Der Vormonat einer Buchmesse ist traditonell ein Monat mit Neuerscheinungsflut. Auch wenn ich mich dieses Frühjahr 2026 gefühlt sehr zurückgenommen habe, haben mich doch eine ganze Reihe toller, vielversprechender Bücher erreicht, aus denen ich meine Lektüre für den Februar auswählen konnte. Es war denn auch ein überdurchschnittlich guter Lesemonat, den ich euch hier präsentieren kann.
Betty Boras – Das schönste aller Leben
Der Debütroman der Bloggerin Betty Boras erzählt aus zwei Frauenleben auf drei verschiedenen Zeitebenen. Da ist einmal Vio, die die Abschnitte in der Ich-Perspektive übernimmt. Sie ist Mutter einer kleinen Tochter – erst spät im Roman kann sie sie bei ihrem Namen nennen, Sophie -, die durch eine Unachtsamkeit eine schwere Verbrühung erlitten hat. Vio quält sich mit Gefühlen der Schuld, aber auch der Scham darüber, dass eine Gesichtshälfte der Tochter nun Vernarbungen aufweist. Viel zu präsent ist ihr das Schönheitsideal, das für sie besonders für Frauen zutrifft und ihr schon in ihrer Jugend eingeimpft wurde. Und das sicher in der Gesellschaft gilt, aber bei Vio in ganz besonderem Maße.
In ihrer eigenen Jugend, die durch die Übersiedlung aus dem Banat (Rumänien) nach Deutschland geprägt wurde, litt sie selbst unter Skoliose, einer Verkrümmung der Wirbelsäule, und musste eine Zeit lang ein Korsett tragen, was sie sehr stark verunsichert hat. Diese Kindheits- und Jugenderfahrungen werden in der personalen Perspektive in den entsprechenden Kapiteln in der dritten Person, also mit etwas Distanz, geschildert. Die dritte Ebene führt sehr weit zurück, ins 18. Jahrhundert, wo die schöne Theresia wegen ihrer Affäre mit dem Dorfpfarrer aus Österreich ins Banat verbannt wurde, wo sie harte Arbeit verrichten musste. Theresia fungiert als eine Art Ahnin von Vio und erzählt einen aus der Geschichte der Banatschwaben. Zwischendurch erhält die „Banater Erde“ noch kurze Passagen.
Ein Roman, der trotz der teilweise bitteren Umstände etwas Hoffnungsvolles, Lichtes ausstrahlt.
Dita Zipfl – Es ist hell und draußen dreht sich die Welt
Ein Urlaub zweier befreundeter Ehepaare – das ist schon in so manchen literarischen Werken nicht gutgegangen. Und auch hier sind die Vorbedingungen nicht gerade ideal. Matze und Felix kennen und mögen sich seit Kindertage, sind BFFs trotz aller Unterschiede. Felix ist ein Selfmademan, sehr reich, sehr selbstbewusst, sehr fordernd. Matze ist der ruhige, der, der vermeintlich zu Felix aufschaut. Auch die Frauen der Beiden sind denkbar unterschiedlich. Die gepflegte, perfekt organisierte Eva hat mit Felix zwei Kinder – den anstrengenden Otto und „Baby“, den Namen und das Geschlecht werden wir nicht erfahren. Dafür aber, dass Eva erneut schwanger ist, und den Gedanken kaum ertragen kann.
Linn hingegen versucht seit einiger Zeit, mit Hilfe der assistierten Reproduktion schwanger zu werden. Gerade reifen ihre befruchteten Eizellen in der Klinik vor sich hin und Linn hofft, eine davon bald eingepflanzt zu bekommen. Ob der Kinderwunsch eine so gute Idee ist, beginnt die Leserin bald zu bezweifeln, ist Linn doch ein wenig schräg in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen. Und auch im von Felix gesponsorten Urlaub im Luxusferienhaus am Meer beginnt es bald zu brodeln. Die Hausangestellte Latifa schaut dem Treiben hin und wieder etwas entgeistert zu.
Der Roman ist sehr filmisch erzählt und kurzweilig zu lesen, auch wenn gerade Linn als Protagonistin ziemlich nervt. Dita Zipfel, die bisher preisgekrönte Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht hat, ist erfolgreich auch bei „den Großen“ gelandet.
Nila – Auf den Straßen Teherans
Die unter dem Pseudonym veröffentlichende iranische Autorin Nila nimmt uns mit ihrem schmalen Buch Auf den Straßen Teherans mit in die Tage der Jin Jiyan Azadi (Frauen-Leben-Freiheit) Bewegung des Novembers 2022, als nach dem gewaltsamen Tod der Studentin Jina Mahsa Amini durch die Sittenpolizei millionenweite, durch die anhaltende Wirtschaftskrise und der Repressionen im Land schon lange schwelende Proteste aufflammten, die vom Mullahregime mit großer Gewalt niedergeschlagen wurden. Demonstrierende wurden erschossen, verhaftet, hingerichtet. Man hätte nicht gedacht, dass es noch schlimmer kommen könnte, aber die Exzesse, die das iranische Regime in diesem Jahr gezeigt hat, überbieten auch dies noch. Als Nila das Buch schrieb, selbst beim Verfassen des Vorworts im Oktober 2025, konnte sie das nicht ahnen. Geahnt hat sie aber, dass die mutige iranische Bevölkerung nicht ruhen würde, ihre Wut auf die Regierung zu äußern.
„In Wahrheit markierten die damaligen Ereignisse kein Ende, sondern einen Neuanfang. Wie in den Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“ haben wir eine geheime Tür aufgestoßen und Ungeheuer geweckt. Ungeheuer, die so sehr auf Konfrontation mit den Menschen im Land aus sind und sie so stark unterdrücken, dass die herrschende Ordnung nur noch unter wenigen von ihr abhängigen Gruppen einfacher Leute Rückhalt hat.“
Nila nimmt uns mit auf die Straßen der Proteste, eines Landes im Ausnahmezustand. Sie verbindet essayistische Passagen über die iranische (Gewalt)Geschichte und die Ideologie, die sich nahezu zwanghaft über die Beherrschung der Frauenkörper zu definieren scheint, mit der Geschichte einer großen Kämpferin für Frauenrechte im 19. Jahrhundert:die Dichterin und Religionsgelehrte Tahereh. Auch weitere Referenzen, z.B. zu Anna Achmatowa und zu persischer Lyrik werden genannt und auf die ungute Tradition des Kindermordes im Patriarchat hingewiesen. 24% der Bevölkerung ist derzeit unter 25.
Ein wichtiger und augenöffnender Text voller Wut und Sehnsucht nach einem anderen Leben. Eine wichtige Neuerscheinung aus dem neuen Pfaueninselverlag.
TIMOTHY SNYDER – ÜBER TYRANNEI
Zwanzig Lektionen für den Widerstand lautet der Untertitel dieses schmalen Bändchens, das bereits 2017 erstmals veröffentlicht wurde. Auch wenn der Name niemals fällt, ist dieses Buch als Reaktion auf die erste Amtszeit von Donald Trump entstanden. Eine „Brandrede“ für eine wehrhafte Demokratie und eine Handlungsanleitung, gerade auch für jüngere Menschen, sich gegen Populismus und die Antidemokraten zu stellen, die die Errungenschaften der Demokratie nutzen, um sie zu zerstören.
Kurz und prägnant appelliert Snyder daran, 20 Lehren aus dem blutigen 20 Jahrhundert zu ziehen und gibt 20 Lektionen an die Hand, das zu tun. Es sind weitgehend simple Appelle, in schlichter Sprache verfasst, die doch wesentliches Rüstzeug gegen die Vernichter der Demokratie und des gesellschaftlichen Friedens an die Hand geben. In kurzen Kapiteln erläutert Timothy Snyder, was er mit seinen Appellen meint und setzt sie in zeithistorischen und aktuellen Kontext. Ein Büchlein, heute sicher noch wichtiger als 2017. Es gibt aktuell auch eine von Nora Krug illustrierte Ausgabe im C.H.Beck Verlag.
ANJA GMEINWIESER – WIR KÖNIGINNEN
Anja Gmeinwieser schreibt eine ganz außergewöhnliche Roadnovel über zwei ganz unterschiedliche Frauen. Die Ich-Erzählerin , eine Lehrerin in der Sinnkrise, wandert allein durch die piemontesischen Alpen und kommt in der Ödnis einer ganz verlassenen Gegend in Bedrängnis. Dort sammelt sie Anna, eine Fernfahrerin, die eine Ladung trächtiger Kühe von Frankreich in die Türkei transportieren muss, ein. Eine absurde Reise, da Sommer ist und die Temperaturen über 30° Celsius steigen. Absurd, aber nicht unglaubwürdig. Leider.
Anna muss sich und ihr Kind mit diesem knochenharten Job durchbringen. Da die Ich-Erzählerin nicht so recht weiß, wohin mit sich, fährt sie einfach mit. Italien, Slowenien, es wird immer heißer und die Hitze gefährdet das Leben der Tiere im engen Laderaum. Die beiden so unterschiedlichen Frauen kommen sich auf der Reise näher. Mal lakonisch, mal poetisch, mal traurig und zart, mal derb – und dabei oft von einem groteskem Humor durchzogen, erzählt Gmeinwieser von Solidarität unter Frauen, ausbeuterischen Arbeitsbedingungen, Tierqual und Verantwortung. Eine außergewöhnliche Geschichte, die mir außergewöhnlich gut gefallen hat.
KATHERINA BRASCHEL – HEIM HOLEN
Ich-Erzählerin Lina ist in einer donauschwäbischen Gemeinschaft in Salzburg aufgewachsen. Im Roman erinnert sie sich an ihre Kindheit und ihr Verwurzeltsein in dieser Gemeinschaft. Donauschwaben sind die Nachkommen deutschsprachiger Siedler, die im 18. Jahrhundert von den Habsburgern im heutigen Gebiet Ungarn, Serbien und Rumänien in der Pannonischen Tiefebene angesiedelt wurden, um das nach den Türkenkriegen verödete Land wieder urbar zu machen.
Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Untergang der Habsburgermonarchie wurden die Siedlungsgebiete zwischen Ungarn, Rumänien und dem neu gegründete Jugoslawien aufgeteilt. Linas liebevollen Großeltern erzählten viel von „Dahoom“. Es waren oft Erzählungen von überstürzter Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg, von Erschießungen, Vergewaltigungen, dem Zurücklassen der Heimat. Geschwiegen haben sie dagegen von der Zeit, in der ihre Heimatstadt Belgrad, genauer der Vorort Semlin (heute Zemun), von den Deutschen besetzt war und es auf dem Stadtgebiet das KZ Sajmište gab. Lina erfährt, dass ihr Großvater damals bei der SS war. Sie beginnt zu recherchieren.
Die Schilderung von Linas Recherche, die sie bis nach Belgrad führt, ist genauso spannend wie aufschlussreich und auch der Konflikt mit der Mutter, die die Vergangenheit der eigenen Eltern nie hat wissen wollen, ist empathisch dargestellt. Der Einblick in Welt, Geschichte und Brauchtum der Donauschwaben ist interessant und sehr lebendig geschildet. Die Ebene, die Linas Alltagsleben in einer WG schildert, fällt dagegen ein wenig ab. Trotzdem ein lesenswertes Debüt.
SVENJA LEIBER – NELKA
Nelka wird als 16-jährige aus der Ukraine verschleppt und in Norddeutschland als Zwangsarbeiterin auf einem Hofgut eingesetzt. Marten Wilhelmsen ist der Verwalterund führt mit eiserner Hand führt das Regime. Nelka, die bald vom Feld in dessen Haushalt versetzt wird, spürt dessen Interesse, ja bald Obsession für sie. Durch ihre profunden Kenntnisse über den Apfelanbau kann sie sein Interesse eine Zeit lang auf neue Anbaumethoden und Apfelsorten richten, aber das geht leider nicht lange gut. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs besucht Nelka, die nach dem Krieg mit dem „Ostarbeiter“ Iwan zurück nach Lwiw gezogen ist, das Hofgut. Sie will Marten mit der Vergangenheit konfrontieren.
Svenja Leiber erzählt von Nelka in eindringlicher, poetischer Prosa. Neben den Schrecknissen stehen auch Geschichten von Solidarität, Freundschaft und Liebe, von Mut und Resilienz, so dass das Buch niemals nur traurig ist. Es strahlt außerdem durch die ungewöhnlich schöne Sprache. Und es ist eines der wichtigen und unverzichtbaren Bücher gegen das Vergessen.
Florian Illies – Wenn die Sonne untergeht
Februar 1933. Thomas und Katia Mann verlassen ihre Villa in der Poschinger Straße in München, um zu einer Vortragsreise Richtung Amsterdam aufzubrechen. Brüssel und Paris sind weitere Stationen, wo der Nobelpreisträger eine Rede über den von ihm hoch verehrten Richard Wagner zu sprechen. Danach ist ein Erholungsaufenthalt im Schweizer Arosa geplant. Danach soll es wieder heim in die geliebte „Poschi“ gehen. Dass es 16 Jahre dauern wird, bevor sie wieder deutschen Boden betreten würden und die Villa für immer verloren sein wird, wissen die Manns da noch nicht.
Auf dringendes Anraten ihrer ältesten Kinder Erika und Klaus reisen die Manns aus der Schweiz nach Sanary-sur-mer, wo sich an der südfranzösischen Küste bereits eine kleine Exil-Gemeinde gegründet hat. Wir begleiten die Manns hier bis September. Ein vergnüglicher, hochinteressante und von Florian Illies perfekt kaleidoskopartig anrangierter Einblick in einen ganz besonderen Sommer im Leben der Manns.
LIZ MOORE – DER ANDERE ARTHUR
Die Geschichte vom Übergewichtigen Arthur Opp, dem ehemaligen Literaturdozenten, den ein Skandal seine Stelle kostet und der sich daraufhin in seinem Brownstonehouse in Brooklyn einigelt und das Haus nicht mehr verlässt. Und vom 17-jährigen Kel, der davon träumt ein Baseball-Star zu werden, und sieht, dass seine Mutter immer mehr in ihrer Alkoholsucht versinkt. Und von der Reinigungskraft Yolanda, die schwanger ist und nicht weiß, wie sie sich und ihr Kind durchbringen soll.
Neben Einsamkeit geht es auch um Klassismus, den gerade Kel als Schüler einer Upper-Class High-School, dessen Leben aber ganz anders aussieht als das seiner Mitschüler, spürt. Und Yolanda erfährt die Härten eines nicht funktionierenden Gesundheitssystems. So fließen gesellschaftskritische Themen in diese Geschichte über falsche Lebensentscheidungen, Einsamkeit, Überforderung, aber auch Solidarität, Mitmenschlichkeit und Fürsorge.
Es ist ein trauriges Buch, berührend und bewegend. Pathos und Kitsch haben hier keinen Platz. Und die große Kunst von Liz Moore besteht darin, dass es zwar kein wirkliches „Happy-End“ gibt, die Lektüre von Der andere Arthur aber bei aller Traurigkeit enorm tröstlich, ja sogar hoffnungsvoll endet. Ein wunderbares Buch, das man ein wenig glücklicher zuschlägt.
ABBAS KHIDER – DER LETZTE SOMMER DER TAUBEN
Noah ist 14 und hat ein großes Hobby: seine Tauben. Er lebt in einer nicht näher gekennzeichneten Stadt im Irak ud die Tauben stehen als Symbol für Freiheit, Schönheit, Harmonie und Treue, die gerade sehr bedroht sind. Denn Gotteskrieger haben die Herrschaft an sich gerissen, die Religionspolizei ist überall, Menschen verschwinden, ständig werden neue Verbote erlassen und bei Übertretungen harte Strafen verhängt. Bald wird auch das Halten von Tauben auf den Dächern verboten. Noah und Onkel Ali geraten aufgrund ihrer Taubenzucht ins Visier der Polizei.
In kurzen Kapiteln und einer knappen, unpathetischen Ich-Stimme, die immer wieder, wenn auch eher zurückgenommen den feinen Humor Abbas Khiders durchscheinen lässt, erzählt der Roman sehr anschaulich vom Leben unter einer Terrorherrschaft. Ein wirklich schönes Buch.
Florence Knapp – Die Namen
Die Idee des Buches ist eigentlich wirklich spannend: Wie beeinflussen die Namen, die uns von unseren Eltern gegeben werden unseren Charakter und unser Leben? Gegenfrage von mir: Tun sie das überhaupt?
Denn die drei Leben des zu Beginn des Romans im Jahr 1987 das Licht der Welt erblickenden Jungen, die Florence Knapp in 7-Jahres-Sprüngen für jeweils Bear, Julian und Gordon erzählt, werden weit weniger durch die Namen als durch das Verhalten der Mutter geprägt.
Diese lebt in einer von häuslicher Gewalt, Bevormundung und Isolation geprägten Ehe mit dem allseits beliebten Hausarzt Dr. Atkins. Dieser besteht darauf, seinen Stammhalter wie in der Familie üblich nach dem Vater, also ihm, Gordon zu nennen. Die Mutter Cora will diese Reihe an patriarchalen Egomanen gern unterbrechen und ihren Sohn Julian nennen. Sie versucht das ihrem Mann schmackhaft zu machen. Julian, der „Himmelsvater“ als Referenz auf ihn. Vergebens. Die Idee ihrer neunjährigen Tochter Maia, den Kleinen Bear zu nennen hat natürlich noch weniger Aussicht auf Erfolg.
Und nun kommt die Entscheidung der Mutter ins Spiel, die tatsächlich großen Einfluss auf das weitere Geschehen und das künftige Leben (nicht nur) des Jungen hat. Zweimal setzt sie sich über den Willen des tyrannischen Ehemanns hinweg und meldet das Kind mit Bear bzw. Julian an, im ersten Fall entschieden, mit Rückgrat, im zweiten, versucht sie, ihren Mann zu besänftigen – beides mit tragischen Folgen. Im letzten Szenario gibt sie klein bei. Was im Endeffekt auch tragisch endet.Es sind also nicht die Namen, sondern die Haltung der Mutter und einige Zufälligkeiten, die hier wegweisend sind. Wie sich die ganze Familie mit der Entscheidung verändert ist als Gedankenexperiment spannend, aber leider relativ vorhersehbar umgesetzt. Trotz einiger Wendungen. Mir war das am Ende zu glatt, teils sogar ein wenig kitschig. Aber man kann das Buch gut „weglesen“, erhält manchen Gedankenanstoß und ist recht gut unterhalten.






