Dirk Kurbjuweit – Haarmann

Die Geschichte, die Dirk Kurbjuweit in seinem Kriminalroman „Haarmann“ erzählt, ist eine ungeheuerliche und noch dazu eine wahre. Kein Wunder, dass sie seit fast einhundert Jahren eine riesige (negative) Popularität besitzt und in unzähligen Adaptionen in Theater, Kino, bildender Kunst, Musik und Literatur aufgenommen wurde. Fritz Langs berühmter Film „M-Eine Stadt sucht einen Mörder“ von 1931 ist an sie angelehnt, ebenso „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ von 1973. 1995 entstand „Der Totmacher“ von Romuald Karmakar mit Götz George in der Rolle des Serienmörders Fritz Haarmann. Der österreichische Maler und Bildhauer Alfred Hrdlicka schuf einen Haarmann-Zyklus und einen Haarmann-Fries. Das Lied „Warte, warte nur ein Weilchen“ wurde ein echter Gassenhauer und existiert auch in einer etwas makabren beschwingten Jazz-Version von Hawe-Schneider. Weiterlesen „Dirk Kurbjuweit – Haarmann“

Eugen Ruge – Metropol

Im Zentrum Moskaus, nicht weit vom Roten Platz und in direkter Nachbarschaft zum Bolschoi-Theater steht ein prächtiger Jugendstilbau, das 1905 eröffnete Luxushotel Metropol. 1917 bereits wurde es von den in der Revolution siegreichen Bolschewisten übernommen. Es diente seitdem sowohl der Unterbringung hochrangiger ausländischer Gäste als auch als Wohnort sowohl von Funktionären als auch auf ihren Prozess wartenden politischer Gefangenen. In Sichtweite befindet sich das berüchtigte Gefängnis des russischen Geheimdienstes Lubjanka. Im Roman „Metropol“ von Eugen Ruge bildet es den zentralen Handlungsort. Weiterlesen „Eugen Ruge – Metropol“

Jennifer Egan – Manhattan Beach

Kaum eine Besprechung von Jennifer Egan lang ersehnten, neuen Roman „Manhattan Beach“ kommt ohne den Vergleich mit ihrem 2011 mit dem Pulitzer Prize ausgezeichneten „Der größere Teil der Welt“ aus. Dieser hatte eine tolle Geschichte, war formal sehr experimentell gestaltet und dennoch ungemein lesbar und unterhaltend – ein Geniestreich, der sogleich zu einem der bedeutendsten Romane des beginnenden 21. Jahrhunderts ernannt wurde.

Nachfolgende Werke werden wohl immer an diesem Buch gemessen werden. Dennoch gelang es Jennifer Egan 2013 mit „Black Box“ erneut zu überraschen und auch zu überzeugen. Dies war ein „Twitter-Roman“, bestehend aus Abschnitten mit maximal 140 Zeichen, der einen spannenden Thriller-Plot lieferte. Innovativ und trotzdem gut konsumierbar. Weiterlesen „Jennifer Egan – Manhattan Beach“

Züfü Livaneli – Unruhe

Unruhe – eine unerklärliche innere Unruhe plagt im Roman von Züfü Livaneli den Erzähler Ibrahim, einen modernen, westlich orientierten Journalisten in Istanbul, der quirligen, weltoffenen Stadt am Bosporus.

„Man meint immer, es sei umgekehrt, doch eigentlich ist Unruhe der normale Zustand im Leben, und innerer Friede nur etwas sehr Seltenes, Vergängliches.“

Ist es seine Scheidung, die in quält, oder die politischen Veränderungen in der Türkei, oder sind es die Dinge, die jenseits der Grenze geschehen, so nah und doch so fern. Seit sieben Jahren tobt vor der Haustür der Türkei ein blutiger, grausamer, aussichtsloser Krieg in Syrien, führt der islamische Staat einen Terrorfeldzug, werden Menschen getötet, verschleppt, gefoltert, vergewaltigt. An den Grenzen spürt man den Krieg, hier kommen die an, denen die Flucht gelang, existieren riesige Flüchtlingslager, man spricht mittlerweile von fast drei Millionen syrischer Flüchtlinge in der Türkei. Weiterlesen „Züfü Livaneli – Unruhe“

Alexander Münninghoff – Der Stammhalter

Alexander Münninghoff ist ein niederländischer Journalist, der auch verschiedene Bücher veröffentlicht hat, unter anderem über Schach, in dem er eine ziemliche Koryphäe ist. Außerdem war er als Kriegsreporter unterwegs. Der Stammhalter ist der erste Roman von Alexander Münninghoff.

2014 erschien in den Niederlanden sein autobiographisches Buch, das sehr viel Beachtung und einige Preise erlangte und nun auch auf Deutsch erschienen ist. Es ist im Original „Een Familiekroniek“, im Deutschen wurde daraus der „Roman einer Familie“. Dabei trifft die Bezeichnung Chronik den nüchternen, berichtenden Ton, der sehr eng nicht nur auf Erinnerungen, sondern vor allem auch auf Zeitzeugnisse zurückgreift, recht gut. Weiterlesen „Alexander Münninghoff – Der Stammhalter“

Éric Vuillard – Die Tagesordnung

2017 erhielt Éric Vuillard für sein schmales „L´ordre du jour“ – Die Tagesordnung – den begehrten Prix Goncourt. Im Original trägt es die Gattungsbezeichnung „récit“, was nur etwas unzureichend mit „kurze Erzählung“ übersetzt werden kann, denn bei einer „Erzählung“ geht man in der Regel von einer fiktiven Geschichte aus. Aber: „On appelle récit tout texte racontant une histoire (un enchaînement d’événements) qu’elle soit fictive ou réelle.“ Also ein etwas weiter ausgelegter Begriff für „Erzählung“. Dennoch eher eine überraschende Entscheidung, werden doch für den „Goncourt“ meist episch breitere fiktionale Werke ausgewählt. Und hier nun das knapp über 100 Seiten starke doku-fiktionale Werk, das sich zudem noch mit deutscher Geschichte beschäftigt. Weiterlesen „Éric Vuillard – Die Tagesordnung“

Ralf Rothmann – Der Gott jenes Sommers

Einen schwierigen Autor für jede Form der Vermarktung nannte Hauke Hückstädt, der Leiter des Frankfurter Literaturhauses, Ralf Rothmann bei seiner Einführungsrede zur Lesung aus Der Gott jenes Sommers. Keine Moderation auf der Bühne, wenig Interviews und Fotosessions, keine Autoren-Website, geschweige denn Social Media-Kanäle, selbst eine Nominierung zum Deutschen Buchpreis lehnt der Autor ab. Das war 2015 so, als seinem Roman Im Frühling sterben von einigen Kritikern zwar eine „Verkitschung des Weltkrieges“ vorgeworfen wurde, das überwiegende Echo aber von einem Meisterwerk und fantastischer Literatur sprach. Für mich war die Geschichte um zwei 17jährige, die in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges als Soldaten eingezogen und regelrecht „verheizt“ worden waren, das Buch des Jahres, eines der am meisten berührenden und gelungensten seit Langem. Weiterlesen „Ralf Rothmann – Der Gott jenes Sommers“