Thomas Hettche – Herzfaden

„Der Herzfaden lässt uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“ So zitiert Thomas Hettche den Gründer der Augsburger Puppenkiste, Walter Oehmichen, in seinem Roman Herzfaden, der die Geschichte des berühmten Marionettentheaters mit der Familiengeschichte der Oehmichens und einer Mentalitätsgeschichte der jungen BRD verbindet. Weiterlesen „Thomas Hettche – Herzfaden“

Seweryna Szmaglewska – Die Frauen von Birkenau

Seweryna Szmaglewska war 26 Jahre alt, als sie am 18. Juli 1942 in ihrer Heimatstadt Piotrków Trybunalski verhaftet wurde. Grund dafür war nicht die Untergrundarbeit, die die junge Warschauer Soziologiestudentin für den polnischen Widerstand leistete, sondern die tragische Fehleinschätzung eines deutschen SS-Mannes, der das Geraderücken ihrer Brille in der Öffentlichkeit als ein geheimes Signal interpretierte. Zur Zeit der deutschen Besatzung Anlass genug für eine Internierung. Seweryna Szmaglewska wurde im Oktober nach Auschwitz-Birkenau deportiert und verbrachte dort, bis sie im Januar 1945 bei der Liquidierung des Lagers fliehen konnte, unglaubliche 30 Monate als politische Gefangene. Sie begann sogleich mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen, die sie in Polen zu einer bekannten Autorin machten und zu einer der Zeuginnen bei den Nürnberger Prozessen. Übersetzungen in zehn Sprachen folgten, Deutsch war nicht darunter. Erst jetzt, 75 Jahre später, erscheinen die Aufzeichnungen von Seweryna Szmaglewska im Schöffling Verlag unter dem Titel Die Frauen von Birkenau.

Jüdische Frauen in Auschwitz-Birkenau
Jüdische Frauen in Auschwitz-Birkenau 1944, via Wikimedia Commons CC0
Lagerhäftling Nummer 22090

Nichts vom Leben der Autorin vor Auschwitz erfahren wir durch ihren Bericht, nicht vom frühen Tod der Eltern, nichts von der Lehrerin, die zu ihrer geliebten Pflegemutter wird, nichts von ihren schriftstellerischen Ambitionen, der Arbeit für den Polnischen Rundfunk. Als Lagerhäftling Nummer 22090 taucht sie völlig unter in der Menge der Internierten. Lediglich im Vorwort gebraucht sie hin und wieder „ich“, „mein“, „wir“. Der Rest des Buches ist in einem merkwürdig allgemeingültigen, distanzierten Ton verfasst. Nur andeutungsweise ist zu erfahren, dass Seweryna Szmaglewska nicht nur zu den besonders gesunden, widerstandsfähigen Frauen gehört haben muss, die mehrmals Typhus und andere Krankheiten überstand, sondern dass sie sowohl im Lagerteil „Kanada“, der die den Häftlingen bei Einlieferung abgenommenen Besitztümer verwaltete, als auch auf den Feldern gearbeitet haben muss. Auch ihre Bekanntschaft mit dem beim Bautrupp arbeitenden Häftling Witold Wiśnewski, mit dem sie nach dem Krieg eine Familie gründen wird, bleibt unerwähnt. Mehr über die Autorin erfahren wir erst im informativen Nachwort der Übersetzerin Marta Kijowska.

Dieser distanzierte, sachliche Stil, in dem Seweryna Szmaglewska wie in einer Art Selbsttherapie und als Verpflichtung den Opfern gegenüber ihre Zeit in Auschwitz-Birkenau aufgeschrieben hat, und die große zeitliche Nähe zum Erlebten – bereits im Juli 1945 war das Buch abgeschlossen und im Dezember in den Buchhandlungen erhältlich – führten wahrscheinlich dazu, dass es als Beweismittel im Prozess gegen die Hauptverbrecher der Nationalsozialistischen Diktatur vor dem Internationalen Militärgericht in Nürnberg diente. Seweryna Szmaglewska benannte die Täter mit Klarnamen und sagte auch persönlich vor dem Gericht aus.

Seweryna Szmaglewska
Seweryna Szmaglewska via Wikimedia Commons
Allgemeingültigkeit

Der lakonische, kühle Stil der Aufzeichnungen ist aber vielleicht auch mit ein Grund, weshalb es das Buch in Deutschland bisher so schwer hatte. Ein solch nüchterner Stil, gerade auch von einer weiblichen Zeitzeugin! Dabei ist das Buch von großer stilistischer Brillanz und einem stringenten Aufbau, also auch literarisch herausragend. Und trotz oder gerade wegen seiner betont um Allgemeingültigkeit bemühten, distanzierten Erzählweise absolut eindringlich, beispielsweise bei den kleinen Porträts einzelner Frauen. Besonders intensiv wird es durch die vielen Details, mit denen der Lageralltag und die Verrohung unter den Bewachern, aber auch unter den Internierten, geschildert werden. Die ständigen Zählappelle, die sinnlosen Entlausungen, zermürbende Alltäglichkeiten, dazu ersonnen, den Internierten ihre Menschlichkeit zu stehlen. Die strengen Hierarchien, die gebildet wurden. SS-Männer, Kapos, Funktionsgefangene, Lager-, Blog- und Stubenälteste – es gab eine genaue Rangordnung, der sich auch die Gefangenen mehr oder weniger skrupellos bedienten.

Seweryna Szmaglewska schreckt dabei auch nicht zurück, diese Gruppenbildung in Die Frauen von Birkenau genau zu beleuchten. Netzwerke waren dabei manchmal die einzige Möglichkeit, zu überleben. Eine besonders unrühmliche Rolle spielten dabei oft die „Kriminellen“. Auf sie wirft die Autorin einen strengen Blick, ebenso auf die meisten der im Lageralltag bevorzugten deutschen (nichtjüdischen) Insassen, wobei es noch die Unterscheidung Reichdeutsche, Volksdeutsche und die Unterzeichner einer Erklärung zum Deutschtum gab. Am untersten Rand der Rangordnung standen die jüdischen Gefangenen.

Weibliche Gefangene in Birkenau
Weibliche Gefangene in Birkenau Mai 1944, CC0 via Wikimedia Commons
Überfällige deutsche Üersetzung

Bei aller Objektivität, um die Seweryna Szmaglewska bemüht ist, fällt sie aber auch oft harte Urteile gegenüber ihren Mitgefangenen. Ein gewisser Hochmut, etwa gegenüber den inhaftierten „Zigeunern“, schimmert auch durch. Dies ist gewiss der Zeit verhaftet, genau wie manche sachliche Fehlerhaftigkeit, etwa bei der Angabe im Vorwort, dass in Auschwitz ca. 5 Millionen Menschen verbrannt worden seien (in Wirklichkeit um die 1,3 Millionen).

Die Frauen von Birkenau von Seweryna Szmaglewska ist eines der unmittelbarsten Zeugnisse der grauenvollen Zustände im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und eines der eindringlichsten zum Lageralltag mit besonderem Blick auf die dort gefangenen Frauen. Im Original Dymy nad Birkenau (Rauch über Birkenau) betitelt, musste es nicht nur 75 Jahre auf die deutsche Übersetzung warten, sondern auch noch seinen Titel an die 1997 im Kunstmann Verlag erschienene Erzählungssammlung von Liana Millu abtreten. Dass der Schöffling Verlag diese Versäumnisse nun behebt ist der Anerkennung mehr als wert. Im November erscheint dort dann auch das Buch „Bei uns in Auschwitz“ des polnischen Landmannes Tadeusz Borowski neu.

Zu einem ebenfalls sehr früh 1945 entstandenen Werk, Ich blieb in Auschwitz von Eddy de Wind (Piper), das auch in diesem Jahr zum ersten Mal auf Deutsch erschienen ist, hat Birgit auf Sätze und Schätze eine Besprechung geschrieben.

 

Beitragsbild via Pixabay

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Seweryna Szmaglewska Die Frauen von Birkenau.

Seweryna Szmaglewska – Die Frauen von Birkenau
Aus dem Polnischen und mit einem Nachwort von Marta Kijowska

Schöffling Verlag Juli 2020, 456 Seiten. Mit 16-seitigem Bildteil. Gebunden. € 28,00

Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer

Romane, in deren Zentrum ein Haus steht, sind so selten nicht. Ich denke da beispielsweise an das großartige „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck. Und selbst solche, in denen die Erzählstimme selbst zumindest teilweise von einem Haus übernommen wird, gibt es bereits (u.a. „Heimflug“ von Brittany Sonnenberg). Auch der 1969 geborene Autor Andreas Schäfer wählt für seinen neuen Roman „Das Gartenzimmer“ eine 1909 erbaute Villa im Südosten Berlins, man könnte Dahlem vermuten, als Mittelpunkt. Die Straße, in der sie Schäfer platziert ist genauso fiktiv wie ihr junger Architekt Max Taubert, dessen Erstlingswerk sie ist, und die Bewohner. Aber dennoch gibt es Vorbilder aus der realen Welt. Weiterlesen „Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer“

Zora del Buono – Die Marschallin

Zora del Buono schreibt über Zora Del Buono. Dabei ist die Groß- bzw. Kleinschreibung in der Mitte des Namens von Bedeutung. Denn die Großmutter Zora Del Buono, deren Lebensgeschichte die Schweizer Autorin des gleichen Namens vor ihrem Lesepublikum ausbreitet, die titelgebende „Marschallin“, ist überzeugte Kommunistin und jeder Adelsdünkel ihr, zumindest offiziell, ein Gräuel.

Nach einem kurzen Prolog beginnt der Roman 1919 in einem kleinen Dorf im Nordwesten Sloweniens, Bovec. Hier am Grenzfluss Isonzo ((italienisch), Soča (slowenisch), Sontig (deutsch), Lusinç (friaulisch) – je nach aktuellem Besatzer), fand die letzte von insgesamt zwölf Isonzoschlachten im Ersten Weltkrieg statt. Dank Einsatz von Giftgas konnten die Österreicher mit Unterstützung der Deutschen die Italienischen Truppen zurückdrängen. Die Schlachten forderten Hunderttausende an Toten und formten dieses Grenzgebiet nachhaltig. Weiterlesen „Zora del Buono – Die Marschallin“

Dirk Kurbjuweit – Haarmann

Die Geschichte, die Dirk Kurbjuweit in seinem Kriminalroman „Haarmann“ erzählt, ist eine ungeheuerliche und noch dazu eine wahre. Kein Wunder, dass sie seit fast einhundert Jahren eine riesige (negative) Popularität besitzt und in unzähligen Adaptionen in Theater, Kino, bildender Kunst, Musik und Literatur aufgenommen wurde. Fritz Langs berühmter Film „M-Eine Stadt sucht einen Mörder“ von 1931 ist an sie angelehnt, ebenso „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ von 1973. 1995 entstand „Der Totmacher“ von Romuald Karmakar mit Götz George in der Rolle des Serienmörders Fritz Haarmann. Der österreichische Maler und Bildhauer Alfred Hrdlicka schuf einen Haarmann-Zyklus und einen Haarmann-Fries. Das Lied „Warte, warte nur ein Weilchen“ wurde ein echter Gassenhauer und existiert auch in einer etwas makabren beschwingten Jazz-Version von Hawe-Schneider. Weiterlesen „Dirk Kurbjuweit – Haarmann“

Eugen Ruge – Metropol

Im Zentrum Moskaus, nicht weit vom Roten Platz und in direkter Nachbarschaft zum Bolschoi-Theater steht ein prächtiger Jugendstilbau, das 1905 eröffnete Luxushotel Metropol. 1917 bereits wurde es von den in der Revolution siegreichen Bolschewisten übernommen. Es diente seitdem sowohl der Unterbringung hochrangiger ausländischer Gäste als auch als Wohnort sowohl von Funktionären als auch auf ihren Prozess wartenden politischer Gefangenen. In Sichtweite befindet sich das berüchtigte Gefängnis des russischen Geheimdienstes Lubjanka. Im Roman „Metropol“ von Eugen Ruge bildet es den zentralen Handlungsort. Weiterlesen „Eugen Ruge – Metropol“

Jennifer Egan – Manhattan Beach

Kaum eine Besprechung von Jennifer Egan lang ersehnten, neuen Roman „Manhattan Beach“ kommt ohne den Vergleich mit ihrem 2011 mit dem Pulitzer Prize ausgezeichneten „Der größere Teil der Welt“ aus. Dieser hatte eine tolle Geschichte, war formal sehr experimentell gestaltet und dennoch ungemein lesbar und unterhaltend – ein Geniestreich, der sogleich zu einem der bedeutendsten Romane des beginnenden 21. Jahrhunderts ernannt wurde.

Nachfolgende Werke werden wohl immer an diesem Buch gemessen werden. Dennoch gelang es Jennifer Egan 2013 mit „Black Box“ erneut zu überraschen und auch zu überzeugen. Dies war ein „Twitter-Roman“, bestehend aus Abschnitten mit maximal 140 Zeichen, der einen spannenden Thriller-Plot lieferte. Innovativ und trotzdem gut konsumierbar. Weiterlesen „Jennifer Egan – Manhattan Beach“

Züfü Livaneli – Unruhe

Unruhe – eine unerklärliche innere Unruhe plagt im Roman von Züfü Livaneli den Erzähler Ibrahim, einen modernen, westlich orientierten Journalisten in Istanbul, der quirligen, weltoffenen Stadt am Bosporus.

„Man meint immer, es sei umgekehrt, doch eigentlich ist Unruhe der normale Zustand im Leben, und innerer Friede nur etwas sehr Seltenes, Vergängliches.“

Ist es seine Scheidung, die in quält, oder die politischen Veränderungen in der Türkei, oder sind es die Dinge, die jenseits der Grenze geschehen, so nah und doch so fern. Seit sieben Jahren tobt vor der Haustür der Türkei ein blutiger, grausamer, aussichtsloser Krieg in Syrien, führt der islamische Staat einen Terrorfeldzug, werden Menschen getötet, verschleppt, gefoltert, vergewaltigt. An den Grenzen spürt man den Krieg, hier kommen die an, denen die Flucht gelang, existieren riesige Flüchtlingslager, man spricht mittlerweile von fast drei Millionen syrischer Flüchtlinge in der Türkei. Weiterlesen „Züfü Livaneli – Unruhe“

Alexander Münninghoff – Der Stammhalter

Alexander Münninghoff ist ein niederländischer Journalist, der auch verschiedene Bücher veröffentlicht hat, unter anderem über Schach, in dem er eine ziemliche Koryphäe ist. Außerdem war er als Kriegsreporter unterwegs. Der Stammhalter ist der erste Roman von Alexander Münninghoff.

2014 erschien in den Niederlanden sein autobiographisches Buch, das sehr viel Beachtung und einige Preise erlangte und nun auch auf Deutsch erschienen ist. Es ist im Original „Een Familiekroniek“, im Deutschen wurde daraus der „Roman einer Familie“. Dabei trifft die Bezeichnung Chronik den nüchternen, berichtenden Ton, der sehr eng nicht nur auf Erinnerungen, sondern vor allem auch auf Zeitzeugnisse zurückgreift, recht gut. Weiterlesen „Alexander Münninghoff – Der Stammhalter“

Éric Vuillard – Die Tagesordnung

2017 erhielt Éric Vuillard für sein schmales „L´ordre du jour“ – Die Tagesordnung – den begehrten Prix Goncourt. Im Original trägt es die Gattungsbezeichnung „récit“, was nur etwas unzureichend mit „kurze Erzählung“ übersetzt werden kann, denn bei einer „Erzählung“ geht man in der Regel von einer fiktiven Geschichte aus. Aber: „On appelle récit tout texte racontant une histoire (un enchaînement d’événements) qu’elle soit fictive ou réelle.“ Also ein etwas weiter ausgelegter Begriff für „Erzählung“. Dennoch eher eine überraschende Entscheidung, werden doch für den „Goncourt“ meist episch breitere fiktionale Werke ausgewählt. Und hier nun das knapp über 100 Seiten starke doku-fiktionale Werk, das sich zudem noch mit deutscher Geschichte beschäftigt. Weiterlesen „Éric Vuillard – Die Tagesordnung“