Barbara Kingsolver – Demon Copperhead

Demon Copperhead? Da klingelt natürlich bei jedem Literaturliebhaber etwas. Und Barbara Kingsolver, die für ihren 860 Seiten starken Roman 2023 sowohl den Pulitzer Belletristik als auch den Women`s Prize for Fiction zugesprochen bekam, macht auch gar kein Geheimnis daraus, dass sie den berühmten David Copperfield von Charles Dickens als Folie für Demon Copperhead verwendet hat. Die sozial engagierte, realistisch erzählte Geschichte des Waisenjungen David aus dem Jahr 1850 und dem viktorianischen England in die 1990er und 2000er Jahre und in die abgehängte, als „Hillbilly-Provinz“ verachtete US-amerikanische Gebirgsregion der Appalachen zu transferieren, ist der 1955 geborenen und trotz zahlreicher Veröffentlichungen in Deutschland bisher nahezu unbekannten Kingsolver hervorragend gelungen.

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Roman Rozina – Hundert Jahre Blindheit

Der Slowene Roman Rozina entrollt mit seinem fast 600 Seiten starken Roman Hundert Jahre Blindheit ein großes Familientableau. Und ja, die Referenz zum großen Kolumbianer Gabriel García Márquez ist durchaus beabsichtigt, auch wenn bei Rozina kein magischer Realismus zu finden ist, sondern die Geschichte realistisch und chronologisch erzählt wird. Weiterlesen „Roman Rozina – Hundert Jahre Blindheit“

Ingke Brodersen – Lebewohl Martha

Anfang der 1990er Jahre zog Ingke Brodersen mit ihrer Familie in eine Altbauwohnung in Berlin Schöneberg. Eine helle, geräumige Wohnung im vierten Stock in der Berchtesgadener Straße 37. Vor dem Haus im Pflaster eingelassen befindet sich einer jener Stolpersteine, die an ehemalige jüdische Bewohner:innen erinnert, die Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten wurden. 1993 wurden hier im Bayerischen Viertel in einem Projekt Tafeln aufgehängt, die Inhalte von nationalsozialistischen Gesetzen und Verordnungen zeigen, mit denen die Entrechtung der Juden in Deutschland vorangetrieben wurde. Dies war für die Historikerin und ehemalige Leiterin des Rowohlt Berlin-Verlags Ingke Brodersen der Impuls, der Geschichte der einst in ihrem Wohnhaus lebenden Menschen nachzuforschen – und daraus entstand ihr berührendes Buch Lebewohl, Martha.

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Stephan Thome – Pflaumenregen

Taiwan ist weithin bekannt als technologisch hochentwickelter Industriestaat, als demokratischer Inselstaat vor der Küste Chinas, irgendwie dazugehörend, irgendwie aber auch nicht. Amtlich nennt sich das Land „Republik China“, in Abgrenzung zur Volksrepublik China, die das Land im Rahmen ihrer „Ein-China-Politik“ niemals anerkannte. Tatsächlich tun das mittlerweile (Stand 2021) weltweit nur noch dreizehn Staaten sowie der Vatikan. Die wirtschaftlichen Beziehungen zu China sind zu wichtig, um sie dadurch zu gefährden. Dennoch unterstützt der Westen, vor allem die USA die Unabhängigkeit Taiwans als Gegengewicht zur Supermacht China. Der seit der Spaltung 1949 schwelende Konflikt ist aktuell wieder aufgeflammt. Welche historischen Entwicklungen dahinterstecken, dürfte nur wenigen genauer bekannt sein. Stephan Thome, Sinologe, erfolgreicher Autor und seit über zwölf Jahren in Taiwan beheimatet, trägt mit seinem neuen Roman Pflaumenregen sehr zum Verständnis der Lage bei. Weiterlesen „Stephan Thome – Pflaumenregen“

Roy Jacobsen – Die Kinder von Barrøy

Als 2019 Norwegen Gastland der Frankfurter Buchmesse war, erschienen, auch durch die tatkräftige Unterstützung der norwegischen Literaturförderung, zahlreiche großartige Romane neu in deutscher Übersetzung. Ich habe viele Autor:innen für mich entdeckt und eindrückliche Bücher gelesen. Eines davon war die Insel-Saga von Roy Jacobsen, deren ersten drei Teile unter dem Titel Die Unsichtbaren 2019 von C.H.Beck in einem Band zusammengefasst wurden. Die Geschichte der Bewohner von Barrøy, und hier vor allem von Ingrid, vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg war packend, informativ und sprachlich sehr gelungen. Sehr habe ich mich auf den vierten Teil des Epos von Roy Jacobsen gefreut, der nun als Die Kinder von Barrøy, ebenfalls bei Beck in der Übersetzung von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann erscheint. Weiterlesen „Roy Jacobsen – Die Kinder von Barrøy“

Thomas Hettche – Herzfaden

„Der Herzfaden lässt uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“ So zitiert Thomas Hettche den Gründer der Augsburger Puppenkiste, Walter Oehmichen, in seinem Roman Herzfaden, der die Geschichte des berühmten Marionettentheaters mit der Familiengeschichte der Oehmichens und einer Mentalitätsgeschichte der jungen BRD verbindet. Weiterlesen „Thomas Hettche – Herzfaden“

Seweryna Szmaglewska – Die Frauen von Birkenau

Seweryna Szmaglewska war 26 Jahre alt, als sie am 18. Juli 1942 in ihrer Heimatstadt Piotrków Trybunalski verhaftet wurde. Grund dafür war nicht die Untergrundarbeit, die die junge Warschauer Soziologiestudentin für den polnischen Widerstand leistete, sondern die tragische Fehleinschätzung eines deutschen SS-Mannes, der das Geraderücken ihrer Brille in der Öffentlichkeit als ein geheimes Signal interpretierte. Zur Zeit der deutschen Besatzung Anlass genug für eine Internierung. Seweryna Szmaglewska wurde im Oktober nach Auschwitz-Birkenau deportiert und verbrachte dort, bis sie im Januar 1945 bei der Liquidierung des Lagers fliehen konnte, unglaubliche 30 Monate als politische Gefangene. Sie begann sogleich mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen, die sie in Polen zu einer bekannten Autorin machten und zu einer der Zeuginnen bei den Nürnberger Prozessen. Übersetzungen in zehn Sprachen folgten, Deutsch war nicht darunter. Erst jetzt, 75 Jahre später, erscheinen die Aufzeichnungen von Seweryna Szmaglewska im Schöffling Verlag unter dem Titel Die Frauen von Birkenau. Weiterlesen „Seweryna Szmaglewska – Die Frauen von Birkenau“

Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer

Romane, in deren Zentrum ein Haus steht, sind so selten nicht. Ich denke da beispielsweise an das großartige „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck. Und selbst solche, in denen die Erzählstimme selbst zumindest teilweise von einem Haus übernommen wird, gibt es bereits (u.a. „Heimflug“ von Brittany Sonnenberg). Auch der 1969 geborene Autor Andreas Schäfer wählt für seinen neuen Roman „Das Gartenzimmer“ eine 1909 erbaute Villa im Südosten Berlins, man könnte Dahlem vermuten, als Mittelpunkt. Die Straße, in der sie Schäfer platziert ist genauso fiktiv wie ihr junger Architekt Max Taubert, dessen Erstlingswerk sie ist, und die Bewohner. Aber dennoch gibt es Vorbilder aus der realen Welt. Weiterlesen „Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer“

Zora del Buono – Die Marschallin

Zora del Buono schreibt über Zora Del Buono. Dabei ist die Groß- bzw. Kleinschreibung in der Mitte des Namens von Bedeutung. Denn die Großmutter Zora Del Buono, deren Lebensgeschichte die Schweizer Autorin des gleichen Namens vor ihrem Lesepublikum ausbreitet, die titelgebende „Marschallin“, ist überzeugte Kommunistin und jeder Adelsdünkel ihr, zumindest offiziell, ein Gräuel.

Nach einem kurzen Prolog beginnt der Roman 1919 in einem kleinen Dorf im Nordwesten Sloweniens, Bovec. Hier am Grenzfluss Isonzo ((italienisch), Soča (slowenisch), Sontig (deutsch), Lusinç (friaulisch) – je nach aktuellem Besatzer), fand die letzte von insgesamt zwölf Isonzoschlachten im Ersten Weltkrieg statt. Dank Einsatz von Giftgas konnten die Österreicher mit Unterstützung der Deutschen die Italienischen Truppen zurückdrängen. Die Schlachten forderten Hunderttausende an Toten und formten dieses Grenzgebiet nachhaltig. Weiterlesen „Zora del Buono – Die Marschallin“

Dirk Kurbjuweit – Haarmann

Die Geschichte, die Dirk Kurbjuweit in seinem Kriminalroman „Haarmann“ erzählt, ist eine ungeheuerliche und noch dazu eine wahre. Kein Wunder, dass sie seit fast einhundert Jahren eine riesige (negative) Popularität besitzt und in unzähligen Adaptionen in Theater, Kino, bildender Kunst, Musik und Literatur aufgenommen wurde. Fritz Langs berühmter Film „M-Eine Stadt sucht einen Mörder“ von 1931 ist an sie angelehnt, ebenso „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ von 1973. 1995 entstand „Der Totmacher“ von Romuald Karmakar mit Götz George in der Rolle des Serienmörders Fritz Haarmann. Der österreichische Maler und Bildhauer Alfred Hrdlicka schuf einen Haarmann-Zyklus und einen Haarmann-Fries. Das Lied „Warte, warte nur ein Weilchen“ wurde ein echter Gassenhauer und existiert auch in einer etwas makabren beschwingten Jazz-Version von Hawe-Schneider. Weiterlesen „Dirk Kurbjuweit – Haarmann“