Anna Maschik – Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten

Autofiktionale Familiengeschichten, die ihren Schwerpunkt auf Frauenfiguren legen, gibt es zurzeit zuhauf. Dafür, sich auch in diesem überrepräsentierten Genre umzuschauen, sprechen immer wieder die tollen Entdeckungen, die man als Leserin hier machen kann. Anna Maschik beispielsweise hat mit ihrem Debütroman Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten einen ganz großartigen Text zum Thema verfasst.

Es beginnt mit der Schlachtszene, die dem Buch seinen Titel verliehen hat. Henrike, die Urgroßmutter dieses Vier-Generationen-Romans, führt uns als junge Frau in diesen Text ein, die während des Krieges verbotenerweise schlachtet. Ein Bild für die Resilienz der Frauen, die sich während des langen, grausamen 20. Jahrhunderts mit Armut, Krieg und Gewalt herumschlagen müssen und dabei ihre Familien durchzubringen haben – oftmals allein. Ein Bild aber auch, durch das wir Leser:innen in das Geschehen hineingezogen werden:

„Wir betreten die Geschichte durch die Innereien eines Schafes und wie auch ich die Welt betreten habe: durch einen Schnitt im Unterleib.“

Vom Wattenmeer nach Österreich

Alma ist die Ich-Erzählerin, die fast ein Jahrhundert nach ihrer Urgroßmutter Henrike das Licht der Welt erblickt. Während letztere in eine Bauernfamilie in einem Dorf, „auf einer weiten Ebene, wo die Aukoppeln in die Südermarsch übergehen und später in ein kühles Wattenmeer“, sprich an der Nordsee, hineingeboren wird, lebt Alma mit ihrer Mutter Miriam wie die 1995 geborene Autorin in Österreich. Weil die Großmutter Hilde einst mit dem österreichischen Soldaten Konrad angebandelt hatte und dieser nicht nur den Krieg überlebt, sondern auch zu Hilde und dem Kind, das sie mittlerweile zur Welt gebracht hat, zurückkehrt. Raus aus dem norddeutschen Dorf hat Hilde schon immer wollen, wirklich glücklich wird sie in Österreich aber auch nicht werden. Nach dem (ungeliebten) Sohn Wolfgang kommen Jahre später noch David und Almas Mutter Miriam zur Welt.

Tolles Debüt

In kurzen, eher assoziativen als chronologischen Abschnitten begleiten wir resiliente Frauen und schweigsame Männer, geliebte und ungeliebte Kinder durch das 20. Jahrhundert. Und das auf 230 sorgsam arrangierten Seiten. Das Buch ist formal originell und sprachlich leicht zugänglich. Neben die kurzen, oft nicht einmal eine Seite füllenden Abschnitte fügt Anna Maschik immer wieder Listen mit Aufzählungen ein, stellt diese auch einander gegenüber, was oft einen starken Eindruck hinterlässt. Außerdem arbeitet die Autorin viel mit Wiederholungen, was den Text stark rhythmisiert, aber auch thematisch gut passt, denn Familienerzählungen basieren oft auf den ewiggleichen, prägenden Geschichten. Unsentimental und sprachlich klar, kippt das Erzählte hin und wieder, mal mehr, mal weniger deutlich ins Märchenhafte (etwa wenn Hildes Bruder Benedikt seine ersten 15 Lebensjahre hindurch schläft) und Mythische (wenn durch die Jahrzehnte hinweg immer wieder die beiden Lebens- bzw. Totenfrauen Anna, die Hebamme, und Nora, die Bestatterin, ihre Taschen packen).

Für mich gehört Anna Maschik mit Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten unbedingt zu den besten Debütromanen des Jahres 2025.

 

Anna Maschik - Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten.

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Anna Maschik – Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
Luchterhand  September 2025, Hardcover, 240 Seiten, € 23,00

 

 

 

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