Bret Anthony Johnston – We burn daylight

Waco in Texas. Vor zwei Jahren- 2023 – stand diese mittelgroße Bezirkshauptstadt am Rande der Great Plains mal wieder kurz in den Schlagzeilen. Donald Trump, damals noch Präsidentschaftskandidat, startete dort seinen Vorwahlkampf. Abgesehen von den üblichen markigen, diffamierenden Sprüchen gegen seine politischen Gegner hatte Trump noch das Lied Justice for All (Gerechtigkeit für alle) dabei, gesungen von einem Männerchor, dessen Mitglieder wegen ihrer Beteiligung an der Kapitol-Attacke am 6. Januar 2021 verurteilt wurden und dessen erzielte Einnahmen für die juristische Unterstützung von Angeklagten bestimmt sind, die sich wegen der Attacken vor Gericht verantworten müssen. Auch wenn energisch bestritten wurde, dass die Wahl des Ortes, in dem über 60 % 2016 für den Republikaner stimmten und die einst Hochburg des rassistischen Ku-Kluxx-Klans war, Absicht oder sogar Provokation war – die Message war mehr als deutlich. Besonders da sich fast auf den Tag genau ein dramatisches Ereignis zum 30. Mal jährte, das den texanischen Autor Bret Anthony Johnston zu seinem spannenden Roman We burn daylight inspirierte. 2023 wurde in Deutschland auch erstmals die bereits 2018 erschienene Miniserie „Waco“ in Deutschland ausgestrahlt, die sich mit den damaligen Ereignissen befasst.

Was geschah in Waco?

Was geschah damals in Waco? Auf einer abgelegenen Farm im McLennan County versammelte der charismatische David Koresh (eigentlich Vernon Wayne Howell) eine Gemeinde von über 100 Menschen um sich, die ihn als Verkörperung von Jesus Christus ansahen und mit ihm gemeinsam auf die Apokalypse und das nahende Weltende warteten. Die Sekte war hochbewaffnet, verdiente sich Geld mit Waffenshows und Koresh war bereits im Vorfeld eines versuchten Mordes angeklagt. Die „Branch Davidians“, wie sie sich nannten, lebten ohne elektrischen Strom oder moderne sanitäre Einrichtungen. Die Männer mussten enthaltsam bleiben, während Koresh mit den Frauen der Sekte verkehrte und viele von ihnen schwängerte. Auch sexuelle Übergriffe auf junge Mädchen kamen vor, geheiratet hat er Rachel Jones, als diese 14 war.

Dieser vermutete Missbrauch Jugendlicher und die gehorteten Waffenarsenale bewogen das Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives – kurz: ATF am 28. Februar 1993 eine Razzia auf der Farm durchzuführen. Koresh und seine Anhänger eröffneten dabei das Feuer. Vier Beamte und sechs Sektenmitglieder starben. Das FBI, das nun zuständig war, antwortete brachial, Panzer rückten an und eine nervenzerreibende Belagerung begann, die schließlich 51 Tage dauerte und die Medien in den ganzen USA beschäftigte. Um sie zu beenden, schoss man am 19. April 1993 Tränengas in die Gebäude, um die Menschen heraus zu zwingen. Aus bis heute nicht ganz geklärten Gründen brach ein Großfeuer aus, dem insgesamt 76 Menschen zum Opfer fielen, darunter 28 Kinder. Das Fernsehpublikum war live dabei.

Fiktiver Insider-Blick

Bret Anthony Johnston hat diese Ereignisse als Vorbild für seinen fiktiven Roman We burn daylight verwendet. Viele der Fakten stimmen, aber den Insider-Blick muss er erfinden. Im Buch gehört er der 14-jährigen Jaye, die ihrer Mutter, die dem Sektenführer Perry Cullen, genannt „Lamp“, anhängt nach der Trennung vom Vater von Kalifornien nach Texas gefolgt ist. Jaye ist eine selbstbewusste, clevere junge Frau, die Koresh und seinen Lehren kritisch gegenübersteht, ihre Mutter aber nicht verlassen will. Zufällig lernt sie trotz der Abschottung der Sekte den gleichaltrigen Roy kennen. Er ist der Sohn des hiesigen Sheriffs Eli Moreland. Roy erhält die zweite Erzählstimme, quasi die Außenperspektive.

Romeo und Julia in Waco

Zwei Teenager, die sich nahekommen und gegnerischen Lagern entstanden – der Titel des Romans stammt aus dem literarischen Werk, das für ihn noch prägender als die tragischen Vorkommnisse auf der Farm der Branch Davidians ist: Romeo und Julia von William Shakespeare.

Mercutio: Come, we burn daylight, ho!
Romeo: Nay, that’s not so.
Mercutio: I mean, sir, in delay.
We waste our lights in vain, like lamps by day.

Eine Ermahnung an Romeo, seine Zeit nicht mit Warten und Zögern zu vergeuden, sondern zu handeln. Im Kern ist auch We burn daylight ein Liebesroman. Und zwar ein so berührender wie rasanter. Mit der Zuspitzung der Ereignisse auf der Farm steigert sich das Tempo, die Kapitel werden kürzer, wechseln sich häufiger ab. Dazwischengeschaltet sind kurze Interviewpassagen, als fiktive „Podcast“-Folgen zu den Ereignissen, die 1993 mit überlebenden Sektenmitgliedern, damaligen Beamten und Zeug:innen 2023/24 geführt werden. Die Tragödie von Waco jährte sich da zum 30. Mal.

We burn daylight ist ein spannender Roman, der eine zarte, authentische Liebesgeschichte und einen hochaktuellen (siehe Donald Trump) zeithistorischen Fall weitgehend überzeugend verknüpft. Und der sich der Diskussion sowohl politischer als auch philosophischer Herausforderungen des damaligen Einsatzes stellt. Warum haben sich die Sektenmitglieder nicht ergeben? Warum hat der Staat derart undiplomatisch gehandelt? Wären nicht wenigstens die Kinder zu retten gewesen? Warum ist das amerikanische Volk (natürlich nur im Durchschnitt und natürlich besonders in einiges Regionen) derart waffenvernarrt und regierungs- bzw. staatsfeindlich eigestellt? Das alles sind nicht nur historische, sondern gerade wieder sehr aktuelle Fragestellungen.

Ich bin bekannterweise Freundin von nicht allzu abgeschlossenen Enden. Deswegen gilt meine Kritik auch hauptsächlich dem Epilog. Der beantwortet wirklich alle Fragen, die irgendwie noch offen bleiben könnten. Das unterfordert meiner Meinung nach die Lesenden. Und verdirbt für mich ein klein wenig den ansonsten sehr positiven Eindruck des Romans. Aber das ist natürlich Geschmackssache.

 

Beitragsbild: A monument for the Branch Davidians who died in 1993, Mount Carmel Center (Branch Davidian compound), outside of Waco, Texas by Lorie Shaull CC BY 2.0

 

Bret Anthony Johnston - We burn daylight.

Bret Anthony Johnston – We burn daylight
Übersetzt von Sylvia Spatz
C.H.Beck Juli 2025, 492 Seiten, Hardcover, € 28,00

Ein Gedanke zu „Bret Anthony Johnston – We burn daylight

  1. Klingt wie ein Filmplot….
    (Was die Waffenvernarrtheit angeht: Nach meinem Eindruck haben Amerikaner zu manchen Sachen ein total entspanntes Verhältnis, zu Flaggen, zur Army, zum Schießen. Manche von dort schütteln vielleicht sogar insgeheim den Kopf, dass wir das so i.d.R. nicht teilen können.)

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