deen – Der Taucher“