1921 – Der weltberühmte Schriftsteller William Somerset Maugham besucht auf seiner Asienreise seinen alten Schulfreund Robert Hamlyn auf der Insel Penang. Mit dabei ist sein Sekretär und – zunächst sind es nur Gerüchte – Liebhaber Gerald. Daheim in London warten die ungeliebte Ehefrau Syrie und die Tochter Elizabeth. Der malaysische Autor Tan Twan Eng verwebt diese Episode mit Rückblicken ins Jahr 1910 und einer in der südafrikanischen Halbwüste Karoo 1947 spielenden Rahmenhandlung elegant und meisterhaft in seinem 2023 für den Booker Prize nominierten Roman Das Haus der Türen.
Ich-Erzählerin ist Lesley Hamlyn, die Frau von Robert, die 1921 den berühmten Gast bei sich beherbergt. Kurz darauf werden die Hamlyns nach Südafrika übersiedeln, da Roberts vermutlich durch Giftgas im Ersten Weltkrieg geschädigte Lunge das feuchte malaysische Klima nicht verträgt. In der trockenen Karoo-Halbwüste, in der sie sich niederlassen, wird er sich gut erholen.
The casuarina tree
In der Rahmenhandlung schreibt man das Jahr 1947, und Robert ist bereits sechs Jahre tot, als ein an ihn adressiertes Päckchen bei Lesley in Südafrika eintrifft. Darin befindet sich der gewidmete Erzählungsband „The casuarina tree“ von William Somerset Maugham, erschienen 1926 und wohl schon einige Zeit unterwegs. Einige der Erzählungen basieren auf Geschichten, die von Maughams Aufenthalt bei den Hamlyns inspiriert wurden.
Von dieser Rahmenhandlung wandern wir in den Erinnerungen Lesleys zurück ins Jahr 1921. Maugham gehört zu dieser Zeit zu den meistgelesenen Autoren des British Empires. Die „bessere Gesellschaft“ von Penang reißt sich um ihn. Seine Homosexualität und sein Verhältnis mit dem Sekretär Gerald Haxton sind ein mehr oder weniger offenes, aber gern verdrängtes Geheimnis der Kolonialgesellschaft. Tee- und Abendgesellschaften, Strandbesuche und Ausflüge stehen auf dem Programm. Immer wieder trifft „Willie“ Maugham sich aber auch mit der Hausherrin und lässt sich von ihr Geschichten erzählen – sehr persönliche, aber auch solche aus der britischen und malaysischen Gesellschaft.
Das Haus der Türen
Lesley – und mit ihr der Text – springt in Erinnerungen und Gespräch immer wieder ins Jahr 1910 zurück. Zu dieser Zeit ist Sun Wen, der spätere erste Präsident der Republik China Sun Yat-sen, auf der Insel. Mit der Geheimgesellschaft der Tongmenghui arbeitet er aus dem Exil heraus am Sturz der Qing-Dynastie und der Errichtung einer Republik in China. Bereits seit dem 19. Jahrhundert sind sehr viele Chinesen nach Malaysia ausgewandert und bilden dort bis zu 30 % der Bevölkerung. Lesley sympathisiert mit den Revolutionären, ist fasziniert von Sun Wen und lernt bei den Versammlungen der Revolutionäre den chinesischen Arzt Arthur kennen. Er ist der Besitzer des „Hauses der Türen“, das dem Roman seinen Namen verleiht. Die beiden verbindet bald eine Liebesbeziehung, die endet, als Arthur sich den Revolutionären auf ihrem Zug nach China anschließt.
Material für die eigenen Geschichten
Lesley erzählt Willie nicht nur davon, sondern auch vom „Fall“ Ethel Proudlock. Dieser ist, wie der Besuch Maughams auf der Insel, eine wahre Geschichte. Die Britin Ethel Proudlock erschoss 1911 einen Landsmann mit sechs Kugeln. Dieser soll versucht haben, sie zu vergewaltigen und sie habe in Notwehr gehandelt. Der damit befasste Gerichtsprozess nimmt einen nicht unbeträchtlichen Teil des Romans ein. Die Geschichte wird angezweifelt und mit großem Publikumsinteresse verhandelt. Ethel ist darin eine Freundin der fiktiven Lesley Hamlyn. William Somerset Maugham behandelt den Fall in seiner Kurzgeschichte „Der Brief“.
Verschiedene Zeitebenen, drei Geschichten und der Besuch des berühmten Schriftstellers Maugham im Malaysia, Fakten und Fiktion – Tan Twang Eng verknüpft alles meisterhaft zu seinem großartigen Roman Das Haus der Türen. In Arthurs Haus hängen diese alten, kunstvollen Türen von der Decke herab, in Lesleys Heim schmücken sie die Wände. Hinter jeder der Türen steckt eine Geschichte, ein Geheimnis. Das ist ganz wundervoll erzählt, in einer feinen, eleganten Sprache, die dem britischen Autor, von dem der Roman (auch) erzählt, adäquat ist. Nicht zuletzt macht das Buch sehr große Lust, mal wieder in die Erzählungen von William Somerset Maugham hineinzuschauen. Das Haus der Türen ist ein großes literarisches Lesevergnügen.
Tan Twan Eng – Das Haus der TürenSeiten:
Deutsch von michaela Grabinger
Dumont April 2024, 352 Seiten, gebunden, € 24,00








Vielen Dank für diesen und auch alle anderen schönen Lesetipps! Und ganz sicher jetzt auch der Anstoß endlich etwas von Maugham zu lesen.
Wie immer sehr gerne. Ein wirklich tolles Buch. Und macht Lust auf Maughams Stories. Viele Grüße!
Wir lesen das Buch im Bookclub und ich freue mich schon sehr darauf. Deine Besprechung hat mir jetzt noch mehr Lust drauf gemacht 🙂 Ganz liebe Grüße, Sabine
Dann ganz viel Freude im Lesekreis. Liebe Grüße, Petra
Ich habe das Buch schon länger auf der Liste, bin mir aber vollkommen unschlüssig, ob und, falls ja, wie viel einem entgeht, wenn man, wie ich, vorher noch gar nichts von Maugham gelesen hat …
Ich kenne auch nicht viel von Maugham und glaube auch nicht, dass das nötig ist. Das Buch ist völlig unabhängig zu lesen. Ich habe immer mal gegoogelt, aber nicht, weil ich musste, sondern weil es mich interessiert hat. Ich kann es rundweg empfehlen. Viele Grüße