Hannah Dübgen – Über Land

Hannah Dübgen – Über Land

Hannah Dübgen - Über Land

Am Ende ist es eine grüne Schachtel mit köstlicher Baklava, die Clara, eine junge Berliner Ärztin, ihrer irakischen Freundin Amal aus deren Heimat mitbringen wird. Ein süßer, delikat duftender Gruß aus der Heimat, die Amal aus Angst vor Verfolgung verlassen hat, nachdem ihr Vater auf dubiose Weise spurlos verschwunden ist.

Die Flucht hat sie nach Berlin geführt, in ein Aufnahmeheim an Rande der Stadt. Damit teilt sie das Schicksal von unzähligen Anderen, die nun in vordergründiger Sicherheit leben, aber zu kämpfen haben, mit der Sprache, den ungewohnten Sitten, der Heimatlosigkeit, der Ungewissheit. Was wird drinstehen in dem gleichermaßen herbei gesehnten wie gefürchteten Schreiben der Behörden. Asyl oder Abschiebung? Weiterlesen „Hannah Dübgen – Über Land“

Eva Schmidt – Ein langes Jahr

Eva Schmidt – Ein langes Jahr

eva-schmidt- Ein langes Jahr

Wir sehen eine Stadt am See – obwohl nie explizit erwähnt, leicht als Eva Schmidts Wohnort Bregenz zu identifizieren -, der Roman beginnt mit einer Totalen darauf. Es ist früh am Morgen, der Herbst beginnt und die Autorin zoomt langsam näher, nimmt eine Siedlung ins Visier, kleine Siedlungshäuschen, Villen, ein Hochhaus. In 38 meist sehr kurzen Kapiteln werden nun einzelne Bewohner vorgestellt, fast dreißig an der Zahl. Sie gewähren dem Leser kurze Einblicke in ihr Leben, meist in der personalen, in einzelnen Fällen auch in der Ich-Perspektive. Weiterlesen „Eva Schmidt – Ein langes Jahr“

Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis

Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis

Bodo Kirchhoff - Widerfahrnis

Amavero – Ich werde geliebt haben.

Auf langen Spaziergängen mit dem Vater hat Julius Reither einst das Konjugieren lateinischer Verben geübt. Amare – lieben – war eines davon. Sein Futur II – Ich werde geliebt haben – passt sehr gut zu der Geschichte, die Bodo Kirchhoff in seiner Novelle erzählt.

Julius Reither ist über 60 und war bis vor kurzem Verleger in einem Frankfurter Kleinverlag mit angeschlossener Buchhandlung. Als das Geschäft drohte einzuschlafen, wurde es liquidiert und mit den Erlösen ließ sich Reither in einer Wohnresidenz in den Bergen nieder.
Dort begegnet er nun die etwas jüngere Leonie Palm, die wiederum leitet in dieser Residenz einen Lesezirkel und möchte den Ex-Verleger gerne dafür gewinnen. Nicht ganz uneigennützig, denn auch sie selbst hat mit dem Schreiben begonnen nachdem ihr kleiner Hutladen immer weniger Kunden angezogen hatte.

Aus dieser Begegnung an Reithers Tür entsteht eine spontane nächtliche Fahrt an den benachbarten Achensee, aus der schließlich eine Reise bis nach Sizilien führt.
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Kurt Oesterle – Martha und ihre Söhne

Literatur über die unmittelbare Nachkriegszeit erzählt meist aus männlicher oder kindlicher Sicht. Es sind die heimkehrenden Männer, die sich in der sogenannten „Trümmerliteratur“ ihren Platz ins Leben zurückschreiben wollen, es sind die Schriftsteller, die sich an ihre Kindheit in jenen Jahren erinnern. Zudem gibt es eine deutliche Überzahl derjenigen Romane, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus, besonders auch der Verfolgung und Ermordung der Juden und anderer Bevölkerungsgruppen oder dem grausamen Kriegsgeschehen beschäftigen. Zumindest mir sind relativ wenige, zumal neuere literarische Werke bekannt, die sich intensiv mit der Zeit unmittelbar nach 1945 beschäftigen. Und dann noch die Perspektive einer jungen Frau, deren Sozialisation nahezu vollständig im Dritten Reich erfolgte, einnehmen. Das tut Kurt Oesterle mit Martha und ihre Söhne.

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Thees Uhlmann – Sophia der Tod und ich

Thees Uhlmann – Sophia der Tod und ich

Thees Uhlmann - Sophia,der Tod und ich

Ich mag ja keine betont lustigen Bücher. Besonders eine extra lässige Ausdrucksweise kann ich meist schwer ertragen. Und wenn wieder ein Musiker/Schauspieler/Moderator in die schreibende Zunft wechselt, bin ich extrem skeptisch.

Das Schöne an solchen Voreingenommenheiten ist, dass man damit gehörig falsch liegen kann. Und wenn man dann auf vertrauenswürdige Empfehlungen hört, kann man manchmal ganz unverhofft eine Entdeckung machen. Weiterlesen „Thees Uhlmann – Sophia der Tod und ich“

Verena Boos – Blutorangen

Verena Boos – Blutorangen

Verena boos BlutorangenWie geht man mit der eigenen Vergangenheit um, besonders wenn sie dunkle Flecken aufweist? Wie geht man mit eigener Schuld um? Wie begegnet man den Menschen, denen man Unrecht getan hat? Ein schwieriges Thema.
Schicksalhafte Dimensionen erreicht es, wenn ganze Staaten, ganze Völker davon betroffen sind. Wie lange der Prozess der Aufarbeitung oder gar Versöhnung dauert, sieht man immer wieder. Südafrika, Kambodscha, Ruanda oder, näher, der Balkan, sind nur einige Beispiele dafür.
Eine offene, ehrliche Auseinandersetzung scheint uns dabei das Wichtigste. Wie schwer dies ist, selbst für eine unserer westlichen Demokratien, sieht man am Beispiel Spaniens. Weiterlesen „Verena Boos – Blutorangen“

Irmgard Keun – Kind aller Länder

Irmgard Keun – Kind aller Länder

Irmgard Keun - Kind aller Länder1938 erschien der Roman „Kind aller Länder“ erstmals im Exilverlag Querido. Irmgard Keun, vor 1933 mit zwei Titeln sehr erfolgreiche Schriftstellerin und nun von den neuen Machthabern verfemt, war da bereits auch ein solches heimatloses „Kind“, verfolgt, auf der Flucht durch Europa.
Ihre Stationen waren dieselben wie für die zehnjährige Kully, die, gefragt, ob sie nicht manchmal Heimweh hätte, erst einmal überlegen muss, was Heimweh für sie eigentlich bedeutet. Weiterlesen „Irmgard Keun – Kind aller Länder“

Sabine Gruber – Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

Sabine Gruber – Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

Sabine Gruber - DaldossiBilder bestimmen, wie wir die Welt wahrnehmen. Bilder sind es, die unsere Erinnerungen festlegen. Gerade in unserer heutigen Mediengesellschaft wissen wir um die Bedeutungshoheit der Foto- und Filmaufnahmen, die bei allen bedeutenden Ereignissen in Windeseile um die Welt geht. Ob von den jüngsten Terroranschlägen, den Flüchtlingsströmen quer durch Europa oder den Kampfeshandlungen an den unterschiedlichsten Schauplätzen, immer sind es die Bilder, die unsere Wahrnehmung prägen. Weiterlesen „Sabine Gruber – Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“

Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeitbenedict-wells-vom-ende-der-einsamkeit„Ein Meisterwerk“, gerne noch ergänzt mit dem Attribut „absolut“, „erstaunlich gereift“, „große Erzählkunst“ und „Was für ein Buch!“. Die Begeisterungsstürme zu Benedikt Wells neuem Roman „Das Ende der Einsamkeit“ sind mehr als zahlreich. Und das nicht nur in den Buch-Communities, sondern auch im Feuilleton. Selbst der sonst gerne nörgelige Dennis Scheck spricht von einem „Hammer von Familienroman.“
Nun ist es nicht das erste Mal, dass ich ein solch hoch gelobtes Buch ratlos zuklappe. Immer wieder frage ich mich allerdings, warum ich es so ganz anders empfunden habe.
Vielleicht liegt es daran, dass der junge und sicher sehr begabte Autor mit diesem Buch allzu sicher den Geschmack des Lesepublikums trifft.
Die Geschichte um drei Geschwister, deren glückliche Kindheit abrupt mit dem Unfalltod der Eltern endet, die sich zeitweise, aber nie ganz aus den Augen verlieren, die ihre Jugend in zweitklassigen Internaten verbringen und daraus mehr oder weniger beschädigt hervor gehen, wirkt für mich allzu konstruiert, zu bedeutungsschwer, zu aufgeladen mit allem, was das etwas anspruchsvolle, zur Melancholie und den „großen Fragen des Lebens“ in der Literatur neigende Publikum schätzt. Die Gleichung geht zu glatt auf.
Da ist natürlich die zunächst tragische Liebe des jüngsten, am Verlust der Eltern augenscheinlich am meisten leidenden Sohn Jules zu Alva, einer Klassenkameradin, die wie er eine Außenseiterin, eine traurig-melancholische Grüblerin ist. Tiefsinnige Literatur und Musik, das Buch als Playlist begleitend und von depressiven Songs wie „Heroin“ von Velvet Underground zum romantischen „Moonriver“ führend (und auch ausgesprochen gute Stücke umfassend), scheinen mir immer wieder zuzuraunen: „Schau mal, wie tiefschürfend und existenzialistisch wir sind! Genauso wie die Protagonisten – und der Autor.“
Genauso aufdringlich sind die ungezählten Schicksalsschläge, die die Figuren erleiden und die mich, anstatt zu berühren, schließlich nur noch genervt haben. Alles ist trotz seiner Komplexität so vorausschaubar! Für jede Kleinigkeit wird die Bedeutung gleich mitgeliefert.
Neben dieser allzu sehr auf ihre Wirkung bedachten Konstruiertheit gibt es aber noch einen Punkt, der mich sehr gestört hat. Und das war die mangelnde kritische Reflektion.
Zwar ist durch die Wahl der Ich-Perspektive natürlich automatisch eine große Nähe zu den Personen gegeben. Da die Ereignisse aber in der Retrospektive vom gealterten Jules erzählt werden, wäre da durchaus mehr drin gewesen.
Zumal manches Geschilderte zumindest fragwürdig ist.
Da ist zum einen mit welcher Selbstverständlichkeit dem schwer an Alzheimer erkrankten Ehemann der Jugendliebe und nun endlich auch tatsächlichen Geliebten Alva, die den beträchtlich älteren, berühmten und steinreichen russischen Schriftsteller (Brieffreund Nabokovs!) einst (aus sicher auch fragwürdigen Gründen, die hier aber natürlich auch nicht diskutiert werden) geheiratet hat und ihn nun als alten, kranken Greis nicht mehr ertragen kann (mit absoluter Kaltblütigkeit wird bereits an der Unterbringung in einem Privatsanatorium gearbeitet), mit welcher Selbstverständlichkeit diesem armen, verängstigen Mann also von Jules eine Flinte in die Hand gedrückt wird, ist verblüffend. Leicht verschämt wird vom Ich-Erzähler lediglich angemerkt, man könnte jetzt völlig irrtümlich annehmen, er „wollte sich eines Rivalen“ entledigen. Ach was, keineswegs, so durchweg positiv , geradezu heldenhaft die Personen von Benedikt Wells angelegt sind. Ich sehe schon das Lesepublikum dieses eigentlich unglaubliche Vorgehen weihevoll abnicken (wo sonst bereits beim Quälen jedes Kätzchens protestiert wird). Handelt doch der Ich-Erzähler ganz im Sinne des Demenzkranken (während er dessen Bitte, es bis zu seinem absehbaren Tod nicht in eigenen Haus mit seiner Frau zu treiben, leider nicht erfüllen konnte – Liebe, Leidenschaft und so). Es ist die so völlig unkritische Einstellung des Autors seinem Personal gegenüber, die mich schließlich richtig verärgert hat.
Nicht verschweigen will ich natürlich, dass der Autor tatsächlich sehr gut schreiben kann. Trotzdem ich ziemlich bald auf Krawall gebürstet war, hat er mich doch passagenweise wirklich gepackt und mitgenommen. Über weite Strecken gelingt ihm das Erzählen auch trotz der ganzen dramatischen Ereignisse und Verstrickungen relativ pathosfrei. Das ist natürlich auch ein Verdienst. Für mich war es aber eindeutig zu wenig.

Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

Diogenes Verlag März 2016, Hardcover Leinen, 368 Seiten, € 22.00

Juli Zeh – Unterleuten

Juli Zeh – Unterleuten

Unterleuten von Juli ZehUnterleuten heißt der kleine Ort, der zum Schauplatz von Juli Zehs neuem Roman, ehrgeizig als „Gesellschaftsroman“ betitelt, wird. Unterleuten bedeutet natürlich auch „Unter Leuten“, denn kaum wo kann man so schlecht untertauchen, in der Anonymität versinken, sich der Gemeinschaft entziehen wie in einem kleinen Dorf. Hier klappt die Überwachung bestens und lässt jegliche NSA-Attacken alt aussehen.

Aber taugt so ein kleines Kaff irgendwo in Brandenburg wirklich auch als Hintergrund für ein Gesellschaftspanorama der heutigen Zeit?

Ein klares Ja, nachdem man den nicht nur äußerst unterhaltsamen und spannenden, sondern auch sehr klugen Roman gelesen hat.

Sicher sieht hier das Leben ganz anders aus als in den Großstädten, natürlich schwebt hier am Horizont immer auch eine ostdeutsche, sprich DDR-Vergangenheit mit. Aber unsere Gegenwart ist sowieso zu vielschichtig, zu komplex und undurchschaubar, um sie in allen ihren Facetten zu erfassen. Der universale Gesellschaftsroman à la Balzac oder Fontane lässt sich heute vielleicht nicht mehr schreiben.

Da dient das Dorf als Mikrokosmos. Mit überschaubarem Personal und überschaubaren Beziehungen. Und Juli Zeh lässt allerhand „Auswärtige“ in die Dorfgemeinschaft einziehen, so wie es tatsächlich heute in vielen Gemeinden rund um Berlin geschieht.

Einige fliehen vor den Zumutungen der Großstadt, wie z.B. der ehemalige Professor Fließ, der mit seiner deutlich jüngeren Frau Jule, ehemalige Studentin, und Säugling auf dem Land noch einmal neu beginnen will, mit schönem Heim und als Naturschutzbeauftragter, zuständig für den Vogelschutz, namentlich den Schutz der wenigen verbliebenen Kampfläufer, während seine eigentlich emanzipierte, moderne Frau seit der Geburt fast ausschließlich um Wohl und Wehe der kleinen Tochter kreist.

Oder wie die taffe Pferdeflüsterin Linda Franzen, die, ständig um Selbstoptimierung bemüht, das ehrgeizige Projekt einer Pferdefarm zu verwirklichen sucht. Noch fehlen die finanziellen Mittel, aber Linda ist überzeugt, durch entsprechendes Auftreten und entsprechende Ellenbogen eigentlich alles erreichen zu können. Ihr Freund Frederick ist ihr da keine große Hilfe. Mit einem Bein steht er noch in Berlin, wo er in der IT-Firma seines Bruders einen nicht besonders lukrativen Job hat.

Diesen Zugezogenen stehen die „Einheimischen“ gegenüber. Deren Verflechtungen und Verstrickungen reichen weit zurück, tief in die DDR-Vergangenheit und sind für die Uneingeweihten oft nicht zu durchschauen. Sie kreisen immer wieder um die alte Feindschaft des Großbauern Gombrowski und des alten, verbitterten Kommunisten Kron. Deren gemeinsame Geschichte reicht bis in die Kindheit zurück und trägt als einen verschütteten, wunden Kern den zwanzig Jahre zurückliegenden Tod eines anderen Bewohner Unterleutens.

Die Spannungen in der Gemeinde sind greifbar, die Bewohner spalten sich in zwei Lager, der gutmütige Bürgermeister Arne Seidel tut was er kann, hat das Amt aber auch mehr von Gombrowskis Gnaden und leidet unter dem Tod seiner Frau Barbara.

Durch die Neubürger, die alle von eigenen, selbstsüchtigen Interessen getrieben werden, gerät das fragile Dorfleichgewicht in Schieflage. Vollends eskaliert die Situation, als eine Windkraftanlage auf dem Gebiet der Gemeinde gebaut werden soll. Wie man das so kennt, will selbst der vehementeste Naturschützer keine erneuerbaren Energien, wenn sie vor seiner Haustüre stehen, und immer bleibt da auch die Frage: Wer verdient letzten Endes daran?

Eine sehr problematische Dynamik wird da in Gang gesetzt, ein Kind verschwindet, Verdächtigungen, Verleumdungen, Intrigen kursieren und auch vor offener Gewalt wird nicht zurückgeschreckt. Am Ende ist nichts mehr so wie zuvor.

Mit insgesamt 11 Hauptpersonen, um die sich noch eine ganze Anzahl Nebenfiguren scharen, schafft Juli Zeh ein komplexes, faszinierendes Dorf- und Gesellschaftspanorama. Mögen manche davon ein wenig nach fest zugewiesenen Rollen klingen – Naturschützer, Kapitalist, Kommunist…- so entwickeln sie sich doch zu ganz vielschichtigen, überzeugenden Charakteren. Ganz ohne Klischees geht das nicht ab, aber auch das reale Leben ist nie ganz klischeefrei. Besondere Tiefe erlangen die Charaktere vor allem durch die Erzählweise, die zwar durch eine auktoriale Erzählerin, am Ende entpuppt sie sich als Journalistin, aber immer abwechselnd aus streng subjektiver Perspektive jeweils einer der Personen berichtet. So lernen wir die Figuren aus ganz verschiedenen Blickwinkeln kennen und auch ein Stück weit verstehen. Denn wenn man auch keine davon als Nachbarn oder gar Freund wünschen würde, sie alle sind keine durchweg schlechten Menschen. Sie wollen alle irgendwie nur das Beste, vorzugsweise natürlich zuerst einmal für sich und die Seinen. Und die ganzen schlechten Dinge, die daraus entstehen, sind nicht einmal gewollt. Dazu wird einmal das Goethe-Wort falsch zitiert.

„ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft.“

Viele aktuelle Themen greift Juli Zeh in Unterleuten auf: Naturschutz, Land- sowie Stadtflucht, Selbstoptimierungswahn, Erneuerbare Energien, Bodenspekulation, Generationskonflikte, DDR-Altlasten, Familienmodelle und auch solche klassischen wie Freundschaft, Verrat, Schuld. Und auch wenn die Auffassung der Autorin deutlich herauskommt, wenn sie z.B. ihre Protagonisten sinnieren lässt

„Das kapitalistische System pflanzte einen Angstkern in die Seelen seiner Kinder, die sich im Laufe ihres Lebens mit immer neuen Schichten aus Leistungsbereitschaft panzerten.“

Oder

„Der Kapitalismus hatte Gemeinsinn in Egoismus und Eigensinn in Anpassungsfähigkeit verwandelt.“

Oder die Orientierungslosigkeit der „Ewigpubertierenden“, die den „Ach-so-komm-vorbei-Planeten“ bewohnen und sich doch insgeheim nach dem „Das-ist-so-nicht-hinnehmbar-Planeten“ sehnen.

Juli Zeh zeigt uns mit ihren Protagonisten auch andere Sichtweisen auf unterschiedlichste Gesellschaftsvorgänge, so die der pragmatischen Jungunternehmerin Linda Franzen und ihres Motivations-Gurus Manfred Gortz.

„Dass sich der Starke vor den Schwachen rechtfertigen soll, ist der faule Kern der demokratischen Idee.“

ist eine seiner Maximen. Und so propagiert er eine strikte Vorherrschaft des Stärkeren. Nicht zuletzt hat Juli Zehaut mit „Unterleuten“ auch einen politischen Roman geschrieben. Eine Gattung, an die sich immer weniger Autoren herantrauen, gerade auch im Bereich der unterhaltenden Literatur. Juli Zeh kennt sich zudem auch in der Spannungsliteratur aus und weiß Cliffhanger geschickt einzusetzen. Insgesamt also ein gut lesbares, aber alles andere als belangloses Stück Literatur. Aber auch der Gesellschaftsroman ist ihr ausnehmend gut gelungen.

Juli Zeh – Unterleuten

Luchterhand Literaturverlag März 2016, gebunden, 640 Seiten, € 24,99