Unsheltered – so der Originaltitel des bereits 2018 erschienenen, soeben auf Deutsch herausgekommenen Romans von Barbara Kingsolver, der mit Die Unbehausten nur leidlich gut getroffen wird. „Die Ungeschützten“ wäre vielleicht passender, hätte aber einen Beiklang, der ein wenig an einen verpassten Impftermin erinnert. Dabei geht es im Buch um ein allumfassendes Gefühl des ungeschützt Seins, des bröckelnden gesellschaftlichen Halts, der sozialen Unsicherheiten. Verkörpert wird dies durch ein baufälliges viktorianisches Haus im US-amerikanischen Vineland/New Jersey. Zwei Familien sind über es durch die Jahrhunderte verbunden (auch wenn sich am Ende herausstellt, dass es sich gar nicht um ein und dasselbe Haus handelt, der Platz ist derselbe).
1874 erbt Thatcher Greenwood, Naturkundelehrer an der hiesigen High-School, von seinem Schwiegervater das Haus an der East Plum Street 744. Mit seiner Frau Rose, der Schwiegermutter Aurelia und der minderjährigen Schwägerin Polly kehrt er aus Boston zurück in deren ehemaliges Elternhaus. Die Konstruktion des Hauses ächzt, das Dach ist undicht, aber Aurelia und Rose sind froh, wieder in Vineland zu sein. Sie verehren dessen selbstherrlichen Stadtvater Charles Landis, der die Stadt zehn Jahre zuvor unter puritanischen Gesichtspunkten gründete und nun erzkonservativ und autoritär beherrscht. Charles Landis und die Geschichte um ihn sind im Gegensatz zu der der Greenwoods historisch belegt.
Mary Treat
Eine ebenso reale historische Persönlichkeit ist die Nachbarin Mary Treat, eine Botanikerin und Insektenforscherin, die mit Charles Darwin und anderen Wissenschaftlern korrespondiert. Ihre Ansichten werden im reaktionären Vineland kritisch beäugt, in Thatcher Greenwood findet sie im Roman einen verständnisvollen, jüngeren Freund. Dieser entfernt sich immer mehr von seiner bigotten, nach gesellschaftlicher Anerkennung gierenden Frau und bekommt bald Ärger mit dem konservativen Schulleiter, der Darwins Thesen scharf verurteilt und auf eine kreationistische Lehre beharrt.
Populismus, Bigotterie und Fortschrittsfeindlichkeit sind leider nicht nur Relikte aus dem 19. Jahrhundert, sondern erschreckenderweise gerade wieder am Aufblühen. Barbara Kingsolver hat Die Unbehausten 2018 in den USA veröffentlicht. Die zweite Zeitebene, die sich mit der Geschichte um Thatcher Greenwood und Mary Treat kapitelweise abwechselt, spielt 2016, als Donald Trump noch „der Kandidat“ war und im Roman „das Megafon“ genannt wird. Ort der Handlung ist erneut die East Plum Street 744 und erneut ein marodes Haus. Willa Knox, Mitte 50, hat es von ihrer Tante geerbt. Ein riesiges viktorianisches Haus, dem das Fundament fehlt.
Marode Heime
Natürlich sind die maroden Häuser, und ganz besonders das fundamentlose im Gegenwartsstrang, Metaphern. Einmal spricht es Willa direkt aus:
„Unser Haus ist wie unser Land – eine Ruine.“
Das ist überdeutlich und der ganze Roman etwas plakativ. Barbara Kingsolver ist eine politische Autorin, gesellschafts- und sozialkritisch. Das war bereits in ihrem Roman Demon Copperhead so, in dem sie die amerikanische Opioid-Krise thematisierte. In Die Unbehausten geht es Barbara Kingsolver um die gesellschaftlichen Schieflagen, in die sich (nicht nur) die USA zunehmend begeben, die sich mit dem ersten Amtsantritt von Donald Trump drohend ankündigten und nun ein beängstigendes Ausmaß erreicht haben, wie es bei Erscheinen des Romans wahrscheinlich noch nicht einmal die Autorin vorhergesehen hat. Die Mittelklasse bröckelt weg, selbst gut und akademisch ausgebildete Menschen und hart arbeitende Menschen können vor dem Ruin stehen. Soziale Sicherungssysteme werden rückabgewickelt, alte Gewissheiten und Stabilitäten lösen sich auf.
Alte Stabilitäten lösen sich auf
Willa ist mit ihrer Familie von Virginia nach Vineland gezogen. Das Erbe schien ein Glücksfall zu sein, denn ihr Mann Ianos, der sich als Uni-Professor seit Jahren von einer befristeten Stelle zur nächsten schleppt, hat in der Nähe einen Vertrag erhalten, für den er eigentlich überqualifiziert ist. Aber Willa hat ihren Job als Zeitschriftenredakteurin gerade verloren, der schwerkranke Schwiegervater Nick ist bei ihnen eingezogen und Tochter Antigone, genannt Tig, hat ihr Biologiestudium geschmissen, ist mit gebrochenem Herzen von einem Kuba-Aufenthalt zurückgekommen und nun auch wieder bei den Eltern untergekrochen.
Als wäre das nicht schon genug, begeht die Frau von Sohn Zeke kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes Selbstmord. Zeke ist in Boston allein völlig überfordert, sitzt auf einem Riesenberg der Schulden seines Studienkredits und bittet seine Mutter, sich um den kleinen Aldus, genannt Duty, zu kümmern. Familie Knox-Tavoularis benötigt dringend Geld. Und nun teilt ihnen der Bauingenieur mit, dass das geerbte Haus am besten abgerissen, zumindest aber grundlegend renoviert werden müsste. Dazu ist kein Geld da, also bröckelt es still vor sich hin.
Trotzdem Aufbruch
Da erfährt Willa von Mary Treat und Thatcher Greenwood und hofft, dass einer von beiden in ihrem Haus gewohnt hat, was dieses historisch bedeutsam und damit staatlich förderungswürdig machen würde. Sie begibt sich tief in die Stadthistorie hinein und es ist zu vermuten, dass der 1874 spielende Erzählstrang der von ihr verfasste Roman über Mary Treat ist. Nebenbei muss sie sich noch um ihren halsstarrigen, rassistischen Schwiegervater kümmern, der mit seiner COPD pflegebedürftig ist, keine Krankenversicherung besitzt, aber glühender Trump-Anhänger ist. Und natürlich um den Säugling Dusty. Dabei wird sie von Tig unterstützt, die im Nachbarn Jorge einen Freund findet. Sie, die Ex-Biologie-Studentin und Klimaaktivistin hat schon lange die Hoffnung aufgegeben, dass endlich etwas Durchgreifendes gegen den Klimawandel unternommen wird. Alles ziemlich hoffnungslos.
Trotzdem gibt es am Ende so etwas wie Aufbruch. Das Buch ist, wie gesagt, bereits 2018 erschienen. Heute sieht es noch bedeutend düsterer aus. Relevant sind die angesprochenen Themen allerdings immer noch. Barbara Kingsolver macht mit Die Unbehausten ein gesellschaftspolitisches, sozialkritisches Panorama auf, das vielleicht oft ein wenig zu deutlich ist, wenig Brüche auch in den Protagonisten erlaubt, das in seiner szenischen Darstellung und der Betonung von Dialogen aber ungemein unterhaltsam ist. Erzählt wird chronologisch, in den Kapiteln alternierend zwischen den beiden Zeitebenen, das letzte Wort des vorangegangenen Kapitels bildet die Überschrift des nächsten. Das ist wirklich gekonnt gemacht, die Themen sind (leider weiterhin) relevant und somit empfehle ich Die Unbehausten unbedingt zur Lektüre.
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