„Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen“ schrieb einst William Faulkner. Und wie zutreffend dieser Satz ist, zeigt sich immer wieder gerade auch in der Literatur. Viele Neuerscheinungen, auch von jüngeren Autor:innen kommen (glücklicherweise) immer wieder auf Ereignisse der Geschichte zu sprechen, die noch nicht auserzählt sind, auch wenn es stapelweise Texte dazu gibt. Die Grausamkeiten der nationalsozialistischen Herrschaft und der Weltkriege sind Beispiele, Verfolgung, Verschleppung, Ermordung, Flucht, Vertreibung. So viele Menschen davon betroffen waren, so viele Geschichten lassen sich darüber erzählen. Svenja Leiber hat mit Nelka eine weitere hinzugefügt.
Aus der Ukraine verschleppt
Nelka wird als 16-jährige aus der Ukraine verschleppt und in Norddeutschland als Zwangsarbeiterin auf dem Hofgut des Freiherren Kretz eingesetzt. Kostenfreie Arbeitskräfte, die man schlecht ernähren und menschenunwürdig unterbringen konnte, waren nicht nur in der Industrie und beim Straßenbau sehr gefragt, sondern auch in der Landwirtschaft. Während die Männer an der Front verheizt wurden und die Frauen für den Nachwuchs sorgen sollten, mussten die schweren Arbeiten ja von irgendwem erledigt werden. Neben KZ-Insassen und Kriegsgefangenen wurden dafür unzählige Menschen, vor allem aus den „Ostgebieten“ verschleppt. Ein Faktor, der nicht nur den Krieg (viel zu lang) in Gang hielt, sondern auch die Basis des Wohlstandes von etlichen auch nach dem Krieg fortbestehenden Unternehmen bildete. Die das niemals angemessen würdigten, geschweige denn vergalten.
Auch Marten Wilhelmsen hat die Ursprünge seiner ertragreichen Apfelplantage diesen Gegebenheiten zu verdanken. Während des Krieges ist er der Verwalter des Hofguts. Mit eiserner Hand führt er hier das Regime. Nelka, die bald vom Feld in dessen Haushalt versetzt wird, spürt dessen Interesse, ja bald Obsession für sie. Durch die profunden Kenntnisse über den Apfelanbau, die sie von ihrem Vater einst beigebracht bekommen hat, kann sie sein Interesse eine Zeit lang auf neue Anbaumethoden und Apfelsorten richten, aber das geht leider nicht lange gut. Martens Frau Inge kann dem nur mehr oder weniger ohnmächtig zusehen.
Eine Rückkehr
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs besucht Nelka, die nach dem Krieg mit dem „Ostarbeiter“ Iwan zurück nach Lwiw gezogen ist, das Hofgut von Wilhelmsen. Sie will Marten mit der Vergangenheit konfrontieren.
Svenja Leiber erzählt von Nelka in eindringlicher, poetischer Prosa. Neben den Schrecknissen stehen auch Geschichten von Solidarität, Freundschaft und Liebe, von Mut und Resilienz, so dass das Buch niemals nur traurig ist. Es strahlt außerdem durch die ungewöhnlich schöne Sprache. Und es ist eines der wichtigen und unverzichtbaren Bücher gegen das Vergessen – weil eben die Vergangenheit niemals tot ist.
Beitragsbild: Foto via pxhere CC0
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Svenja Leiber – Nelka
Suhrkamp Februar 2026, Fester Einband, 200 Seiten, € 24,00







