Ein weiterer der in diesem Jahr so präsenten Frauen-Generationen-Romane liegt mit Die Riesinnen von Hannah Häffner vor. Und wieder ist bei allen Gemeinsamkeiten ein anderer, neuer Blickwinkel und ein anderer, spezieller Ton zu entdecken. Ein Ton, der sowohl die Literaturkritik als auch die Leser:innen und Buchhändler:innen sehr begeistert. Verortet – und der Ort, der Begriff Heimat ist hier von zentraler Bedeutung, fast schon ein weiterer Protagonist – sind Die Riesinnen im kleinen, fiktiven Dorf Wittenmoos im Schwarzwald. Der Schwarzwald wird in der Literatur oft als dunkle, raue, auch ein wenig unheimliche Landschaft dargestellt. Und ein wenig davon ist auch in der Atmosphäre der Riesinnen zu spüren. Düster oder wuchtig ist der literarische Debütroman von Hannah Häffner (zuvor hat sie bereits Kriminalromane verfasst) aber gar nicht, auch wenn gleich in der Eingangsszene ein gewaltiges Gewitter niedergeht.
Großmutter, Mutter und Enkelin
Erzählt wird von Großmutter, Mutter und Enkelin und es beginnt ganz chronologisch in den frühen 1960er Jahren mit der jungen Liese Riessberger. Sie ist die erste „Riesin“ – hochgewachsen, hager, mit flammendroten Locken sticht sie rein optisch aus dem Gros der Frauen heraus. Das Schwarzwalddorf kennt wenig Toleranz. Starre Regeln, soziale Kontrolle und üble Nachrede beherrschen das gesellschaftliche Miteinander. Daraus auszubrechen ist, zumindest für eine Frau, kaum möglich. Liese kommt das allerdings auch gar nicht in den Sinn. Sie leidet zwar in ihrer lieblosen Ehe mit dem Metzgersohn Bernhard, ist geradezu erschrocken, als sie merkt, dass sie von ihm schwanger ist – ein alternatives Leben, etwa mit dem stillen, nachdenklichen Franz, liegt aber außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Lediglich ihre Kindheitsfreundin Mina bringt ein wenig Licht in ihren Alltag.
Die Tochter Cora wird zu Lieses Lebensinhalt. Mit Entsetzen reagiert sie darauf, dass das Kind ihren Mann nur stört, dass er sogar vor körperlicher Züchtigung nicht zurückschreckt. Liese versucht Cora so gut wie möglich zu schützen und ist nahezu erleichtert, als ihr Mann bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt. Durch einen Deal, dessen Hintergründe erst am Ende des Romans enthüllt werden, sichert Liese ihrer Tochter gegen ihre feindseligen Schwiegereltern das Erbe für ihre Tochter. Liese ist keine Rebellin, aber sie kämpft wie eine Löwin für Cora, übernimmt unter den skeptischen Blicken der Dorfgemeinschaft die Metzgerei.
Die zweite und dritte Generation
Rebellisch wiederum ist Cora, die zweite „Riesin“, wie ihre Mutter groß, mager, rotblond. Sie fordert ihre Freiheiten, bricht so bald wie möglich aus, verlässt den Schwarzwald mit Rucksack und dem Vorsatz, nicht so bald zurückzukommen. Es zieht sie nach Paris, Amsterdam, London und Italien. Freiheit, Party, zahlreiche Affären bestimmen ihr Leben. Die mit Giosué im italienischen Pesaro führt zu einer Schwangerschaft, die sie nach Wittenmoos zurückkommen lässt.
Zusammen mit Liese baut sie die Metzgerei zu einem Restaurant aus. Cora wird – wider- aber freiwillig – sesshaft. An einen Mann binden will sie sich aber nicht mehr. Wie ihre Mutter Liese so schön sagt: „Warum soll ich einen Mann wollen, wenn ich auch meine Ruhe haben kann.“
Coras Tochter Eva ist die dritte „Riesin“. Sie hat auf den ersten Blick alle Freiheiten, ist aber, wie viele ihrer Altersgenoss:innen klagen, von der Vielzahl der Wahlmöglichkeiten eher überfordert. Sie zieht es wieder zurück nach Wittenmoos, für sie ist „Heimat“ ein Wert.
Geschrieben hat Hannah Häffner Die Riesinnen in einer sehr lakonischen Sprache, die viele Leser:innen begeistert. Ich muss zugeben, dass dieser „Zauber“ bei mir nicht wirklich ankam. Ich fand die Sprache oft eher sehr spröde als poetisch. Aufgebaut ist der Roman chronologisch, erzählt wird multiperspektivisch, wobei mit fortschreitender Zeit der Fokus von Liese über Cora zu Eva wandert.
Die Riesinnen steht seit Wochen ganz weit oben auf der Spiegelbestsellerliste. Auch wenn ich die große Begeisterung nicht ganz teile, ist das Buch lesenswert. Warum es bei mir nicht so richtig „gefunkt“ hat, ist schwer zu sagen. Vielleicht habe ich in den vergangenen Monaten einfach zu viele Frauen-Generationenromane gelesen. Und ein paar davon waren meiner Meinung nach einfach stärker.
Beitragsbild: Schwarzwald by vince42 (CC BY-ND 2.0) via flickr
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Hannah Häffner – Die Riesinnen
Penguin Februar 2026, Hardcover, mit Schutzumschlag, 416 Seiten, € 24,00







