Die US-amerikanische Autorin Liz Moore hatte im vergangenen Jahr einen Riesenerfolg mit ihrem spannenden Roman Der Gott des Waldes, der in die Fußstapfen des 2020 erschienenen Thrillers Long Bright River trat. Nun hat sich der C.H. Beck Verlag entschieden, auch einen früheren, im Original bereits 2012 veröffentlichten, auf den ersten Blick ganz anderen Roman übersetzen zu lassen. Was für ein Glück! Denn Der andere Arthur hat keine Thrillerqualitäten, ist aber genauso großartig von Liz Moore geschrieben wie seine Nachfolger.
Im Mittelpunkt steht zum einen Arthur Opp, ein extrem übergewichtiger Mann, der völlig zurückgezogen in einem stattlichen Brownstone-Haus in Brooklyn lebt. Bereits wenige Schritte bringen ihn an die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit, weswegen er das Haus seit Jahren nicht mehr verlässt und sich sämtliche benötigten Dinge durch Lieferdienste bringen lässt. Geld ist kein Thema. Das Haus hat er von seiner verstorbenen Mutter geerbt und der vermögende Vater, ein berühmter Architekt, der sich schon verkrümelt hat, als Arthur noch ein kleiner Junge war, hat für ihn einen großzügigen Fond eingerichtet. Es ist auch die Scham, die Arthur daran hindert, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen.
Eine zerstörte Karriere
Einst war er ein erfolgreicher Literaturdozent an der Universität. Bis ihn die Schwärmerei für eine Studentin in Schwierigkeiten brachte. Zwar hatte Charlene Turner seine Kurse bereits verlassen, als die Beiden sich (in aller Unschuld) zu treffen begannen. Aber Neid und Missgunst im Kollegenkreis führten dazu, dass Arthur bei der Ethikkommission der Universität angeschwärzt wurde und seine Stelle verlor. Rückzug, Abkapselung und Einsamkeit waren die Folge. Auch die Freundschaft mit Charlene zerbrach, zumindest in der Begegnung. Charlene heiratete, blieb aber jahrzehntelang in Briefkontakt mit Arthur. Ihre Briefe waren ihm ein großer Trost. Irgendwann schlief aber auch das ein.
Arthur erzählt sehr ehrlich und schonungslos von sich und seinem Leben. Von der völligen Isolation und dem Chaos und Schmutz, in dem sein Haus, dessen obere Stockwerke er schon Jahre nicht mehr betreten hat, versinkt. Nun erreicht ihn überraschend ein Brief von Charlene, in dem sie von ihrem 17-jährigen Sohn Kel erzählt und in dem sie Arthur bittet, Kel bei der Bewerbung für ein College zu helfen. Arthur, der einen Besuch von Charlene sowohl herbeisehnt als auch fürchtet, engagiert eine Reinigungskraft, die das Haus wieder auf Vordermann bringen soll. Yolanda ist erst 20 und bringt frischen Wind in Arthurs Leben, bewegt ihn sogar zu einem Spaziergang. Zwischen ihnen entsteht eine zarte Freundschaft. Dann erzählt sie ihm, dass sie schwanger ist und verschwindet plötzlich.
Der ehemalige Brieffreund
Die Erzählperspektive wechselt und nun erzählt Arthur (Kel) Keller aus seinem Leben. Für ihn ist Arthur Opp nur ein abstrakter Name, ein ehemaliger Brieffreund seiner Mutter. Mit dieser hat Kel zunehmend Schwierigkeiten. Nachdem sein Vater Francis Keller die Familie verlassen hatte, konnte Charlene sich und ihren Sohn mit einem Sekretärinnen-Job an der High-School im wohlhabenden Pells Landing gut über Wasser halten und Kel dort einen Platz besorgen, während sie im weitaus weniger gut situierten New Yorker Vorort Yonkers leben. Aber ihr Alkoholkonsum wird immer höher und ihr Gesundheitszustand kritischer. Während Kel von einer Baseballkarriere in der Major League träumt und in die aus wohlhabender Familie stammende Lindsey Harper verliebt ist, baut Charlene immer mehr ab und hat einen tragischen Plan.
Die beiden Handlungsstränge um Arthur Opp und Kel laufen bis ca. 2/3 des Romans trotz kleiner Berührungspunkte eher parallel zueinander, um sich dann immer mehr anzunähern. Liz Moore erzählt empathisch und ruhig von Menschen, die auf unterschiedliche Weise sehr einsam sind – Arthur isoliert in seinem Haus, Kel inmitten von Freunden und Sportkollegen. Neben der Einsamkeit geht es auch um Klassismus, den gerade Kel als Schüler einer Upper-Class High-School, dessen Leben aber ganz anders aussieht als das seiner Mitschüler, spürt. Und Yolanda erfährt die Härten eines nicht funktionierenden Gesundheitssystems. So fließen gesellschaftskritische Themen in diese Geschichte über falsche Lebensentscheidungen, Einsamkeit, Überforderung, aber auch Solidarität, Mitmenschlichkeit und Fürsorge.
Es ist ein trauriges Buch, berührend und bewegend. Pathos und Kitsch haben hier keinen Platz. Und die große Kunst von Liz Moore besteht darin, dass es zwar kein wirkliches „Happy-End“ gibt, die Lektüre von Der andere Arthur aber bei aller Traurigkeit enorm tröstlich, ja sogar hoffnungsvoll endet. Ein wunderbares Buch, das man ein wenig glücklicher zuschlägt.
Beitragsbild: Brownstone houses Borogh Park, NY by loc.gov via picryl
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Liz Moore – Der andere Arthur
Aus dem Englischen von Cornelius Hartz
C.H.Beck Januar 2026, 377 Seiten, Hardcover, € 26,00







