Ein queerer Coming-of-age-Roman und eine turbulente Mutter-Sohn-Geschichte: Mit Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) gewann der libanesische, auf Englisch schreibende Autor Rabih Alameddine 2025 den National Book Award.
Er erzählt die wilde du oft (ein wenig zu)derbe Geschichte des 63-jährigen Philosophielehrers Radscha, der mit seiner hochbetagten, aber noch sehr agilen und vor allem scharfzüngigen Mutter Zalfa in einer winzigen Wohnung in Beirut lebt. Vor mehr als 25 Jahren hat er ein kurzes Buch auf Japanisch (das er mehr oder eher weniger gut beherrscht) verfasst, das überraschenderweise ein großer Erfolg wurde. Von diesem „Ruhm“ hat er eine Weile gezehrt, aber das ist schon lange vorbei, als er die Einladung der American Excellence Foundation zu einem dreimonatigen Schreibaufenthalt in Virginia/USA erhält. Ihm kommt das ein wenig merkwürdig vor, aber die Chance, für eine Weile seiner übergriffigen Mutter und ihrer genauso vereinnahmenden besten Freundin, der lokalen Mafia-Patin Madame Taweel, zu entkommen, ist zu verlockend.
Die Entführung
Parallel zu diesem im Jahr 2023 spielenden Strang geht der Roman fast sechzig Jahre zurück in Familien-, libanesischer bzw. Nahost-Geschichte. Der Sechstagekrieg 1967 zwischen Israel und den arabischen Ländern und der von 1975 bis 1990 tobende Bürgerkrieg im Libanon führen in die Kindheit und Jugend von Radscha. Ziemlich zu Beginn wird er als Teenager entführt und monatelang in einem Keller gefangen gehalten. Dabei ist er eher ein Zufallsopfer. Er saß unfreiwillig im Auto von zwei älteren Mitschülern, einer davon sehr reich und eigentlich als Opfer gedacht. Die Entführung läuft aus dem Ruder und die beiden anderen Jungen werden getötet. Radscha wird von einem flüchtigen Bekannten, der ebenfalls an dem Überfall beteiligt war, „gerettet“.
Dieser Boodie sperrt ihn ein, angeblich um ihn vor seinen Mittätern zu beschützen. Sein Verhalten wechselt zwischen fürsorglich und brutal. Der fünfzehnjährige Radscha entwickelt allmählich Gefühle für ihn und entdeckt, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Es kommt zu derbem Sex. Freiwillig oder unfreiwillig, das wird nicht ganz klar, ebenso die zwischen Hass und Liebe schwankenden Gefühle, die die beiden jungen Männer füreinander empfinden. Boodie schließt sich „draußen“ einer Miliz an, taucht manchmal tagelang nicht im Versteck auf. Eines Tages kann Radscha fliehen. Boodie sieht er nicht wieder. Aber er lebt nun mehr oder weniger offen als Schwuler und als Drag-Entertainer. Die Tage in Gefangenschaft begleiten ihn als Trauma weiter.
Nach diesen prägenden Monaten verändert sich auch das Verhältnis zu seiner Mutter. Sie, die eigentlich immer den Bruder bevorzugte, Radscha nie beistand, wenn der Vater ihn als Kind als zu unmännlich verhöhnte und quälte, ist ihm nun nah, oft zu nah. Vor allem als sie letztendlich zu ihm zieht.
Ein Land in der Krise
2019 wird das Land von einer beispiellosen Wirtschaftskrise erfasst. Durch jahrzehntelange staatliche Misswirtschaft, exzessive Korruption und ein schneeballsystemartiges Wirtschaftsexperiment kommt es zu einem umfassenden Bankenkollaps, der weiten Teilen der Bevölkerung das Vermögen raubt. Die Bevölkerung protestiert. 2020 beherrscht der Corona-Virus das Weltgeschehen und am 4. August kommt es zu einer schrecklichen Katastrophe, einer der größten nichtnuklearen Explosionen der Geschichte. Unsachgemäß gelagertes Ammoniumnitrats entzündet sich durch Schweißarbeiten, in der Nähe gelagerte Feuerwerkskörper verstärken die Explosion. Im Hafen und angrenzenden Gebieten sterben über 200 Menschen und große Teile der Stadt werden schwer verwüstet. Davon hat sich Beirut bis heute nicht erholt (vgl. auch Pierre Jarawans Roman Frau im Mond).
Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) ist ein oft witziger, quirliger, manchmal arg derber Roman über das Aufwachsen eines jungen Mannes, sein Coming-out und die komplexe, aber immer sehr innige Verbindung zu seiner Mutter, und verknüpft das alles mit 60 Jahren libanesischer Geschichte. Lesenswert!
Beitrgsbild: Damages after 2020 Beirut explosions by Mehr News Agency, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
Rabih Alameddine – Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
C.H.Beck März 2026, 351 Seiten, Hardcover, € 26,00







