„In my younger and more vulnerable years my father gave me some advice which has stuck with me ever since. ‚Whenever you feel like criticizing anyone,‘ he said, ‚just remember that all the people in this world have not had the same advantages as you have.'“
Dieser Beginn von Der große Gatsby von F. Scott Fitzgerald ist einer jener ikonischen Romananfänge, die sich in die Literaturgeschichte eingeschrieben haben.
„In meinen jüngeren und empfindsameren Jahren gab mir mein Vater einen Rat, der mir seither im Kopf herumgeht. Wenn du meinst, jemanden kritisieren zu müssen, sagte er, so denk daran, dass nicht alle Menschen auf der Welt dieselben Vorteile hatten wir du.“
So fasst Bernhard Robben diese Passage in seiner Neuübersetzung, die jetzt in einer besonders schönen Jubiläumsausgabe bei Manesse erschienen ist. Im April 1925 wurde The Great Gatsby als dritter Roman des Autors, der vor allem mit seinen Short Stories sehr erfolgreich war, veröffentlicht. Er und seine Frau Zelda gaben durch ihren teuren Lebensstil ihre beträchtlichen Einnahmen sehr schnell auch wieder aus. Da dahinter kein Vermögen steckte, war es besonders bitter, dass der Roman sich trotz guter Kritiken nicht gut verkaufte.
Die Geschichte eines Multimillionärs, der auf seinem Luxusanwesen rauschende Partys mit viel Alkohol feiert, um eine verflossene Liebe wiederzugewinnen, und die im Sommer 1922 im fiktiven West Egg auf Long Island spielt, war vielleicht noch zu nah der Lebenswirklichkeit der einen (der reichen Oberschicht) und zu fern der anderen (dem Rest der Bevölkerung). Erst nach dem Tod Fitzgeralds 1940 wurde Der große Gatsby zu einem der erfolgreichsten und am meisten gefeierten Romane englischer Sprache überhaupt.
Liebesgeschichte und Sittenbild
Der große Gatsby ist sowohl Liebesgeschichte als auch Sittenbild einer bestimmten Gesellschaftsschicht, die wie keine andere für die „Roaring Twenties“ steht: vergnügungssüchtig, oberflächlich, selbstbezogen, unpolitisch. Neun Übersetzungen ins Deutsche gibt es – die erste von 1928, seit 2011 erschienen allein sechs. Welche davon am meisten zusagt, ist wahrscheinlich wie vieles Geschmacksache. Die beiden älteren Übersetzungen haben allerdings reichlich Patina angesetzt, was bekanntlich bei Übersetzungen schneller geschieht als bei den Originalen. Auch wenn ich ein klein wenig mehr zur Übersetzung von Bettina Aberbanell (2006) tendiere, ist die vorliegende Ausgabe vorbehaltlos zu empfehlen, auch wegen des umfangreichen Anhangs mit Anmerkungen, einem Nachwort von Claudius Seidel, vielen Stimmen zum Buch, Briefen etc.

Erzähler des mit ca. 170 Seiten eher schmalen Romans ist Nick Carraway, ein junger Mann aus dem mittleren Westen, der nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg an die Ostküste zieht, um sich hier den boomenden Börsengeschäften zu widmen. Dafür mietet er sich einen bescheidenen Bungalow auf Long Island. Auf dem Nachbargrundstück steht eine stattliche Villa, in der fast jeden Abend ausufernde Partys gefeiert werden, zu denen immer zahlreicher Gäste anreisen. Eigentümer, Hausherr und Gastgeber ist der etwas geheimnisvolle Jay Gatsby, den Nick erst allmählich kennenlernt und über den einige unschöne Gerüchte im Umlauf sind. Man munkelt gar, er sei ein Mörder. Zumindest ist seine Herkunft unbekannt, woher sein Geld stammt und was er so treibt, wenn er nicht gerade Partys gibt. Auch Nick – und mit ihm uns – enthüllen sich Geschichte und Charakter des „großen Gatsby“ erst allmählich.
Jay Gatsby
Jay Gatsby hieß ursprünglich James Gatz, stammt aus einfachen Verhältnissen in North Dakota und hat sich auf undurchsichtigen, wohl auch nicht ganz sauberen, vermutlich mit Alkoholschmuggel befassten Wegen ein enormes Vermögen verschafft, das er nun präsentiert, um die einst geliebte Frau zu beeindrucken und wiederzugewinnen. Diese Frau wohnt am anderen Ufer des Long Island Sounds, ist verheiratet mit einem ziemlich unsympathischen, groben und arroganten Polo-Spieler, der ein beachtliches „altes“ Vermögen sein Eigen nennt, und heißt Daisy Buchanan.
Jay und Daisy waren vor dem Krieg ein Paar, aber Daisy hat während des Krieges für den reichen Tom entschieden und nicht auf Jays Rückkehr gewartet. Damit kann dieser sich nicht abfinden und nun tut er alles, um die von ihm idealisierte Frau zurückzugewinnen. Dabei ist Daisy eine völlig oberflächliche, moralisch instabile, schwache und verwöhnte Person, passiv und wie eigentlich das ganze Personal des Romans ziemlich unsympathisch. Dass F. Scott Fitzgerald seine Figuren in Der große Gatsby dennoch sehr ambivalent, komplex und vielschichtig zeichnet, ist einer der großen Vorzüge des Romans.
Der Erzähler Nick Carraway
Auch Nick Carraway, der Ich-Erzähler, ist ein ambivalenter Charakter, der zwar durch seine Stimme, seine wunderbare Sprache und seinen menschenfreundlichen Blick auf das Geschehen einen großen Teil des Zaubers und der exquisiten, eleganten Stimmung des Romans ausmacht, der gleichzeitig aber auch ein wenig unzuverlässig erscheint, so sehr er sich selbst auch als „ehrlich“ und integer darzustellen versucht. Alle anderen Charaktere sehen wir nur durch seinen Filter. Auch wenn die Perspektive manchmal etwas uneindeutig ist. So gibt Nick auch Gespräche wieder, bei denen er gar nicht anwesend war. Da wurde ihm wohl nur etwas zugetragen.
Jay Gatsby selbst bleibt, auch als wir mehr über seine Herkunft, seine Geschichte, seine Motivation erfahren, ungreifbar, eine Projektionsfläche für den Lesenden. Er verkörpert einen Teil des amerikanischen Traums, nämlich den, alles werden zu können, was man möchte. Sich völlig neu erschaffen zu können. Ein Traum, der natürlich für fast alle genau das auch bleibt – ein Traum. Und der am Ende auch für Jay Gatsby scheitert. Der als Vision aber fortbesteht. Der Schwindel, den Reichtum, Börsenrausch, Partys und Alkohol, Glamour und Oberfläche auslösen – mit der Weltwirtschaftskrise 1929 wird das alles einstürzen. Es war eine Zeit der sozialen Umbrüche. Zwanzig Jahre später werden die Leser:innen dieses Meisterwerk erst richtig zu schätzen wissen.
Ein Lebensbuch
Abseits von der schillernden Party- und Luxuswelt ist Der große Gatsby für mich eines der traurigsten Bücher überhaupt und Jay Gatsby eine der einsamsten Romanfiguren. Seine Tiefe erschließt sich vielleicht nicht gleich. Dafür ist es eines der Bücher zum immer wieder lesen, auch in unterschiedlichen Lebensabschnitten. Sein Zauber bleibt bestehen.
„Gatsby glaubte an das grüne Licht, an die wundervolle Zukunft, die Jahr für Jahr vor uns zurückweicht. Damals entwischte sie uns. Aber was macht das schon. Morgen laufen wir schneller, strecken die Arme weiter aus. Und eines schönen Tages…
So kämpfen wir weiter, wie Boote gegen den Strom. Und unablässig treibt es uns zurück in die Vergangenheit.“
(Diese letzte, auch ikonische Passage, habe ich der Übersetzung von Bettina Aberbanell entnommen. Gerade hier mag ich ihre Übersetzung tatsächlich ein klein wenig mehr 😉
Beitragsbild: f. Scott und Zelda Fitzgerald, Motor magazine (publisher), Spring 1924, Public domain, via Wikimedia Commons
F. Scott Fitzgerald – Der große Gatsby
Übersetzt von Bernhard Robben und mit einem Nachwort von Claudius Seidl
Manesse März 2025, Leinenoptik mit Goldfolienprägung, Hardcover, 352 Seiten, € 30,00







