Stewart O`Nan – Abendlied

Es gibt Autor:innen, von denen ich ungesehen jedes Buch lesen möchte. Klappentexte studiere ich eher selten und so kommt es manches Mal auch zu Überraschungen. Wie schön etwa, wenn es unverhofft ein Wiedersehen mit altbekannten Romanfiguren gibt, wie etwa in Abendlied von Stewart O`Nan. Hier im Humpty Dumpty Club Pittsburgh sind ältere (bis ziemlich alte) Damen organisiert, die sich gegenseitig und andere hilfsbedürftige Senioren im Alltag unterstützen. Einkaufen, Arztbesuche, Behördengänge, Organisation von Veranstaltungen (meist Beerdigungen) und Krankenhausbesuche stehen neben Bridgeabenden, gemeinsamen Ausflügen, Haustierbetreuung und Kaffeetrinken auf dem Programm.

Und die aus den älteren Romanen Emily, allein, Henry, persönlich und Abschied von Chautauqua bekannten Figuren Emily Maxwell und deren Schwägerin Arlene sind Club-Mitglieder, beide nun schon weit über 80. Humpty Dumpty – meist als das menschenähnliche Ei aus Lewis Carrolls „Alice hinter den Spiegeln“ bekannt, steht im englischen Sprachraum generell für etwas Zerbrechliches, Vergängliches, das, einmal zerstört, nicht wieder repariert werden kann. Was für ein passendes Sinnbild für das Leben, an dessen Ende alle Damen des Humpty Dumpty Clubs mehr oder weniger dicht stehen.

Der Hunprty-Dumpty-Club

Wir befinden uns zu Beginn von Abendlied im Herbst des Jahres 2022. Die Corona-Pandemie ist einigermaßen überstanden, aber der Schrecken sitzt noch tief. Joanne, Leiterin und Organisatorin der Humpty Dumpties hat sich bei einem Treppensturz das Bein kompliziert gebrochen und muss längere Zeit im Krankenhaus bleiben. Kitzi, als einzige mit noch lebendem, wenn auch schwer herzkrankem Mann, übernimmt die Leitung und hat gleich zu Beginn mit dem hochbetagten Künstler-Ehepaar Jean und Gene alle Hände voll zu tun. Die beiden leben mit zig Katzen in einem völlig vermüllten Messie-Haus in völliger Isolation. Susie, mit Anfang 60 das Küken der Humpty Dumpties, versucht sich nach ihrer Scheidung erfolgreich bei einer Dating-Plattform. Und Emily, die etwas versnobte, sehr wohlhabende Republikanerin, ficht weiterhin ihre Fehden mit der alleinstehenden Schwägerin Arlene aus. Die Beiden kennen wir aus den oben genannten Romanen. Bei Arlene klopft, zunächst ganz leise, aber unübersehbar, die Demenz an.

Bis ins neue Jahr begleiten wir die Damen in ihrem Alltag. Es geschieht nicht viel im Roman, und doch so ziemlich alles, nämlich das Leben. Wenige Autor:innen treffen so wunderbar das „ganz normale Leben“ der US-amerikanischen gehobenen Mittelklasse, erzählen mit so viel Wärme, Witz und Schonungslosigkeit wie Stewart O´Nan und verknüpfen so beiläufig gesellschaftspolitische Fragen. Wir stehen am Ende von Corona, gerade laufen die Midterm-Wahlen in Joe Bidens Amtszeit und am Horizont lauert bedrohlich eine weitere Runde Trump. Die Zeiten werden widersprüchlicher, die Gesellschaft gespaltener, das soziale Klima kälter als wir es lange Zeit gekannt haben. Solidarität wäre so wichtig, sich umeinander kümmern und unterstützen, trotz aller Differenzen. Und genau das leben uns die Humpty Dumpties vor.

Evensong

Die Musik hat für alle eine große Bedeutung. Wer noch kann, singt im Kirchenchor. Überhaupt spielt auch die Kirche, abseits des reinen Glaubens, eine wichtige Rolle für die Gemeinschaft. „Evensong“, der gesungene Abendgottesdienst, ist fester Bestandteil der anglikanischen Kirche, und stand für den Romantitel Pate. Die Calvary-Gemeinde, der die Damen angehören, befindet sich direkt neben der Tree-of life-Synagoge, die Im Oktober 2018 zum Tatort eines antisemitischen Attentats mit elf Toten wurde. Die anglikanische Gemeinde solidarisiert sich seitdem mit ihren Nachbarn. Auch dies ist ein Zeichen für die so notwendige Solidarität in der Gesellschaft.

Ein ganz klein wenig Nostalgie gestattet sich Stewart O`Nan in Abendlied. Aber nur ein wenig. Und bleibt im Ton lakonisch, völlig pathosfrei, mit einem feinen, leisen Humor. Seine atmosphärische Schilderung und die Plastizität der Charaktere und ihrer Dialoge, lassen sie uns ganz nahe kommen. Es wird gelebt, gelitten, sich gekümmert und gefreut. Die Demenz steht drohend am Horizont, Krankheit und Tod.

Und doch ist Abendlied ein ungemein tröstlicher, Mut machender Roman, in 50 kleinen Kapiteln erzählt. Liebevoll und schonungslos, unaufgeregt und humorvoll. Ein echter Stewart O`Nan.

 

Beitragsbild: by Foto von Jalilov077 via PxHere

 

Stewart O`Nan - Abendlied.

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Stewart O’Nan – Abendlied 
Übersetzt von: Thomas Gunkel
Rowohlt Januar 2026, Hardcover, 352 Seiten, € 26,00

 

 

 

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