Judith Holofernes – Hummelhirn

Ein „Hummelhirn“ ist für Judith Holofernes, ehemalige Frontfrau der Rockband „Wir sind Helden“ und nach Die Träume anderer Leute Autorin des gleichnamigen autobiografischen Buchs, das, was Kleine und Große mit beispielsweise der Diagnose AD(H)S (Judith erhielt ihr Diagnose erst mit 45) mit sich herumtragen. Dabei will Judith Holofernes ihre Erfahrungen aber nicht allein auf eine Erkrankung festlegen, sondern sie für alle, wie sie es nennt, „komischen Kinder“ ausweiten. Also solche, die nicht so einfach in ein Raster passen, die vielleicht „anders“ sind, und damit in der Gesellschaft und besonders der Schule immer wieder anecken. So wie die Autorin das selbst als Kind erlebt hat.

Judith Holofernes wird 1976 in Berlin-Kreuzberg geboren und wächst in einem links-alternativen Elternhaus auf, inklusive WG- und Kinderladen-Erfahrung. Die Eltern trennen sich bald nach Judiths Geburt. Die übersetzende Mutter outet sich als lesbisch, der Vater, Psychologe, zieht bald mit einer neuen Partnerin aufs Land. Einen richtigen Kulturschock stellt der Umzug nach Freiburg im Breisgau für die Sechsjährige dar. Nicht nur die Differenz zwischen Berlinern und Schwäbeln, vor allem die alleinerziehende, lesbische Mutter macht sie für die anderen Kinder maximal auffällig. Judith ist zudem ein kränkliches Kind, geplagt von Asthma und allerlei Allergien. Und dann ist da noch ihr „Hummelhirn“, das dafür sorgt, dass sie extrem schusselig ist. Unzählige Mäppchen, Jacken etc. gehen auf dieses Konto. Und viele Schwierigkeiten in der Schule.

Nett sein

Judith Holofernes sieht in diesen Schwierigkeiten und ihren kindlichen Bemühungen, diese durch Anpassung und besondere „Nettigkeit“ auszugleichen, die Ursache dafür, auch später während ihrer Bandkarriere als „People Pleaser“ aufzutreten, also als ein Mensch, der Harmonie über alles stellt, Konflikte meidet und eigene Bedürfnisse oft ignoriert, um es anderen recht zu machen. Ein Verhaltensmuster, das für sie zu Burnout, Erkrankungen und letztlich zu der Stimmstörung geführt hat, die das Ende ihrer Bandkarriere (mit) herbeiführte.

Was = Nett oder eben ≠ Nett ist, nimmt dann auch sehr viel Raum in den Erinnerungen, die sich vom Kleinkindalter bis zur Teenagerzeit erstrecken, ein. Das Modell des „People Pleaser“ bekommt in jüngster Zeit sehr viel Aufmerksamkeit. Und auch wenn der Mechanismus dahinter – das Anpassen und das „recht-machen-Wollen“ – sicher für viele (besonders Frauen) nach wie vor ein ernst zu nehmendes Problem darstellt, finde ich, gehört das Bemühen, nett zu sein zum Zusammenleben von Menschen und Gesellschaften einfach dazu und wird mir hier – auch wenn Holofernes deutlich das „freundlich sein“ als Herzensangelegenheit davon abgrenzt – zu stark als abzulehnende soziale Anpassungsform negativ gebrandmarkt. Darüber hinaus geht die Autorin zu wenig in die Tiefe. Kritik an der Familie oder an eigenen Verhaltensweisen, das Knüpfen von Verbindungen ins soziale Umfeld etc. fehlen leider ganz. Ich verstehe den Impuls, auf sein eigenes, kindliches Ich mit Nachsicht, Liebe und Verständnis zu schauen. Den Leser:innen bringt das allerdings wenig Mehrwert.

Tragikomisch

Liest man das Hummelhirn als tragikomische Aneinanderreihung von Familienanekdoten, Beobachtungen und Erlebnissen, kann man mit dem Buch von Judith Holofernes einen großen Spaß haben. Tagebucheinträge, Briefe, Familienfotos, Listen, Zitate aus Poesiealben, Erinnerungen an diverse Haustiere und Schulzeugnissen werden mit eigenen Songtexten ergänzt. Immer wieder werden (rückblickende) Erwachsenenepisoden eingeschoben. Die Kapitel tragen den Namen von Songs (nicht nur den eigenen). Eine lange Playlist (fast 6 Std.) kann bei Spotify abgerufen werden. Das ist wunderbar geschrieben, lustig, spielerisch und auch so vielseitig als Text gesetzt. Hummelhirn ist auch gestalterisch ein schönes Buch.

Hörbuch

Ich bin ein großer Fan von Judith Holofernes und durfte als Patreon die Entstehung von Hummelhirn auf dieser Plattform ein wenig mitverfolgen. Judith hatte einen großen Spaß beim Lesen alter Tagebucheinträge und kindlicher Briefen, schaut mit Vergnügen auf ihre zahlreichen (sehr jugendlichen) Liebesverwirrungen und mit Mitgefühl auf ihr unverstandenes Hummelhirn. Am meisten Spaß macht es, sich das Buch von Nora Tschirner vorlesen zu lassen. Die Autorin geht mit ihr auch auf Tour. Das ist wirklich kongenial und durchweg gut gelaunt. Ein kritisches Durchdenken und Einordnen ihrer Kindheit und Jugend sollte man wie gesagt nicht erwarten. Ebenso geht die Erzählung über kindliches ADHS oder anderes „abweichendes“ Verhalten nicht über ein: „So war das bei mir (auch), du bist nicht allein“ hinaus. Das ist nicht wenig, könnte aber auch Erwartungen enttäuschen.

Das Buchcover ist wieder farbintensiv von Barbara Thoben gestaltet worden. Es ist so lebendig und wild wie der Buchinhalt. Auch die Hummeln und der Beo fehlen nicht. Nur das Mädchen darauf schaut eher traurig nach unten. Von dieser Traurigkeit ist im Buch leider eher wenig zu spüren. Bei allem Spaß, das es verbreitet, all den lustigen Anekdoten, zu denen auch vielleicht schlimme Momente in der Rückschau werden, ist Hummelhirn vielleicht sogar wieder ein wenig zu „nett“ geworden. Aber die Leser:innen werden es dafür lieben.

 

Beitragsbild via Pixnio CC0

 

Judith Holofernes - Hummelhirn.

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Judith Holofernes – Hummelhirn
Kiepenheuer&Witsch März 2026, 304 Seiten, € 24,00 

 

 

 

 

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