James Baldwin – Beale Street Blues

„If Beale Street could talk“ – eine Zeile des Bluesklassikers von 1916, in der vielleicht bekanntesten seiner vielen Interpretationen von Louis Armstrong gesungen, gibt dem vorletzten Roman von James Baldwin aus dem Jahr 1974 seinen Originaltitel – deutsch  Beale Street Blues.

Ja, wenn die Beale Street in Memphis/Tennessee reden könnt, würde sie von ihren Bewohnern erzählen, nicht von denen, die heute die „America’s Most Iconic Street“ zu einer der größten Touristenattraktionen der Stadt machen, auch nicht von den Musikern, die Anfang des 20. Jahrhundert hier neben Vergnügungszentren, Prostitution und Kriminalität ein Zentrum der schwarzen Musik bildeten, „The Official Home of the Blues“, Louis Armstrong, Muddy Waters, B. B. King und viele andere. Sie würde von den vielen Generationen afroamerikanischer Familien erzählen, die hier, oft in Konkurrenz mit eingewanderten Iren, lebten, ein Ghetto der Armut, sozialer Benachteiligung, Diskriminierung und Verzweiflung, oft geprägt von Gewalt, Drogenproblemen und Kriminalität. Die Beale Street als Metapher für das Schicksal so vieler Afroamerikaner. Aber auch für Hoffnung und Kraft, die aus dem Leid erwachsen kann, und die sich einen Ausdruck in der Musik geschaffen hat. Weiterlesen “James Baldwin – Beale Street Blues”

Virginia Reeves – Ein anderes Leben als dieses

Alabama in den Zwanziger Jahren. Die Südstaaten der USA vollziehen seit 1896 eine strenge Form der Rassentrennung gemäß dem Grundsatz „Separate but equal“ (getrennt aber gleich), den das Bundesgericht legitimiert hatte. Für viele bedeutet das eine „zweite Sklaverei“ nach der Befreiung durch den Bürgerkrieg 1865. Und sie sollte andauern bis 1954. Aber auch danach änderten sich gerade in Alabama die Zustände nur zögerlich, wurde 1956 der ersten afroamerikanischen Studentin, Autherine Lucy, der Zugang zur Universität verwehrt, jeder kennt den Fall von Rosa Parks, die noch 1956 verhaftet wurde, weil sie einem weißen Fahrgast nicht ihren Sitzplatz überlassen wollte und auch heute sind die USA noch von einer wahren Gleichbehandlung aller Bürger weit entfernt. Virginia Reeves erzählt in Ein anderes Leben als dieses aus dieser Zeit. Weiterlesen “Virginia Reeves – Ein anderes Leben als dieses”

Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn

Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn

„Sylvia, Angela, Gigi, August. Wir waren vier Mädchen, unglaublich schön und schrecklich allein.

Das ist Erinnerung.“

Die vielfach für ihre Kinder- und Jugendromane preisgekrönte US-amerikanische Autorin Jacqueline Woodson bleibt auch in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Buch für Erwachsene ihrem Personal treu.

Die Anthropologin August kehrt zur Beerdigung ihres Vaters zurück an den Ort ihrer Kindheit, Bushwick, Brooklyn, New York. Weiterlesen “Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn”

Jesmyn Ward – Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Die afroamerikanische Autorin Jesmyn Ward gewann bereits 2011 vor Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt mit ihrem zweiten Roman „Salvage the bones“ (Deutsch: „Vor dem Sturm“) einen der bedeutendsten Buchpreise der USA, den National Book Award. Dabei lieferte der Jahrhundertsturm Katrina den dunkel dräuenden Hintergrund einer Familiengeschichte aus der untersten Gesellschaftsschicht der amerikanischen Südstaaten. Armut, Hoffnungslosigkeit, Vernachlässigung, Drogen- und Alkoholmissbrauch, sexuelle Gewalt und Teenagerschwangerschaft, aber auch Solidarität in der Familie und besonders auch die Beziehung unter Geschwistern waren die Kernpunkte dieses Textes. Dinge, die die Autorin, die selbst aus einem ähnlichen Milieu abstammt und in Mississippi aufwuchs, nur zu gut kennt. Ihr ermöglichte ein wohlhabender Arbeitgeber der Mutter, die in den gutgestellten Haushalten putzen ging, eine Schul- und Universitätsausbildung. Das Verhältnis zu ihren Schwestern war sehr eng. Weiterlesen “Jesmyn Ward – Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt”

Colson Whitehead – Underground Railroad

Nach Yaa Gyasis Roman „Heimkehren“ das zweite Buch der Saison, das sich mit der Thematik „Sklaverei“ beschäftigt, und ein unglaublich erfolgreiches Buch: sowohl der National Book Award 2016 als auch der Pulitzer Prize 2017 gingen an Colson Whitehead mit „Underground Railroad“. Die Jury des Man Booker Prizes gestattete ihm zumindest einen Platz auf der Longlist. Und (weniger spektakulär) auch auf meiner persönlichen Topliste des Jahres 2017 nimmt der Roman ganz sicher einen der obersten Plätze ein. Weiterlesen “Colson Whitehead – Underground Railroad”

Zadie Smith – London NW – #Backlist

In Vorfreude auf ihren im August bei Kiepenheuer & Witsch auf Deutsch erscheinenden Roman “Swing Time” hier noch einmal die 2014 verfasste Rezension zu “London NW”  von Zadie Smith:

Zadie Smith lässt sich Zeit mit ihren Romanen. Nach ihrem 2000 – absolut zu Recht – gehypten Erstling “Zähne zeigen”, fühlte sich die Autorin zunächst völlig überrannt und mit enormem Erwartungsdruck konfrontiert. 2005 erschien dann “Von der Schönheit”, ein völlig anderes, aber ebenso großartiges Buch.

Zadie Smith hat sich dabei ganz explizit an ein Großwerk der Literaturgeschichte angelehnt, und zwar an E.M. Forsters “Wiedersehen in Howards End”.

Sieben Jahre später hat sie sich nun wieder dieses Mittels bedient und mit “NW” einen an James Joyce geschulten Roman verfasst, der wieder völlig anders daherkommt. Sie lässt dabei den alleswissenden Erzähler meist völlig verschwinden und stellt ihre Figuren vor allem durch einen permanenten Bewusstseinsstrom vor. Sie verwendet dabei unterschiedlichste Stilmittel, die sich auch in den sieben unterschiedlichen Abschnitten sehr unterscheiden. Eine fortlaufende Prosa darf man nicht erwarten, vielmehr wechseln sich schnelle Assoziationen und Schnitte, Einzelszenen, Dialoge, Eindrücke und Rückblicke rasant ab. Es entsteht ein gewisser “flow”, dem man sich als Leser ausliefern muss. Dabei überlässt es die Autorin dem Leser völlig, Personen oder Ereignisse zu werten oder einzuordnen. Durch unterschiedliche Perspektiven und Anordnungen werden diese vielmehr auch gegenseitig beleuchtet und charakterisiert. Dadurch kommt das Buch ganz nah an das Tempo und die Vielstimmigkeit einer Großstadt und der in ihr lebenden und ihr unterworfenen Individuen. Weiterlesen “Zadie Smith – London NW – #Backlist”

Imbolo Mbue – Das geträumte Land

Imbolo Mbue – Das geträumte Land

Imbolo Mbue - Das geträumte Land

„The one book Donald Trump should read right now!“

Abgesehen davon, dass wir mittlerweile wissen, dass Donald Trump anders als sein Vorgänger im Amt des amerikanischen Präsidenten nicht liest, ja sogar den Geruch von Büchern nicht ausstehen kann, bestenfalls seinen Schreibtisch damit zupflastert, mutet die Empfehlung, die die Washington Post im August letzten Jahres, also lange bevor Trump gewählt wurde, lange bevor irgendjemand auch nur ernsthaft befürchtet hätte, er könnte tatsächlich gewählt werden, mutet diese Leseempfehlung für Imbolo Mbues „Behold the dreamers“ ihrerseits wie ein Traum an. Weiterlesen “Imbolo Mbue – Das geträumte Land”