Die erste Hälfte des Jahres ist vorbei. Bevor ich mir die Highlights dieses ersten Halbjahres in Erinnerung rufe, kommt hier noch die Lektüre im Juni 2026.
Vladimir Vertlib – Der Jude der Kaiserin
Wien im November 1668. Die 17-jährige Kaiserin Margarita Teresa hat ihr erstes Kind Ferdinand Wenzel mit nur einem Jahr verloren. Nun lastet der Druck auf der jungen Frau, möglichst schnell einen neuen Thronfolger auf die Welt zu bringen. Margarita Teresa stammt aus dem spanischen Zweig der Familie der Habsburger. 15-jährig wird sie mit ihrem Onkel verheiratet. Man kennt sie von den steifen, höfischen Porträts von Diego Velasquez, insbesondere dem weltberühmten „Las Meninas“. An das rigide spanische Hofzeremoniell gewöhnt, streng katholisch und von einem fanatischen Judenhass beherrscht, findet sie sich relativ schwer in Wien zurecht. Zwei Vertraute hat sich die junge Kaiserin aus Spanien an den Wiener Hof mitgenommen, ihren Beichtvater, den rigiden Padre Sebastián, und ihren Leibarzt, Pedro de Rojas. Mittlerweile 55 Jahre alt, begleitet de Rojas Margarita Teresa seit ihrer frühen Kindheit. Er ist ihr engster Vertrauter, aber Pedro ist ein Marrane, ein nur angeblich Konvertierter, der weiterhin – vermeintlich geheim – dem jüdischen Glauben anhängt. Dieser empfiehlt, zur nächsten Entbindung Margarita Teresas die beste Hebamme der Stadt, die Jüdin Esther zur Hilfe zu rufen. Sie stimmt zu, denn das Kind muss leben – und ein Junge sein.
Vladimir Vertlib schafft aus diesem Stoff einen spannenden, vielschichtigen Historienroman.
Colm Tóibín – Die Schwestern
Drei argentinische Schwestern erben von ihrer Tante in Katalonien ein Haus. Einst sind sie selbst mit ihrer Mutter aus dem kleinen Pyrenäendorf ausgewandert. Núria ist die Älteste und mittlerweile Witwe. Aus einer armen Einwanderer-Familie stammend, hat sie in die Upperclass von Buenos Aires eingeheiratet und führt ein Leben zwischen Country Clubs und Eigenheim mit Dienstboten. Ihre Schwestern behandelt sie herablassend und distanziert. Conxita, die mittlere Schwester, lebt offiziell als Gesellschafterin der wohlhabenden Señora Maria Luisa Bustamante, ist in Wahrheit aber wohl deren Lebenspartnerin. Montse selbst hat sich als junge Frau mit einem wesentlich älteren, verheirateten Mann eingelassen, der für sie eine Wohnung gekauft hat und sie auch sonst ausgehalten hat. Nach seinem Tod zwingt sie seine Familie, auszuziehen. Nun arbeitet sie in einer Autowerkstatt.
Die drei Schwestern haben nahezu keinen Kontakt mehr, seit die Mutter gestorben ist. Was soll jetzt mit dem Haus in Spanien geschehen? Für Núria ist der Verkauf ausgemachte Sache, aber Montse hat andere Pläne. Die Schwestern fliegen nach Barcelona und verfallen in ihre alten Schwestern-Rollen. Montse will das Haus nicht verkaufen und nicht nach Argentinien zurückkehren. Dafür schreckt sie auch nicht vor einem Betrug zurück.
Dror Mishani – Nicht
Oschra und Eli, beide beginnen im hebräischen Alphabet mit dem Buchstaben Aleph, was Eli als Zeichen für ihre große Harmonie als Ehepaar ansieht. Doch Oschra ist früh gestorben. Eli, nun Anfang Fünfzig, trauert, ist ein wenig depressiv. Als Übersetzer sieht er sich zudem von der neuen KI-Technologie bedroht. Die Zukunft ist für ihn düster und einsam. Da lernt er bei einem Essen bei Freunden die deutlich jüngere Cellistin Lia kennen. Und wie ein Wunder kehrt bei ihm wieder die Liebe ein und wird erwidert. Der eigentlich als Krimiautor bekannte Dror Mishani hat mit Nicht einen kleinen Liebesroman geschrieben, der vor allem durch seine feine psychologische Zeichnung lebt und auch Krimi- und Thrillerelemente aufweist.
Shelly Kupferberg – Tage wie Stunden
Berlin Schöneberg, Ende der 1990er Jahre. Ein alte Frau, leicht abgerissen, mit schlohweißem, verfilztem Haar und abgetretenen Pantoffeln läuft durch den Kiez und scheint überall bekannt und beliebt zu sein. Shelly Kupferberg, die dort selbst nach einer Wohnung sucht, fällt diese Frau auf. Obdachlos? In dem Alter? Sehr bald erfährt sie, dass die Frau Martha heißt und millionenschwere Hausbesitzerin sein soll. Gerüchte sagen ihr nach, das Vermögen im Krieg durch eine Affäre mit einem ranghohen Nazi erschlichen zu haben. Mit Stunden wie Tage schreibt die Autorin nun die berührende Geschichte von Martha, ihren Weg von der Hausbesorgerin bei den reichen jüdischen Brüdern Berkowitz zur Hausbesitzerin und ihrer Beziehung zur 1942 von den Nationalsozialisten hingerichteten Adoptivtochter Liane Berkowitz auf. Es war etwas anders als gedacht. Und Stunden wie Tage ist auch eine großartige Berlingeschichte.
Karin Zipse – Moosland
1949 warb der isländische Bauernverband junge, unverheiratete Frauen aus Deutschland an, um für mindestens ein Jahr auf einem der dortigen Höfe zu arbeiten. Es gab auf Island einen Frauen- und Arbeitskräftemangel auf dem Land, da viele junge Frauen in die Stadt zogen oder mit einem der stationierten GIs in die USA gingen. Fast 200 Deutsche folgten dem Aufruf. Das vom Krieg zerstörte Land, fehlende Männer oder, wie bei der Protagonistin Elsa, ausgelöschte Familien boten wohl wenige Zukunftsperspektiven. Armut und Hunger taten das Übrige. Das Leben auf Island ist rau und ungewohnt und Elsa tut sich zunächst schwer.
Es ist ein stiller Roman über ein wenig bekanntes Thema, das Karin Zipse mit Moosland vorlegt. Ihr gelingt es gut, die Rauheit der Landschaft, die Sprödigkeit der Menschen und die Trauer Elsas zu vermitteln. Sie wahrt Distanz und wählt ihrerseits eine eher spröde Sprache. Besonders zu Beginn wartet der Text mit sehr einfachen, kurzen Sätzen auf. Das ist manchmal nicht wirklich schön zu lesen. Aber es passt und verliert sich mit fortschreitendem Text. Ein durchaus empfehlenswertes Buch.
Ida Fink – Die Reise
Die Reise – was so einfach, so positiv klingt, erzählt von einem tief berührenden Schicksal.
Polen im Herbst 1940. Das jüdische Ghetto der Stadt leert sich zusehends. Immer weniger der Zwangsarbeiter aus dem Steinbruch kommen abends nach getaner Arbeit zurück. Es gibt Razzien, zuerst holen sie die Alten und Kranken.
Der Vater hat für Elzbieta uns Katarzyna gefälschte Papiere besorgt. Er drängt sie sie zur Flucht, solange dies noch möglich ist. Es beginnt eine gefährliche, atemlose Zeit. Die beiden jungen Frauen melden sich als polnische Freiwillige zum Arbeitsdienst nach Deutschland. Ein risikoreiches Unterfangen, sind diesen Weg doch bereits andere Jüd:innen gegangen und teilweise enttarnt worden. Und auch die beiden Mädchen werden zunächst im Arbeitslager, später auf verschiedenen Bauernhöfen immer wieder in die Enge getrieben, teils entdeckt, verraten, aber auch beschützt. Sie müssen ihre Identität immer wieder wechseln.
Aber wie kann man so leben? Mit dieser ständigen Angst, mit falschen Identitäten, so jung?
Ida Fink und ihre Schwester haben genau das erlebt. Ein jahrelanger Albtraum. 1957 verließ sie Polen endgültig und veröffentlichte ab 1971 von dort ihre autobiografischen Werke. 2011 starb sie in Tel Aviv 90-jährig.
Die Reise wurde auch verfilmt und erzählt in wunderbarer Sprache, übersetzt von Klaus Staemmler, von dieser schrecklichen Zeit ihres Lebens, aber auch von Solidarität und Schwesternliebe. Ein eindrückliches Buch.
Nefeli Kavouras – Gelb, auch ein schöner Gedanke
Der Debütroman der jungen Schriftstellerin Nefeli Kavouras Gelb, auch ein schöner Gedanke trägt nicht nur einen der zauberhaftesten (und rätselhaftesten) Titel, sondern ist auch ein absolut skurriles, im besten Sinne seltsames Stück Literatur. Es beginnt mit der Beerdigung von Georg. Dieser ist seit dem ersten Schlaganfall vor acht Jahren ein Pflegefall. Seine Frau Ruth kümmert sich zwischen pflichtbewusst und liebevoll um ihn, während die Tochter Lea Distanz wahrt. Zwischen Mutter und Tochter kommt es immer wieder zu Reibereien. In abwechselnden Kapiteln erzählen Ruth und Lea von ihren Gedanken, Gefühlen und Zweifeln. In der Mitte des Buch kommt es zu einem magischen Plottwist, der auch eine völlige Umverteilung der Rollen mit sich bringt.
Poetisch, zärtlich, verspielt und ziemlich verrückt erzählt Nefeli Kavouras in Gelb, auch ein schöner Gedanke vom Tod und vom Sterben, von Trauer und vom Abschiednehmen.
OLIVIER GUEZ – DIE WELT IN IHREN HÄNDEN
Gertrude Bell war zu ihrer Zeit eine der mächtigsten Frauen des British Empires und zumindest im Nahen Osten äußerst einflussreich, war beispielsweise maßgeblich an der Gründung des Staates Irak beteiligt. Heute ist die 1868 in Washington Hall im Nordosten Englands in eine sehr angesehene und reiche Familie geborene „Forschungsreisende, Historikerin, Schriftstellerin, Archäologin, Alpinistin, politische Beraterin und Angehörige des britischen Geheimdienstes im Ersten Weltkrieg“ (Wikipedia) nahezu vergessen. Der französische Autor Olivier Guez verwebt ihre Biografie mit der geopolitischen Geschichte des Zweistromlandes Mesopotamiens im 19. Jahrhundert. Interessant ist, dass die so unabhängige, engagierte und politisch einflussreiche Frau nicht nur als Kind ihrer Zeit imperialistisch, überheblich und elitaristisch gesinnt war, sondern auch eine entschiedene Anti-Feministin.
Schnörkellos und sehr nüchtern, mit einem überbordenden Informationsgehalt liest sich das Buch sehr spannend und interessant, lässt aber wenig Nähe zu seinen Protagonist:innen entstehen. Dafür bietet es tiefe Einblicke in die Vorgeschichte der heutigen Konfliktregion Nahost.






