Michiko Flasar – Ich nannte ihn Krawatte

Michiko Flasar – Ich nannte ihn Krawatte

Michiko Flasar - Ich nannte ihn KrawatteJeden Morgen kommt der zwanzigjährige Taguchi Hiro in den Park, sitzt den ganzen Tag auf einer der Bänke, allein und verschlossen. Was nach außen als Rückzug, als Einsamkeit erscheint, ist für den jungen Mann ein großer Schritt vorwärts, hinaus aus einer zweijährigen selbstauferlegten Isolation. Zwei Jahre hat er sich in sein Zimmer bei den Eltern verkrochen. Versteckt vor den Zumutungen des Lebens, dem Druck der Gesellschaft. Die Nähe von Menschen bereitet ihm Übelkeit, er kann das alltägliche Treiben kaum mehr ertragen.

„Nichts soll mich ablenken von dem Versuch, mich vor mir selbst zu bewahren.“

Seine Eltern leiden unter der Schmach ihres versagenden Sohns, verstecken ihn, unterstützen ihn aber auch. Hikikomori nennt man in Japan diese Menschen und sie sind kein sehr seltenes Phänomen.

Eines Tages setzt sich ein älterer Mann auf die Parkbank gegenüber. Er ist ein „Salaryman“, also einer jener unzähligen uniformen Büroangestellten Japans. Wegen seiner korrekten Kleidung nennt Taguchi ihn insgeheim „Krawatte“.
Krawatte erscheint nun ebenfalls Tag für Tag, um Stunden im Park zu verbringen. Zwischen ihm und dem jungen Mann entsteht allmählich eine vorsichtige Annäherung. Sie machen sich vertraut, bis sich der Salaryman schließlich als Ohara Tetsu vorstellt. Er hat seine Arbeit verloren und sich bisher nicht getraut, es seiner Frau zu sagen. Eine alte Geschichte. Aber es steckt mehr dahinter, als die Angst, als Versager dazustehen. Ihn treiben Fragen wie

„Wer hätte ich werden können.
Wer war ich geworden.
Wer werde ich sein, wenn sie (seine Frau Kyoko) herausfindet, wer ich bin.“

„Wie ist es dazu gekommen, dass wir uns so sehr verfehlten?“

Der Salaryman und der Hikikomori kommen ins Gespräch, erzählen sich von lange zurückliegenden Begebenheiten, in denen sie falsch gehandelt haben, die sie bis heute mit Schuld und Scham verfolgen. Auch deshalb sind sie den immer wieder neuen Anforderungen, die das Leben an sie stellt nicht gewachsen. Und weil sie in einem Umfeld des Schweigens leben.

„Wir haben einen Pakt geschlossen: Lieber nichts wissen voneinander. Und dieser Pakt ist das, was Familien über Jahre zusammenhält. Wir waren Maskenträger.“


Taguchi Hiro und Ohara Tetsu erzählen sich aus ihrem Leben, langsam, sie lassen sich Zeit, bedrängen sich nicht. Dieses Zögernde, Tastende kommt auch in der Sprache zum Ausdruck, die vorsichtig, auch irgendwie tastend ist. Sie erzählt behutsam aus zwei erschütterten Leben.

„Irgendwann glücklich sein. Es bedurfte dazu nur eines kleinen Sprungs. Hinüber auf die sichere Seite, hinüber zu denen, die nicht zu viel nachdenken, nicht darüber, wie weh es tut, nicht nur den anderen, sondern mit ihm sich selbst verraten zu haben Ich wollte dorthin, nahm Anlauf, war noch im Anlaufen.“


Aber: „Nein, nicht wahr, das wäre zu einfach. Um zu vergeben, um wirklich frei zu sein, muss man sich erinnern, Tag für Tag.“


Das ist beklemmend und zart zugleich, tieftraurig und doch auch – ja – heiter, dem Leben zugewandt.

Michiko Flasar – Ich nannte ihn Krawatte – ein leises, wunderbares Buch.

gebundene Ausgabe mittlerweile vergriffen, Taschenbuchausgabe bei btb

 

Peter Stamm – Weit über das Land

Peter Stamm – Weit über das Land

Peter Stamm - Weit über das LandEines Spätsommerabends, die Familie ist gerade aus dem Spanienurlaub heimgekehrt, die Frau Astrid nach drinnen verschwunden, um den quengelnden Sohn ins Bett zu bringen, steht Thomas von der Gartenbank auf und geht davon.
Ein altes Motiv, Mann geht nur mal eben Zigaretten holen, „Ich war noch niemals in New York“, und anscheinend eine beliebte, vorzugsweise männliche Phantasie, einfach aufzubrechen, das alte Leben hinter sich zu lassen und ganz neu anzufangen.
Selten wurde diese aber mit einer solchen Konsequenz verfolgt wie hier.
Nichts war geplant, die Ehe keineswegs unglücklich, der Beruf als Buchhalter vielleicht nicht die große Erfüllung, aber durchaus auch nicht als quälend empfunden, keine finanziellen Probleme und zwei geliebte Kinder – Thomas Motivation bleibt völlig im Dunklen, vielleicht gibt es auch gar keine. Allenfalls andeutend sind die Sätze, dass die Büsche am Grundstücksrand zu einer unüberwindbaren Mauer emporwachsen, die Rasenfläche als „ein Verlies, aus dem es kein Entkommen gab“ erscheint.
Doch besonders die Konsequenz, mit der der Weggang, eher eine Flucht, betrieben wird, der Büromensch härteste Bedingungen auf seinem Weg in Kauf nimmt, sich versteckt, als würde er verfolgt und waghalsige Risiken auf sich nimmt, leuchtet wenig ein.
Thomas hat kein Ziel, meldet sich nicht mehr, wandert einfach drauf los, in die Berge. Auch ein typisch männliches, auch dezidiert schweizerisches Motiv.
Astrid hingegen versucht zunächst, alles beim Alten zu belassen, möglichst wenig zu ändern, möglichst niemanden einzuweihen. Irgendwann geht sie doch zur Polizei, die auch Thomas Spur aufnimmt, diesen aber immer wieder verpasst.
Astrid lebt mit ihrer Trauer überraschend gut, auch die Kinder scheinen den Verlust äußerlich recht gut wegzustecken.
Äußerlich, denn was in den Personen vorgeht, bleibt weitgehend im Dunkeln, auch Entwicklungen machen diese keine durch. Peter Stamm schreibt in seiner bekannt reduzierten, lakonischen Art. Ein Großteil des Erzählten besteht aus bloßen Beschreibungen, wobei besonders denen der Natur eine besondere Bedeutung zukommt.
Die Erzählung wechselt stets von Thomas zu Astrids Perspektive, es gibt zeitliche und erzählerische Verschiebungen, die sehr reizvoll sind.
Irgendwann fasert die Geschichte aus, verschwimmt. Wie auch Thomas anfängliches Weggehen eingeleitet wird mit „Thomas stellte sich vor“, wechselt der Konjunktiv in den Indikativ und umgekehrt. Einmal denkt Astrid direkt,
„dass das alles nicht wirklich, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten war. „
Und verschiedene Möglichkeiten bietet uns nun auch der Roman an. Welche Version stimmt? War alles nur ein Traum, eine Phantasie? Ab wann? Von Thomas? Von Astrid?
Nichts wird geklärt. Aber die Geschichte bekommt dadurch eine andere Dimension, weg von der wenig überzeugenden Aussteigergeschichte hin zu einer Phantasie über das Vergehen der Zeit, den Sinn der Existenz, das Gewicht von getroffenen Entscheidungen.

Peter Stamm – Weit über das Land

S. FISCHER 2016, 224 Seiten, gebunden, € 19,99