Stephan Lohse – Johanns Bruder

Johanns Bruder ist der zweite Roman des Autors und Schauspielers Stephan Lohse. Gemeinhin gilt der zweite Roman immer als der schwierigste, besonders wenn das Debüt so viel Aufmerksamkeit erhielt und so gelungen war wie Ein fauler Gott von 2017. Stephan Lohse stellt sich der Herausforderung und wagt einiges. Zwar ist auch Johanns Bruder – der Name verrät es – eine Brüdergeschichte, diesmal packt der Autor aber noch eine schwere zeitgeschichtliche Last in seinen Text. Weiterlesen “Stephan Lohse – Johanns Bruder”

Santiago Amigorena – Kein Ort ist fern genug

Kein Ort ist fern genug, um dem Grauen der Judenverfolgung während der Nazidiktatur in Europa zu entkommen – das schildert Santiago Amigorena sehr eindrucksvoll in seinem autobiografisch geprägten, gleichnamigen Roman.

Es ist der Großvater des Autors, der Vorbild war für Vicente Rosenberg, Möbelhändler in Buenos Aires. Als Wincenty in Polen geboren, hat er schon lange keinen Bezug mehr zum Judentum. 1928 verließ er sein Heimatland, um in Argentinien ein neues, freieres Leben zu beginnen. Und auch ein klein wenig, um seiner besitzergreifenden Mutter zu entkommen. Dem Einvernehmen nach ist die jüdische „Mamme“ besonders fürsorglich, wenn nicht gar einengend. So war es für Wincenty auch ein Befreiungsschlag, als er hier in Buenos Aires als Vicente mit der temperamentvollen Rosita eine eigene Familie gründen konnte. Weiterlesen “Santiago Amigorena – Kein Ort ist fern genug”

Volker Kutscher – Olympia

Spätestens seitdem seine Romane als Vorbild für die Fernsehserie Babylon Berlin dienten, ist Volker Kutscher zu einem der bekanntesten Krimiautoren Deutschlands geworden. Seine bislang sieben Bücher um den Kriminaloberkommissar Gereon Rath und dessen Frau Charlotte – das Prequel Moabit nicht eingerechnet – sind allerdings deutlich komplexer als die sehr auf visuelle Reize ausgerichtete und bei der Verwendung der Vorlagen sehr frei agierende Verfilmung. Es lohnt, sich sämtliche Teile, vom Nassen Fisch, der 1929 beginnt, bis zum bislang letzten, Marlow, auch bei Kenntnis von Babylon Berlin noch einmal als Romane vorzunehmen. Wie bereits sein Vorgänger erscheint nun der achte Gereon Rath-Roman von Volker Kutscher, Olympia, bei Piper. Weiterlesen “Volker Kutscher – Olympia”

Minka Pradelski – Es wird wieder Tag

Die Frankfurter Soziologin Minka Pradelski wurde 1947 im Lager für Displaced Persons in Zeilsheim geboren, in ihrem neuen Roman Es wird wieder Tag fügt sie der großen Geschichte der Shoah ein weiteres, persönliches Mosaiksteinchen hinzu. Sie erzählt von Überlebenden, deren Leidensweg weit über die Befreiung der Lager hinausgeht, die ihre Traumata in die Nachkriegszeit mitnehmen und an die Nachfolgegenerationen weitervererben. Gerade weil sie diese davor schützen wollen. Durch Schweigen. Weiterlesen “Minka Pradelski – Es wird wieder Tag”

Florian Huber – Hinter den Türen warten die Gespenster. Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit

Im Dritte Reich galt die Familie als die „Keimzelle des Volkes“. Sie wurde idealisiert, kontrolliert und indoktriniert. Aber was blieb von ihr übrig nach dem Zusammenbruch? Welche Spuren hinterließen die Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft? Und wie lange wirkten diese Einflüsse fort? Vielleicht sogar bis in unsere heutige Zeit? Florian Huber untersucht das in Hinter den Türen warten die Gespenster. Weiterlesen “Florian Huber – Hinter den Türen warten die Gespenster. Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit”

Marceline Loridan-Ivens – Und du bist nicht zurückgekommen

Marceline Loridan-Ivens – Und du bist nicht zurückgekommen

Marceline Loridan-Ivens - Und du bist nicht zurückgekommen

 

“Ich bin ein fröhlicher Mensch gewesen, weißt du, trotz allem, was uns widerfahren ist. Fröhlich auf unsere Art, aus Rache dafür, dass wir traurig waren und dennoch lachten. Die Leute mochten das an mir. Aber ich verändere mich. Es ist keine Bitterkeit, ich bin nicht bitter. Es ist, als wäre ich schon nicht mehr da. Ich höre Radio, die Nachrichten, ich weiß, was geschieht, und es macht mir oft Angst. Ich habe hier keinen Platz mehr.”

Das Gefühl, keinen Platz mehr zu haben, kennt Marceline Loridan-Ivens aus ihrer Jugend.
1943, mit 15 Jahren, wurde sie zusammen mit ihrem Vater aus Frankreich deportiert. Sie nach Birkenau, er nach Auschwitz. Zwei Lager, die nur drei Kilometer trennten und zwischen denen doch ein unüberwindbarer Abgrund klaffte. Weiterlesen “Marceline Loridan-Ivens – Und du bist nicht zurückgekommen”

Françoise Frenkel – Nichts um sein Haupt zu betten

Françoise Frenkel – Nichts, um sein Haupt zu betten

Françoise Frenkel - Nichts um sein Haupt zu betten

„Aber, Madame, Sie scheinen mir das politische Klima im gegenwärtigen Deutschland nicht zu kennen!“

rief der französische Generalkonsul, die Arme zum Himmel erhoben aus, als ihm Françoise Frenkel ihren Plan, im Jahr 1921 in Berlin eine französische Buchhandlung zu eröffnen unterbreitete. Der Erste Weltkrieg war noch nicht lange beendet, es war die Rede von der „Schmach von Versailles“, die Dolchstoßlegende kursierte und rechte Kräfte rotteten sich bereits zusammen. Die Stimmung in der Stadt und ganz Deutschland war alles andere als frankophil.

„Man wird Ihnen den Laden zertrümmern!“

prophezeite der obige Herr. Weiterlesen “Françoise Frenkel – Nichts um sein Haupt zu betten”