2024 gewann Thomas Knüwer mit seinem Debüt-Kriminalroman Das Haus, in dem Gudelia stirbt den Deutschen Krimipreis national. Ein ganz außergewöhnlicher, überraschender Text – das hat auch die Jury überzeugt.
Es beginnt mit einem Prolog, der schon offenbart, wohin der Roman führt:
„Die alte Frau liegt im Dreck und lächelt. Es ist gerecht, denkt sie. Schuld schwimmt oben. Die Bine kann sie nicht bewegen. Erst hat er das linke, dann das rechte mit dem Spaten zertrümmert. Jesus Maria, hat sie geschrien.“
Die alte Frau, Gudelia Krol, übernimmt fortan die Rolle der Ich-Erzählerin. Und das auf drei Zeitebenen.
Auf der Gegenwartsebene, es ist Juni 2024, hat eine Jahrhundertflut das fiktive Dörfchen Unterlingen in der Donauregion heimgesucht. Der sonst so friedliche Murbach ist zu einem reißenden Strom geworden – wir fühlen uns fatal an die Katastrophe im Ahrtal 2021 erinnert – und hat das Dorf vollständig unter Wasser gesetzt. Die Bevölkerung wurde evakuiert. Nur die 81-jährige Gudelia harrt im ersten Stock ihres Hauses aus, sieht Bäume, tote Schweine des benachbarten Bauern, allerlei Unrat – und zwei mit Kabelbindern gefesselte menschliche Körper an ihrem Haus vorbeitreiben. Zunächst glaubt man den Aussagen der alten Frau nicht.
Zwei weitere Zeitebenen werden eingeführt, an die sich Gudelia während ihrer einsamen Zeit im Haus, bei der ihr nur das Ferkel Stephanus Gesellschaft leistet, erinnert. Und die nach und nach enthüllen, warum sie so vehement dagegen ist, ihr Haus zu verlassen – trotz aller Gefahren. Und die zeigen, dass die anfängliche Annahme, da sei einfach eine starrsinnige, vielleicht schon leicht demente Frau nicht bereit, ihr vertrautes Heim zu verlassen, zu einfach ist.
Verschiedene Zeitebenen
1984 stirbt Gudelias 15-jähriger Sohn Nico nach dem Besuch eines Dorffests im Straßengraben. Ertrunken lautet der Autopsiebericht, aber da sind auch noch die Wunde am Kopf, die darauf hinweist, dass Nico einen Schlag abbekommen hat, und der vorangegangene Streit mit Tim. Gudelia versinkt in einer bodenlosen, sich fast in den Wahnsinn steigernden Trauer.
1998 lässt sich Gudelia von ihrem immer mehr dem Alkohol verfallenen Mann Heinz das Haus überschreiben und zwingt ihn zu einer Entziehungskur. Das Geld zum Ablösen der Hypothek verschafft sie sich auf eigenwilligem Weg.
Die Entwicklungen, mit denen Thomas Knüwer in Das Haus, in dem Gudelia stirbt spielt, sind nicht gänzlich unvorhersehbar. Dennoch weiß der Autor immer wieder zu überraschen, besonders durch seine Protagonistin Gudelia in ihrer Eigenwilligkeit, Widerspenstigkeit und Maßlosigkeit. Schuld, bis zum Wahnsinn führende Mutterliebe und Rache sind die Motive. Die wunderbar heraufbeschworene Atmosphäre in der überfluteten Region, der Dreck, der Gestank, der Zerfall tragen viel dazu bei, dass man diesen Krimi nicht so schnell vergisst.
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Thomas Knüwer – Das Haus in dem Gudelia stirbt
Pedragon August 2024, Klappenbroschur, 290 Seiten, € 20,00







