Elli Unruh – Fische im Trüben

Elli Unruh wurde mit ihrem Debütroman Fische im Trüben für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominiert. Er reiht sich ein in eine in diesem Jahr besonders präsente Reihe von Familienromanen mit osteuropäischem Bezug, wie beispielsweise die von Katherina Braschel, Nadine Schneider, Betty Boras oder Oliwia Hälterlein, hat aber gleichzeitig einen ganz besonderen, bisher eher unbekannten Fokus auf eine russlanddeutsche Familie im südöstlichen Kasachstan, die der aus der Täuferbewegung der Reformationszeit entstandenen Religionsgemeinschaft der Mennoniten angehört. Wie so oft geht auch hier die Geschichte der Ansiedlung auf Katharina die Große zurück. Diese warb ab 1763 gezielt deutsche Siedler an, um die riesigen Weiten ihres Reichs urbar zu machen. Die Bauern und Handwerker wurden vor allem im Schwarzmeergebiet und an der Wolga heimisch. Und dort liegen auch die Wurzeln der Familie Fest.

Aus Mineralnyje Wody mussten sie aber nach dem Überfall des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion im Jahr 1941 fort. Sie wurden wie unzählige andere Russlanddeutsche nach Kasachstan deportiert. Andere verschlug es nach Sibirien oder Zentralasien. Viele mussten auch in der sogenannten Trudarmee (Arbeitsarmee) Zwangsarbeit leisten. Schätzungsweise 150.000 Menschen kamen während der Deportationen und danach ums Leben. Familie Fest findet eine neue Heimat in Mihailowka nahe Alma Ata. Auf einer Karte in hinteren Einband des besonders schön gestalteten Buchs kann man die Stationen nachvollziehen. So auch das im Norden Kasachstans gelegenen Schtschutschinsk, in das Frau und Kinder von Heinrich Fest umgesiedelt wurden, ca. 1500 km entfernt von Mihailowka.

Jahre des Hungers und der Vertreibung

Großonkel Heinrich ist einer der Hauptprotagonisten des Familienromans. Er hat es trotz der Benachteiligung und Diskriminierung, die die „Deutschen“ in der Sowjetunion erfahren haben – gerne pauschal als „Faschisten“ beschimpft – geschafft, den Posten des Wasserzuteilers zu erhalten, also desjenigen, der den Bauern ihre Wasserration zukommen lässt. Eine verantwortungsvolle Position. Mit ihm und seiner Generation geht Elli Unruh in Fische im Trüben bis in die 1930er Jahre zurück, die auch die Jahre des Hungers, der Verfolgung und Vertreibung sind.

Weitere Hauptprotagonist:inen sind Tante Hedi und der Junge Krocha, denen wir durch die 1970er Jahre folgen bis zum Jahr 1987, als die Familie ihre Ausreise nach Deutschland bewilligt bekommt. Andere Familienmitglieder sind bereits in Moldawien heimisch geworden, das schon ein wenig freiheitlicher, „europäischer“ ist.

Die Mennoniten

Neben ihren Prinzipien des Pazifismus und der Ablehnung der Kindertaufe haben die Mennoniten auch eine ganz besondere Sprache, das „Plautdietsch“, mit nach Russland genommen und über viele Generationen zumindest zum Teil bewahrt. Elli Unruh, deren familiäre Wurzeln ähnlich sind, baut dieses spezielle Idiom an vielen Stellen des Romans ein. Ein Glossar am Ende erklärt einiges und zeigt auch die kyrillische Transkription. Das und die poetische, dennoch klare Sprache trägt viel zum Atmosphärischen des Textes bei. Besonders auch die Naturbeschreibungen der Steppe rund um das Tian-Shan-Gebirges an der Grenze zu Kirgisien sind äußerst eindrücklich. Die Beschreibungen der Apfelwiesen lassen den Duft des dort bevorzugt angepflanzten Aport-Apfels sinnlich greifbar werden, man spürt die Kälte der Winter, die Trockenheit der Sommer.

In episodischen, kurzen Kapiteln werden die Geschichte, der Alltag, die Traditionen und Riten der fast abgeschlossenen Mennonitengemeinde erzählt. Das liest sich kurzweilig und interessant, ein wenig fällt aber die Familiengeschichte durch diese Erzählweise auseinander. Zu den einzelnen Figuren lässt sich so eher wenig Verbindung aufbauen. Fische im Trüben ist dennoch ein sehr lesenswertes Debüt.

 

Beitragsbild: Tian-Shan-Gebirge by Bgag, CC0, via Wikimedia Commons

 

Elli Unruh - Fische im Trüben.

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Elli Unruh – Fische im Trüben
Transit 2025, 200 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 24,00 €

 

 

 

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