Dmitrij Kapitelman – Eine Formalie in Kiew

„Joa, üm den Ümgang mid den ukrainisch’n Behörd’n beneide ich Sie ooch nisch“ verabschiedet sich die Sachbearbeiterin Kunze von der Ausländerbehörde Leipzig von Dima, dem augenscheinlichen Alter-Ego von Dmitrij Kapitelman in Eine Formalie in Kiew. Dima hat sich nach fünfundzwanzig Jahren entschieden, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen und braucht dafür „lediglich“ noch eine mit einer amtlichen Bestätigung, einer Apostille, versehene Geburtsurkunde. Die bekommt er aber nur vor Ort, in seiner Geburtsstadt Kiew. Weiterlesen “Dmitrij Kapitelman – Eine Formalie in Kiew”

Alem Grabovac – Das achte Kind

Autofiktion steht hoch im Kurs. Autor:innen erzählen von ihren eigenen Leben, ihrem Er-Leben, in mehr oder weniger stark fiktionalisierter Form. Und Leser:innen fragen diese Art von Literatur stark nach. Waren es zunächst fremdsprachige Texte, beispielsweise von Annie Ernaux und Edouard Louis, beide aus Frankreich, oder Karl Knausgård, die große Beachtung fanden, nehmen auch die autofiktionalen Texte deutschsprachiger Autor:innen immer mehr zu. Dabei erlangt eine lange Zeit eher vernachlässigte Perspektive – die von Schriftsteller:innen mit Migrationserfahrung, eigener oder der der Eltern- oder Großelterngeneration – immer mehr Bedeutung. Deniz Ohde hat im letzten Jahr mit ihrem Streulicht sehr beeindrucken können und ist bis auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis vorgerückt. Auch Cihan Acar hat mit seinem Hawaii viel Beachtung erlangt. Beides sind ganz hervorragende Debütromane. Trotz dieser Vielzahl an bereits veröffentlichten Texten gibt es immer wieder Neuerscheinungen, die einen nochmals anderen, überraschenden Blickwinkel einnehmen und literarisch überzeugen können. Um einen solchen Roman handelt es sich beim Debüt von Alem Grabovac, Das achte Kind. Weiterlesen “Alem Grabovac – Das achte Kind”

Leila Aboulela – Minarett

Glaube als einziger Ausweg aus Desorientierung, Kultur- und Identitätsverlust? Religion als Zufluchtsort? Westliche Leser:innen, vor allem säkular lebende oder gar atheistische, werden mit diesem Ansatz ihre Schwierigkeiten haben. Das geht mir nicht anders. Dennoch habe ich den bereits 2005 im Original erschienenen Roman Minarett von Leila Aboulela, die dieses Modell unzweifelhaft unterstützt, mit viel Gewinn gelesen. Weiterlesen “Leila Aboulela – Minarett”

Jonas Hassen Khemiri – Die Vaterklausel

Bereits mit seinem letzten, 2017 auf Deutsch erschienenen Roman Alles was ich nicht erinnerte konnte mich der schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri durch seine multiperspektivische Erzählart überzeugen, die er auch in Die Vaterklausel wieder wählt. Ein Familienkonflikt steht hier im Zentrum, besonders das Verhältnis Vater-Sohn. Und wieder ist es eine schon lange in Schweden lebende Familie mit Wurzeln im arabischen Raum. Diesmal ist das Herkunftsland aber nicht ganz so eindeutig als Tunesien, aus dem auch Khemiris Vater stammt, zu identifizieren wie im Vorgängerroman. Weiterlesen “Jonas Hassen Khemiri – Die Vaterklausel”

Cihan Acar – Hawaii

Hawaii – das klingt nach Südseeparadies, nach Blumenketten, nach gutem Leben. (Wenn auch nur in der Fantasie). Das Hawaii, in das der Protagonist und Ich-Erzähler im Debütroman von Cihan Acar zurückkehrt, hat von dieser Fantasie so gar nichts. Hier, im einstigen Problemviertel Heilbronns, wohnen die sozial schwächsten Einwohner der schwäbischen Stadt. Und auch wenn die Zeiten, als Hawaii angesichts der dort herrschenden Drogenproblematik und der Kriminalität gerne „die Bronx“ von Heilbronn genannt wurde, vorbei zu sein scheint, gilt das Viertel immer noch als unterprivilegiert. Weiterlesen “Cihan Acar – Hawaii”

Deniz Ohde – Streulicht

Streulicht entsteht, wenn das Licht an sehr kleinen, in der Luft schwebenden Teilchen, fest oder flüssig, gebrochen wird, diffus wird. Die Luft nahe des Industrieparks, wo die Ich-Erzählerin von Deniz Ohde in ihrem Debütroman Streulicht zuhause ist, ist oft voll mit diesen kleinen Partikeln, Rauch, angereichert mit Säure. Bei Kälte sinkt der ausgestoßene Wasserdampf als Industrieschnee zu Boden. Im Arbeitervorort, der zwar nie direkt benannt wird, leicht aber als Sindlingen bei Frankfurt am Main identifiziert werden kann, wird aber nicht nur das Licht gebrochen. Auch so manche Kindheit und Bildungsgeschichte kommt hier nicht ohne Brüche aus. Weiterlesen “Deniz Ohde – Streulicht”

Marina Frenk – ewig her und gar nicht wahr

Die 1986 geborene Marina Frenk hat mit „ewig her und gar nicht wahr“ einen bemerkenswerten Debütroman über Entwurzelung, Suche und Selbstvergewisserung geschrieben.

Basis ist die bildende Künstlerin Kira Libermann, Altersgenossin und sicher in einigen Bereichen Alter Ego der Autorin. Beide sind in der damaligen Sowjetrepublik Moldawien geboren und als Kind 1993 mit den Eltern nach Deutschland emigriert. Weiterlesen “Marina Frenk – ewig her und gar nicht wahr”

Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

„Nachts ist es leise in Teheran“ von Shida Bazyar auf einem Buchblog zu bewerben, heißt natürlich, Eulen nach Athen tragen.

Das Buch wurde auf vielen Blogs sehr positiv aufgenommen, besprochen und vorgestellt und schließlich erhielt die junge, 1988 in Hermeskeil geborene Autorin mit iranischen Wurzeln den 2016 zum ersten Mal vergebenen Bloggerpreis „Das Debüt“. Aber auch in den Printmedien wurde der Roman sehr gut besprochen und erhielt einiges an Aufmerksamkeit, im November erhielt sie den Ulla-Hahn-Autorenpreis.

Um es kurz zu machen: Das Lob ist meiner Ansicht nach sehr begründet. Shida Bazyar legt ein Werk mit spannendem, aktuellem Thema, einer sehr gut konstruierten Geschichte und großem sprachlichen Können vor. Weiterlesen “Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran”

Kim Thúy – Die vielen Namen der Liebe

Kim Thúy schreibt mit  Die vielen Namen der Liebe erneut einen bezaubernden autofiktionalen Roman.

Schon früh wurde der kleinen Vi beigebracht, unsichtbar zu sein. Nicht nur, weil es in den Siebziger Jahren in Vietnam gefährlich sein konnte, aufzufallen. Nach Beendigung des Vietnamkrieges und dem Sieg des kommunistischen Nordteils des Landes, wurden unzählige Menschen, vor allem Intellektuelle, aber auch solche, die mit der vorherigen Regierung oder Amerikanern zusammengearbeitet hatten, verhaftet, verschleppt, hingerichtet. Ganzen Familien drohten Gefängnis oder oder die Inhaftierung in Umerziehungslagern. Weiterlesen “Kim Thúy – Die vielen Namen der Liebe”

Imbolo Mbue – Das geträumte Land

Imbolo Mbue – Das geträumte Land

Imbolo Mbue - Das geträumte Land

„The one book Donald Trump should read right now!“

Abgesehen davon, dass wir mittlerweile wissen, dass Donald Trump anders als sein Vorgänger im Amt des amerikanischen Präsidenten nicht liest, ja sogar den Geruch von Büchern nicht ausstehen kann, bestenfalls seinen Schreibtisch damit zupflastert, mutet die Empfehlung, die die Washington Post im August letzten Jahres, also lange bevor Trump gewählt wurde, lange bevor irgendjemand auch nur ernsthaft befürchtet hätte, er könnte tatsächlich gewählt werden, mutet diese Leseempfehlung für Imbolo Mbues „Behold the dreamers“ ihrerseits wie ein Traum an. Weiterlesen “Imbolo Mbue – Das geträumte Land”