Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit

Vor einigen Wochen hat Judith Hermann mit Ich möchte zurückgehen in der Zeit ein neues Buch veröffentlicht. Ich war an einem ihrer ersten Lesungstermine in der Villa Clementine in Wiesbaden und sogleich vom „Sound“ des Buches und dem, was Judith Hermann über es zu sagen hatte, fasziniert. Dabei bin ich eigentlich nicht wirklich ein Hermann-Fan. Einige Bücher gefielen mir, oft war mir aber das Kreisen um Befindlichkeiten zu viel, der oft bejubelte Hermann-Ton in seiner elegischen Melancholie ebenso. Ich möchte zurückgehen in der Zeit nun hat nach Erscheinen einiges an herber (und meiner Meinung nach ungerechtfertigter) Kritik einstecken müssen. Die Kritiker:innen schienen sich in ihren Verrissen geradezu überbieten zu wollen. Interessanterweise stand das Buch dennoch auf der SWR-Bestenliste, die von 30 ebensolchen Kritiker:innen bestimmt wird, im März gleich auf Platz 1. Im April allerdings taucht das Buch dort nicht mehr auf. Haben die Kritiker:innen a) das Buch im März noch nicht gelesen gehabt oder b) im April schnell zurückgezogen, weil es so viele Verrisse gab? Das wird nicht das letzte Geheimnis der Literaturkritik bleiben.

Der Großvater

Der Vorwurf der meisten Kritiken an Judith Hermann war, mit dem Buch, in dem die Ich-Erzählerin, die zumindest im ersten Teil zu 100% mit der Autorin übereinstimmt, sich auf die Spuren ihres Großvaters macht, dessen Geschichte letztendlich gar nicht zu enthüllen. Entweder, weil sie sie nicht zu klären vermochte, oder – schwerwiegender – sie sie den Leser:innen (Kritiker:innen) vorenthalten würde. Der 1904 geborene Großvater, der 1964, also sechs Jahre vor der Geburt Judith Hermanns verstarb, war bereits 1932 in die NSDAP eingetreten und Mitglied der SS gewesen. 1950 ließ er sich von Hermanns Großmutter scheiden und geriet fortan ins familiäre Schweigen. So gut wie nie wurde über diesen Großvater gesprochen, Nachfragen wimmelt die Mutter gerne ab.

Die Mutter

Die achtzigjährige Mutter Judith Hermanns erlitt vor nicht allzu langer Zeit eine sogenannte transiente globale Amnesie. Ein vorübergehender Gedächtnisverlust, der sie zu der Frage brachte, die sie an ihre Tochter richtete: „Was hinterlasse ich? Was habe ich zu vererben, was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr da bin?“ Ein kleines Kästchen mit alten Fotos gehört dazu. Hier findet Hermann ein Foto ihres Großvaters auf einem SS-Motorrad. „Radom/Polen, 1941“ ist auf der Rückseite vermerkt. Die SS-Vergangenheit ihres Großvaters ist in der Familie kein Geheimnis, wurde aber immer erfolgreich beschwiegen. Nun, so direkt mit seiner Täter-Vergangenheit konfrontiert zu werden, erschüttert die Autorin nachhaltig. Radom, man kann es problemlos nachlesen, die zwischen Warschau und Krakau gelegene Stadt, besaß vor der deutschen Besetzung eine große jüdische Gemeinde von ca. 28.000 Menschen, was ungefähr ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachte. Die Deutschen errichteten hier ein Ghetto, aus dem ins KZ Treblinka deportiert wurde, wer nicht schon vor Ort erschossen wurde. Nur wenige hundert Menschen überlebten. Heute lebt noch genau ein Jude in Radom.

Der Täter

Dass ihr Großvater ein Täter war, sehr wahrscheinlich ein Mörder, darüber ist Judith Hermann sich gewiss. Sie macht sich dennoch im Winter nach Radom auf, „Die Unfähigkeit zu trauern“ des Ehepaars Mitscherlich im Gepäck, mietet sich eine Wohnung mit Schreibtisch, fragt in Archiven an, sucht nach Zeitzeugen, besucht die Bibliothek und macht lange Spaziergänge in der Stadt, immer auf der Suche nach dem Ort, an dem das Foto mit ihrem Großvater entstanden ist. Die Radomer, die sie auf die NS-Zeit anspricht, reagieren zunächst ablehnend. Auch den Platz findet sie zunächst nicht. Als sie es dann doch tut und sich zugleich verschiedene Gesprächskanäle anbieten, reist sie ab. Sie „verliert die Nerven“. In Krakau wird sie eine Lesung vor leeren Stühlen halten.

Der Großvater bleibt eine Leerstelle, oder, wie es Judith Hermann nennt, ein „blinder Fleck“. Was er wirklich getan hat, im Jahr 1941 in Radom oder generell während seiner Zugehörigkeitzur SS, bleibt im Dunkeln. Und das ist, was die meisten Kritiker:innen dem Buch vorwerfen. Der Täter hätte entlarvt, seine Taten offengelegt werden müssen. Andere Autor:innen haben das in ihren ähnlich gelagerten Werken, die teilweise auch ähnliche Suchbewegungen und die Frage nach deren literarischer Umsetzung enthalten, durchaus getan (wenn auch nicht alle). Von Judith Hermann wird das geradezu gefordert. Hier wird die Verweigerung, die das Buch darstellt, als sein großartiges „Scheitern“ bezeichnet. Das Tastende, Schwebende, Poetische, was oft am Schreiben Hermanns gelobt wird, wird hier hinterfragt. „Passt das zu einem Buch über einen SS-Mörder in der eigenen Familie?“, wie eine Kritikerin fragt.

Erinnerungen

Ich sehe das ein wenig anders. In Ich möchte zurückgehen in der Zeit erzählt Judith Hermann nur am Rande – und ich verstehe, dass das vielleicht schwer auszuhalten ist – von diesem SS-Mörder, der ihr Großvater (vermutlich) war. Ihr geht es in erster Linie darum, zu erkunden, wie sie selbst, ihre Familie und letztlich wir alle mit der schuldbeladenen Geschichte unseres Landes umgehen. „Ist Gegenwart von Vergangenheit zu trennen, und was können wir über das Leben unserer Familien in Erfahrung bringen, was muss Deutung bleiben und Spekulation. Auf der Suche nach Antworten wird deutlich, dass wir uns unsere Geschichte immer wieder neu erzählen müssen, um ihre Zusammenhänge zu begreifen“ heißt es im Klappentext. Und das ist, was diesen Text ausmacht: die Aufforderung, das Schweigen nicht zuzulassen, sondern die Erinnerungen, die meist das Bestreben haben zu beschönigen, immer wieder neu zu hinterfragen. Schuld zuzulassen und Leerstellen auszuhalten. Ob sich Vergangenheit „aufarbeiten“ lässt mag man bezweifeln, aber man muss sie bearbeiten, verarbeiten. Gerade heute, wo sich Geschichtsvergessenheit wieder breitmachen will. Die Kritik, keine weitere Täterbiografie geschrieben zu haben, nimmt Judith Hermann geradezu vorweg:

„(…)Ich versuchte etwas darüber zu schreiben, natürlich gelang mir das nicht. Gelang ist nicht der richtige Ausdruck, oder anders gesagt, mir schien ein gelingender Text über eine Reise wie diese nach Radom gar nicht möglich zu sein. Wenn ein Text über eine solche Reise gelungen war, war er zugleich missglückt, ganz bestimmt falsch, es wäre unmöglich, über einen Großvater, der aller Wahrscheinlichkeit nach an der Errichtung und Auflösung eines Ghettos, an einer Auslöschung beteiligt gewesen war, einen gelingenden Text zu schreiben.“

Napoli

„Du literarisierst“ lautet ein Vorwurf der Mutter, wenn die Tochter nach der Vergangenheit fragt. „Es ist nicht immer alles traurig!“ die wütende Beschwerde der Schwester. Zu ihr, der in Pompeji tätigen Archäologin und deren Familie reist die Ich-Erzählerin im Anschluss ihres Polen-Aufenthalts. Im Landhaus bei Neapel verliert Radom ein wenig seiner Dringlichkeit. Die Schwester will über diese Vergangenheit nicht sprechen, will überhaupt alles Dunkle aus der Welt (zumindest) von ihren Kindern fernhalten. Dieser zweite, der „Napoli“ Teil ist von daher eher ein leichtes, wenn auch von der typischen Hermannschen Melancholie durchwehtes Frühlingsstück, man isst „Pollo arrosto al Limone“, sitzt im Garten, die Kinder spielen. Aber eine Distanz ist zwischen den Schwestern zu spüren. Und ein nicht ganz problemloses Verhältnis zur Mutter. Das Verhältnis zu Mutter und Schwester und deren unterschiedliche Haltung zur Familiengeschichte ist in meinen Augen auch mindestens so wichtig für das Buch wie die Recherche zum Großvater.

Tidslomme

Es folgt ein kurzer dritter Teil, „Tidslomme“ betitelt – ein dänischer Begriff, der wörtlich als „Zeittäschchen“ übersetzt wird. Er beschreibt laut Wikipedia „metaphorisch einen begrenzten, eingeschobenen Moment, in dem Zeit stillzustehen scheint oder sich Erinnerungen sammeln.“ Judith Hermann erinnert sich an einige Tage, als die Eltern ihres Mannes verschwunden waren. Es hat sich nie ganz geklärt, was damals wirklich passiert war. Die Eltern wollten nicht darüber reden. Sie waren wie aus der Zeit gefallen. Ein „Zeittäschchen“, in dem „die Zeit gleichgültig und auf eine so großmütige Weise nachlässig ist. Sie drückt ein Auge zu.“ Bis die Welt sich weiterdreht. Bis die Erinnerung wiederkommt. Wie bei der Amnesie der Mutter. Mit einer Anekdote von ihr endet das Buch:

„Als meine Mutter ein Kind war, im zerstörten Berlin der fünfziger Jahre des vergangenen, untergegangenen Jahrhunderts, spielte sie ein Spiel, das sich Geheimnis nannte, alle Kinder in ihrer Straße spielten das. Sie gruben kleine Löcher in die Erde und legten Dinge hinein, die ihnen etwas bedeuteten, die wichtig waren. Warum auch immer wichtig waren; schöne Dinge und hässliche. Knöpfe, Stanniolpapier, Spatzenfedern, Kiesel, farbigen Schutt, Splitter und Knöchelchen. Sie verschlossen die Löcher mit Scherben, schütteten Erde darüber, strichen die Erde glatt. Winzige Sarkophage, manche überdauerten, andere nicht.“

Wo wir wieder bei der Ausgangsfrage der Mutter sind. „Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr da bin?“

Schwebend und Leerstellen aushaltend, ruhig und doch dringlich, schnörkellos-schlicht und poetisch – es gibt ihn tatsächlich, diesen ganz typischen Hermann-Sound. Und wer die Autorin einmal hat lesen hören, der wird ihn auch bei der eigenen Lektüre immer im Kopf haben, diesen Rhythmus. Dieses Buch mag vielleicht darin gescheitert sein, eine Täterbiografie zu erstellen (was höchstwahrscheinlich auch nie seine Intention war). Als nachdenkliche, intensive Literatur ist es grandios gelungen.

 

Judith Hermann - Ich möchte zurückgehen in der Zeit.

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Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit
S. FISCHER Februar 2026, gebunden, 160 Seiten, € 23,00

 

 

 

 

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