Wir leben in einer verstörenden Gegenwart. Spaltung, Dehumanisierung, Konfrontation – noch vor wenigen Jahren hätte man nicht gedacht, dass sich die Gesellschaft weltweit von diesen Vokabeln beherrschen lassen würde. Selbst in den tiefsten Phasen des Kalten Kriegs galten Werte wie Frieden, Toleranz, Solidarität zumindest in der Theorie als etwas, das es anzustreben galt. Mittlerweile spricht man schon wieder von Kriegstüchtigkeit, die man erreichen müsse, wird wieder die Wehrpflicht gefordert und scheint es neben der Abschreckung keinerlei Alternative für die Friedenserhaltung zu geben. Ja, die Weltlage hat sich erschreckend schnell geändert. Und mit ihr auch die Narrative. Sie sind unglaublich negativ geworden, beängstigend, fatalistisch. Wir befinden uns in einer Polykrise.
Nun kommt die Friedensaktivistin, Autorin und Journalistin Joana Osman und schreibt ein schmales Büchlein mit dem Titel Frieden. Eine reale Utopie. Und sogleich folgt eine ziemlich vernichtende (männliche) Kritik. Niemand bräuchte solch ein Buch. Naiv sei es, pathetisch, ja, politischer Kitsch. Eine solche Reaktion hätte man voraussehen können. Gerade auch die Medien folgen immer mehr den negativen Narrativen. Und da ist kein Platz für Visionen.
Positives Narrativ setzen
Aber was soll eine „reale Utopie“ anderes sein als ein positives Narrativ, das man den ganzen scheinbar alternativlosen Endzeit-Erzählungen entgegensetzt. Frieden ist, zumindest im Moment und weltweit betrachtet, eine Utopie – aber eine, die man zumindest anstreben kann. Joana Osman hat damit Erfahrung. Die in Deutschland lebende Tochter einer Deutschen und eines Palästinensers hat lange Zeit im Nahen Osten zusammen mit Ronny Edry in der 2012 gegründeten Peace Factory gearbeitet. Sie haben dort Menschen in Workshops zusammengebracht, die sich sonst fremd geblieben wären, Araber und Israelis. „Israel loves Palestine“ und „Not ready to die in your war“ waren ihre provokanten Slogans. Sie haben dafür neben viel Zulauf und Interesse auch viel Häme und Hass geerntet. Aber sie haben auch Menschen zum Zuhören und Erzählen bewegt. Und Storytelling ist für Joana Osman auch der Schlüssel für ein friedliches, respektvolles Miteinander – Reden und Zuhören und dadurch Verbindungen zwischen Menschen aufbauen. Durch Empathie und Solidarität ein positives Narrativ schaffen, das sich dann verbreiten kann.
Damit lässt sich sicher kein kriegslüsterner Machtpolitiker in seine Schranken weisen, aber man kann die Menschen einander näher bringen. Hat doch alles nichts genützt, so der Kritiker. Hat man ja jetzt gesehen am 7. Oktober und in Gaza. Ja, da ist ein Stück Naivität in Joana Osmans Erzählung. Aber ein Stück Naivität, eine Vision, die die Welt braucht, gerade jetzt, wo sie droht wieder so kriegerisch zu werden. Und das weithin als unvermeidlich gilt. Wieder an das Gute im Menschen glauben, daran, dass die meisten Menschen in Ruhe zusammenleben möchten, dass Frieden möglich, wenn auch manchmal anstrengend ist – das ist ein Narrativ, das sich wieder verstärkt behaupten muss. Gegen die ganzen Putins, Netanjahus und Trumps dieser Welt. Und die ganzen Behauptungen, Friedensarbeit sei naiv, dumm und gefährlich.
Positiver Frieden
Für Joana Osman gibt es laut dem norwegischen Soziologen und Politologen Johan Galtung einen negativen und einen positiven Frieden. Oft wird einfach nur ersterer angestrebt, die Abwesenheit von Krieg. Ein positiver Frieden fordert mehr, fordert auch die Abwesenheit von struktureller Gewalt, fordert Gerechtigkeit, Freiheit, die Deckung der menschlichen Grundbedürfnisse. Oft hat man den Eindruck, das wird politisch gar nicht mehr angestrebt. Osman verwendet den Begriff des Extraktivismus, der rücksichtslosen Ausbeutung – der Erde, der Menschen, Tiere, der Ressourcen – der scheinbar unangreifbar herrscht.
Es ist Zeit, dem ein positives Narrativ entgegenzusetzen. Eine Utopie, eine Vision. Die Punkte, die Joana Osman in Frieden anspricht sind nicht neu, nicht einmal besonders originell, sind aber in letzter Zeit viel zu sehr in den Hintergrund gerückt, wurden zum Schweigen gebracht. Frieden muss aber immer die Vision sein, allumfassend bleibt er vielleicht immer eine Utopie, aber eine doch zumindest in Teilen machbare. Man sollte darüber wieder viel mehr reden. Viel mehr als darüber zu spekulieren, wann der nächste Krieg ausbricht, als wäre der eine Naturgewalt und nicht menschengemacht. Und dafür, dass Joana Osman das in den Mittelpunkt ihres Buches rückt, danke ich ihr von Herzen. Und wünsche dem Buch viele Leser:innen.
Beitragsbild: by Petr Kratochv CC0 via publicdomainpictures.net
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Joana Osman – Frieden. Eine reale Utope
Penguin September 2025, Hardcover, 128 Seiten, € 20,00








Danke Dir, dass Du dieses interessante Buch vorgestellt hast!
Sehr gern. Ich finde, es hat gut getan, mal von der Alternativlosigkeit zur „Kriegstüchtigkeit“ eine Pause zu nehmen.