Margaret Laurence – Glücklichere Tage

Ich habe die Schriftstellerin Margaret Laurence, die am 18. Juli 2026 ihren 100. Geburtstag feiern würde, wäre sie nicht bereits 1987 verstorben, anlässlich des Ehrengastauftritts Kanadas bei der Frankfurter Buchmesse 2020/21 kennengelernt. Ein größeres deutschsprachiges Publikum hat sie bisher leider (noch) nicht erreicht. Was auf jeden Fall nicht am Engagement ihres Verlags liegt. Der kleine Eisele Verlag bemüht sich seit der Veröffentlichung ihres vielleicht erfolgreichsten Roman Der steinerne Engel 2020 unverdrossen um das gesamte Romanwerk von Margaret Laurence, so ist unlängst der vierte Teil ihrer losen Manawaka-Reihe, Glücklichere Tage, (OT „The Diviners“ 1974) in der wie immer großartigen Übersetzung von Monika Baark, erschienen.

Manawaka ist die fiktive Kleinstadt, die stark an Margaret Laurences Geburtsort Neepawa in der kanadischen Provinz Manitoba angelehnt ist. Sie ist nicht immer (Haupt)Schauplatz ihrer Romane, diese haben aber immer einen Bezug dazu, so dass man auch von der Manawaka-Reihe spricht. Fort von dort, weg aus der provinziellen Enge zieht es eigentlich alle ihre Protagonistinnen. So auch Morag Gunn, die sehr viele Übereinstimmungen mit ihrer Schöpferin aufweist, nicht nur den Geburtsort. So wie Laurences sterben auch Morags Eltern bereits in ihrer frühen Kindheit. Morag ist erst 5, als sie von kinderlosen Bekannten ihrer Eltern aufgenommen wird. Diese Pflegeeltern leben in sehr prekären Verhältnissen, ziehen sie aber mit viel Zuwendung groß. Pflegemutter Prin(cess) ist geistig relativ beschränkt und leidet unter ihrem stets zunehmenden Gewicht, das sie im Laufe der Jahre nahezu bewegungsunfähig machen wird. Pflegevater Christie ist der örtliche Müllsammler und steht in der örtlichen Hierarchie sehr weit unten. Die Scham über ihre „Eltern“ wird Morag ihr ganzes Kinder- und Jugendleben begleiten.

Die Liebe zum Erzählen

Christie ist aber auch ein großartiger Geschichtenerzähler. Er weckt in Morag die Liebe zum Erzählen. Nach ihrem Studium in Winnipeg (ebenfalls wie Laurence selbst) beginnt sie zu schreiben. Journalistisch zunächst, aber auch Kurzgeschichten, die in Zeitungen veröffentlicht werden. Noch als Studentin heiratet sie den Professor für englische Literatur Brooke, der sie zunächst in ihrem Schreiben unterstützt, sie aber immer mehr wie ein unmündiges Kind behandelt, ihr untersagt, zu arbeiten und sich ihrem Kinderwunsch widersetzt. WDie Ehe, die ihr zunächst als erfüllter Traum vom Aufstieg durch Bildung und als willkommene Flucht aus der Provinz erschienen ist – Studium in Winnipeg, Heirat mit einem Intellektuellen, Leben in der Großstadt Toronto -, erweist sich für sie zunehmend als Falle. Als sie ihren alten Jugendschwarm Skinner Tonnerre wiedertrifft, beginnt sie eine kurze Affäre mit ihm und wird schwanger. Skinner ist Métis, eine indigene Ethnie, die im damaligen Kanada als „Mischlinge“ offen diskriminiert werden. Er zieht als Countrysänger durchs Land und ist für eine feste Beziehung nicht geschaffen. Morag trennt sich dennoch von Brooke.

Fortan ist Morag als alleinerziehende Mutter für ihre Tochter Pique(tte) verantwortlich und übersiedelt nach Vancouver. Zu Prin und Christie hält sie nur losen Kontakt. Für einige Jahre geht sie mit iihrer Tochter nach England. Die schottischen Wurzeln ihrer und Christies Vorfahren, die Geschichte von „Piper Gunn“, dem von Christie erfundenen legendären Dudelsackspieler, haben daran sicher ihren Anteil. Dauerhaft hält es sie aber nicht dort. Im fiktiven Örtchen McConnell’s Landing in East Ontario findet sie schließlich in einem alten Farmhaus ein Zuhause, wo sie sich (wie Margaret Laurence) ganz aufs Schreiben konzentriert.

Momentaufnahmen und Gedächtnisfilme

Hier treffen wir auch Morag Gunn in der Rahmenhandlung, die Margaret Laurence ihrem Roman Glücklichere Tage gibt. Pique ist nun 19 und sucht nach ihren Wurzeln, dem Vater, Manawaka. Obwohl in ihrer Jugend ähnlich rastlos, hat Morag mit dem Verschwinden Piquettes sehr zu kämpfen. Am Schreibttisch sitzend, ringt sie damit sowie um Worte für ihren neuen Roman. Ihre Kindheit und Jugend erscheinen ihr dabei wie Fotografien („Momentaufnahmen“) oder in längeren Abschnitten wie „Gedächtnisfilme“. Wir erfahren dabei viel von ihrem Autor:innenalltag, der durch alleinerziehende Mutterschaft nicht gerade erleichtert wird. Und der sich vom heutigen wohl nicht grundlegend unterscheidet. Was die Autor Helene Bukowski, die ein Nachwort verfasst hat, unterstreicht.

Glücklichere Tage ist der Roman einer Emanzipation, einer Autorinnenwerdung und ein Buch über weibliches Begehren. Sexszenen gehören nicht gerade zu meinen beliebtesten, aber selbst die kann Margaret Laurence. Sie kombiniert viele Dialoge, innere Monologe, Bewusstseinsströme, switcht unbekümmert von der Ich- in die auktoriale Perspektive, lässt Präsens in Imperfekt übergehen und springt in Ort und Zeit. Das dabei eine wunderbare, sehr ambivalente Charakterzeichnung einer nicht immer einfachen Frau (aber das hat die Laurence-Leserin nun auch nicht erwartet) herauskommt, bei der der Blick auf die Protagonistin (und letztlich auf sich selbst) so schonungslos wie liebevoll ist, ist höchst bewundernswert. Und hat Margaret Laurence dafür den höchsten Kanadischen Literaturpreis, den Governor General´s Award, eingebracht. Es wird wirklich Zeit, dass auch das deutsche Lesepublikum diese großartige Autorin, zu deren Bewunder:innen nicht zuletzt Margaret Atwood gehört, entdeckt. Ihr könnt es jetzt mit Glücklichere Tage. Oder mit Der steinerne Engel, Eine Laune Gottes oder Das Glutnest.

 

Beitragsbild by Marco Verch (CC-BY 2.0) via CC0

 

Margaret Laurence - Glücklichere Tage.

Margaret Laurence – Glücklichere Tage
Aus dem Englischen von Monika Baark
Eisele Verlag Februar 2026, Hardcover mit Schutzumschlag, 544 Seiten, 28,00 €

 

 

 

 

 

 

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