Volker Weidermann – Mann vom Meer

Am 6. Juni 2025 wird der 150. Geburtstag Thomas Manns gefeiert. Zusammen mit der 70. Wiederkehr seines Todestags im August wird das Jahr damit zum Thomas-Mann-Jahr – fleißig beworben und medienwirksam umgesetzt. Zumindest bei mir hat das verfangen und ich habe begonnen, mich mit dem Autor, der mich mit seinen Buddenbrooks vor vielen Jahren begeistert, danach aber mit seinem Zauberberg einigermaßen ratlos (und ehrlicherweise gelangweilt) zurückgelassen hat, erneut zu beschäftigen. Ich begann mit Deutsche Hörer!, den Reden, die Mann zwischen 1942 und 1945 an ein deutsches Publikum via BBC gerichtet hat. Und war überrascht und sehr angetan davon, wie politisch und leidenschaftlich-polemisch der von mir eher als steif und kühl empfundene Autor doch war. Auch das zweite Buch, das ich mir in diesem Kontext vorgenommen habe, Mann vom Meer Thomas Mann und die Liebe seines Lebens von Volker Weidermann zeichnete ein vom Üblichen abweichendes Bild und hat mich nicht nur gut unterhalten, sondern auch sehr interessante Einblicke geliefert.

Europareise Thomas Mann und Katia Mann ca. 1939
Europareise Thomas Mann und Katia Mann ca. 1939, ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Unbekannt / TMA_0504

Die Liebe zur See

Es war mir bereits bekannt, dass Thomas Mann ein Faible für die See hatte. Es existieren zahlreiche Fotografien, die den Schriftsteller allein oder mit Familie am Strand abbilden, das Meer spielt in vielen seiner Texte eine Rolle und immer wieder ließ er sich auch in Meernähe nieder. Aufgewachsen in Lübeck, verbrachte er unzählige Sommertage und -wochen im nahen Travemünde und bezeichnete die Zeit dort oft als seine glücklichste, frei von den Zwängen der ungeliebten Schule, den elterlichen Erwartungen. Urlaube auf Hiddensee, Sylt, Usedom und in Holland waren immer Teil seines Lebens. 1929 ließ er sich ein Sommerhaus an der Kurischen Nehrung (heute Litauen) bauen, und in seinem Exil in den USA wurde Seven Palms, das Haus in Pacific Palisades, einem Stadtteil von Los Angeles, ein vorübergehendes Heim in Meernähe.

Volker Weidermann beleuchtet nun in seiner von diversen anderen Publikationen bekannten süffig erzählenden und unterhaltsamen Art dieses ganz besondere Verhältnis von Thomas Mann zum Meer. Einfühlsam und respektvoll betont er dabei, dass es dabei nicht nur um lichte, sonnige Momente ging, sondern dass die See für Mann immer auch das Dunkle, Bedrohliche, Leidenschaftliche und Wilde verkörperte. Seine lebenslang unterdrückten homosexuellen Neigungen fanden in seinen Werken (und tatsächlich auch im realen Leben) häufig in Strandbegegnungen einen Niederschlag. Das Meer, der Strand bedeuteten zudem für ihn immer auch Freiheit, Distanz zu seiner so oft belegten Pedanterie, Kontrolliertheit und Sprödigkeit. Das belegen zahlreiche Fotos, die Thomas Mann in ungewohnt legerer, aufgeräumter Haltung zeigen.

Thomas Mann
Aufenthalt in Kampen auf Sylt August 1928, ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Unbekannt / TMA_0139

Eine ererbte Leidenschaft

Die große Leidenschaft, die Thomas Mann zeitlebens für die See empfand, rührt laut Volker Weidermann von seiner Mutter Julia her. Die geborene da Silva-Bruhns war die Tochter eines nach Brasilien ausgewanderten Lübeckers und einer Brasilianerin und wuchs dort an der Küste des Südatlantiks auf. Eine Zeit, aus der sie nach dem Tod der Mutter mit sieben Jahren herausgerissen und vom Vater in ein Internat nach Lübeck geschickt wurde, und nach der sie sich ein Leben lang zurücksehnte. Und eine Leidenschaft, die Thomas Mann an seine jüngste Tochter Elisabeth, immer seine erklärte Lieblingstochter, weitergab. Elisabeth Mann Borgese wurde Seerechtsexpertin und Ökologin, die sich für den Erhalt der Meere einsetzte.

Die Liebe zum Meer fand in Thomas Manns Werken in immer wiederkehrenden Motiven und Themen ihren Niederschlag. Selbst in dem in der Bergwelt von Davos spielenden Zauberberg heißt ein Kapitel „Strandspaziergang“. Dort wird die Weite und Unendlichkeit der See mit derjenigen der schneebedeckten Landschaft verglichen.

Thomas Mann mit Familie am Strand
Von links: Ilse Dernburg, Elisabeth Mann, Michael Mann, Golo Mann, Katia Mann, Monika Mann, Thomas Mann, unbekannte Dame. ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Fritz Krauskopf / TMA_0204

Erzählendes Sachbuch

Literarisch erzählend verfolgt Volker Weidermann, oft geradezu poetisch, die Wege Thomas Manns, die Rollen, die das Meer in seinem Leben gespielt hat und wie sich dies in seinem Leben niedergeschlagen hat. Ich bin ihm da äußerst gern gefolgt. Sehr schön bettet er seinen Text in eine Rahmenhandlung rund um die Tochter Elisabeth ein. Es beginnt mit ihrer Angst, bei der ersten Begegnung mit dem Meer nicht die gleichen großen Gefühle wie der geliebte Vater zu empfinden (wie wir gelernt haben war dies unbegründet) und endet mit einer Fahrt des Autors Volker Weidermann auf dem Forschungsschiff Elisabeth Mann Borgese auf der Ostsee.

Ein wirklich sehr empfehlenswertes Buch, das mir Thomas Mann und sein Werk auf unterhaltsame und literarisch ansprechende Weise nochmal näher gebracht hat

 

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Volker Weidermann - Mann vom Meer. Thomas Mann und die Liebe seines Lebens.

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Volker Weidermann – Mann vom MeerVerlag:
Thomas Mann und die Liebe seines Lebens
Kiepenheuer&Witsch Juni 2023, gebunden, 240 Seiten, € 23,00

 

 

 

 

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