Berlin Alexanderplatz – 2020 – (Film von Burhan Qurbani)

Am 14. April sollte er deutschlandweit in den Kinos starten und am 2. März saß ich mit etwa einem Dutzend Pressevertretern erwartungsvoll im kleinen Saal des Frankfurter Arthouse-Kinos Cinema in tiefen roten Plüschsesseln. Es sollte für lange Zeit meine letzte kulturelle Veranstaltung sein, das wusste ich da aber natürlich noch nicht. Am nächsten Tag wurde die Leipziger Buchmesse abgesagt und was dann kam, wisst ihr ja. Nun ist der Kinostart für Berlin Alexanderplatz, die überwältigende Neuverfilmung des Klassikers von Alfred Döblin, am 16/Juli/ 2020 angesetzt. Und ich möchte euch diesen Film in seiner Bildgewalt, in seiner mutigen Neuinterpretation des bekannten Stoffs und seiner beeindruckenden schauspielerischen Kraft ans Herz legen.

Trailer

 

Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin

Der 1929 erschienene Roman „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin steht längst schon als Klassiker im Kanon der deutschen Literatur. Er gilt mit seiner Montagetechnik und seinen ständig wechselnden Erzählperspektiven, seiner Vieldimensionalität und Offenheit als wichtiger Vertreter der Moderne. „Die Geschichte von Franz Bieberkopf“ beginnt so:

„Dieses Buch berichtet von einem ehemaligen Zement- und Transportarbeiter Franz  Biberkopf in Berlin. Er ist aus dem Gefängnis, wo er wegen älterer Vorfälle saß, entlassen und steht nun wieder in Berlin und will anständig sein.

Das gelingt ihm auch anfangs. Dann aber wird er, obwohl es ihm wirtschaftlich leidlich geht, in einen regelrechten Kampf verwickelt mit etwas, was von außen kommt, das unberechenbar ist und wie ein Schicksal aussieht.

Dreimal fährt dies gegen den Mann und stört ihn in seinem Lebensplan. (…)

Wir sehen am Schluss den Mann wieder am Alexanderplatz stehen, sehr verändert, ramponiert, aber doch zurechtgebogen.

Dies zu betrachten und zu hören wird sich für viele lohnen, die wie Franz Biberkopf in einer Menschenhaut wohnen und denen es passiert wie diesem Franz Biberkopf, nämlich vom Leben mehr zu verlangen als das Butterbrot.“

Berlin Alexanderplatz
Berlin 1928 Blick vom Alexanderplatz Bundesarchiv, Bild 183-H0724-501-02 / CC-BY-SA 3.0 via Wkimedia Commons
Komplexer Großstadtroman

Genauso wichtig für den Roman wie die Geschichte von Franz Bieberkopf, der seine Freundin Ida im Affekt getötet hat und nach vier Jahren im Gefängnis versucht, in der sich rasant entwickelnden Großstadt Berlin wieder Fuß zu fassen, ist dieses Berlin selbst. „Berlin Alexanderplatz“ gilt als einer der wichtigen Großstadtromane, immer wieder verglichen mit John Dos Passos „Manhattan Transfer“ und James Joyce „Ulysses“. Und tatsächlich ist er ähnlich komplex mit seiner Vielfalt an Sprachstilen, der Montage von Zeitungsinseraten, Schlagern, Statistiken, Verordnungen u.ä., dem hohen Anteil an innerem Monolog, der biblisch-apokalyptischen Metaphorik und den vielen, vielen Anspielungen. Und doch war der Roman gleich zu Beginn ein großer Publikumserfolg. Bis 1933 verkauften sich 50 Auflagen bevor ihn die Nationalsozialisten verboten.

Frühere Verfilmungen

Die szenische Gestaltung von „Berlin Alexanderplatz“, seine Rasanz und Vielstimmigkeit lädt geradezu zu einer filmischen Umsetzung ein. Tatsächlich wurde der Roman auch bereits 1931 von Regisseur Piel Jutzi mit dem großen Charakterschauspieler Heinrich George verfilmt. Die Länge des Films von gerade mal 88 Minuten erforderte natürlich eine starke Fokussierung. Diese erfolgte durch Konzentration auf Franz Bieberkopf und seinen berühmten Darsteller. Die Großstadt Berlin, der Mythos Alexanderplatz als Zentrum des Mahlstroms der Großstadt, rückte deutlich in den Hintergrund. Doch überrascht diese frühe Verfilmung mit einer für die damalige Zeit enormen Freizügigkeit und Modernität und einer großen Werktreue.

1979/80 nahm sich dann das „enfant terrible“ der deutschen Filmszene Rainer Werner Fassbinder des Stoffs an und drehte eine 13 teilige Fernsehserie mit Epilog. Das Ergebnis war umstritten, die Darsteller Günther Lamprecht als Franz und Gottfried John als Reinhold haben damit aber sicher Fernsehgeschichte geschrieben.

Filmplakat Berlin Alexanderplatz
© 2019 eOne Germany
Berlin Alexanderplatz von Burhan Qurbani

Und nun also eine ganz neue Verfilmung, von einem Regisseur Jahrgang 1980, verlegt in die heutige Zeit, in das Berlin der afrikanischen Migranten, der Drogenkriminalität, der Halbwelt.

Die deutsch-niederländische Produktion (in Zusammenarbeit mit ZDF und Arte), verfilmt von Regisseur Burhan Qurbani, der zusammen mit Martin Behnke auch das Drehbuch schrieb, hatte am 26. Februar im Rahmen der 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin seine Uraufführung. Bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises im April 2020 musste er sich als Favorit in vielen Kategorien dem Film „Systemsprenger“ geschlagen geben, erhielt aber die Lola in Silber in der Kategorie Bester Film und noch weitere 4 Auszeichnungen (Beste Kamera, Beste Filmmusik, Bestes Szenenbild und Bester männlicher Nebendarsteller für Albrecht Schuch als Reinhold). Doch wie setzt der Film die Geschichte von „Berlin Alexanderplatz“ um?

Es beginnt mit lautem Keuchen. Schwarze und rote Leinwand, die Szene steht Kopf, zwei Menschen schweben im Wasser. Sie kämpfen gegen das Ertrinken. Francis (gespielt von Welket Bungué) wird es schaffen, er erreicht den rettenden Strand. Ida nicht. Starke Bilder. Elektronische Töne des Songs „Piel“ des venezolanischen Musikers Arca. Eine Frauenstimme aus dem Off spricht zu uns, immer wieder einmal im Verlauf des Filmes, der in fünf Kapitel unterteilt ist. Es ist die Stimme von Mieze – der Zuschauer wird sie im Verlauf des Films kennenlernen. Sie erzählt uns von Francis aus Guinea-Bissau, der „halb lebendig, halb tot“ an einem europäischen Strand angeschwemmt wird, nach Berlin gerät und hier wie sein Vorbild aus dem Roman dreimal scheitern wird an seinem Vorsatz, nur noch gut zu sein.

Nähe zum Buch

Gleich zu Beginn fällt auf, wie eng und problemlos sich der Film trotz der ganz anderen Prämissen an den Buchklassiker anlehnt. Da sind Francis (Franz, wie er später „umgetauft“ wird) und die getötete Ida. Im Flüchtlingsheim begegnet Francis der Afrikanerin Minna (auch sie in gewissem Sinn eine „Schwester“ Idas, die er allerdings nicht wie sein Buch-Vorgänger vergewaltigt; ihm gelingt es noch, an seinem Vorhaben „gut zu sein“ festzuhalten). Ottu, der Schwarze Kollege auf der Baustelle am Alexanderplatz, auf der Francis illegal arbeitet, wird ihn verraten. Das ist der „erste Schlag“, Francis verliert seine Arbeit, verletzt in rasender Wut Ottu, zieht ziellos durch die Nacht.

Reinhold
Albrecht Schuch als Reinhold. © 2019 Sommerhaus/eOne Germany (Foto: Wolfgang Ennenbach)

Danach gerät er an den sexsüchtigen Drogendealer Reinhold, eine böse schillernde Gestalt, großartig abstoßend gespielt von Albrecht Schuch, und dessen Boss Pums (Joachim Król). Zwischen Francis und Reinhold entwickelt sich eine enge, zerstörerische Freundschaft. Der psychopathische Reinhold wird zur heimlichen Hauptfigur des Films, eine Position, die er so im Roman nicht innehatte. Auch hier war er allerdings ein Mensch mit zwei Seiten – der unsicher Stotternde und der eiskalte Kriminelle. Hier wie da verursacht er den schweren Unfall, bei dem Franz seinen linken Arm verliert – der zweite Schlag.

Die schwarze Clubbesitzerin Eva und ihre Freundin Berta, eine trans Frau, kümmern sich um Francis und bringen ihn bei Mieze unter. Der Film spielt sehr bewusst mit den Figuren und den Schauplätzen. Evas Club ist die „Neue Heimat“, der Drogenmarkt ist auf der „Hasenheide“ etabliert, beides Orte, die auch bei Alfred Döblin eine Rolle spielen.

drogenhandel

Der Drogenhandel auf der Hasenheide war für Regisseur Burhan Qurbani nach eigener Aussage auch Inspiration für den Film. Etwas über die dortige Community zu machen und gleichzeitig den von ihm geschätzten Roman Berlin Alexanderplatz ins Jahr 2020 zu verlegen. Sicher wird es Stimmen geben, die die klischeehafte Umsetzung Schwarze Migranten – Drogenmarkt kritisieren werden. Vielleicht auch, dass der wirklich Böse und sein Boss wiederum Weiße sind. Aber ich denke, dass Burhan Qurbani nur die Realität vor seiner Haustür abgebildet hat. Dass er das Thema Rassismus, Flucht und Migration nicht näher beleuchtet., hat ihm schon einiges an Kritik eingebracht hat. Aber im Film geht es zentral um etwas anderes. Auch Döblins Roman war nur auf der Oberfläche eine Sozialreportage. Hier geht es um Gut und Böse, um die Widerstände, die der Mensch erfahren muss, selbst wenn er gut sein möchte.

Wo wir bei Kritik sind: der Film spielt fast ausschließlich in der „Halbwelt“, im Drogen-, Sexarbeiter*innen und Szenemilieu, das ist übrigens auch beim Klassiker von Alfred Döblin nicht viel anders. Dennoch ist die explizite Darstellung mir manchmal ein wenig zu viel gewesen.

bildgewalt

Die Bildgewalt im Film ist mächtig. Yoshi Heimrath hat verdient dafür die Lola für die beste Kameraführung erhalten. Und die Filmmusik überwältigt die Zuschauer*innen im positiven Sinn. Auch wenn vom Montagestil des Buchs wenig übriggeblieben ist, spielt die Kamera mit überraschenden Perspektivwechseln, Bild und Ton werden immer wieder auseinander geschnitten und neu zusammengesetzt – das gelingt sehr beeindruckend. Das Expressive sowie das Naturalistische von Alfred Döblins Roman findet man auch im Film von Burhan Qurbani. Selbst die berühmte Schlachthausszene des Buchs findet in blitzlichtartigen Rückblenden, die Francis an ein traumatisches Erlebnis seiner Kindheit, ebenfalls eine Schlachtszene, erinnert, seinen Platz.

Francis wird es genauso wenig wie Franz Bieberkopf gelingen, gut zu bleiben. „Dem Leben hat das nicht gefallen“, so Miezes Stimme aus dem Off. Oder wie Reinhold konstatiert: „Du willst gut sein in einer bösen Welt.“

Berlin Alexanderplatz fehlt eine eindeutig positive Identifikationsfigur. Franz Bieberkopf ist kein guter Mensch. Jähzornig, ein Vergewaltiger, einer der Frauen auch sonst schlecht behandelt, politisch zweifelhafte Ansichten hegt und auch sonst einen problematischen Charakter hat. Schillernd eben und eine bewundernswerte Charakterzeichnung von Alfred Döblin. Auch wenn Francis im direkten Vergleich ein wenig besser wegkommt – ihm nimmt man das „Ich will gut sein“ durchaus ab – bietet er eher wenig Anlass für wirkliches Mitgefühl. Er ist impulsiv-aggressiv, und seine Passivität und die starke Bindung an Reinhold sind auch schwer zu ertragen. Diese fehlende Identifikationsmöglichkeit kann man als Vorzug oder Nachteil des Films oder aber auch als keines von beidem ansehen.

Ein wenig irritiert hat mich das Ende der Geschichte, das nicht dem Buch folgt. Es ist hoffnungsvoller als im Roman, aber für mich eher weniger überzeugend.

gesamtkunstwerk

Burhan Qurbanis Verfilmung ist ein Gesamtkunstwerk. Expressive Bilder, schnelle Schnitte, elegische Szenen, grandiose Soundtechnik – es geht hier weniger um ein authentisches Sozialdrama oder ein individuelles Schicksal. Auch die Großstadt Berlin liefert nur noch ein fernes Rauschen, bestimmt vielleicht ein wenig den Rhythmus, spielt aber ansonsten keine große Rolle.

Wie Alfred Döblin verwendet auch Burhan Qurbani biblische Metaphorik, deutet das Schicksal vielleicht sogar mehr als die äußeren Umstände als Gegner des Menschen in seinem Vorsatz, gut zu sein. Besonders in den Kommentaren aus dem Off klingt dann eine fast altertümliche, biblische Sprache. Folgerichtig endet der Film mit dem Bild einer Pietà.

Mieze (Jella Haase) nimmt sich Francis (Welket Bungué) an. © 2019 Sommerhaus/eOne Germany (Foto: Stephanie Kulbach)

Berlin Alexanderplatz von Burhan Qurbani ist ein Film, der etwas wagt. Er wird nicht jedem gefallen. In seiner expressiven Wucht ist er aber unbedingt sehenswert.

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daten

Berlin Alexanderplatz
ab 16.07.2020 im Kino
Länge 183 Minuten
Altersfreigabe FSK 12
Regie Burhan Qurbani
Drehbuch Burhan Qurbani, Martin Behnke
Produktion Leif Alexis, Jochen Laube, Fabian Maubach
Musik Dascha Dauenhauer
Kamera Yoshi Heimrath
Schnitt Philipp Thomas

Welket Bungué: Francis/Franz
Jella Haase: Mieze/Erzählerin
Albrecht Schuch: Reinhold
Joachim Król: Pums
Annabelle Mandeng: Eva
Nils Verkooijen: Berta

 

www.berlinalexanderplatz-film.de

Instagram

 

Alfred Döblin - Berlin Alexanderplatz.

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Alfred Döblin – Berlin Alexanderplatz

Fischer Taschenbuch, 560 Seiten, € 13,00

 

 

Verlagsvorschauen Herbst 2020 – Ein Blick

Was ist das für ein seltsamer Literaturfrühling? Nachdem es recht normal begann, mit den Litprom-Literaturtagen in Frankfurt, einer Lesung von Eugen Ruge im Literaturhaus und einer Pressevorschau für die Neuverfilmung von Berlin Alexanderplatz, hatte ich bewusst sämtliche Buchtermine im Februar vermieden, da der März so voll war – Leipziger Buchmesse, LitCologne, Literaturm und einige Lesungstermine waren geplant und ich voller Vorfreude, aber auch mit der leisen Befürchtung, das alles gar nicht bewältigen zu können. Und dann kam Corona. Wie bei euch allen platzten plötzlich sämtliche Termine. Die Buchtitel des Frühjahrs bekamen zwar meine vielleicht sogar größere Aufmerksamkeit, konnten sich aber nicht „da draußen“ präsentieren, auf Lesungen, Gesprächen, Buchvorstellungen. Die Szene ließ und lässt sich so einiges einfallen, z.B. der Hashtag #zweiterfruehlingbuecher macht sich dafür stark, dass die Neuerscheinungen und ganz besonders die Debüts des Frühjahrs trotz der starken Einschränkungen weiterhin Beachtung finden. Da kommt es mir schon fast ein wenig seltsam vor, nun bereits den Blick in die Verlagsvorschauen Herbst 2020 zu präsentieren. Weiterlesen „Verlagsvorschauen Herbst 2020 – Ein Blick“