Thomas Mann – Deutsche Hörer!

2025 ist ein Thomas- Mann-Jahr: Dem 150. Geburtstag am 6. Juni schließt sich im August sein 70 Todestag an. Anlass für viele Neuausgaben seiner Werke. Mit einer besonderen habe ich „mein“ Thomas-Mann-Jahr eingeläutet, nachdem ich seit Jahren nichts von ihm gelesen habe. Allzu schwer habe ich mich nach begeisternder Lektüre der Buddenbrocks und einiger Erzählungen mit dem Zauberberg getan. Zugegeben, ich stand auch der Person Thomas Man nicht ganz offen gegenüber. Arrogant, elitär, snobistisch und kühl, ja sogar reaktionär und unpolitisch – das war mein vorherrschendes Bild. Wie sehr ich mich besonders in den beiden letzten Punkten bei Thomas Mann geirrt habe, zeigt die Neuauflage von 59 Reden, die der Autor zwischen Oktober 1940 und Mai 1945 über abenteuerliche Wege aus seinem Exil in Kalifornien an Deutsche Hörer! gerichtet hat.

Bereits seit 1938 lebte Mann nach Zwischenstationen u.a. in der Schweiz in den USA. Von den Nationalsozialisten seiner deutschen Staatsbürgerschaft beraubt, hielt er auch in der Ferne an seiner Liebe zur Deutschen Kultur fest. „Wo ich bin, ist Deutschland, ich trage meine deutsche Kultur in mir.“ Es ist das „Deutschland Dürers und Bachs und Goethes und Beethovens.“ Er glaubte lange an die Widerständigkeit dieser Kultur, sprach noch 1938 vom sicheren „kommenden Sieg der Demokratie“ und bemühte sich auch in seinen ersten Reden – der Krieg und die Vernichtung tobten bereits von Deutschland entfesselt in Europa – die Deutschen und die Nationalsozialisten nicht in einen Topf zu werfen.

Die meist monatlich ausgestrahlten Reden mit einer Dauer von 5-8 Minuten klärten über die politische Lage in Deutschland und Europa auf, kommentierten das Kriegsgeschehen und waren vor allem ein moralischer Appell an seine Landsleute, Widerstand zu leisten, mahnende Worte und Warnung. Sie erschienen als Sammlung der ersten 25 Reden 1942 in Stockholm, 1945 ergänzt auf 55.

„Bedenkt, dass das Rüstzeug zur Versklavung der Welt eure Hände Werk ist, und dass Hitler seinen Krieg nicht fortsetzen kann ohne eure Hilfe. verweigert eure Hände und tut nicht mehr mit! Es wird für die Zukunft ein ungeheurer Unterschied sein, ob ihr Deutsche selbst den Mann des Schreckens, diesen Hitler, beseitigt oder ob es von außen geschehen muss.“  (August 1941)

Thomas Mann
Thomas Mann 1932
Bundesarchiv, Bild 183-R15882 / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Komplizierter Übertragungsweg

Wurden die ersten vier Reden noch von einem Sprecher der BBC verlesen, konnten die Deutschen Hörer ab März 1941 Thomas Mann selbst vernehmen. Dieser las den Text im Recording Department der NBC in Los Angeles auf Schallplatte, die per Flugzeug nach New York gesandt wurde und von dort per Telefon an die BBC in London übertragen wurde. Die brachte ihn dann auf Langwelle, die mit dem deutschen Volkempfänger kompatibel war. Natürlich war das Abhören von „Feindsendern“ streng verboten und wurde schwer bestraft. Wie viele Hörer die Sendungen tatsächlich hatten, ist nicht bekannt. Aber sie wurden gehört.

Die Reden selbst sind in ihrer Klarsicht und ihrem scharfen Ton verblüffend. Und es ist ebenso verblüffend, dass sie – ähnlich wie der 1930 von Thomas Mann gehaltene entschiedene „Appell an die Vernunft“ gegen die nationalsozialistischen Umtriebe -, anders als die viel gescholtenen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ von 1918, relativ unbekannt sind. War da, besonders in der Nachkriegszeit, ein bestimmtes Bild von Thomas Mann vielleicht nicht gewünscht? Wie kämpferisch, wütend, polemisch, ja extrem beleidigend Mann in seinen Reden wurde – von den Nationalsozialisten sprach er von einer „blutigen Schmierengruppe“, von „Mordgesindel“, Hitler bezeichnete er als „hohle Null“, als „widerwärtig“ und die nationalsozialistische Politik gegen das, was Thomas Mann besonders wertvoll war, den Geist, die Wissenschaft und die Kultur, als „idiotisch-obszön“. Sicher alles zutreffend, zeitweise aber selbst der BBC zu scharf.

Wer nur eine Rede lesen möchte (um mal „hineinzuschnüffeln) wähle die vom Februar 1941. Beißende Ironie und Klarsicht vom Feinsten.

Antifaschist und glühender Europäer

Auf jeden Fall war Thomas Mann auch schon vor seinen Reden an die Deutschen Hörer und vor dem Krieg ein erbitterter Antifaschist und ein glühender Europäer. Was er nun vom alten Kontinent erfuhr, hat ihn zutiefst erschüttert. Und sein anfänglicher Glaube an das Gute im deutschen Volk, das vom Nationalsozialismus verführt, getäuscht, geknechtet wurde, begann zu schwinden. Er entfremdet sich zunehmend auch in seinen Reden von seinen Landsleuten. Was ihm von den Gräuel, die von Deutschland ausgingen bekannt war und was er in seinen Reden verlauten ließ, ist umfassend und straft die Mär vom „unwissenden Bürger“ Lügen. Vielleicht auch ein Grund, diese Reden nach der Niederlage nicht lesen zu wollen.

Scherl BilderdienstGoethefeier der Akademie der Künste
Goethefeier der Akademie der Künste
Bundesarchiv, Bild 183-H25661 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en>, via Wikimedia Commons

Das Massaker an der Zivilbevölkerung im tschechischen Lidice im Juni 1942 gab er genauso bekannt wie bereits im Mai 1940 die Zerstörung der Altstadt Rotterdams durch deutsche Bomber und die von Coventry im November 1940. Er berichtete über die Zustände im Warschauer Ghetto, die Tötung von Juden im Gas bereits 1942 und in gigantischen Lagern in Polen.

„Sie sind unterrichtet über das himmelschreiende Treiben der deutschen Herrenrasse in den unterworfenen Gebieten Europas, durch Fotografien zum Beispiel, die aus Polen zu uns herausgelangt sind und ein Elend, eine Schändung des Menschlichen veranschaulichen, für die es keine Worte gibt: die geblähten Hungerleichen der polnischen Kinder, die fürs Massengrab zusammengeschmissenen Körper der tausend und abertausend im Warschauer Ghetto an Typhus, Cholera und Schwindsucht verendeten Juden.“ (Februar 1942)

„Deutsche Hörer! Man wüsste gerne, wie ihr im Stillen von der Aufführung derer denkt, die in der Welt für euch handeln. Die Juden-Gräuel in Europa zum Beispiel. Wie euch dabei als Menschen zumute ist, das möchte man euch wohl fragen. (…) Wisst ihr Deutschen das? Und wie findet ihr es? Wem ist damit gedient? Wird irgendjemand es besser haben, wenn die Juden vernichtet sind? (…) Das Unaussprechliche, das in Russland, das mit den Polen und Juden geschehen ist und geschieht, wisst ihr, wollt es aber lieber nicht wissen aus berechtigtem Grauen vor dem ebenfalls unaussprechlichen, dem ins Riesenhafte heranwachsenden Hass, der eines Tages über Euren Köpfen zusammenschlagen muss.“ (September 1942)

„Sieben Millionen Menschen sind zur Zwangsarbeit deportiert, fast eine Million sind exekutiert oder ermordet worden, und Zehntausende hält die Hölle der Konzentrationslager.“ (Juni 1943)

Lügenpropaganda

Thomas Mann 1945
Thomas Mann 1945
Library of congress CC0

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

All das war ihm und den Amerikanern bekannt und sicher auch vielen Deutschen. Immer wieder warnte Mann die Hörer vor der Lügenpropaganda der Nazis, ihrer Menschenfeindlichen, ihrer dem Tode zugewandten Politik, beklagte die Hybris seiner Landsleute, sich als „Herrenvolk“ zu verstehen.

„Man darf nicht vergessen, dass am Anfang dieses Krieges, der nicht 1939, sondern 1933 begann, die Abschaffung der Menschenrechte stand.“ (Januar 1942)

 

„Wie kann ein Volk, von dem psychologisch feststeht, dass es sogar gegen ihn (Hitler) niemals revoltieren wird, eine Herrenrasse sein? Ich bitte den Geschichtshelden, diese Frage einmal zwischen zwei Schlachtenplänen einer logischen Prüfung zu unterziehen.“ (Vorwort 1942)

Mann ist auch klar, dass die Untaten des deutschen Volks bittere Konsequenzen haben werden, der Hass der Welt auf Deutschland lasten wird, dass aber auch die Angst vor diesen Konsequenzen von den Nationalsozialisten instrumentalisiert wird, um die Menschen aus Furcht davor bis zum bitteren Ende – im Endeffekt nur zum eigenen Nutzen – kämpfen zu lassen. Klarsichtig und pointiert versucht er immer wieder, dies deutlich zu machen. Es gibt eine längere Pause zwischen Mai und Dezember 1944 ohne Reden. Vielleicht hat Thomas Mann da der Glaube an sein Volk endgültig verlassen, seit Juni war er amerikanischer Staatsbürger geworden. Die von ihm zuvor ausgesprochene Hoffnung auf eine Zeit, „wo ihr (die Deutschen) es mir danken werdet“, wurden nach Kriegsende dann auch herb enttäuscht. Mann wurde als „Verräter“ bezeichnet, der von privilegiertem Logenplatz weitab über das deutsche Volk richte.

Vor- und Nachwort von Mely Kiyak

Wie Mely Kiyak, die ein Vor- und Nachwort zur Ausgabe beisteuerte, betont, hätte Thomas Mann zu den Vorgängen in Deutschland schweigen können – vor und nach seiner Emigration. So viele haben das getan. Er war nichtjüdisch, reich, weltweit als Autor geschätzt. Er hat sich dennoch flammend und entschieden von Beginn an gegen das Nationalsozialistische Deutschland, gegen den Faschismus, für ein friedliches, vereintes Europa eingesetzt. Das hat mich tief beeindruckt und mein Thomas Mann-Bild gehörig durchgeschüttelt. Ein idealer Einstieg in dieses Jubiläumsjahr.

 

Beitragsbild: Thomas Mann 1941 in Pacific Palisades, ETH Zürich Thomas-Mann-Archiv

___________________________________________________________________________________

Thomas Mann - Deutsche Hörer!x.

Thomas Mann – Deutsche Hörer!
Radiosendungen nach Deutschland 
Neuausgabe mit einem Vorwort und einem Nachwort von Mely Kiyak
S.Fischer Januar 2025, gebunden, 272 Seiten, € 24,00

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert