Die große Begeisterung, die – zumindest auf Instagram – über dieses Buch ausgebrochen ist, kann ich leider nicht verstehen. Oder ich kann sie eben nur mit Blick auf die starke Präsenz der Autorin auf Bookstagram, dort unter dem Namen @buchischnubbel unterwegs mit knapp 20.000 Followern, verstehen. Wahrscheinlich bin ich aber auch einfach nur mal wieder nicht die passende Zielgruppe für das Buch von Sarah Lorenz namens Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken. Der Lackmustest hierzu ist recht einfach: „Ich bin so erschöpft vom Fühlen“ heißt es einmal im Buch. Und wer diesen Satz okay findet, der kann es mit diesem autobiografisch inspirierten und mit überquellenden (für mich eher übermäßigen) Gefühlen angefüllten Roman sicher mal versuchen. Ich konnte mit der 39-jährigen Ich-Erzählerin Elisa, die auf ihre ziemlich traurige Kindheit und Jugend zurückblickt, in ihren Gefühlen badet und die Dichterin Mascha Kaléko verehrt, so gar nicht warm werden.
Mit neun Jahren wird Elisa mit dem Urteil „schwer erziehbar“ von der Mutter in ein Kinderheim abgeschoben. Für Elisa ein Bruch von der warmherzigen, innig liebenden Mutter zur kalten, abweisenden Frau, der sich von jetzt auf gleich vollzogen haben soll. Dass sich das für ein Kind so angefühlt hat, kann ich gut nachvollziehen. Dass die 39-Jährige das nicht ein wenig genauer hinterfragt, schon weniger. Nur einmal scheint kurz ein wenig Wille zur Durchdringung dieser Entscheidung auf, als sie erwähnt, dass die Mutter bereits mit 15 mit ihr schwanger wurde. Geschwängert von dem damals 27-jährigen Hippie-Vater, dem bis heute Elisas ganzes Herz gehört. Der sich zwar schon bald davongemacht, sie aber immer „mit vor Stolz leuchtenden Augen“ angeschaut hat. Was er sonst noch so (für sie) getan hat, hat sich mir nicht wirklich erschlossen. Er stirbt mit 67 und war immer der „liebe Papa“.
Böse Mutter, lieber Papa
Während die Mutter, die sie ins „große kalte Haus“ gegeben hat, für eigentlich so ziemlich alles verantwortlich gemacht wird. Bis zum Schluss – und das war neben der wirklich grandiosen Vorlese-Leistung von Inka Löwendorf, die das Hörbuch eingesprochen hat, der einzige Grund dranzubleiben – habe ich gehofft, irgendetwas über die Beweggründe oder Umstände oder überhaupt etwas über diese Mutter zu erfahren. Leider vergebens.
Stattdessen wird ihre Kälte und die Abwesenheit von mütterlicher Liebe pauschal zur Ursache aller nachfolgenden Entwicklungen erklärt. Die nach Liebe gierende Elisa haut mit 14 ab und wird Teil der Kölner Punkerszene auf der Domplatte. Obdachlosigkeit, Betteln, der Plan, sehr jung heroinabhängig zu werden (Christiane F. vom Bahnhof Zoo war ihr großes „Vorbild“), so schnell wie möglich entjungfert zu werden und dann in zahllosen sexuellen Begegnungen mit zumeist älteren, zumeist betrunkenen oder unter Drogen stehenden Kerlen (eher selten Frauen) „Liebe“ zu suchen – auch von der mittlerweile 39-Jährigen, die in einer festen Beziehung steht und studiert, wird dieser „Weg“ scheinbar immer noch ein wenig gefeiert (als junger Mensch fühlt man halt so stark, so der Tenor) oder zumindest nur sanft belächelt, leise ironisiert, niemals analytisch betrachtet und schon gar nicht kritisch. Am Ende schreibt sie einen Brief an ihr jüngeres Ich. Aber auch da nur der matte Trost, dass nach all dem, was sie durchmacht, irgendwann alles besser wird und die Liebe wartet.
Leider keine Empfehlung
Mein Urteil mag hart klingen. Und bei so sehr autobiografisch gefärbten Büchern, Debütromanen zudem, fällt mir harsche Kritik auch schwer. Aber mir ist das einfach zu unreflektiert. Zu eindimensional (lieber Papa, kalte Mama). Zu wenig komplex. Da hilft auch nicht, dass einer der Rettungsanker der jungen Elisa die Bücher sind (nicht die Literatur, darauf besteht sie, denn „Literatur wird in Esszimmern diskutiert“). Und vor allem in den Gedichten von Mascha Kaléko findet sie Trost. Auch eine, die überschwänglich gefühlt und das in Worte gefasst hat. Aber so viel gekonnter. „Ich habe mal den Satz gelesen, auch Pathos könne Kunst sein, richtig eingesetzt. So wahr“, heißt es. Pathos – auch ganz schwierig.
Elisa spricht die meiste Zeit mit ihrer literarischen Ikone Mascha. Und das auf eine durchaus kurzweilige, gekonnt lockere Art. Wenn ihr die Möglichkeit habt (und jetzt nicht zu sehr abgeschreckt seid), lasst es euch von Inka Löwendorf vorlesen. Und die den einzelnen Kapiteln vorangestellten Gedichte von Mascha Kaléko sind natürlich toll.
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Sarah Lorenz – Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
Rowohlt Hundert Augen März 2025, gebunden, 224 seiten, € 24,00








Ein kleiner Input, kann das Gesagte nicht nachvollziehen, das Buch startet stürmisch und endet harmonisch und ist in der Sprache schon bemerkenswert und lesenswert. Aber das Wichtigste, dieses Buch zielt im wesentlichen auf Mascha Kaleko, und wenn man vorher das Buch von Weidermann liest über K., dann ist dieses Buch von Sarah L. die perfekte Ergänzung um das Leben von K. zu begreifen.
Lieber Bernd Neumann, Danke für Ihren Kommentar. Leider kann ich da nicht mitgehen. Aber natürlich ist Lesen immer subjektiv und das Buch hat sehr viele Freund:innen. Und darf es natürlich haben. Aber mit Volker Weidermanns sehr gelungenem Porträt würde ich es auf gar keinen Fall vergleichen.
Ich hatte auch reingelesen und irgendwie bin ich nicht wirklich warm geworden. Bin auch ganz beruhigt irgendwie meinen flüchtigen Ersteindruck so bestätigt zu sehen.
Hoffe du bist wieder gut zu Hause angekommen 🙂 Ganz liebe Grüße, Sabine
Liebe Sabine,
ich bin heute wieder zuhause angekommen. Es war so schön!
Und alles können wir eh nicht lesen. Lassen wir Sarah Lorenz einfach mal aus.
Liebe Grüße, Petra
Liebe Petra,
ich lese deine fachkundigen und fundierten Rezensionen sehr gerne!
und jetzt möchte ich einfach mal reagieren…ich habe mir von dem Buch sehr viel erhofft, fand den Ansatz originell und viel versprechend und hatte so die Hoffnung, mich beruflicherseits vehement für dieses Buch einsetzen zu können. Der unbedingte Wille war da, allein: ich habe nach der Lektüre davon abgesehen und war insgesamt recht enttäuscht und fragte mich schon, hab ich da irgend etwas übersehen? Wie kommt es zu den vielen uneingeschränkt positiven Rezensionen?? Und da war ich „froh“, mich in deinen kritischen Zeilen vollkommen wieder zu finden mit meiner Meinung. Ich sehe es genauso, wie du. Da doch lieber zu Kalekos Biographie greifen oder den von Kehlmann herausgegebenen Titel aus diesem Jahr. Es wünscht einen schönen sonnigen Spätsommersonntag Annette
Vielen lieben Dank, liebe Annette. Ich habe ein wenig gezögert, dass dich von vielen so bejubelte so kritisch zu besprechen. Aber es hat einfach nicht gepasst und zu hören, dass es nicht nur mir so ging, ist schön. Danke und viele Grüße, Petra