Noah ist 14 und hat ein großes Hobby: seine Tauben. Er lebt in einer nicht näher gekennzeichneten Stadt im (vermutlich) Irak, wo die Taubenzucht eine lange Tradition hat und eigentlich zum kulturellen Erbe gehört. Für Noah und seinen Onkel Ali, der in der Nähe wohnt, verkörpern die Tauben viele Dinge, und Abbas Khider nutzt sie in seinem Roman Der letzte Sommer der Tauben als Symbol für sie: Freiheit, Schönheit, Harmonie und Treue. Wenn die Tauben von den Dächern der Häuser aufsteigen und im Himmel ihre Kreise ziehen, immer wieder zu ihren Taubenschlägen und dem „Lockvogel“ zurückkehren, ist das für den Jungen Trost und Ruhe.
Trost und Ruhe sind gerade von Nöten. Gotteskrieger haben die Herrschaft an sich gerissen, so wie der IS zwischen 2014 und 2017 im Irak, dessen grausames ideologisches Regime noch schmerzlich in Erinnerung ist. Die Religionspolizei ist überall, Menschen verschwinden, ständig werden neue Verbote erlassen und bei Übertretungen harte Strafen verhängt. Noahs Vater, der ein Bekleidungsgeschäft führte, bekommt das zu spüren – wo früher farbenfrohe, schöne und edle Stoffe waren, gibt es nun nur noch die alles verhüllenden Niqabs -, Frauen dürfen nicht mehr allein das Haus verlassen, ihnen ist fast alles in der Öffentlichkeit verboten. Im Heim gelten andere Gesetze, was man bei Noahs Schwester Suat und ihren Freundinnen zu spüren bekommt.
Tauben als Symbol der Freiheit
Bald wird auch das Halten von Tauben auf den Dächern verboten. Das ist für Noah ein harter Schlag, bedeuten für ihn seine liebevoll „Schneeweiß“, „Himmelblau“, „Regenbogen“, „Tänzer“ oder auch „Fauler Sack“ genannten Tauben Zuflucht und Glück. Die Herrschenden fürchten hingegen, dass über die Tauben Nachrichten ausgetauscht werden könnten. Die Flügel müssen gestutzt und die Taubenhäuser in die Höfe verbannt werden. Da geht es den Tauben nicht besser als vielen Menschen unter dem Regime. Noah und Onkel Ali geraten aufgrund ihrer Taubenzucht ins Visier der Polizei, die den Jungen eines Tages abholen, ins Gefängnis stecken und grausam foltern.
Hilfe kommt von unerwarteter Seite. Noahs älterer Bruder Bakir, der seit längerer Zeit verschwunden ist, entpuppt sich als Leiter einer Sicherheitsbehörde des neuen Staats. Das Ende bleibt relativ offen, ist aber einigermaßen hoffnungsvoll.
In kurzen Kapiteln und einer knappen, unpathetischen Ich-Stimme, die immer wieder, wenn auch eher zurückgenommen den feinen Humor Abbas Khiders durchscheinen lässt, erzählt der mit gut 200 Seiten eher schmale Roman sehr anschaulich vom Leben unter einer Terrorherrschaft. Es steckt auch viel Information über Taubenzucht und –haltung in der Geschichte. Ich habe in meiner Kindheit viel Zeit spielend in einem nicht mehr genutzten Taubenhaus verbracht, das auch zur Ferienresidenz seiner Haustiere wurde. Und habe mich immer gefragt, was meinen Vater als jungen Mann so sehr an der Brieftaubenzucht fasziniert hat. Abbas Khider hat mir das mit Der letzte Sommer der Tauben ein wenig erklärt. Ein wirklich schönes Buch.
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Abbas Khider – Der letzte Sommer der Tauben
Hanser Verlag Januar 2026, 216 Seiten, Hardcover, 24,00 €







