Jonas Hassen Khemiri – Die Vaterklausel

Bereits mit seinem letzten, 2017 auf Deutsch erschienenen Roman Alles was ich nicht erinnerte konnte mich der schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri durch seine multiperspektivische Erzählart überzeugen, die er auch in Die Vaterklausel wieder wählt. Ein Familienkonflikt steht hier im Zentrum, besonders das Verhältnis Vater-Sohn. Und wieder ist es eine schon lange in Schweden lebende Familie mit Wurzeln im arabischen Raum. Diesmal ist das Herkunftsland aber nicht ganz so eindeutig als Tunesien, aus dem auch Khemiris Vater stammt, zu identifizieren wie im Vorgängerroman.

Die titelgebende Vaterklausel vereinbart, dass der Sohn den günstigen Mietvertrag für die väterliche Wohnung in Stockholm übernimmt, und im Gegenzug dessen Bankgeschäfte und den Brief- und Behördenverkehr in dessen Abwesenheit erledigt. Denn der Vater hat die Familie und seine schwedische Ehefrau schon vor Jahren verlassen und lebt mit einer neuen im Ausland. Seinen Wohnsitz will er aber aus steuerlichen Gründen nicht aufgeben. Und muss deshalb spätestens vor Ablauf von sechs Monaten wieder einreisen. Hier erledigt er in erster Linie Arztbesuche und braucht eine Übernachtungsmöglichkeit – beim Sohn, auch das regelt die Vaterklausel.

Der Patriarch

Viele Jahre geht das nun schon so. Die Wohnung wurde zunächst vom Sohn, der mittlerweile erwachsen und Steuerberater ist, gekauft und dann, als Nachwuchs kam, zugunsten eines Häuschens verkauft. Der Vater kommt seitdem im Büro des Sohnes unter – keine optimale Lösung. Denn der Vater gibt sich alles andere als zurückhaltend oder bescheiden. Im Gegenteil ist er extrem raumgreifend und fordernd, dabei absolut egozentrisch und eigenwillig: ein klassischer arabischer Patriarch. Das Verhältnis zum Vater ist dadurch seit jeher belastet.

Das geht nicht nur dem Sohn, der jetzt ein Vater ist, so, sondern auch dessen Schwester, die eine Tochter ist, aber keine Mutter mehr, und dessen Freundin, die die Mutter seiner Kinder ist (und Juristin), und seiner Mutter, die eine Großmutter ist (und Innenarchitektin). Alle Personen bleiben auf diese Weise unbenannt und werden nur so, nach ihrer „Funktion“ und Rolle in ihrer jeweiligen Perspektive identifiziert. Das wirkt zu Beginn ein wenig sperrig und überkonstruiert, beim Lesen verliert sich dieser Vorbehalt aber recht schnell. Denn es sind genau diese Rollen, die die Protagonisten (und uns alle) letztendlich zumindest mitdefinieren und gegen die man nur unschwer angehen kann. Jonas Hassen Khemiri verleiht damit seiner Geschichte ein wenig Allgemeingültigkeit.

Derjenige, der am heftigsten gegen diese Rollenzuschreibungen rebelliert, ist der Großvater, der sich mit mehr oder weniger windigen Geschäften durchs Leben schlägt. Er hatte bereits eine erste Familie, damals in Marseille, verlassen. Seine erste Tochter ist vermutlich (auch) daran zerbrochen. Und auch seine zweite Familie in Schweden ließ er irgendwann im Stich, wobei man den Eindruck gewinnt, seine Ex-Frau ist nicht allzu betrübt darüber. Am meisten leidet der Sohn, auch jetzt im Erwachsenenalter noch, an dem abwesenden, verantwortungslosen Vater. Viele seiner sich zeigenden, nervigen Eigenschaften lassen sich leicht darauf zurückführen. Seine stete Suche nach Anerkennung, sein erfolgloses Perfektionsstreben, das regelmäßig in Überforderung und Aggressivität mündet, sein Selbstmitleid, sein Geltungsdrang.

Türschloss
by Marco Ferch (CC BY 2.0) via Flickr
Der Sohn

Zu Beginn empfand ich die Passagen, die zwar nicht in der Ich-, aber in seiner personalen Perspektive verfasst sind, recht überzogen. Er befindet sich in Elternzeit und die Schilderung seines Alltags war ein einziges Chaos, hervorgerufen durch die ein- und vierjährigen Kinder und missachtet von seiner berufstätigen Freundin. Bald merkt man aber, dass hier nicht der Autor aus dem Leben mit Kindern eine Lachnummer machen will, sondern dass wir hier tief in der Erlebniswelt des Sohnes feststecken. Zu seinem kaum bewältigten Alltag hat sich nun auch noch der Vater zu einem seine halbjährlichen Besuche angekündigt. Der Sohn rotiert, die Vaterklausel kann unmöglich aufrechterhalten werden.

Das sieht der Großvater natürlich ganz anders. In seiner Ich-Bezogenheit verurteilt er nicht nur seinen „nichtsnutzigen“ Sohn, sondern fast alle Menschen um ihn herum, besonders „Ausländer“, „Homos“, Politiker, Nachbarn. So nervig der Sohn, so unangenehm der Vater. Ein wenig besser kommen die Frauen der Familie weg. Die Schwester leidet sehr unter der Ablehnung, die ihr heranwachsender Sohn ihr nach der Scheidung entgegenbringt. Er lehnt den Kontakt mit ihr kategorisch ab. Das hat seine Gründe, merkt man im Verlauf der Lektüre, ist aber eben auch sehr schmerzhaft. Auch ihre neue Beziehung und die daraus hervorgehende Schwangerschaft werden dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Die Freundin des Sohnes wiederum muss sich täglich in ihrer Rolle als alleinverdienende Mutter behaupten. So modern diese in den skandinavischen Ländern übliche Aufteilung der Elternzeit bei uns anmutet, ohne Konflikte läuft es auch hier nicht.

Man folgt den verschiedenen Perspektiven über 10 Tage – so lange dauert der Aufenthalt des Großvaters. Die Rollen sind den Figuren zugeteilt, aber sie bleiben nicht statisch, sondern verschieben sich immer wieder, werden neu verhandelt. Der Sohn ist auch Vater, der Vater auch Großvater etc. Eigen- und Fremdwahrnehmung klaffen dabei oft sehr auseinander, was die Lektüre sehr interessant macht. Immer bleibt Jonas Hassen Khemiri ganz nah an seinem Personal dran. Das ist manchmal schmerzhaft, denn perfekt sind sie alle nicht.

Konflikte

Die meist unausgesprochenen und verdrängten Konflikte drehen sich um die Schwierigkeit, eine Familie zu sein und auch zu bleiben. Wer kennt sie nicht? In Die Vaterklausel erzählt Jonas Hassen Khemiri davon leichtfüßig, humorvoll, aber auch sehr nachdenklich. Seine Perspektiven sind sehr gut getroffen, nimmt man einmal die des einjährigen Babys aus. (Die zum Glück nur einen kurzen Abschnitt einnimmt) Selbst der verstorbenen ersten Tochter folgt man als Geist gerne und widerspruchslos. Abwesende Väter, Prägungen, Integrationsprobleme, Genderkonflikte, Familienalltag, Rollenzuschreibungen, Bindungsängste – eine Menge Dinge werden thematisiert, Schwarz/Weiß gibt es nicht. Man möchte den Protagonisten manchmal raten, das Richtige zu tun. Und manchmal scheinen sie sich tatsächlich von den festgeschriebenen Pfaden und Verhaltensmustern zu lösen.

Aber Jonas Hassen Khemiri hat mit Die Vaterklausel keinen süßlichen Text mit Happy End und „alle haben sich geändert“ geschrieben. Zum Glück! Und so kann am Ende doch keiner so recht raus aus seiner Haut. Und so endet das Buch doch ziemlich melancholisch – aber umso authentischer. Mir gehen die Personen, die nie einen Namen erhalten haben, auch Tage nach der Lektüre noch im Kopf herum. Große Empfehlung!

 

Beitragsbild: Signing paperwork by Dan Moyle (CC BY 2.0) via Flickr

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Jonas Hassen Khemiri - Die Vaterklausel.

Jonas Hassen Khemiri – Die Vaterklausel 

Übersetzt von: Ursel Allenstein

Rowohlt Buchverlag November 2020, 336 Seiten, gebunden, € 22,00

Cihan Acar – Hawaii

Hawaii – das klingt nach Südseeparadies, nach Blumenketten, nach gutem Leben. (Wenn auch nur in der Fantasie). Das Hawaii, in das der Protagonist und Ich-Erzähler im Debütroman von Cihan Acar zurückkehrt, hat von dieser Fantasie so gar nichts. Hier, im einstigen Problemviertel Heilbronns, wohnen die sozial schwächsten Einwohner der schwäbischen Stadt. Und auch wenn die Zeiten, als Hawaii angesichts der dort herrschenden Drogenproblematik und der Kriminalität gerne „die Bronx“ von Heilbronn genannt wurde, vorbei zu sein scheint, gilt das Viertel immer noch als unterprivilegiert. Weiterlesen “Cihan Acar – Hawaii”

Deniz Ohde – Streulicht

Streulicht entsteht, wenn das Licht an sehr kleinen, in der Luft schwebenden Teilchen, fest oder flüssig, gebrochen wird, diffus wird. Die Luft nahe des Industrieparks, wo die Ich-Erzählerin von Deniz Ohde in ihrem Debütroman Streulicht zuhause ist, ist oft voll mit diesen kleinen Partikeln, Rauch, angereichert mit Säure. Bei Kälte sinkt der ausgestoßene Wasserdampf als Industrieschnee zu Boden. Im Arbeitervorort, der zwar nie direkt benannt wird, leicht aber als Sindlingen bei Frankfurt am Main identifiziert werden kann, wird aber nicht nur das Licht gebrochen. Auch so manche Kindheit und Bildungsgeschichte kommt hier nicht ohne Brüche aus. Weiterlesen “Deniz Ohde – Streulicht”

Marina Frenk – ewig her und gar nicht wahr

Die 1986 geborene Marina Frenk hat mit „ewig her und gar nicht wahr“ einen bemerkenswerten Debütroman über Entwurzelung, Suche und Selbstvergewisserung geschrieben.

Basis ist die bildende Künstlerin Kira Libermann, Altersgenossin und sicher in einigen Bereichen Alter Ego der Autorin. Beide sind in der damaligen Sowjetrepublik Moldawien geboren und als Kind 1993 mit den Eltern nach Deutschland emigriert. Weiterlesen “Marina Frenk – ewig her und gar nicht wahr”

Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

„Nachts ist es leise in Teheran“ von Shida Bazyar auf einem Buchblog zu bewerben, heißt natürlich, Eulen nach Athen tragen.

Das Buch wurde auf vielen Blogs sehr positiv aufgenommen, besprochen und vorgestellt und schließlich erhielt die junge, 1988 in Hermeskeil geborene Autorin mit iranischen Wurzeln den 2016 zum ersten Mal vergebenen Bloggerpreis „Das Debüt“. Aber auch in den Printmedien wurde der Roman sehr gut besprochen und erhielt einiges an Aufmerksamkeit, im November erhielt sie den Ulla-Hahn-Autorenpreis.

Um es kurz zu machen: Das Lob ist meiner Ansicht nach sehr begründet. Shida Bazyar legt ein Werk mit spannendem, aktuellem Thema, einer sehr gut konstruierten Geschichte und großem sprachlichen Können vor. Weiterlesen “Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran”

Kim Thúy – Die vielen Namen der Liebe

Kim Thúy schreibt mit  Die vielen Namen der Liebe erneut einen bezaubernden autofiktionalen Roman.

Schon früh wurde der kleinen Vi beigebracht, unsichtbar zu sein. Nicht nur, weil es in den Siebziger Jahren in Vietnam gefährlich sein konnte, aufzufallen. Nach Beendigung des Vietnamkrieges und dem Sieg des kommunistischen Nordteils des Landes, wurden unzählige Menschen, vor allem Intellektuelle, aber auch solche, die mit der vorherigen Regierung oder Amerikanern zusammengearbeitet hatten, verhaftet, verschleppt, hingerichtet. Ganzen Familien drohten Gefängnis oder oder die Inhaftierung in Umerziehungslagern. Weiterlesen “Kim Thúy – Die vielen Namen der Liebe”

Imbolo Mbue – Das geträumte Land

Imbolo Mbue – Das geträumte Land

Imbolo Mbue - Das geträumte Land

„The one book Donald Trump should read right now!“

Abgesehen davon, dass wir mittlerweile wissen, dass Donald Trump anders als sein Vorgänger im Amt des amerikanischen Präsidenten nicht liest, ja sogar den Geruch von Büchern nicht ausstehen kann, bestenfalls seinen Schreibtisch damit zupflastert, mutet die Empfehlung, die die Washington Post im August letzten Jahres, also lange bevor Trump gewählt wurde, lange bevor irgendjemand auch nur ernsthaft befürchtet hätte, er könnte tatsächlich gewählt werden, mutet diese Leseempfehlung für Imbolo Mbues „Behold the dreamers“ ihrerseits wie ein Traum an. Weiterlesen “Imbolo Mbue – Das geträumte Land”