Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar 2022 sind über 1,2 Millionen Menschen nach Deutschland gekommen, um hier Schutz zu suchen. Wir sehen sie beinahe täglich, aber wie leben sie hier, welche Schicksale tragen sie, welche Ängste, Hoffnungen, Träume begleiten sie? Und wie geht es den Zurückgebliebenen? Auch wenn beinahe jeden Tag Nachrichten über den Krieg bei uns eintreffen, kann ich mir diese Fragen nicht über die üblichen Klischees hinaus beantworten. Iryna Fingerova, in Dresden lebende Ärztin und Schriftstellerin hat mit Zugwind ein außergewöhnlich gelungenes Buch darüber geschrieben.
Die 1993 in Odesa geborene Iryna Fingerova lebt bereits seit 2019 in Deutschland. Seit Beginn des Krieges hat sie viele neue ukrainische Patienten, auch ihre Eltern leben hier. Ihre Großmutter und der Bruder blieben wie viele Freund:innen in der Ukraine – sie kennt also alle Varianten: Migrant:innen, vor dem Krieg Geflüchtete und in der Heimat geblieben Menschen. Und sie schafft mit ihrer Ich-Erzählerin Mira Zehmann eine Protagonistin, die ihr nicht ganz unähnlich ist. Mira ist Hausärztin in der Stadt N., die für viele deutsche Städte stehen könnte. Sie lebt mit ihrem Mann Andrij und der Tochter Rosa, auch die Eltern sind in Deutschland. Sie ist Jüdin und neben ihrer Arbeit noch Aktivistin, die für die Ukraine Spenden sammelt, sich engagiert. Die Hausarztpraxis in der sie arbeitet, wird seit dem Februar 2022 von unzähligen Landsleuten aufgesucht. Hinzu kommt noch die Carearbeit für Rosa, die eine Kita besucht. Es scheint fast ein wenig, dass Mira sich in Arbeit flüchtet, um sich von Trauer und Wut über die Entwicklungen in der Ukraine abzulenken. Wenigstens ein wenig.
Der Krieg ist omnipräsent
Denn natürlich ist der Krieg für sie ständig präsent. In den Nachrichten, auf dem Smartphone und natürlich in den Geschichten ihrer Patient:innen. So unterschiedlich diese sind, so vielfältig sind die Geschichten und Schicksale, die sie mit Mira und diese mit uns teilt. Dementsprechend viele Themen werden angeschnitten. Es geht um Leid und Elend, um im Krieg getötete Angehörige, um Angst und Hoffnungslosigkeit, um Kriegstraumata. Viele Krankheitssymptome, die Iryna Fingerova, die auch Ärztin ist, sehr genau medizinisch teilt, sind direkte oder indirekte Folgen von Kriegssschicksalen. Und es sind einige sehr erschütternde darunter. Aber es gibt auch Patient:innen, die schlichtweg nerven, die sich eine Krankschreibung erschleichen wollen, dreiste Forderungen stellen. Der Text ist dort erstaunlich ambivalent.
Die Flut der vor ihr ausgebreiteten Lebensgeschichten, der anhaltende Krieg, eine immer wieder auch kriselnde Ehe und ihr Jüdischsein, das seit dem 7. Oktober 2023 wieder an Bedeutung bekommen hat, vor allem durch den aufflammenden Antisemitismus – das alles kostet Kraft, macht müde. Mira sucht die Youbank auf – es wird ein wenig surreal und magisch -, die Kraft auf Kredit vergibt. Ein Angebot, das Mira annimmt. Dessen Schattenseite sie aber später zu spüren bekommt. Dass Zugwind auch magisches Potential besitzt, zeigt sich beispielsweise auch bei den beiden Kolleginnen von Mira in der Hausarztpraxis. Die pragmatische, den Menschen zugewandte, anpackende Frau Erde, und die unerschrockene, neugierige, starke Frau Meer, die die ewigen Elemente als Gegensätze symbolisieren.
Der Zugwind
Ein Zugwind ist nicht nur titelgebend, sondern durchweht das ganze Buch. Mira stellt sich zu Beginn so vor:
„Ich heiße Mira Zehmann
Am 24. Februar 2022, im Alter von 28 Jahren, bin ich endgültig erwachsen geworden.
Wie mir das klar wurde?
Ein Zugwind hat sich in mir eingenistet.“
Dieser Zugwind, eine Ruhe- und Rastlosigkeit, eine Überforderung und gleichzeitig Leere, die etwas von einer Depression hat, bestimmt seit Kriegsbeginn das Leben von Mira. Sie muss funktionieren, für ihre Patienten, für Rosa, fühlt sich aber wie viele Menschen plötzlich extrem verletzlich, macht- und hilflos. Der Zugwind durchweht ihr Leben, hat beispielsweise auch ihr Schreiben, ihre Gedichte, die sie vor 2022 regelmäßig verfasst hat, hinweggeweht.
Leichtigkeit
Das klingt jetzt alles sehr bedrückend, ernst und traurig. Und ja, die Geschichten, von denen der Roman voll ist, sind das überwiegend auch. Iryna Fingerova erzählt aber mit sehr viel Humor, Selbstironie und hin und wieder etwas Sarkasmus, so dass sich Zugwind sehr leicht, fast heiter liest. Und auch Mira hungert nach Leichtigkeit, nach Freude. Ihre Sprache ist sehr cool, besonders wenn sie von ihrem Ärztinnenalltag erzählt. Auch eine Art Überlebensstrategie. Und eines Tages entscheidet sie sich spontan, nach Odesa zu reisen. Sie hält die Distanz zu ihrer Heimatstadt plötzlich nicht mehr aus. Dort erlebt sie, wie die Menschen mit dem Krieg zu leben gelernt haben, dass Leben auch in Zeiten des Krieges möglich sein muss. „Lebensfreude als staatbürgerliche Pflicht“ nennt sie das. Eine Art Widerstand. Die Menschen gehen auch heute feiern, tanzen, schwimmen, sich die Nägel machen lassen. Und versuchen, dadurch ein wenig Kontrolle über ihr Leben zu behalten.
Selbstfürsorge als Akt des Widerstands
Bei ihrer Rückkehr hat sich auch für Mira einiges geändert. Selbstfürsorge ist ein Akt des Widerstands. Und Selbstvorwürfe helfen niemandem. Zugwind ist deshalb auch ein hoffnungsvolles, ein ermutigendes Buch. Sogar Miras Gedichte kommen langsam wieder (und ein paar davon sind im Roman abgedruckt).
„Von Ferne den Krieg zu sehen, ist zum Fürchten, in seiner Nähe ist man daheim.“
Ob das tatsächlich so ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Kann es mir sogar kaum vorstellen. Aber das natürlich geht auch in Kriegsgebieten das Leben geht weiter. Und viele von Miras Patienten kehren nach einiger Zeit in die Ukraine zurück. Sie halten das Leben zwischen zwei Welten nicht mehr aus, wollen zurück zu ihren dort gebliebenen Angehörigen, ihren Häusern.
Iryna Fingerova ist ein ganz großartiges Buch gelungen, das die Situation der ukrainischen Menschen sehr empathisch thematisiert. Und das in einer ganz besonderen, sowohl poetischen, als auch etwas rauen und klaren Sprache verfasst ist. Für mich eine wirkliche Entdeckung dieses Frühjahrs.
Beitragsbild: by Ilona Kuckuck (CC BY-NC-SA 2.0) via Flickr
Iryna Fingerova – Zugwind
Übersetzt von: Jakob Walosczyk
Rowohlt Hundert Augen Februar 2026, gebunden, 304 Seiten, € 24,00







